Kinderlegen und Volkskraft.
( Von unserem ständigen CB.- Mitarbeiter.)
Eine hochgestellte amerikanische Dame hat in einem Briefe an den Präsidenten Roosevelt darauf hingewie sen, daß die Vereinigten Staaten unmittelbar nach Frankreich in der Geburtenfrequenz stehen, daß also die alljährliche Einwanderung nach Amerifi netwendig sei, um die neue Welt gegen einen Bevölkerungsrückgang zu schüßen. Präsident Roosevelt hat daraufhin in seinem Antwortschreiben seinen Mißfallen über die Ehe- und Kinderscheu Ausdruck gegeben und diejenigen Personen, die durch eigene Schuld bezw. infolge eigenen Entschlusses den Freuden des Familienlebens und der Kindererziehung entfagen, Verbrecher an ihrer eigenen Rasse genannt.
In der Tat nimmt Amerika in der Geburtenfrequenz bie zweitniedrigste Etellung ein. Zwar ist seine prozentuale Ziffer von 27 auf das Tausend auf 29 hin augerückt, Frankreich steht mit seiner Ziffer von 27,3 am tiefsten. In den europäischen Lä: ern steht Deutschland mit seiner Geburtenziffer von 41,7 obenan, dann folgen Desterreich mit 40,1, Italien mit 38,1, England mit 37,5, Belgien mit 34, die Schweiz mit 32,4 und Echweden mit 31,6. Jn früheren Jahren hat man vielfach angenommen, daß die germanischen Völker weit mehr dem Familienleben zuneigten bzw. ei e größere Kinderzahl aufwiesen, als die in ihrer Kultur bereits erschlafften Romanen. Dem widerspricht auf der einen Seite die niedrige Frequenz der Schweden, auf der an beren Seite die hohe Geburtenziffer Italiens, wenn man nicht etwa, wie viele Geschichtsforscher es tun, ganz Oberitalien in seiner Bevölkerungszusammensetzung als eine germanische Provinz ansieht. Oberitalien aber hat tatsächlich einen starken Anteil an der Geburtenfrequenz.
Offenbar üben die wirtschaftlichen Verhältnisse auf bie Heiratslust und den Ehesegen einen großen Einfluß aus. Da wo eine frühe Selbständigkeit möglich ist, haben wir auch einen stärkeren Kindersegen. So haben die Königreiche Sachsen und Württemberg eine Frequenz von 45-47 erreicht, während diese in den Großherzogtümern Oldenburg und Mecklenburg nur auf 33 gekommen ist. Weiterhin bildet einen Maßstab für den Zusammenhang zwischen Wirtschaftsverhältnissen und Familienstand die Tatsache, daß während der Wirtschaftskrise in den achtziger Jahren die Zahl der Eheschließungen und der Geburten ganz erheblich siel. Damals hatte das Deutsche Reich eine Geburten frequenz von nur 38, es hatte troßdem auch damals die Führung in der Geburtenstatistik; die Ziffer in Frankreich sank damals von 27 auf 23. Ganz analog entwickelt sich auch die Kurve in Anierika, wo mit der Befestigung ber inneren Wirtschaftsverhältnisse auch die Geburtenfrequenz wächst. Außerdem kommen dort die ganz absonderlichen Verhältnisse in Betracht, die der Präsident Roosevelt noch nicht genügend berücksichtigt. Amerika hat nicht einmal eine stabile Bevölke cung, geschweige denn eine Rasse. Der jährlichen Einwanderung steht auch ein jährlicher Bevölkerungsabfluß und ein starker Menschenberbrauch durch Siechtum, Elend und Selbstmord gegenüber. Amerika ist heute noch das Land des raschen Vermögensgewinnes; aber auch das Land, in dem man für die Erreichung dieses Zieles die ganze Persönlichkeit einsezen muß. Außerdem aber ist es auch das Land, bas wegen seines nüchternen Realismus in den wenigsten Menschen die poetische Empfindung des Heimatsbewußtseins aufkeimen läßt. Wer drüben sein Glück gemacht hat, kehrt mit Vorliebe in sein Vaterland zurück und grünbet vielleicht in späteren Jahren seinen eigenen Herd unter glücklicheren Verhältnissen, als es ihm in der Jugend möglich war.
Mit dem Präsidenten ist die Ungeduld und der Enthusiasmus seines sanguinischen Wesens durchgegangen. In seinen Augen ist die amerikanische Bevölkerung be reits eine konsolidierte Masse, eine Rasse; in Wirklichkeit aber herrschen dort noch heute- wenn auch prozentual verringert die Verhältnisse von ehedem- das Land der Abenteuer ist noch nicht reif für die Zeit der Seßhaftigkeit, des ruhigen Familienlebens und des Kinbersegens. Darin wird die alte Welt immer noch vorangehen. Uns aber ist die rasche Bevölkerungszunahme eine Gewähr dafür, daß auch unsere Bedeutung in der Welt nicht sinken kann, solange unser guter Stern für kräftigen Volksnachwuchs sorgt.
Hus dem Gerichtsfaal.
§ Ein ungetreuer Konkursverwalter. Vor der Span. dauer Strafkammer wurde der frühere Konkursverwalter Hegert zu vier Jahren Gefängnis und dreijährigem Ehrverlust verurteilt. Hegert hatte während seiner dreijährigen Tätigkeit als Konkursverwalter die kolossale Summe von 80 000 Mart veruntreut. Als er sab dau or
die Entdeckung seiner Verfehlungen nicht weiter hinausschieben könne, ging er mit 10 000 Mark, die er sich auf einen gefälschten Wechsel verschaffte, auf Reisen. Nachdem er an der Spielbant von Monaco sein Glück versucht und seinen lezten Franc verspielt hatte, kehrte er mittellos zurück und stellte sich den Behörden.
§ Misbrauchte Vertrauenspellung. Die Hauptverhandlung gegen die Gebrüder Besas zu Berlin wegen Untreue und Betruges wurde bald nach Eintritt in die Beweisaufnahme vertagt. Ein neuer Termin ist bisher noch nicht anberaumt. Die beiden Brüder Besas sind, wie erinnerlich, beschuldigt, ihre Vertrauensstellung als Kassierer des Hauses N. Israel zu betrügerischen Manipulationen mißbraucht zu haben.
§ Ein frecher Totschläger. Vom Berliner Schwu gericht wurde der Klempnergeselle Reinhold von Mansky wegen Körperveclegung mit tötlichem Ausgange zu acht Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Er hatte in der Nacht zum 2. Januar den Gastwirt Alisch aus dem Hinterhalte auf offener Straße durch zwei Schrotschüsse ins Gesicht so schwer verleßt, daß dieser nach wenigen Minuten starb. Der Angeklagte benahm sich vor Gericht äußerst frech. Als der Vorsitzende ihn fragte, wovon er eigentlich gelebt habe, erwiderte Mansky frech: Wahrscheinlich von Essen und Trinken!" Er erklärte chnisch, er habe Alisch nicht töten, sondern nur blind schießen wollen, jener sollte nicht mehr Echanfwirt sein, die Leute sollten ihm nicht mehr Geld zutragen, sondern er sollte arbeiten und vielleicht in ber Blindenanstalt Stühle flechten müssen.
§ Ter Mord im Eisenbahnwagen, dem am 15. Juli 1902 der deutsche Arzt Dr. Ordenstein bei Paris zum Opfer fiel, hat seine Sühne gefunden. Der Mörder, ein früherer Postbeamter Chabaneix, wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt.
§ Der Prozeß der Bourbonen. Der Appellhof in Rouen fällte das Urteil in dem Prozesse, der seit Jahr und Tag von den Mitgliedern der Bourbonen- Familie von Neapel, dem Er- König Franz II und dem Vicomte Heinrich von Bari, dem angeblichen Sohne des Grafen von Bari, eines jüngeren Bruders des Ex- Königs geführt wurde. Im Jahre 1860, als der Ex- König Beider Sizilien auf der Festung Gaeta gefangen saß, weilte sein Bruder, der Graf von Bari, der damals kaum 8 Jahre alt war, mit der Großmutter in Rom. Genau 20 Jahre später heiratete der Graf von Bari ein Frl. v. Marconnay, eine ehemalige Tänzerin, und zwei Jahre später erkannte er einen 1864(!) geborenen Sohn der Tänzerin als sein eigenes Kind an. Während der Ex- König und der Graf von Caserta behaupteten, daß ein laum zwölfjähriger Knabe nicht Vater werden könne, wollte der Graf b. Bari beweisen, daß Frl. v. Marconnay im Jahre 1864 in Rom gewesen und dort von ihm verführt worden sei(!). Der gesunde Menschenverstand trug den Sieg davon. Der Appellhof bestätigte, nach dem Antrage der Staatsanwaltschaft, das Ürteil der früheren Instanzen, das die Anerkennung des jezigen Vicegrafen von Bari für ungiltig erklärte.
Die
Vermischtes.
[ Prinzessin Luise von Toskana als Bühnenheldin.] Das Hamburger Ernst Drückertheater hat in diesen Tagen ein Stück unter dem Titel„ Fürstin Melanie" oder ,, Ehre und Leidenschaft" aufgeführt. Troßdem die Handlung im Jahre 1770 spielt, weiß jeder, wenn der Vorhang sich nach dem ersten Bilde senkt, daß hier die bekannten Vorgänge am sächsischen Königshose behandelt werden. Hamburg hat bekanntlich keine Zensur, wenigstens feine öffentliche, trotzdem liest die Polizeibehörde aufmerksam jedes Stück und stellt ihre Wünsche". Und so spielte das Stück im Jahre 1770. Es gefiel dem Publikum ungemein.
[ Zwei Seelen und ein Gedanke.] In Hamburg geriet ein erst seit kurzem verheiratetes Ehepaar vor einigen Tagen in Meinungsdifferenzen, die schließlich einen so schlimmen Charakter annahmen, daß der Mann sich hinreißen ließ, seiner Frau einige Maulschellen zu applizieren, für die diese mit einigen Biß- und Kraßwunden quittierte. Darauf gingen sie von einander. Beide brüteten fürchterliche Rache und beide versielen auf einen und denselben Plan, um ihre Rache zu kühlen. ,, Eie" verfaßte ein Inserat: ,, Bitte meinem Mann nichts auf meinen Namen zu borgen, da er mich böswillig verlassen hat." Als sie mit diesem Inserat eine Annoncenexpedition betrat, fand sie ihn schon vor, wie er gerade ein ähnlich lautendes Inserat, gegen sie gerichtet, aufgeben wollte. Beide waren erst sehr betreten, dann las einer über die Schultern des anderen hinweg das Juserat, und dann brachen beide in ein schallendes Gelächter aus und schließlich versöhnten sie sich mit einander.
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:::[ Die lange Nase.] Eine lustige Geschichte erzählt ein belgisches Blatt: Ms im Jahre 1871 der neuernannte japanische Gesandte am niederländischen Hofe, Graf Jwatura, in Amsterdam landete, zeigte ihm eine Schar Gassenjungen, die auf dem Damm spielten und wahrscheinlig noch nie einen Japaner gesehen hatten, eine ,, lange Nase. Der Gesandte, der diese freundliche Geberde nicht kannt, erkundigte sich bei dem Ritter von Siebold, der bei der niederländischen Gesandtschaft in Tokio die Stelle eines Kanzlers bekleidete und als Einführer des japanischen Gesandten mit herübergekommen war, nach ihrer tiefer Bedeutung. Der Kanzler war sehr verlegen, dann aber erklärte er feck, daß die liebliche Geste in Holland al das höchste Zeichen von Achtung gelte. Als der Gesandte einige Tage später in feierlicher Audienz dem Wilhelm vorgestellt wurde, war seine erste Sorge, den Monarchen eine lange Nase" zu zeigen, die das ganze Gefolge des Japaners mit großer Würde nachahmte. Man kann sich denken, welche überraschende Wirkung diese eigen artige Huldigung auf den König ausübte. Nur Ritter Siebold kannte die Ursache dieser fürchterlichen Verletzung höfischer Etiquette, aber er zog sich, als ihn der König fragend anblickte, mit Glanz aus der Affäre, indem a kühn darauflos log, daß die seltsame Begrüßung in Japan üblich sei, wenn man Königen und hohen Staatswürden. trägern eine besondere Ehre erweisen wolle. Nun machte der König wieder ein freundliches Gesicht und zeigte dem Japaner selbst eine lange Nase", was der ganze Hos staat pflichtschuldigst nachahmte.
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[ die teuren Humbert. Man hat ausgerechnet, daß die Familie Humbert dem französischen Staate nicht weniger als 200 000 Francs kosten werden. Bis zum ersten Januar war nach Angabe des Justizministers in der Budgetkommission für Aufsuchen und Wiederho len der Schwindler schon das hübsche Sümmchen von 110 849 Francs verausgabt worden. Jezt kommen noch die hohen Prozeßkosten hinzu.
*[ Antomobile im Dienste der Wahlbewegung.] Bei den jüngsten englischen Gemeinderatswahlen im Be zirke Chertsey spielte das Automobil eine große Rolle Es ist ja bekannt, daß der englische Wähler nicht gern zur Urne geht, er will im Wagen zum Wahllokal geführ werden. Am Wahltage sah man denn von beiden Par teien, der fortschrittlichen wie von der konservativen, im ganzen gegen 70 Automobile in den Dienst gestellt. Viele Wähler hatten ganz offen erklärt, daß sie ihre Stimme nicht abgeben, wenn man sie nicht im Automobil abhole. Die Automobile mußten ihren Zweck ganz ausgezeichnet erfüllt haben, denn man hatte noch nie mals eine so lebhafte Wahlbeteiligung gesehen. Mehr als 80 Prozent sind ihren Wählerpflichten nachgekommen.
Das Ende des Nachtwandlers. Im Hotel zum Schwanen in Zürich spielte sich zu mitternächtlicher Stunde eine aufregende Szene ab. Der dort angest lit: B demeister Keller, welcher im frankhaften Zustande des Schlafwan delns über die Dachränder gekletteri und über den First geeilt war, stürzte, wohl im Augenblick des Erwachens, mit einem gellenden Aufschrei in die Tiefe und zar sofort tot.
:| Vom Pferde geschleift. Auf schreckliche Weise ist ein Trompeter des 33. Feldartillerieregiments in Mez verunglückt. Morgens 4 Uhr hielten Zollbeamte am Fried hofstor ein Pferd an, das seinen Reiter, der mit dem Fuße in einem Steigbügel hing, hinter sich herschleifte. Der Unglückliche war bereits in St. Julien gestürzt und vom Pferde dann bis zum Friedhofstor, eine gute halbe Stunde geschleift worden. Er war im Gesicht und am Kopfe schred. lich zerschunden, lebte jedoch noch, und es ist Hoffnung vorhanden, daß er wieder hergestellt wird.
::: Jugend von heute. In Klein Steinheim erhielt ein 14jähriger Voltsschüler von seinem Lehrer wegen Ungezogenheiten eine Ohrfeige, weiche den Jungen so in Wut versetzte, daß er dem Lehrer einige Faustschläge ins Gesicht und Fußtritte an den Unterleib versezte, sodaß der Ueberraschte in Ohnmacht fiel. Als am an beren Tage wegen Unwohlseins des Lehrers der Un terricht ausfiel, rief der Knabe seinen Mitschülern in freudigster Stimmung zu:„ Das habt ihr mir zu verbanken, meine Herren!"
(!) Ein Eisersucht drama. Aus Rom berichten italie nische Blätter: Der Finanzsoldat Johann Romeo in Ponte Nomentano ging mit seiner Braut Emilia Bilozzi spazieren, wobei er ihr vorwars, daß sie ihm Grund zur Eifersucht gebe. Das Mädchen leugnete dies. Da zog Romeo plötzlich einen Dolch und versetzte seiner Braut zwei tiefe Etiche. Dann bat er sie um Verzeihung und lief zum nächsten Karabinieriposten, woselbst er seine Untat eingestand. Emilia Pilozzi war unterdessen von einer Bäuerin gefunden worden, und ohne zu wis sen, daß ihr Bräutigam sich bereits selbst gestellt hatte, erzählte sie, offenbar um denselben vor Verfolgung und Strafe zu bewahren, daß ein Unbekannter sie überfallen und gestochen habe. Dann starb sie.
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grüßte die Frauen, ehe er jedoch weiter jprach, fiel sein Auge auf den Hut, ruhte einige Augenblicke darauf und
Der Kaiser trat ein und
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Mr. 84.
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Donnerstag, den 9. April.
1903.


