Ausgabe 
14.11.1903 Zweites Blatt
 
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[ Gine Heitere Szene an der Newyorker Börse] be­richtet ein dortiges Blatt. Es ist 11 1hr, allgemeine Ge­schäftsstille, da am Tage vorher einige Banken in Pittsburg die Türen geschlossen und London niedrige Kurse gesandt hatte. Da erscheint plötzlich ein Agent mit allen Anzeichen heftiger Erregung. Keine Bank westlich von Pittsburg hat ihre Türen geöffnet!" schrie er. Im Nu war die Szene berwandelt. Ein donnerähnliches Stimmengewirr erhob sich, aus dem man nur die Stimme des Mister Soundso, der sehr berühmt ist wegen seiner Lungenkraft, heraushörte. Ich gebe Steel zu 14-13% 13% 13%!" brüllte er und die andern brüllten mit ihm. Und plötzlich sah einer auf die große Uhr im Saale und brüllte lauter als jeder andere: Natürlich hat noch keine Bank im Westen ihre Türen geöffnet! Es ist ja noch nicht 10 Uhr dort!"( New­york ist Pittsburg etwas über eine halbe Stunde in der Zeit boraus.) und gütig und milde sprach alsdann jener Broker, der die ganze Aufregung verschuldet hatte: Kinder, habe ich euch nicht schon oft gesagt, daß ihr schon Papiere verkauft, wenn man nur den Mund auftut? Der größte Unsinn findet hier willige Ohren, sobald sich nur eine Baisse darauf stüßen kann! Jetzt habe ich euch eine Lehre gegeben und inzwischen meine Engagements mit einem Profit von 1500 Dollars gedeckt. Den Gewinn werdet ihr mir ja gönnen, denn kein Geld ist besser angelegt, als Lehrgeld!" Sprachs und verschwand hocherhobenen Hauptes in der Richtung des Börsenrestaurants.

Der Streik von Armentières ist, trotzdem äußerlich jetzt alles ruhig ist, immer noch nicht beigelegt. Die Fabrikanten lehnten den Vorschlag eines Schiedsgerichts ab, erklärten sich jedoch bereit, den Arbeitern sieben Tage nach Wiederauf­nahme der Arbeit eine Summe von 300 000 Francs zu zahlen, was ungefähr dem Lohne einer Woche entspricht, um hierdurch ihren guten Willen zu bezeugen. Von April näch­ſten Jahres ab wollen die Fabrikanten eine Verständigung über den zehnstündigen Arbeitstag zu erzielen suchen. Die Arbeiter haben diese Vorschläge bisher abgelehnt.

[ Das deutsche Volk nach Berufsarten.] Nach der letzten Berufszählung sind, wie die soeben veröffentlichte Statistit ausweist, beschäftigt in der deutschen Landwirtschaft 11 935 000 Personen, darunter Ackerbau und Viehzucht 11½ Millionen, Kunst- und Handelsgärtnerei 120 000, Jagd und Fischerei 192 000, die Bergbau- und Steinindustrie zählt 1 310 000, Metallindustrie 892 500, Chemische In­dustrie 106 000, Textilindustrie 1017 100, Holzindustrie 717 000, Nahrungs- und Genußmittel 1 Million, Bau­gewerbe 1 448 000, darunter Maurer 522 370, Zimmerer 224000, Maler und Stuckateure 155000, Dachdecker 40000, Glaser 25 300, Graphische Gewerbe 122 160,

Handel

1 500 000, Verkehrswesen 666 170, darunter Postwesen 221 624, Bahnbeamte und Bahnarbeiter 535 725, Seeleute ( auf Handelsschiffen) 50 556, Gastwirtschaft und Hotelwesen 700 900, Gelehrte und freie Berufe 475 000 u. s. w.

[ zur rechten Zeit schwerhörig.] In einem dieser Tage erschienenen Buche über das Leben und Wirken des großen Chemifers Bunsen wird eine hübsche Anekdote mit­geteilt, wie dieser seine Schwerhörigkeit, von der niemand mußte, wie groß sie eigentlich war, als Waffe zu benutzen verstand. Bunsen war in Heidelberg zum Kirchenrat ge­wählt worden. Ein Kollege, den er noch nicht persönlich fennen gelernt, gegen den er aber ein anderweitig begrün­detes Vorurteil hatte, wollte ihm eine Gegenvisite auf einen borangegangenen, wohl absichtlichen Fehlbesuch machen. Er begegnete Bunsen auf der Treppe, lüftete seinen Hut und nennt seinen Namen, um sich vorzustellen. Aber Bunsen faßt diese Vorstellung verkehrt auf und sagt schnell gefaßt: Wohnt Märzgasse Nr. 27." Darauf der andere etwas ver­legen sagt: Ich selber bin der Kirchenrat Soundso." Bunsen überhört aber die ersten Worte und sagt mit eherner Stirn: Ich hatte schon die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß derselbe in der Märzgasse wohnt" und geht mit verbindlichem Lächeln rasch an seinem Opfer vorbei.

Die polnischen Kleriker des Posener Priester­seminars haben eine Art Obstruktion gegen den Erz­bischof in Szene gesezt. Die erzbischöfliche Behörde hatte bekanntlich angeordnet, die Zöglinge des Seminars sollten die Vorlesungen der neubegründeten Posener Akademie be­suchen. Dessen weigerten sich die polnischen Zöglinge. Die erzbischöfliche Behörde hat über die Widerspenstigen jetzt Karzerstrafen verhängt und ihnen bei weiterer Weigerung Relegierung angedroht. Die neu eintretenden Kleriker müssen jezt ein Schriftstück unterzeichnen, in dem sie sich bereit er­flären, die Vorlesungen der Akadem regelrecht zu besuchen. Im Falle der Weigerung unterbleibt ihre Aufnahme in das Seminar.

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** Neues Imprägnierungsverfahren gegen Feuersgefahr. In der Warschauer Vorstadt Praga wurden interessante Ver­suche mit feuersicheren Materialien gemacht. Die mit einer neuerfundenen Substanz gesättigten Gegenstände sollen der bernichtenden Einwirtung des Feuers nur bei außerordent­lich hoher Temperatur erliegen. Die Versuche gaben sehr günstige Resultate. Nicht nur mit der Substanz imprägnier­tes Holz, sondern auch mit Petroleum begossenes Stroh ver­glomm nach und nach und verkohlte nur an den Teilen, die zu wenig oder gar nicht gesättigt waren. Mit der Sub­stanz gesättigte, leicht entzündbare Gewebe, wie Fenster­borhänge und leichte Kleiderstoffe büßten weder ihre Eigen­schaften, noch ihre Farbe ein und wurden absolut feuer­sicher. Den Angaben des Erfinders zufolge sind die Un­kosten der Imprägnierung verhältnismäßig niedrig; die Sättigung eines Strohdaches z. B. erfordert nur 10 bis 12 Rubel Kostenaufwand. Den Versuchen wohnten der Chef der Warschauer Feuerwehr, die Brandmeister aller Feuerwehrabteilungen, die Gehilfen des Polizeidirektors und Vertreter der städtischen Behörden bei.

Vermißter deutscher Bergsteiger. Aus Montreux kommt die Meldung, daß eine Bergführerkolonne aufge brochen ist, um den 21jährigen Rudolf Weill aus Kassel aufzusuchen, der seit Sonntag von einer Beſteigung der Nayefelsen noch nicht zurückgekehrt ist. Er hatte mit einem anderen jungen Deutschen, der gleich ihm in der Pension Schloß Lucens wohnt, den Marsch unternommen. Wegen Neuschnees waren aber die Wege so schwierig, daß der zweite Tourist bei Einbruch der Nacht umfehrte, während Weill weiterging. Alle Nachforschungen nach dem seither Ver mißten, die unter Leitung von zwei Lehrern des oben. genannten Instituts angestellt wurden, blieben erfolglos. Man setzt auch auf die jetzige Rettungsexpedition nur ge­ringe Hoffnungen.

Hinrichtungen. In Tübingen fand die Doppelhinricht­ung der beiden Raubmörder Georg Hespeler und Wilhelm Repple statt, denen seinerzeit der Privatier Krauß zum Opfer gefallen war. Heute früh wurde in Konstanz an dem Mörder Brenner, der seine eigene Tochter umgebracht hatte, die irdische Gerechtigkeit vollzogen.

Aufgehobene Belagerung eines Pfarrhauses. Aus dem italienischen Dorfe Villaganzerla( Provinz Vicenza) hat sich nach mehreren Monaten einer förmlichen Belagerung in seinem Pfarrhause nun endlich der dortige Pfarrer Don Revlon auf den Weg nach der ihm zugewiesenen neuen Pfarr­stelle aufmachen dürfen. Da er bei der Bevölkerung schr beliebt war, so wollte ihn das Dorf nicht ziehen lassen. Man umstellte seine Wohnung, um seine Abreise zu verhindern. Besonders die Frauen zeichneten sich durch ihre Hartnäckig. feit aus; sie verließen Tag und Nacht nicht ihren Posten vor der Wohnung des beliebten Pfarrers, um die Herum sie ein Lager mit Belten, Strohsäcken u. s. w. errichtet hatten. Da die vorgesetzte geistliche Behörde nicht nachgab, so dauerte dieser lästige Krieg mehrere Monate. Jetzt endlich hat das in den letzten Tagen niedergegangene schlechte Wetter die Dorfbewohr.cr mürbe gemacht.

A Ein Opfer des Aberglaubens ist im Dörfchen Poretiche Gouvernement Minst, die junge Lehrerin der Dorfschule geworden. Sie arbeitete in ihrem Stübchen an der Lampe Der alte kleine Tisch war wackelig; eine unglückliche Be wegung der Lehrerin warf ihn um, so daß die Lamve zu Voden fiel und das leichte Kleid des unglücklichen Mäd hens in Flammen sezte. Laute Hilferufe erschallten aus der Schule; die Bauern liefen hinzu, aber helfen wollte feiner: die brennende, um sich schlagende und laut schreiende Gestalt das war für ihre abergläubischen Seelen zu viel, die mußte vom Teufel besessen sein. Sich befreuzigend und fromme Lieder singend, umstanden sie das Schulhaus und ließen die Aermite lebendia verbrennen.

A! Das seltene Fest der Eisernen Hochzeit konnten die Landwirt Friedrich Reppelschen Eheleute in Meinerzhagen begehen. Aus diesem Anlasse wurde dem Jubelpaare mit einem eigenhändigen Schreiben des Kaisers die goldene Ehe­jubiläumsmedaille überreicht. Reppel ist im Jahre 1817, seine Frau 1819 geboren. Das Ehepaar besitzt acht Kinder und 77 Enkel.

IDie angenehme Buße.] In Obermais bei Meran so erzählt das dortige Blatt läuft in eiliger Hast ein Bauer aus der Kirche ins nahe Wirtshaus, das zur Feier des Neuen" einen grünen Buschen mit farbigen Bändern aufgesteckt hatte. Zwei Liter Neuen" denkt der Bauer ,,, ha, das ist nit a soe schlechte Buaß, und zwei Liter Neuen hot er g'sogt." Bald saß der Hiast in der Ecke des alten Wirtshauses, den Doppelliter vor sich, als sein

Um sicher zu sein,

Wetb polterno Hereintrat und ihn auf seinen sträffid Wandel aufmerksam machen wollte. A Ruah will i hob'n rief ihr Hiasl im frommen Büßertone zu, streit' di' t dem Pfarrer. Zwei Liter Neuen hot er mir zur Bu aufgöb'n!" Diese eigenartige Buße schien der alten R doch nicht recht einzuleuchten, und sie fragte beim Pfarn nach. Der fromme Herr aber konnte sich selbst des Lache nicht enthalten, als er schließlich sagte: Zwei Litaneien h i ihm aufgöb'n!"

Originelle Flucht aus dem Gefängnis.] Aus dem fängnis in Wladimir entschwand auf rätselhafte Weise e zu schwerer Zwangsarbeit verurteilter Russe. Man such man forschte umsonst! Es fand sich absolut keine Sputt die man hätte verfolgen können. Da fiel es den Gefängnis wärtern ein, daß der verlorene Sträfling in der Stadt ein Freundin habe; zu ihr gingen die Geheimpolizisten, aber de Gang war auch vergebens der Flüchtling war nicht b Doch im ärmlichen Zimmer dieser Freundin ſtand ein Soft ein ganz neues Sofa nur sah es so sonderbar aus: war halb aufgetrennt, wie zerzauſt... und nun kam plö lich Licht in die Dunkelheit! Das war nämlich dassel Sofa, das eine Dame einen Tag vorher in der Gefängnis werkstätte gekauft und bald darauf abgeholt hatte. Nur var es klar: da drin im Polster hatte der Sträfling gestec und in diesem Sofa war er durch die ganze Stadt gefahren durch die Hauptstraßen, vorbei an den Behörden, am B zirksgericht, am Hause des Gouverneurs und wieder aus ba Stadt heraus nach der Vorstadt! Soviel konnte das So erzählen, mehr aber war aus ihm nicht herauszubringen wie der Entflohene weiter gereist war, wußte es nicht an zugeben.

Das Neuefte aus den Witzblättern. Doppelsinnig. Herr( zum Bewerber): Sind G auch verträglich?"- Diener:" O ja- ich vertrag' foga sehr viel!"

Verfrühte Ueberraschung. Mieße, du hatte mir doch fest versprochen, schön artig zu sein, um Bap 311 seinem Geburtstag eine Ueberraschung zu bereiten, un jetzt bist du schon wieder unartig!" Ja, weißt du, Baba Geburtstag ist erst in drei Tagen, und wenn ich jetzt schon artig bin, merkt er's ja!"

Nobel. Protz( beim Diner): Johann, der Tisch wadelt Leg' e' Zwanzigmarkstück unter!"

Die Hauptsach e. Landbürgermeister( der ein Schreibmaschine kaufen will): Kann ma' denn auch Kreuz'l damit schreib'n?"

Die Zwischenmaß. Befehlen der Herr Rat nod eine Maß?"-Weiß ich noch nicht muß mir's er überlegen!... Inzwischen können Sie ja nochmals ein schenken!"

Ein Vorschlag. Richter: Sie haben sich gegenseiti beschimpft! Einer sagte Ochs, der andere Esel! Nehme Sie doch lieber die Namen zurück!" Schreiber( als fid die Parteien weigern): Die Herren könnten ja vielleich tauschen!"

( FT. Bl.)

Verantwortlich: für den politischen und Inseratenteil: Albin Klein; für das Lokale, den Gerichts" und" Deffentlichen Sprechsaa" Fr. Oppermann

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WITZ

HUMOR

Nr. 268

Samstag,

den 14 November

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