Ausgabe 
7.11.1903 Zweites Blatt
 
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+[ Mommsens Zerstreutheit.] Aus der Fülle von Anek­doten, die nach des großen Historikers Tode naturgemäß auf­tauchen, seien hier in aller Kürze noch einige charakteristische Züge von der starken zerstreutheit wiedergegeben, an der Mommsen, wie so viele andere große Gelehrte, litt. Es passierte ihm oft, daß er Briefe, die er bei seinen Ausgängen mit sich nahm, um sie bei der Post aufzugeben, am Abend in seinem eigenen Briefkasten an der Wohnungstür, in den er sie geworfen, wiederfand. So kam er auch einmal zu einem Friseur, um sich das Haar schneiden zu lassen. Als der Friseur die Operation für beendigt erklärte, betrachtete sich Mommsen im Spiegel und setzte sich wieder nieder mit den Worten: Sie haben mir die Haare zu kurz geschnitten, ich wünsche sie länger."

*[ Ein Riesen- Fischzug] fand in dem zur fürstlich) Schwarzenbergschen Herrschaft Wittingau bei Budweis ge­hörigen Rosenberger Teiche statt. Die Abfischung des seit drei Jahren geschonten, 1200 Joch Flächenraum umfassenden Teiches ergab innerhalb 4 Tagen ein Ergebnis von 900 Meter­zentner Schuppen-, Spiegel- und Lederkarpfen, 40 Meter­zentner Schille, 15 Meterzentner Hechte und viele Meter­zentner französische Muränen, Aale, Schille, Barsche, Welse und sonstige Arten Fische, also ungefähr 1000 Meterzentner Fische im Gesamtwerte von 160 000 kronen. Das Gros der Fische wurde an Händler verkauft, der übrige Teil wurde in die Einsätze der fürstlichen Teichwirtschaft nach Wittin gau gebracht. Dem interessanten Schauspiele wohnten zahl­reiche Zuschauer aus der Umgebung, aber auch aus weiter Ferne bei. So waren u. a. auch Gäste aus Helsingfors er­schienen.

[ Amerikanischer Humbug.] Die amerikanischen Blätter erzählen wunderbare Märchen von der bevorstehenden Hoch­zeit der Miß May Goelet und des Herzogs von Rorburghe. Die Hochzeit soll an Glanz und Pracht alles übertreffen, was man bisher in Amerika auf dem dornenvollen Gebiete der Eheschließungen erlebt hat. Zunächst wird in den Zeit­ungen konstatiert, daß Miß Goelet die reichste Erbin der Welt ist. Das ist vielleicht wahr! Dann wird erzählt, daß Miß Goelet ihrem Bräutigam eine Mitgift von 560 Millionen Mark in die Ehe bringe. Das ist sicher gelogen! Ferner wird berichtet, daß die Millionäre Vanderbilt und Astor der jungen Braut ie ein Perlen- und Diamantenhalsband als Hochzeitsgeschenk überreichen werden. Das mag schon stim­men! Dann aber wird hinzugefügt, daß besagte Perlen- und Diamantenfetten 8, bezw. 6 Millionen Mark kosten sollen. Das ist sicher ,, Aufschnitt"! Daß zu der Hochzeitsfeier 2000 Gäste geladen sein sollen, das kann möglich sein; daß diese 2000 Gäste aber lauter Millionäre und Millionärinnen sein sollen, das ist unmöglich! Und wenn zuletzt behauptet wird, daß für die Trauung in der Kirche Blumen im Werte von 1 Million Mark bestellt worden seien, so darf man dieser Meldung wohl auch drei große Fragezeichen anfügen. Die amerikanischen Zeitungen sind eben gewöhnt, den Mund recht voll zu nehmen, und der große Barnum hätte für seine Naturwunder- Ausstellung auch keine größere Reklame machen können, als jeẞt in der gelben Presse für die Hochzeit Goelet­Rorburghe gemacht wird.

[ Die größte und kleinste Flasche der Welt] kann man zur Zeit im Schaufenster einer Glasfabrik in New- Jersey sehen. Es ist die größte geblasene Glasflasche in der Welt; sie faßt 65 Gallonen( 1 Gallone gleich 4,54 Liter) Flüssig= feit und ähnelt in der Form einer Saugflasche, da sie in der Mitte ausgebaucht ist und einen engen Hals hat. Diese Riesenflasche ist faſt 5 Fuß hoch und hat an ihrem breitesten Teil einen Umfang von etwa 4 Fuß. Der Mann, der die Flasche blies, ist ebenso groß wie diese. Wenn er sich durch den Hals hindurchdrücken könnte, würde er im Innern der Flasche bequem schlafen können. Am Fuße der Niesenflasche sieht man, auf eine Karte geheftet, die kleinste Flasche der Welt, die gerade vier Tropfen hält und mit einer Sprite gefüllt wird, wie man sie zu Einspritzungen unter die Haut gebraucht. Die Flasche ist so klein, daß sie gegen einen tief­schwarzen Hintergrund befestigt ist, damit die Leute, die das Schaufenster besichtigen, sie auch bemerken können. Die An­fertigung dieser kleinen Flasche erforderte mehr Zeit, als zur Herstellung der Riesenflasche nötig war.

** Der ,, Milchbringer". Für alle jungen Mütter von höch. ster Wichtigkeit ist eine Mitteilung, die der Berliner Hygie­nifer Dr. Blocisti in einem Vortrage über die Bedeutung und Unterstützung des Stillens machte, den er vorgestern im Konferenzsaale des Kgl. Polizeipräsidiums vor dem Verein Berliner Hebammen hielt. Er wies eindringlichst darauf hin, daß die Muttermilch durch keinerlei Surrogate zu ersetzen sei, weise ja auch die Sterblichkeit der Flaschensäuglinge eine sechs­mal so große Quote auf, als die der mit Muttermilch auf­gezogenen. Neuere Untersuchungen haben zur Gewißheit ge­macht, daß die Zusammensetzung der Milch in einem bestimm­ten Zusammenhang mit dem Wachstum der Körper ſtehe. Seit 400 Jahren sei der Unfug der künstlichen Säuglings­ernährung eingerissen. In vielen Fällen wegen der zu­nehmenden Unfähigkeit der Mütter, zu stillen, die im Alkoholismus der Eltern ihre Ursache hat; oftmals aber leider aus geradezu verbrecherischer Nachlässigkeit. Refe­rent tritt mit Entschiedenheit dafür ein, daß aus rassen­hygienischen Gründen die Stillungspflicht wieder in das Bewußtsein der Mütter gebracht werde. Denn auch in den Fällen, wo es scheinbar an Nahrung" fehlt, haben wir jetzt in dem Baumwollſamenmehl, das zum menschlichen Genuß unter dem Namen Lactagol( Milchbringer) in den Handel kommt, ein Mittel, das die Sefretion der Milchdrüsen ganz gewaltig steigert. Man hat mit diesem Präparat eine Erfahrung verwertet, die seit langem schon säugende Negerinnen und in Europa eine rationell arbeitende Milch­produktion gemacht hat. Im Anschluß an die Ausführ­ungen des Referenten ermahnte die Vorsitzende ihre Kolle­ginnen eindringlichst, überall auf das Selbststillen der Mütter zu dringen und sich in Fällen nachlassender Se­kretion des neuen empfohlenen Mittels zu bedienen.

Seine Schwäch e. Richter( zum Angeklagten): ... Fünf Gästen haben Sie also Maßtrüge an den Kopf geworfen und acht hinausgeworfen?"- Angeklagter: Ja ia das ist eben meine Schwäch e!"

Großer Unterschied. Junge Frau: Männchen, früher als Braut konnte ich so oft das traute Endlich allein" von dir hören!" Mann: D, das sage ich noch oft - nur hörst du es nicht!"

Der schlaue Trinker. A.( in der Kneipe nach Mitternacht): Warum gehst denn du immer erst nach 12 Uhr heim?" B.: Ja, weißt du, wenn es eins, zwei oder drei schlägt, kennt sich meine Alte nimmer aus und meint, es ist viertel, halb oder dreiviertel - und da kann ich sagen, was ich mag!"

Waidmännischer Vergleich. Förster( von den ungünstigen Ergebnissen des ersten Versuchs mit einem enkbaren Luftschiffe lesend): Hm! Das scheint so was Aehnliches wie ein Dackel zu sein!" ( Fl. Bl.)

Aus dem Gerichtsfaal.

§ Ein großer Spielerprozeß hat in Dresden zu der Ver­urteilung von fünfzehn gewerbsmäßigen Glücksspielern zu Gefängnisstrafen von fünfviertel Jahren bis 4 Monaten geführt. Die Angeklagten gehörten den verschiedensten Ständen an. Gespielt wurde Meine Tante, deine Tante", Tippen", Siebzehn und Vier"," Poker", Mauscheln", ,, Lustige Sieben" und Knobeln". Gesetzt wurden 20, 40, aber auch 100 und 200 Mart, und nicht selten lagen 10 000 Mart auf dem Tisch. Die Opfer waren meist Dresdener Geschäftsleute oder Landwirte aus der Umgebung. Ihnen wurden von den geriebenen Spielern, von denen einzelne auf eine 30jährige Praris zurückblicken konnten, auf einen Sitz Summen wie 700, 1000, 1200, 1500, 2000, ja 6500 Mark( 1) abgeknöpft, ein Kaufmann verlor im ganzen 10 000 Mark, ein Bäckermeister ſein ganzes Vermögen von 50 000 Mark.(!) Dabei floß der Seft in Strömen. Die Angeklagten reisten aber auch nach deutschen und aus­ländischen Rennplätzen, sowie in Bädern umher, um ihre Opfer zu rupsen.

§ Zum Tode verurteilt wurde vom Oberkriegsgericht des 10. Armeefords abermals der Füsifer Jacubowski vom

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Infanterieregiment 73. Das Reichsmilitärgericht hatte, wis erinnerlich, das erste Urteil kürzlich verworfen und der Fall zur nochmaligen Verhandlung an das Oberkriegs gericht zu Hannover zurückverwiesen. Jacubowski hatta die Wirtschafterin der Lichtermühle bei Hannover über­fallen und ermordet.

§ Das Revisionsgesuch der Humberts verworfen. Der Pariser Kassationshof hat die von dem Ehepaar Humbert eingelegte Revision verworfen. Dieſe ſtützte sich darauf, daß Beamte des Pariser Poſtbureaus das Amtsgeheimnis verlett hatten, daß zweitens der Untersuchungsrichter Leydet sich geweigert habe, vor Gericht Angaben über die Affäre Cattani zu machen, und daß drittens die Verwendung des erfundenem Namens Crawford keinen Betrug darstelle. Da es nach der Ablehnung der Revision der großen Therese" nunmehr möglich gemacht ist, einen politischen Skandal im Gerichts­saal in Szene zu setzen, wollen die Nationalisten in der Kammer dieses Amt auf sich nehmen und durch eine Inter­pellation die in die Humbert- Affäre verwickelten Politiker an den Pranger stellen.

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§ Die Wiederaufnahme des Dreyfus- Prozesses soll nad Pariser Meldungen in naher Aussicht stehen. Dreyfus ha seine der Familie Arconati auf ihrem Schloß in Brabant gemachte Zusage, an den Jagden auf deren Schloß teilzu nehmen, wieder rückgängig gemacht. In dem Absagebrief teilt Dreyfus mit, daß Kriegsminister André ihn ersust habe, Paris nicht zu verlassen, da seine Revision bevorstehe Kriegsminister André hatte sich, wie erinnerlich, infolge der im April von Jaurès in der Deputiertenfammer eingeleiteten Kampagne zur Wiederaufnahme der Dreyfus- Affäre ber pflichtet, eine Enquete einzuleiten, doch hatte die Kammer in damals angenommener Tagesordnung verlangt, daß die Affäre fortan auf das juristische Gebiet beschränkt bleibe. André soll nun im Laufe dieser Untersuchung eine neue bedeutsame Fälschung in den Akten entdeckt haben. Es ist das Schriftstück, in dem der auf Dreyfus gedeutete Anfangs buchstabe D. vorkommt. Das Schriftstück war ſchon mehrere Monate vor der Verhaftung Dreyfus' von Lemercier- Picard auf Befehl seiner Vorgesetzten angefertigt worden. Der Kriegsminister hat seinen Kollegen von dieser neuen Ent­deckung Kenntnis gegeben und Alfred Dreyfus darüber ver ständigt. Die französische Regierung wird die Initiative zur Revision nicht ergreifen, um in Uebereinstimmung mit dem letzten auf den Dreyfushandel bezüglichen Willensausdru der Kammer zu bleiben. Dafür wird Dreyfus selbst sich mil der aufgedeckten neuen Tatsache" an die Justizbehörde wenden.

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Nr. 262

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