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Nr. 64.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel­jährlich Mr. 1.50. Grattebellagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) Oberheffische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obft- und Gartenban, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

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Dienstag, den 17. März 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Jusertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wi gany Oberheffen, die Kreise Weslar und Marburg 10 Pfg fonit 15 Pfg.: Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.

Bostzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Ferusprechanschluk Nr. 869.

Neuelle Nachrichten

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( Gießener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die Völkerwanderung der Gegenwart

RK. Wenn unsere Zeit von einer Völkerwanderung hört, dann stellt sie sich stets einen mit Krieg und Ver wüstungsschrecken inszenierten Raubzug vor, wie wir ihn im Mittelalter durch den Einbruch asiatischer Horden er lebt haben. Damals mußten ganze Völkerschaften ihre altgewohnten Size verlassen und westwärts neue Familien­herbe aufbauen. Das war jene Zeit, als die germanischen

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Kongreß der Krankenkassen.

Der in Berlin behuis Stellungnahme zur Kranken­kassennovelle abgeholtene 2. allgemeine Kongreß der Kran fentassen Deutschlands war von 1171 Rajjen mi 1199 Dele girten beschickt, die zusammen gegen fünf Millionen Ver­sicherte vertraten. Der erste Referent, Stadtverordneter Dr. Friedeberg, sprach sein Bedauern darüber aus, daß bie Novelle es unterlasse, auch die unter das Krankenkassen­gesetz zu stellen, die auch unter der Invalidenversiche rung stehen, wie die land und sorstwirtschaftlichen Ar­beiter und die Dienstboten. Graef Frankfurt a. M. be­fämpfte in schärfster Form die Beschränkung der Selbst­bverwaltung der Kassen. Hierzu wurde eine Resolution angenommen, welche die Norelle für unannehmbar er­Närt, wenn die auf Beschränkung der Selbstverwaltung gerichteten Vorschläge nicht gestrichen werden. Nach einem Referat von Albert Kohn- Berlin fam eine Resolution zur Annahme, worin es heißt: Der Kongreß erwartet, daß sich niemals Regierung und Volksvertretung zur gesetz­lichen Festlegung der freien Aerztewahl bereitfinden wird, weil eine unerträgliche Belastung der Kasse die Folge wäre. Die unabwendbare Konsequenz der freien Aerzte­wahl wäre die Zwangslage, Honorare nach dem Diktum der Aerzte zu zahlen. Freie Arztwahl ist Sache der ört­lichen Kassenverwaltungen. Zur Apothekerfrage wurde ein Antrag angenommen, der es als notwendig bezeich­net, gesetzliche Bestimmungen zu schaffen, welche den Kranfenfassen, ev. den Kassenverbänden gestatten, eigene Apotheken zu errichten. Ein dazu genehmigter Zusatz lautet: Die Apotheken sind zu kommunalisieren." Der Kongreß hält eine Verschmelzung der gesamten Arbeiter­versicherungen im Interesse der Versicherten für ge­

untergehenden Kultur ibre Reiche aufbauten, aber nach­einander in dem Volkstum des Südens verschwenden. Wer denkt heute noch daran, daß der ,, Kampf in Rom" zwischen Germanen und Romanen bis zur Vernichtung ge führt wurde, wer weiß noch etwas von den mächtigen bynastischen Geschlechtern, die auf dem heißen Boden Spa niens den Kampf der verschiedenen christlichen Sekten gegen einander ausföchten, anstatt gemeinsam die ent nervte Bevölkerung des Landes unter die germanisch: herrschaft zu beugen. Aber trotzdem hatte diese Wanderung Ser Völker der Geschichte ihren Stempel aufgedrückt. Die absterbende romanische Welt bedurfte der Auffrischung burch das unverdorbene Blut der germanischen Natur­völker, um ihr Stulturdasein weiter zu führen. Wenn man auch auf der Außenseite von dem Germanentum in diesen Staaten nur wenig merkt, s ist es doch ein wichtiges Volkselement, dem die Anthropologie die Bedeu ung nicht abspricht. Ein französischer Gelehrter, der letzte Sproß rines Normannengeschlechts, hält das germanische Ele. ment in seiner Heimat für den eigentlichen Kulturträger Wo immer sich ein freier Zug des Geistes bemerkbar macht sind es nach seiner Ansicht die Germanen, die, weit em pfänglicher für eine ideale Lebensauffassung als der ge nußfrohe Romane, das Prinzip des Fortschrittes vertreten, und er glaubt den Nachweis führen zu können, daß die französische Nation ihren Verfall einleitete, als sie in den bugenotten das für die Freiheit kämpfende germanische Element austrieb. Ander: Gelehrte wieder führen die ganzen Entwickelungsbedingungen auf materielle Gründe zurück so vor allem auf den Ueberschuß der menschlichen Bevölkerung, die den menschlichen Geist zwingt, auf eine möglichst intensive Ausnutzung der gegebenen Arbeits mittel zu sinnen, oder die zu einer Völkerwanderung führt. Und diese haben wir heute noch und zwar genau wie chedem mit der Tendenz des Zuges nach Westen. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts waren Frankreich und England und vor allem Amerika das Wanderziel dei Arbeitsuchenden; heute ist auch Deutschland an diese Stelle getreten. Die deutsche Industrie gibt den Arbeitern gut Brotstellen; aber die Landwirtschaft muß von auswärts Arbeiter heranziehen, um den herrschenden Mangel zi decken. Der Hauptbedarf wird von Rußland gestellt. Abei auch dort blüht eine Industrietätigkeit empor, so daß es den Landwirten allmählich an Hilfskräften mangelt. Das ist umsɔmehr der Fall, als sich die industriellen Löhne in Rußland und die landwirtschaftlichen in Deutschland ziem lich die Wage halten, so daß also der russische Arbeite feine Lust mehr hat, gegen geringeres Entgelt in de russischen Landwirtschaft zu arbeiten. Infolgedessen häl auch diese wieder in der Ferne Umschau, wie sie sic chadlos halien kann, und schlägt die Einführung östlichei Hilfskräfte vor- Chinesen sollen in Rußland den Ersat schaffen. Dadurch würden sich die Arbeitslöhne um etwc 40 Prozent gegenüber den heutigen verbilligen.

Wenn auch in naher Zeit eine Ueberflutung mit den gelben Volke kaum zu erwarten ist, so deuten die Wünsch der russischen Landwirte doch auf eine Entwickelungs. form hin, die uns bevorsteht. Unsere Landwirtschafts. arbeiter werden in zehn Jahren gelbe Nachbarn haben und indem Europa überhaupt die gelbe Rasse in ihr Dienste stellt, schafft sie sich ein Abwehrmittel gegen der amerikanischen Wettbewerb. Die Völkerwanderung chedem dauert also fort-- nur in anderen Formen. Die Asiaten zeigen sich wieder am östlichen Horizont und prängen die europäischen Volfselemente westwärts vor

Die Politik.

vor

boten.

Unruhen in Portugal.

)-( Die in der portugiesischen Bevölkerung chronisch rrschende Unzufriedenheit mit den öffentlichen Zustän den macht sich von Zeit zu Zeit in Krawallen Luft. Diese Vorgänge nehmen sich in der Ferne meist sehr gefährlich aus, sind es aber in Wirklichkeit fast niemals. So wird auch den Nachrichten über Unruhen in Coimbra teine weitergehende Bedeutung beizulegen sein. Der Tumult brach infolge der Verweigerung der Bezahlung der Ge­meindeſteuern aus. Die Ruhestörer drangen in das Ge­richtsgebäude, zerstörten das Mobiliar und warfen Steine auf die Soldaten, welche gezwungen waren, Feuer zu geben. Drei Personen wurden getötet und mehrere ver­lezzt. Die Truppen stellten die Ordnung wieder her. In­zwischen rief in den benachbarten Dörfern die Sturm­glode die Bewohner zusammen, die dann auf Coimbra marschierten, wo eine starke Erregung gegen die Polizei besteht. Die Vereinigung der Kaufleute und zahlreiche Privatleute sandten eine Adresse an den König mit der Bitte, die Steuermaßnahmen, welche die Ursachen der Ruhestörungen sind, zurückzuziehen.

Elfah- Lothringen Bundesstaat? -( Nachdem den Reichslanden schon im vorigen Som mer durch die Aufhebung des Diktaturparagraphen von dem Kaiser, der Reichsregierung und dem Reichstage das volle Vertrauen befundet worden ist, hält jetzt der Landesausschuß die Zeit für gekommen, wo Elsaß- Loth­ringen die Gleichstellung mit den übrigen Bundesstaaten gewährt werden kann. Im Schoße der ersten Kommission des Ausschusses wurde eine Resolution gefaßt, welche verlangt, daß der Reichstag als gesetzgebender Faktor für Elsaß- Lothringen ausgeschaltet werde, dementspre chend dem Landesausschuß die Befugnisse, Stellung und der Name eines Landtags für Elsaß- Lothringen verliehen und drei Vertretern Elsaß- Lothringens im Bundesrate bei Beratung von elsaß- lothringischen Angelegenheiten Etimmrecht bewilligt werde. Welche Aufnahme diese Wünsche bei Kaiser und der Reichsregierung finden verden, läßt.ch noch nicht beurteilen. Die Majorität bes Reichstaas dürften sie für ich haben,

Kurze politische Nachrichten.

Keine deutschen Offiziere

für Mazedonien!

Wie unser Berliner CB.- Mitarbeiter erfährt, hat die Pforte wirklich an die deutsche Regierung die Bitte ge­richtet, ihr für die Reorganisation und das Kommando der mazedonischen Gendarmerie eine Anzahl deutscher Offiziere zu überlassen, doch ist dieses Ansuchen zwar mit Dank für das bezeugte Vertrauen, aber in bestimm­ter Weise abgelehnt worden. Für diese Antwort der deut­schen Regierung war nicht sowohl die Besorgnis entschei dend, daß durch die Entsendung von Offizieren nach der Türkei das Mißfallen Rußlands oder irgend einer anderen Großmacht erregt werden könnte, als ganz all­gemein der Entschluß, sich in der mazedonischen Ange­legenheit der größten Zurückhaltung zu befleißigen, da neben noch die Erwägung, unsere guten Freunde in Paris, London oder sonstwo könnten die deutsche Regierung für einen etwaigen Mißerfolg unserer Offiziere in Mazedo­nien verantwortlich machen. Anders als mit den in al­tivem deutschen Dienst stehenden Offizieren liegt die Sache mit den bereits früher in türkische Dienste getrete­nen Instrukteuren. Die Kontrakte, welche die Pforte mit ihnen abgeschlossen hat, geben ihr das Recht, die Herren überall da zu verwenden, wo es ihr rätlich erscheint, also auch in Mazedonien. Tatsächlich hatte die Stam­buler Regierung zwei von diesen Offizieren bereits den Befehl erteilt, sich zur Abreise nach Mazedonien bereit zu halten, doch hat sie diesen Befehl in letzter Stunde widerrufen. Wenn, wie gemeldet wird, dies infolge von Vorstellungen Rußlands geschehen ist, so liegt darin nichts Verleßendes für die deutsche Regierung, beweist bielmehr nur, wie sehr die leziere recht daran getan, das Gesuch der Pforte abzulehnen. Nunmehr hat die Pforte, wie ein Telegramm aus Konstantinopel besagt, die schwedische Regierung um Ueberlassung von Offizieren zur Reorganisation der mazedonischen Gendarmerie er­sucht.

Wie aus einem Eilaß der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes erhellt, wünscht der Kaiser in amt­lichen Berichten eine kurze und flare Schreibweise; insbesondere seien lange schleppende Säße und Einschal­tungen, sowie das Stellen des Zeitworts an das Ende des Sages zu vermeiden.

* Der Königsb. Hari. 3tg." wird gemeldet, daß der Kriegsminister v. Gßler amtsmüde sei und nicht mehr lange auf seinem Posten bleiben werde. Die Nachricht ist mit Vorsicht aufzunehmen.

* Nach einem Telegramm aus Caracas ist die erste venezolanische Schuldrate an Deutschland im venezolanischen Schazanit deponiert worden. Sie wird dem neuen deutschen Gesandten v. Pelloram nach seiner Ankunft behändigt werden.

* Ein Gesuch der Pfarrämter Kreuznach s um Errichtung einer katholischen( fonfessionellen) Töchter­schule ist von der Regierung abgelehnt worden.

* Der französische Justizminister Vallé hat die Er­öffnung des Strafverfahrens gegen 99 Orden und Or­densniederlassungen angeordnet, welche ihre nicht autorisierten Anstalten wieder eröffneten.

* Die gegen den Mullah operierenden britischen Truppen haben am 10. d. M. den Feind aus dem Besiz des Brunnens oon Lajakante verdrängt und ihm einen Verlust von 15 Tien und 16 Verwundeten beige­bracht. Der Mullah hat sich nach Ogaden begeben, um jeinen Munitionsvorrat zu ergänzen.

Die Stimmung in Bulgarien.

In Bulgarien dauert der Kampf zwischen der kriege­rischen und der feindlichen Richtung unaufhörlich fort. In der Regierung hat durch den Rücktritt des wenig rus senfreundlichen und einer Aktion gegen die Türkei nicht abgeneigten Kriegsministers Pap i ow die Friedenspartei die Oberhand gewonnen, doch ist die eben aus Sofia gemeldete Haftentlassung des Führers einer der maze­donischen Komitees, des Generals Zontschew, und des Obersten Jankow, welcher gleichfalls zu den Leitern der mazedonischen Bewegung gehört, wohl als ein Zugeständ nis an die volkstümlich- mazedonierfreundliche Strömung zu betrachten. Aus dieser Strömung ging in Burgos eine von etwa 3000 Personen besuchte Volksversamm­lung hervor, welche der französischen Regierung den Dank für die den Mazedoniern befundete Teilnahme aussprach. Eine von dem Vorsitzenden Zankow unter­zeichnete Adresse wurde an den französischen Minister des Auswärtigen abgesandt. An die Versammlung schloß sich eine große Kundgebung vor dem französischen Vize­fonsulat in Burgos. Alle Teilnehmer verneigten sich vor dem französischen Wappen und riefen: ,, Es lebe die fran­zösische Republik!" Was sich die Bulgaren gerade von Frankreich versprechen, ist nicht recht verständlich. Bis­her hat Frankreich für die Christen in der europäischen Türkei stets nur ein recht platonisches Interesse gezeigt.

* Der marokkanische Prätendent Bu Hamara soll bekanntlich nach der Behauptung seiner Anfänger identisch mit dem Bruder des Sultans, dem Prinzen Muley Moha med sein. Der Sultan behauptet dagegen, daß der echte Prinz Mulen sich bei ihm befindet. Wo die Wahrheit liegt, ist schwer zu entscheiden. Jedenfalls haben die beiden mysteriösen Persönlichkeiten eine fabelhafte Aehn­lichkeit. Gefangene aus dem Heere Bu Hamaras, denen der Prinz vorgestellt wurde, waren fest überzeugt, Bu Hamara vor sich zu haben.

Kunft und Wissenschaft.

FE. Gin Serum gegen Typhus entdeckt. Der kampi gegen die Infektionskrankheiten scheint in diesen Tagen immer neue Erfolge zeitigen zu wollen. Nach den großen Fortschritten in der Tuberkulosebehandlung kommt jetzt aus London die Nachricht von der Entdeckung eines Serums gegen Typhus, die dem Chef des Jenner- In­stituts in London Dr. Mac Fayden zu verdanken ist. Die Wirksamkeit an Tieren ist bereits überzeugend be­wiesen. Das Serum besteht aus den Säften völlig aus­gepreßter mikroskopischer Typhusbazillen; die Säfte wer Den bei enormen Kältegraden in flüssigem Sauerstoff erlangt, verlieren hierbei ihre giftige Wirkung und wer­ben zum Heilmittel. Mac Fayden hatte außerordentliche Schwierigkeiten zu überwinden, ehe es ihm gelang, diese mitroskopischen Typhusbazillen auszupressen. Nunmehr stellt er aber die allerdings experimentell noch nicht nachgewiesene Hypothese auf, daß ein derartig gewon­nener Saft einer jeden Krankheiten produzierenden Ba­zillenart gegenüber der betreffenden Krankheit sowohl prophylaktisch als auch bei schon geschehener Ansteckung heilend wirken müsse. Falls sich dies bewahrheitet, wür­ben die Tuberkulose, die Diphtheritis, vielleicht sogar ber Krebs in nicht allzu vorgeschrittenem Zustande leicht heilbar sein.