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Nr. 140.

bonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfo., n's Saus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel fährlich Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) Oberbefftiche Beitschrift für Landwirtschaft, Sbft- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nachmitags.

Donnerstag, den 18. Juni 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Insertionspret 8: Die einspaltige Petitzelle für Otehen wie ganz Oberheffen, die Kreise Bezlar unb Marburg 10 fg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Betttzelle 30 resp. 40 fg.

Boftzeitungslifte No. 3269.

Redaktion und Erpedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanfchlak Nr. 368.

Neuelle Nachrichten

( Stehener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Die Ergebniffe der Reichstagswahlen.

Aus 349 Wahlkreisen war am Tage nach der Wahl bas Wahlergebnis an der amtlichen Kontrolſtelle in der Reichshauptstadt bekannt. 184 Abgeordnete sind nach diesen Berichten gleich im ersten Wahlgange gewählt, in 165 Wahlkreisen hat sich eine Etichwahl als erforderlich herausgestellt. Die nachstehend abgedruckte Tabelle gibt über den Stand des Wahlergebnisses, soweit es bis zum ersten Abend nach der Wahl vorlag, Aufschluß. Es fehlte noch das Ergebnis aus einer Anzahl Wahlkreise Ostdeutschlands, Mecklenburgs und der nordwestdeutschen Landesteile.

Bund der Landwirte Centrum

Deutsch- Konservative

im ersten an Stich Wahlgang wahlen gewählt betheiligt

521

28

Name der Parteien

bisherige Parteiſtärke

Bayerischer Bauernbund

106

52

47

Deutsche Reichspartet

20

5

Deutsch- Soziale( Antisemiten)

12

6

Freisinnige Vereinigung

15

12

Freifinnige Volkspartei

28

24

Nationalliberale

53

6

58

Sozialdemokraten

58

56

116

Süddeutsche Volkspartei

7

Bolen

14

Welfen. Wilde

3

1

18

10

397

184

zusammen

Ein Blick auf die Tabelle bestätigt, daß diejenigen Recht gehabt haben, die eine Zerreibung des Liberalismus zwischen der Rechten und den Sozialdemokraten vor­aussagten. Zwar die Nationalliberalen dürften so ziemlich in ihrer bisherigen Stärke wieder in den Reichstag ein­ziehen, die anderen liberalen Gruppen aber, Freisinnige Volkspartei, Freisinnige Vereinigung und Süddeutsche Volkspartei, werden nur wenige ihrer Anhänger im neuen Parlament sehen. Keine der drei Gruppen hat bisher einen Kandidaten glatt durchgebracht, und ihre Aussichten für die Stichwahl sind keineswegs b. fonders cosig.

Die anderen Parteien, Konservative, Zentrum, Natio nalliberale, werden voraussichtlich ohne große Verluste aus dem Wahlkampf hervorgehen. Das Zentrum wird nach wie vor die stärkste Partei in der Volksvertretung bleiben, wenn es auch vielleicht einige Mandate abgeben muß. Die Konservativen dürften sich auf der bisheri gen Höhe behaupten. Eine gewisse Schwächung wird die Rechte insofern erfahren, als die ihr zugehörige Reichs­partei voraussichtlich arg zusammenschmelzen dürfte; auch der Bund der Landwirte als solcher wird eine Einbuße erleiden, sind doch seine beiden bekannten Führer, Dr. Diederich Hahn und Dr. Roesicke- Kaiserslautern, und außer ihnen der bekannte Lucke- Petershausen im Wahlkampf un­terlegen sie werden also dem Reichstage einstweilen, wenn ihnen nicht eine Nachwahl den Zugang zu demselben er­schließt, fernbleiben. Auch Dr. Dertels, der bekannte jour­nalistische Führer des Bundes, sieht sich vor einer Stich­wahl, deren Ausgang ungewiß ist.

Ueber das Schicksal der kleinen Fraktionen und Frak­tiönchen läßt sich wenig oder gar nichts vermuten. Es hängt größtenteils vom Zufall ab.

Am auffälligsten springt das enorme Anwachsen der Sozialdemokratie in die Augen, diese Partei, die bei der vorigen Wahl in der Hauptwahl 32 Mandate errang und bei den Stichwahlen weitere 24 Size gewann, hat sich schon jetzt 56 Mandate gesichert; von den noch ausstehen den Kreisen dürften ihr auch noch einige zufallen, und außerdem stellt sie schon nach den bisher vorliegenden Meldungen in nicht weniger als 116 Wahlkreisen Stich wahlkandidaten auf, von denen ein nicht unerheblicher Teil Aussichten auf das umstrittene Mandat hat. Cha­rakteristisch für das Anwachsen der Sozialdemokratie ist die Tatsache, daß in dem bisher überwiegend konservati­ben Königreich Sachsen von den 23 sächsischen Wahlkreisen 18 den Sozialdemokraten bereits zugefallen sind, und daß in den übrigen fünf Kreisen nicht nur kein bürger­licher Kandidat gesiegt hat, sondern daß die Sozialdemo­fratie auch in all diesen fünf Kreisen in die Stichwahl gekommen ist. Charakteristisch ist ferner der enorme Fort­schritt der Sozialdemokratie unter der bisher ſtets zen­trumstreuen rein katholischen Arbeiterbevölkerung Rheinland- Westfalen. In Essen wuchs die Stimmenzahl von 4400 auf 22,000 Stimmen! In Duisburg vermehrten auf sich die sozialdemokratischen Stimmen von 7800 25,000! Und auch in Bochum betrug der Stimmenzuwachs nicht weniger als 18,000 Stimmen, erhielt doch dort der Sozialdemokrat Hué 40,000 Stimmen, gegenüber 22,000 im Jahre 1898. Das ist in den drei Wahlkreisen Essen, Duisburg und Bochum ein Zuwachs von 52,800 Stim­

men

in

Ueber die Bedeutung der Wahlen, besonders des rapiden Anwachsens der Sozialdemokratie wird uns geschrieben: Das kennzeichnende Merkinal des Wahl­ergebnisses ist die Tatsache, daß die großen Städte, allen voran die Reichshauptstadt, die Hansapläße und das sächsische In­dustriegebiet, an die Sozialdemokratie verloren gegangen sind. Die reichste Verlustliste weisen die Freisinnigen auf, während die Rechte und die Mittelparteien nur wenig Einbuße erlitten haben. Auch für Wahlen gilt das, was Friedrich der Große einst vom Kriegsglück gesagt hat. Unser Herrgott hält es mit den besten Flinten, bei den Wahlen also mit der besten Organisation. Und was dieſe anlangt, so ist die Sozialdemo fratie allen anderen Parteien weit überlegen, weniger des­halb, weil sie etwa die besten Strategen hat, sondern aus dem mehr äußerlichen und doch so wichtigen Grunde, weil die Arbeitermassen sich als Stand fühlen und in diesem Kampfe um das eine Ziel, die Erlangung eines großen parlamen tarischen Gewichts, auch das Standesbewußtsein und das Standesgefühl als Triebkräfte mitsprechen lassen, während in den Reihen der bürgerlichen Parteien vielfach eine gewisse Lässigkeit herrscht. Es wäre sonst nicht möglich, daß die Ge samtheit der abgegebenen bürgerlichen Stimmen nur die doppelte Anzahl der sozialdemokratischen beträgt, während das natürliche Verhältnis etwa wie 5: 2 sein müßte. So haben wir denn auch das charakteristische Merkmal, daß in rein bürgerlichen Wahlkreisen die Stimmenzahl erheblich zu­rückgegangen ist, in den sozialdemokratischen Hochburgen aber ist die Wahlbeteiligung ganz erheblich gestiegen. Die sozial­demokratische Presse trägt den Stolz über ihren vielleicht nicht unerwarteten, aber immerhin in dieser Ausdehnung doch unverhofften Erfolg mit großer Genugtuung zur Schau. Indes ist doch die Richtigkeit der vielfach lautgewordenen An­sicht, daß die Sozialdemokratie mit dieser Wahl ihren Höhr­punkt erreicht hat, nicht von der Hand zu weisen, denn es waren immerhin besondere Verhältnisse, die der Partei zu Hilfe kamen. Vor allen Dingen haben die sozialdemokratischen Werbeoffiziere dadurch bei der Arbeiterschaft und auch in klein­bürgerlichen Kreisen ein verhältnismäßig leichtes Spiel ge habt, daß sie mit der Agitation gegen die Lebensmittelzölle das ganze Warenhaus der zollgegnerischen Parteien förmlic auskaufen konnten. Daß die Sozialdemokratie tatsächlich die Erbschaft des großstädtischen Liberalismus angetreten hat, er gibt sich namentlich aus dem Wahlausgang in Berlin I, wo der freisinnige Kandidat 2000 Stimmen gegen früher verlor, während die Sozialdemokratie geradezu mit atmosphärischem Truck in die Höhe getrieben wurde. Daran war nicht die Persönlichkeit des Kandidaten schuld, sondern einzig und allein die politische und, wenn man will, auch die wirtschaftliche Konjunktur, denn die jetzigen Wahlen sind ein Produki inserer günstigen Wirtschaftsentwickelung, die in den Arbeiter­freisen die Meinung entstehen ließ, als seien die Schutzölle entbehrlich, als blühe auch ohne sie die Industrie und die wirtschaftliche Lage. Sollten einmal schlechte Zeiten für unsere gewerbliche Tätigkeit hereinbrechen, dann wird die Arbeiterschaft lange nicht mehr die kompakte Masse darstellen, wie heute in der Ablehnung der Lebensmittelzölle. Aber darin liegt das Merkmal dieser Wahl, die so im Wesentlichen doch nur eine Grenzregulierung auf dem linken Flügel ist, im übrigen aber hat sich doch im Kern der bürgerlichen Par teien und im Parteileben überhaupt nur wenig geändert.

Schon das bisherige Ergebnis der Wahl, insbesondere das starke Anwachsen der Sozialdemokratie, gibt in politiſchen Kreiſen zu besonderen Mutmaßungen Anlaß die wir nicht unerwähnt lassen wollen. Wie unser CB.- Mitarbeiter uns schreibt, wird in Regierungskreisen das Anwachsen der Sozialdemokratie, die wahrscheinlich die zweitſtärkste Partei im Reichstage werden wird, u. a. auf das an die politischen Beamten ergangene Verbot, im Wahlkampf für irgend eine Partei Stellung zu nehmen, zurückgeführt, ferner darauf, daß Graf Bülow es ver­mieden hat, eine Wahlparole auszugeben, mit deren Hilfe die Rechte den Wahlkampf besser bestanden hätte. Der Kanzler, so wird versichert, habe ein solches Er­gebnis nicht erwartet, und auch der Kaiser sei von dem Wahlausfall unangenehm berührt. Unter diesen Um­ſtänden sei es nicht unwahrscheinlich, daß Deutschland sich bald vor einer Kanzler- Krise sehen werde. Das heißt wohl etwas zu schwarz malen, wenn auch bei der Urteilsfähigkeit der Kreise, in denen solche An­schauungen im Umlauf sind, eine solche Entwickelung nicht unbedingt von der Hand zu erreichen ist. Jeden­falls aber ist, wie unser Mitarbeiter ebenfalls aus dem Munde eines bewährten Verurteilers unserer politischen Verhältnisse hört, an eine sofortige Kanzler­frise nicht nicht zu denken. Graf Bülow wird unter keinen Umständen eher von seinem Posten abtreten, ehe er sich nicht an der Durchbringung der Handelsverträge ver­sucht hat. Bei der Zusammensetzung des neuen Reichs­

tages wird diese Aufgabe für den Kanzler freilich kein leichtes Stück Arbeit sein, da außer der Rechten auch die Sozialdemokratie der Bülowschen Handelsvertrags­politik Opposition zu machen gedenkt.

Die Politik.

Eine neue Erweiterung der Kanalvorlage. )( Wie verlautet, soll in die Mittelkanalvorlage nun auch der Ausbau des Ems- Jade- Kanals Emden­Wilhelmshaven aufgenommen werden. Der Ausbau war schon vor einigen Jahren beschlossen, wurde dann aber wieder zurückgestellt. Sämmtliche Lokalbehörden und Korporationen, die in Betracht kommen, haben sich aber jetzt für die Erweiterung des Ems- Jade- Kanals aus­gesprochen. Sie wiesen darauf hin, daß dann den Kanal auch Torpedoboote passieren können, was für die Landes­verteidigung von Wert wäre, namentlich in Rücksicht auf die bereits eingeleitete Befestigung Borkums. Die durch eine derartige Erweiterung des Ems- Jade- Kanals ent­stehenden Kosten werden auf 6-7 Millionen Mark ge­schäßt, wovon ein Teil vom Reiche getragen werden dürfte.

Ministerpräsident Tisza.

> Es unterliegt kaum noch einem Zweifel, daß Graf Stefan Tisza den ihm vom Kaiser Franz Josef er­teilten Auftrag zur Neubildung des transleithanischen Kabinets ausführen wird. Tisza soll sich auch bereits über den Weg klar sein, den er gehen will, um aus der Sackgasse zu kommen, in die die ungarische Regierung durch seinen Vorgänger gebracht wurde. Tisza will mit der Obstruktion reinen Tisch machen: Man spricht davon, daß die erste Tat des Grafen Tisza als Ministerpräsident die Auflösung des ungarischen Reichstages sein werde. Neubewaffnung der Schweizer Artillerie.

Der schweizerische Nationalrat hat jetzt den An­trag des Bundesrates wegen Neubewaffnung der Artillerie mit 7,5 Zentimeter- Rohrrücklaufgeschüßen von Krupp mit 95 gegen 58 Etimmen angenommen und hierfür einen Kredit von 21, 700,000 Franken bewilligt

Kurze politische Nachrichten.

* Das für Kiel bestimmte amerikanische Geschwader segelt am 23. d. M. von Newyork nach Kiel ab. Es wird auf der Heimreise Southampton und auf der Rückreise Portsmouth anlaufen.

* Die österreichische Regierung wird im Herbst dem Parlament ein neues Wehrgesez vorlegen, das die zwei­jährige Dienstzeit vorsieht.

* In Moskau verlautet, der russische Minister des In­nern v. Plehwe werde demnächst zurücktreten. Der Zar habe ihm seinen Unwillen über die Vorgänge in Kischi­new, an denen der Minister teilweise Schuld sein soll, in starken Worten zum Ausbruch gebracht.

* Grigori Gerschunja, einer der Hauptführer der ruſ­sischen Nihilisten, wurde in Kiew verhaftet.

* Die Meldungen über die Gesundheit der Königin Wilhelmina von Holland werden jetzt dementiert. Die schwankende Gesundheit der Königin soll durch ein in Aus­sicht stehendes glückliches Familienereignis hervorgerufen sein.

* Zanardelli hat den Auftrag zur Bildung des italieni­schen Kabinetts angenommen. Die bisherigen Minister werden ihre Posten wieder übernehmen, mit Ausnahme des Ministers des Innern, Giolitti, und des Marinemini­sters Bettolo. Dieser hat übrigens gegen das sozialistische Blatt ,, Avanti" die Verleumdungsklage eingereicht.

* Der ,, Times"-Korrespondent Harris wurde in der Nähe von Zeenat( Marokko) von Gebirgsbewohnern ge­fangen genommen.

Hof und Gesellschaft.

*** Das Kaiser paar besuchte gestern die Große Ber­liner Kunstausstellung. Der Rundgang durch die Säle dauerte fast 212 Stunden. Der Kaiser sprach die Absicht aus, mehrere Werke anzukaufen.

*** Das Befinden des Generalfeldmarschalls Grafen Waldersee, der von neuem an Venenentzündung erkrankt ist und deshalb die militärischen Besichtigungen in Hessen unterbrechen mußte, hat sich wesentlich gebessert. Allerdings ist Graf Waldersee noch nicht völlig wiederher­gestellt, indessen erscheint bei dem gegenwärtigen Zustande des Patienten jede Gefahr für ein längeres Krantenlager ausgeschlossen. Die Absicht des Kaisers, gelegentlich seiner bevorstehenden Anwesenheit in Hannover dem greisen Feld­marschall einen Besuch abzustatten, hat demzufolge eine Aenderung nicht erfahren. Der kaiserliche Besuch steht fr den 18. d. M. abends gegen 8 Uhr bevor, und zwar wird sich der Monarch vom föniglichen Schlosse aus direkt in die in der Hohenzollernstraße gelegene gräfliche Villa begeben, wo ein etwa einstündiger Aufenthalt vorgesehen ist.

Natürlich!" spottete der Schulmeister, ever gerade

Die Borichtig

ich meinen

bergessen

immer etwas,

allein fann es nicht zwingen." möglich war; schwierig ist die Geschichte nicht, aber ich wefen und habe mich dort umgefehen, so weit es mir Ich bin auch im Hause Rüttgens ge­barauf bапе

vor sich hin, dann schob er das volle Glas, das vor ihm

stand, hastig zurück.

Ihr sollt mich

Die böse Welt tut er, indem er sich erhob, noch tein Mensch darf mich einer Schuld zeihen!" nicht es dennoch," höhnte der Schul­in Versuchung führen," ſagte ist mein Gewissen rein,

seine Schulter

und sah ihn bittend

an,

Tränen schim­

greift jeder, in ihren schönen Augen. Theobald ist ein Ehrenmann, er wird mich glücklich ma­was er fann, um sein Brot eine barte Zeit durchmachen müssen, ich auch, daen. ,, Eei nicht so hart, Vater," bat fie ,,, wir alle haben zu verdienen.

Japanische Kinderpoefie.

( Nachbruc

Völkern unter ieder Rone, in jedem Klima bietet das Kind Skizze von Dr. Maximilian Wolff Die Kleine Welt bleibt sich überall gleich. Bei allen verboten.)