Ausgabe 
14.11.1903 Zweites Blatt
 
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Fr. 268. Zweites Blatt.

Ennementeprets: in Gießen, abgeholt monatlich 50- fg., bans gebracht 60 Bfg., burch die Poft bezogen biertels fährlich Mr. 1.50.

tabellager: berhelfische Familienzeitung( täglich) Chheffifche Bettschrift für Landwirtschaft, Obst- und attenban, fotote bie Gießener Geffenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nachmitage.

Samstag, den 14. November 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Insertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wir ganz Oberheffen, die Kreise Weylar und Marburg 10 Pfo. forft 15 Bfg.: Reklamen die Betitzeile 30 resp. 40 Bfg.

Bostzeitungsliste No. 3969.

Rebaktion und Erbedition: Gießen Nenenweg 28. Ferafprechaufchlak Nr. 362.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Sießener Zeifung

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung Esthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Aus der Reichshauptstadt.

Wandelbilder von Spectator.

Selbst jene Glücklichen, für die das ganze Dasein ein Thrisches Gedicht ist, empfinden die Zeit, da der Winter tine Rebelschleier um die Erde wickelt, wie einen Brießniz­hen Umschlag, als unangenehme Uebergangsperiode. Es ist Ee peinliche Bause, die stets entsteht, wenn jemand beim ortragen steden bleibt; die Strophe, die den Herbstzauber d. 38. Born Eleband elt, ist zu Ende; das Publikum wartet auf die nächſte, age 2 Uhr Ete das Wintervergnügen, Schnee und Eis, bringen soll, und noch vorrätig auf die darauffolgende Weihnachtsstrophe; der Vortragende ber stockt, er tann nicht weiter, er wird verlegen und las beklemmende Gefühl überträgt sich auch auf die Zu­nkursm Brerschaft. Nur die böse Jugend, mit ihrer naiven Schaden­

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freude, fichert und macht sich über das Pech des Vortragenden lustig. Die Rolle dieser bösen Jugend übernehmen hier die ungen Studenten, die man jekt in der Gegend der Hoch­hulen wieder in Nudeln trifft; sie gehen lachend mit der Bärm flasche dem falten Winter zu Leibe und halten es mit dem trinffrohen Mirza Schaffy:

" Im Winter trink' ich und finge Lieder Aus Freude, daß der Frühling nah' ist, Und kommit der Frühling, trink' ich wieber Aus Freude, daß er endlich da ist."

Wieder sieht man nun die beliebten und lieblichen Sze­Len: Ein junger Student bricht unter der gewaltigen Last des ihm auferlegten Arbeitspensums" nach langem Hin­End Herschwanken auf der Straße zusammen und wird in Zeichen der fortschreitenden Humanität auf die nächste Rettungswache gebracht, wo er von seiner Alkoholvergift­ang" unter ärztlicher Aufsicht durch Ruhe geheilt wird; in Früheren unzibilisierten Zeiten nannte man das seinen

bei größeren Ung Mausch ausschlafen", und diejenigen, die es nötig hatten, Durden meist von der Hand des Gesetzes zu diesem Zwecke Luf die Pritsche der nächsten Wachtstube gebettet". Manch janger Fuchs aber wird unter dem Einfluß des Giftes fuchs­wild.

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Wie anders steht es um diese unbändige Jugendkraft bei einer anderen Szene, die einen moderneren Anstrich hat! Einige Damen werden von einem Literatur- Professor aus dem Kolleg gewiesen und die männlichen" Zuhörer be­gleiten diese nicht gerade galante Maßregel mit dem leb­haften Trampeln ihrer fünftigen Freiersfüße, dem beliebten studentischen Beifallszeichen.. Der Starke ist am mächtig­ten allein." So denken diese jugendlichen Mitter im Kolleg, während sie im privaten Verkehr dem schönen Geschlecht gegenüber weniger Aengstlichkeit zeigen. Doch auch dem Gerstensaft gegenüber gibt es zaghafte sünger der alma mater. Jedes ehrliche Bierherz muß sich in Schmerz zu­Tammenkrampfen bei dem Anblick, der sich mir jüngst bot. Sin Spißentanz" übender Elefant hätte in mir nicht das Staunen hervorrufen können, als die widerspruchsvolle, Lätfelhafte Erscheinung, die ich in einem vegetarischen Speise­Sause sah. Da fand in einem Hinterzimmer eine Sizung eines Vereins abstinenter Studenten" statt. Wer dazu imstande ist, denke sich also garantiert echte Studenten vor garantiert alkoholfreien Getränken!

Die jungen akademischen Bürger haben zwar zu jeder Beit für Freiheit geschwärmt, aber nie für die Alkoholfreiheit Der Getränke. Diese aber, für die das stolze Wort Frei it der Bursch" in den Satz: Alkoholfrei ist der Bursch" Bariiert werden muß, finden sicherlich Paradieseswonne in er jüngst eröffneten Gesundheitsausstellung, in der allerlei Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände vereinigt sind, die von allen schädlichen Eigenschaften und Substanzen_ge­reinigt sind, vom Korsett, das keine Brustschmerzen, Sem faffee, der feine Magenschmerzen, bis zum Wein, der keine Kopfschmerzen verursacht. Nur schade, daß auch hier das Sprichwort von den verbotenen Früchten, die am besten schmecken, gilt, und daher diese hygienischen Lebensmittel bis jest wenig Freunde gefunden haben; gelobt werden sie eigent­lich nur von ihren Fabrikanten. Wenn man aber all den Lieferanten von Reformkleidung und Reformspeisen glauben darf, wird fünftighin kaum noch ein Mensch sein Reformleben durch Krankheit in Gefahr bringen, und selbst der Tod an Altersschwäche wird nur ganz unvorsichtige Men­schenkinder ereilen.

Wir aber, die wir uns noch von Bakterien und sonstigen Schädlingen nähren, sind schon dann erstaunt, wenn unter uns ein Achtzigjähriger herumläuft, wie der allen Berlinern ohlbekannte Herr v. Strauß, der frühere Opernhaus­direktor der seine zweiundachtzig Jahre mit der Gewandtheit eines Fünfzigers trägt. Bei der tiefschwarzen Färbung" feires Schnurrbart- und Haupthaares täuscht auch sein Aus­sch en ungefähr dreißig Jahre seines Lebens hinweg und jetzt überrascht der ewige Jüngling dadurch, daß er im Bentral- Theater den Hans Styr in Offenbachs Orpheus in der Unterwelt" spielt und singt. Dieses sensationelle Ereignis beschäftigt die Berliner, die ja für das Theater immer ein Herz gehabt haben, mehr, als der Ausfall der landtagswahlen, und alle Ausdrücke des Staunens fann man hören, die das jüngst erschienene Berliner Dialekt­ferifon von Professor Meyer Berlins kleiner Meyer" aufführt.

Der Saison- Beginn.

Auf häßlichen, gräulichen Leichenwagen Fährt totes Laub man hinaus.

Bald breitet der Winter mit Windesklagen Das weiße Leichentuch aus.

Verlor auch der Baum sein frisches Grün, Er hofft doch: Bald wieder einmal Beginnt in den Zweigen ein neues Blüh'n. Froh sagt er dann: Ich war kahl!" Durch Dämmergrau fühlt ins Gemüte zieh'n Der Mensch auch seligen Traum. Von ferne schon leuchtet das Immergrün Vom fröhlichen Weihnachtsbaum. Theater, gedenkend der Kinderwelt, Sie haben für Lieschen und Klärchen Und Fritchen schon jetzt auf die Bretter gestellt Die ältesten Weihnachtsmärchen.

Die Tage und Wochen entfliehen geschwind, Jeßt, da die Saison begann;

Und wenn erst die Abende länger sind, Sucht Kurzweil sich Weib wie Mann. Man sieht wieder beim ästhetischen Tee, Bei Jours und bei five- o- clocks Die Künstler mit Locken und Renommee, Die Schriftsteller auch und Schmocks. Manch Dichterlein kommt jezt von dem Barnaß, Den Menschen was vorzutragen; Freigebig spendet er jeglichem was, Der etwas spendiert seinem Magen. Manch vornehme Dame in Wohltätigkeit" Ich wieder jetzt machen" seh'; Beim Kaiserhof- five- o- clock ihr Kleid Zeigt sie uns gegen Entree.

Es ist das Frauenstudium Brauch Bei uns seit langer Zeit; Als Kriminalſtudentin" auch Sieht d'rum man manche Maiz. Viel Schönes wird in Moabit gelehrt Wo man seit einigen Wochen

Sehr viele polnisch sprechen hört

Und das Deutsch und den Eid nur- gebrochen. Dort findet jetzt vor dem Nichterthron

Die Untersuchung statt,

Ob' nen fremden oder' nen eigenen Sohn Die Gräfin geboren hat.

Gar zarte Dinge für's Frauenohr Bespricht man bei dieser Frage, D'rum sammelt sich edler Damenflor An jedem Verhandlungstage. Bifant müssen ja auch die Dramen sein, Die nach unsrer Holden Sinn sind; Sie finden all die psychologisch sein" Wo Perversitäten darin sind. Wer für Frau Musika inkliniert, Hört das Wunderkind Vecsey an,

Das geigen und was fast noch mehr imponiert Seinen Namen schon aussprechen kann. Der Löwe jedoch von Gesellschafts Gnaden Hat jetzt wieder schwere Sorgen; Er ist fast Abend für Abend geladen" Und schwer ist er's oft am Morgen. Und wenn er die Nacht durch sich tanzend gequölt Empfindet er's wohl als Plage;

Den Schlaf aber, der in der Nacht ihm gefehlt, Den hält im Bureau er am Tage. Ein jeder sieht, daß er was abgewinnt Der Saison, die im schönsten Gang ist, Ein jeder auch freut sich, daß sie beginnt, Ein jeder, der mitten mang" ist.

Und wie es der Welt Lauf, jede Person Wird wohl etwas von ihr friegen; Der eine, der hat die Arbeit davon, Der andere das Vergnügen.

Spectator.

Kunft und Wissenschaft.

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LO Die türkische Zensurbehörde ist als streng bekannt und über ihre sonderbaren Streichungen, Aenderungen und Ver­bote kursieren die wunderlichsten Anekdoten. Jetzt hat ein in Konstantinopel erscheinendes griechisches Blatt ,, Der neue Tag" plöglich auf Anordnung des Zensors sein Erscheinen einstellen müssen. Und warum? Weil es- man höre und staune!- eine Abhandlung über den Planeten Mars beröffentlicht hatte. Es flingt lächerlich, aber es ist so. RL Die feindlichen Dichterbrüder. Der Pariser Zeichner Henri Gabriel Jbels, der in seinen Mußestunden auch Dichter ist, hat seinen Bruder André Jbels wegen Konkurrenzdichtens verklagt und will ihm die Dichterei durch den Richter ver­bieten lassen. Henri Gabriel hat ein Stück mit dem Titel La Neige"( Der Schnee) geschrieben, und dieses Stück wurde im vorigen Jahre im Baudeville aufgeführt. Der Ruhm

des Bruders ließ den jungen Andre nicht schlafen, und so setzte er sich denn hin und dichtete ein Stück mit dem Titel Neige"( Es schneit), das das Teatre- Moderne" auf­führen will. Henri Gabriel faßte das aber als Tusch" auf und ging zum Kadi, um den Schneemann Nr. 2 wegen Titelraubes zu denunzieren. Der Richter war aber der An­sicht, daß André Jbels mit demselben Rechte schneien lassen könne, wie sein Bruder, und wies die Klage ab.

Aus dem Gerichtsfaal.

§ Im vierten und letzten Mannheimer Rheinauprozeß, in welchem sich die Anklage gegen den Vorstand und den Auf­sichtsrat der Aktiengesellschaft für Chemische Industrie rich­tete, sind gestern Direktor Böhm und das frühere Mitglied des Aufsichtsrats, Grosch, wegen wissentlich falscher Angaben zum Zwecke der Eintragung in das Handelsregister zu je 500 Mark Geldstrafe verurteilt worden, die bei Zahlungs­unfähigkeit in Gefängnisstrafe umzuwandeln ist. Die An­geklagten Henninger, Holland, Dr. Kohlstock, Bürk und b. Harder wurden freigesprochen und die Kosten der Staats­tasse auferlegt.

Vermischtes.

IDer Kreditbrief des Zaren. Für die Dauer des Au enthaltes der russischen Kaiserfamilie in Hessen war, wie nachträglich bekannt wird, von der Société Generale in St. Petersburg an die Bank für Handel und Industrie in Darmstadt ein Kreditbrief von einer ganz außergewöhn lichen Höhe überwiesen worden. Wie gemeldet wird, sind während des sechswöchigen Aufenthaltes in Darmstadt und Jagdschloß Wolfsgarten zur Kostenbestreitung für die per­sönlichen Bedürfnisse der Barenfamilie und des Hofstaates insgesamt etwa 260 000 Mart bei der genannten Bank ab­gehoben worden.

[ Wertvolle Fracht.] Der Argondampfer Condor" traf dieser Tage mit fünfzig Kisten englischen Goldes, teils ge­prägt, teils in Stangen, jede Riste 100 000 Schilling ent­haltend, von England in Geestemünde ein. Von der Geeste aus wurde der Goldschak unter polizeilicher Bewachung nach dem Bahnhofe übergeführt, um zunächst nach Dresden ver­frachtet zu werden. Von dort sollen die Goldbarren nach Rußland, das gemünzte Gold dagegen über Triest nach Alexandrien weitergeschafft werden; letzteres, um englischen Kriegsschiffen und Truppen im Mittelmeer und in Egypten zur Bestreitung ihrer Bedürfnisse zu dienen. Da in Geeste­münde inzwischen der letzte Passagierzug abgelassen war. mußte eigens ein Extrazug die fünf Millionen nach Dresden bringen.

[ Noch schlimmer.] Ein komischer Zwischenfall ereig­nete sich kürzlich bei einer Taufe in einer Londoner Vor­stadt. Der Geistliche war offenbar nicht ganz mit einem Paten zufrieden und machte seinem Mißtrauen in den nicht sehr freundlichen, aber wahrscheinlich wohlbegründeten Wor­ten Luft: Sie sind zu jung, um Pate zu stehen." Der also angeredete Jüngling erwiderte bescheiden: Bitte sehr, ich will auch gar nicht Pate stehen; ich bin nur der Vater!"

[ 60 000 Mark für ein verletztes Bein.] Aus London wird berichtet: Einem Ingenieur George W. P. Johnston wurden vor einigen Tagen 60 000 Mark Schadenersatz von der Great Western Railway Company" zuerkannt für Ver­legungen, die er während einer Reise auf dieser Bahn er­hielt. Es wurde festgestellt, daß Johnstons linkes Bein für immer lahm geworden war und daß er infolgedessen seinen Beruf nicht weiter ausüben kann; er hatte vorher alle Aussicht gehabt, Oberingenieur an einer Dampferlinie zu werden.

[ Chrysanthemum- Kompott.] In Newyork ist es Mode geworden, in den chinesischen Restaurants zu dinieren. Man findet dort nicht nur die tradionellen Schwalbennester, son­dern auch andere Leckerbissen und köstliche Gerichte. Beson ders der Nachtisch wird sehr gepflegt. Die Chinesen be­gnügen sich als Leute von Geschmack nicht damit, wie ge­wöhnliche Sterbliche die Früchte der Jahreszeit zu essen, sie machen auch die Blumen selbst zurecht, und die Rezepte von Desserts aus Chrysanthemen, Veilchen und Rosenblättern sind bereits von den chinesischen Restaurants zu den Five­o'clocks" übergegangen. Für einen weiblichen Gaumen gibt es in der Tat nichts besseres und köstlicheres, als Chrysanthe­mum- Kompott, für das der Gaulois" folgendes Rezept mitteilt: Man nimmt ein frisches Chrysanthemum, wäscht es sorgfältig, löst die Blumenblätter und taucht sie in ein Gemisch von geschlagenen Eiern und Mehl; dann zieht man sie zurück und taucht sie schnell in heißes Del, breitet sie eine halbe Minute lang auf Papier, das das Fett aufsaugt, be­streut sie mit Zucker und serviert sie dann.

LB. Gine heftige Agitation gegen die Newyorker Parsi­fal"-Aufführung wird von dortigen Geistlichen in Szene ge­setzt. Sie erklären die Zaubermädchen- Szenen für unan­ständig, und außerdem werde das Abendmahl aus Geldgier prostituiert. Pastor Shearer erklärte, jemand habe für 500 Dollars Eintrittskarten zerrissen, nachdem ihm die ,, Natur der Aufführung" erklärt worden sei.