Ausgabe 
13.5.1903 Erstes Blatt
 
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xar die Religion nie das Ergebnis der Wissenschaft? So lautete das Thema, über welches gestern Abend im Theatersaal des Cafe Leib der Schriftsteller Friedrich Robert Ehlers sprach. Einleitend ries er durch naheliegende Beispiele darauf hin, weshalb gerade unsere 8- it reif sei für einen reineren und höheren Gottesglauben. Redner legte dar, wie die Religionen ohne Ausnahme das Ergebnis der jeweiligen wissenschaftlichen Er­fenntnis gewesen seien, und ging auf den Unsterblichkeitsges danken ein, der nach seiner Anschauung noch ungleich er­habener sei, als die Schrift ihn lehre. Er betonte, daß er durch eine neue Weltanschauung den Gedanken für einen reineren und höheren Gottesglauben wecken wolle. Die Menschheit bemühe sich nicht für neue Erkenntnis; da müße jeder Einzelne fommen, der etwas tatsächlich Neues zu bieten vermöge. Unterstüßung fände er ja nur auf die schwerste Weise, denn die Menschheit verhalte sich allemal passiv. Das alte Dogmengebäude halte vor der Leuchte der Wissenschaft so wenig stand, daß es überall für einen unserer Zeit wür digen Gottesglauben versage. Nur die Macht der Gewohn­heit halte noch an dem alten Glauben fest. Wüßte man, wie viel für den besseren Glauben schon vorbereitet ist, und wie die Unsterblichkeit der Seele gerade aus den leßten Conse­quenzen der Wissenschaft sich ergebe, so würde auch wohl der Orthodoxeste sich nicht mehr vor einem Wandel im Be­tenntnis scheuen. Die Frommen seien, obwohl sie dem Materialismus verpönen, im höchsten Grade noch selbst materialistisch, denn sie glauben an eine fleischliche Auf­erstehung, wie sie selbst im neuen Testament nicht offenbart

sei.

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Der Vortragende führte Beispiele an, um den Nach­weis zu erbringen, daß auch die christliche Religion das Er­gebnis der Wissenschaft ihrer Zeit war. Auch das neue Teftament reiche in seinen be sten Stellen für die Erfüllung eines Seins im Jenseits noch nicht aus. Einst werde es ein Triumpf der Wissenschaft sein, wenn die Geistlichkeit selbst verkünden müsse: Weil die Wissenschaft in die tiefsten Tiefen haben leuchten können, darum haben wir den neuen Glauben gewonnen. Um hier etwas zu wagen, wo die ganze Welt noch von anderen Vorauss zungen ausgeht, müsse man doch noch etwas mehr als Mut haben, dazu müsse man sich auf Beweismittel stüßen. Der Redner berief sih auf fein 25 jähriges inspiratorisches Forschen" und auf seine Schrift Aus dem Nichts zum Glauben", in der er seine Ge­banten niedergelegt habe. Die ganze Welt der Erscheinungen habe alle Jahrtausende noch garnichts für einen g ringsten Anhalt des Lebens über den Tod hinaus vermocht. Stoff wechsel nennt man' bas große Gesetz für den Wandel alles Fleisches, und bei diesem Wandel berahre sich nichts anderes, von der Wiege bis zum Grabe, als j ner unsichtbare Künstler, von dem Schiller sagt: Es ist der Geist, der sich den Körper baut." Der Redner legte dann dar, das, wenn er auch bis zu einem gewissen Grade Pantheist sei, er dennoch für seine Gotteserkenntnis noch nicht mit dem Panheismus auskommen fönne. Pantheistisch set nachzuweisen, daß alles Wie viel sich durch das Prinzip des Gegensatz 8 bedinge. Wie viel fach und vielfältig die Natur auch erscheine, so sei sie dennoch einfach in dem Sinne, daß sich alles auf eine einzige Dielle zurückführen lasse. In der Verbindung von Körper und Geist als der Vereinigung von Endlichem und Unendlichem erschöpfe sich das All der Natur. Für den ewigen Bestand fordere die Natur das Prinzip des Gegenteils als das sich selbst Bedingende. Die Vereinigung von Körper und Geiſt war seit Jahrtausenden das Höchste Problem der Philosophie. Weil es bisher noch nicht gelöst wurde, müsse es deswegen immer es ungelöst bleiben. Die Elektrizität kenne man durch den Tonner und Blizz alle Jahrtausende; das Gesez stamme aber erst aus unseren Tagen und mit den Geseßen davon empfinde die Menschheit erst den Segen der Elektrizität. Hier wies er auf Beispiele hin. Ebenso sei es mit Philosophie

Der Redner tam sodann zu seiner eigentlichen These: Wenn der Körper deshalb das Was der Welt sei, weil er durch seine in Endlichkeit begrenzte Ausdehnung bestehe, so müsse der Geist als das absolute Gegenteil davon über­all unendlich, unbegrenzt und unausgedehnt sein. Dadurch aber fomme man von einer Ueberraschung zur anderen: Denn wenn das Was die ganze Welt der Erscheinungen umfasse, so bleibe für den Geist nur ein Nichts übrig. Freilich,

Verdingung v. Anstreicherarbeit.

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Die für die Instandsegung von 27 Anschlagtafeln erforderliche Anstreicherarbeit soll Mittwoch, den 20. Mai d. I., vorm. 10½ Uhr öffentlich verdungen werden.

Angebote auf Vordruck, der bet uns erhältlich, sind

bis zum obengenannten Zeitpunkt an uns

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Zuschlagsfrist 14 Tage.

Gießen, ain 11. Mat 1903.

Städt. Tiefbauamt. Braubach.

einzureichen.

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welch ein Nichts. Ein Nichts, das vor den Sinnen feine| Erscheinung mehr haben könne und auch irgend eine wahr nehmbare Spur auffinden lasse, dafür aber die ganze Welt umspanne und so über alle Begriffe weit führe, wie der Ge­danke geh, und dieser sei ohne Anfang und Ende weit. In dem Nichts des Geistes liege die einzige Zuversicht für den unserer Aufklärung würdigen und besseren Glauben. Dann legte der Vortragende an der Hand seiner Darlegungen den Zuhörern nahe, daß es kein Zufall sei, wenn wir mit unserem Leib und unserer Seele die ganze Natur in uns hätten, nicht aber schon Gott. Gott sei ein drittes An­deres, das noch nicht in der Uebereinstimmung der Natur vorhanden sein könne. Gott, der uns Irdischen unerfindlich ist, hätten alle edleren und größeren Naturen durch die Jahr­tausende geahnt, eine grobsinnige Vorstellung aber habe den Das sei die erhabenste Ec­Begriff davon ganz verwirrt. kenntnis, daß Gott sich in der Natur noch überall anschließen müsse; denn weil wir von der Natur und selbst Natur seien, so könnten wir schon um deswillen Gott noch nicht in uns haben. Der Redner sprach als seine Ueberzeugung aus, daß einst der Ausgleich zwischen Wissen und Glauben erfolgen werde: in solcher Zuversicht sollten sich alle Denkenden zu­sammenfinden, dann wüchse die Hoffnung, daß endlich das vieltausendjährige Bei- und Hauptwerk im Glauben, daß der jammervolle Aberglaube wenigstens für die Kirche seine Macht verlöre. Der Vortragende glaubt an eine weltbefreiende Reformation und feierte die große Zeit, deren Söhne sich reif fühlten, für sie zu handeln.-

** Gastwirt Brottengeier im Orpheum zu Gießen hat den Konkurs angemeldet. Zum Konkursver. walter ist der Privatier Kurt von Münchow ernannt

worden.

** Verhaftet wurde, wie auswärtigen Blättern berichtet wurde, der Feldwebel Jeckel, Verwalter des Offiziers tafinos Gießen, unter dem Verdacht, fortgesette Unter­schlagungen begangen zu haben. Der Mann ist ver­heiratet und dient im 12. Jahre.

Aus Hessen und nachbargebieten.

Homberg( Hessen), 12. In Neuenhain eifrankten 3 Landwirt, die einem anderen Landwirt beim Abziehen einer verendeten Kuh behilflich gewesen waren, an Blutver­giftung durch Milzbrand. Alle drei schweben in Lebensge fahr. Um die Krankheit und Todesursache der Kuh hatte man sich nicht bekümmert.

** Biebrich, 11. Mai. Hier wurde gestera Nachmittag ein 5 Jahre altes Mädchen von einem Unbekannten in den Bark geleckt und wahrscheinlich entführt. Das Kind ist seit dem verschwunden.

Bad Ems, 12. Mai. Sämtliche Stadtverordneten unterzeichneten die Eingabe des Magistrats an das Mi­nisterium, in der gegen die beabsichtigte Ve pachtung der fistalischen Mineralquelle Protest erhoben wird. In der Eingabe heißt es, nuc in der Hand der Staatsregierung dürfte der Betrieb der Emser Mineralquellen und der Ver­trieb des Wassers die Interessen aller Betheiligten befriedigen

Stockheim, 10. Mai. An dem Bau der Neben­strecke von hier über Höchst a. d. Nidder nach Vilbel werden in aller Kürze die Erdarbeiten, die Erbauung der erforderlichen Brücken, Durchlässe u. s. m. vergeben, worauf sie sofort in Angriff genommen werden sollen. Bereits im Winter wurden die Durchführung durch die Wälder bei Heldenbergen, Eichen und Altenstadt abgeholzt. Die neue Strecke wird im allgemeinen dem Niddertal folgen und von hier über Glanberg, Lindheim, Altenstadt, Oberau, Höhft, Eichen, Heldenbergen, Büdesheim, Dorfelden und Gronau nach Vilbel führen.

Wölfersheim i. d. Wetterau, 11. Mai. Die neuen staatlichen Fabrifgebäude am hiesigen Bahnhof sind schon seit einiger Zeit vollendet, ebenso die Beamtenwoh­nungen, Bureauräume, Trockenschoppen und der etwa 50 Meter hohe Kamin, der zugleich als Wasserturm dient. In der Fabrik sollen die aus der Grube Ludwigshoffnung" geförderten Braunkohlen zu Briketts verarbeitet werden. Der Betrieb konnte noch nicht aufgenommen werden, da zwischen Staat und Eigentümer gelegentlich der Erbauung der Draht­seilbahn nach der Grube bezüglich des Geländeerwerbs Mei­ROLAND HAMBURG? ROLAND HAMBURG?

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nungsverschiedenheiten eintraten, sodaß die Angelegenheit mehrmals vor dem Provinzial- Ausschuß in Gießen verhandelt werden mußte. Die Drahtseilbahn wird 1,8 Klm. lang und erhält 20 Pfeiler. Die Gesammtkosten für sämtliche Ge­bäulichkeiten, Drahtseilbahn, Gelände u. s. belaufen sich auf nahezu eine Million.

** Darmstadt, 9. Mai. Auf dem nördlichen Teil des Personenbahnhofes der Main- Neckar- Bahn wurde nach Aus­fahrt eines Güterzuges ein Mann im Alter von 24 bis 25 Jahren aufgefunden, welchem beide Beine sowie ein Teil der rechten Hand abgefahren waren. Nich den in seinem Besitz befindlichen Papieren heißt der Verunglückte Alfred Weniger aus Saalfeld in Thüringen gebürtig und als Cigarren­Reisender bei einer Firma Zeitlofs in Stellung.

Frankfurt a. M., 11. Mai.( Getreidemarit- Bericht.) Troßdem der im Laufe vergangener Woche vorübergehenden matteren Tendenz hat sich der Getreidepreis in den letzten Tagen wiederum derartig fest gestaltet, daß derselbe seinen alten Stand wieder erreicht hat. Die fortgesetzte gute Kauf­lust Frankreichs und Englands, sowie ungünstigere Ernte­berichte aus Amerika haben hierzu wesentlich beigetragen. Fremder Weizen ist in seinen Qualitäten gesucht und knapp offeriert, während für Lieferung das Geschäft beschränkt bleibt. Für Mehl herrschte gute Nachfrage, i doch ble ben die Mühlen sehr reserviert, da selbst der erhöhte Wehlpreis im Verhältnis zu den Wetzenforderungen schlechtes Rendement giebt. Landwetzen weniger offeriert, bei guter Nachfrage. Gerste geschäftslos. Hafer, speziell inländischer, knapper aus­geboten, russischer ebenfalls anziehend. Mais in gesunder Waare sehr knapp und behauptet, defekte Qualitäten wesentlich billiger erhältlich. Futterertikel sehr knapp und gesucht, speziell Weizenschalen und Futtermehl. Es notiert: Weizen, hiesiger und Wetterauer Mart 17.00-17 10, ab Station unserer Gegend Mt. 16.70 bis 16 80, furhessischer Mt. 17.00-17.10, norddeutscher Mt. 17 30 bis 17.40 Amerikaner Redwinter Mk 17.50 bis 17.75, Kansas Mt. 17.50-17.75, russischer Nico­lajeff Mt. 17.20-18.30, Saronska Mt. 17 10-18.10, Uifa Mt. 16.90-17.90, Azima M. 17.30-18.50, La Plata Mt. 16.90-18.20, rumänischer Mt. 17.50-18.10, Walla Walla 17.75 bis 17 90. Roggen hiesiger Mt. 14 90 bis 15.00, russischer Mt. 14.75-15.10, Amerikaner Mf. 14 80-15.10. Gerste, hiesige Mt. 15.20-15.50, Pfälzer Mt. 16.10-16.50, fränkische Mt-.---, Riedgerste Mt.---, ungarische Mt.-- Hafer, hiesiger und W.tterauer Mt. 14.90-15.10, furhessischer -.-, baye 14.80 bis 15 10, Württemberger Mt.-.­rischer Mt. 14.50-15,50, russischer, Mt. 14.50 bis 15 50, Ma& Mixed Mt. 11.80-12.10, Weißer Mais Mt. 12 50 bis 12.75, La Plata 14 10-14.30, Odessa Mt. 14.20 bis Mt. 14.40, Virginia Mt. 14.90-15.10. Alles per 100 Kilo netto effettiv loco hier.- Mehl fest. Es notiert nach Qualität: Weizenmehl hies. Nr. 0, Mr. 25.75 bis 26.25, feinere Marken Mt. 28.75 bis 29,25, hief. Nr. 1 Mt. 23.75-24 25, feinere Marken Mt. 25 25 bis 25.75, hies. Nr. 2, Mt. 22.75-23.25, feinere Marken Mt. 23.75-24.25, hies. Nr. 3, Mt. 21.75-22 25, feinere Marten Mt. 22 75-23.25, hiesiges Nr. 4, Mt. 19.00-19.50, feinere Marken Mt. 19 75-20.25, Roggen­mehl, hiesiges Nr. O, Mt. 22 75-23.25, do. Nr. 1, Mt. 20.25 bis 21.25, do. Nc. 2 Mt. 15.75-16.25. Alles p.r 100 kilo incl. Sack loco hier.- Futterartikel gesucht. Weizenschalen Mt. 4.70-4.80, Weizenkleie Mk. 4.65-4.75, Roggentleie Mt. 4.90-5.10, Weiz n- Futtermehl Mt. 6.25 b8 6.75, Biertreber, getrocknet Mt. 5.50-5 60, Malz­feime Mt. 5 10-5. 20, Rapstuchen Mt. 5.50 bis 5 60, Balmfuchen Mt. 560-5.70. Alles per 50 Kilo netto effeftiv loco hier, bei Abnahme von 10 000 lo.

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