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262 Grites Blatt.
Wonnement& prete: in Gießen, abgeholt monatlich 50 fg., Gaus gebracht 60 fg., durch die Poft bezogen viertel fährlich Mr. 1.50.
Butt@ bellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) herbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und temban, sowie die Gießener Selfenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nachmitags.
Samstag, den 7. November 1903.
Gießener
12. Jabrgang.
Insertionsprei 8: Die einfpaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kretse Weylar und Marburg 10 fg. fonft 15 Pfg.: Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 fg.
Bostzeitungsliste No. 3969.
Rebaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 98. Berufsrechanichla Nr. 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Esthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Heufserlichkeiten.
[ Politische Wochenschau.]
Kein Verständiger kann leugnen, daß die Aeußerlichleiten überhand nehmen in der Welt und das Innerliche mehr und mehr zurückdrängen. Leider kann man sich nicht berheh len, daß das Volk der Dichter und Denker, wie man uns Deutsche früher wohl genannt hat, in der Pflege solSer Reußerlichkeiten vorangeht. Die spartanische Einfachbeit, die jahrhundertelang unsere Zierde gebildet, die uns nfere Stellung in der Welt errang, ist längst nicht mehr. Wir feiern die Feste nicht bloß, wenn sie fallen, sondern geben uns Mühe, immer neue hinzu zu erfinden. Wir baben uns schon dermaßen daran gewöhnt, daß wir es beinahe permissen würden, wenn's plötzlich anders würde. Das ist ein tief beklagenswertes Zeichen unserer Zeit.
Dieser Hang zu Azuzerlichkeiten ist wie eine Epidemie über die Leute gekommen. Wir finden seine Spuren, wohin wir blicken in der Welt. Nicht zum wenigsten kommt er zur Beltung im Verkehr der Völker untereinander, in der Poliif und auf verwandten Gebieten. Auch die Biesbadener Entrevue wird von vielen Seiten nur als eine solche Aeußerfeit gedeutet, wenngleich hier nicht verkannt werden darf, daß Sie ganze Situation denn doch auf ernstere Ziele hinweist. Aber man wird für solches Mißtrauen immerhin eine gewisse Berechtigung finden, wenn man bedenkt, daß es gerade der Bar war, der die Haager Konferenz veranlaßt hat, jene ausgeprägte Aeußerlichkeit. Und hat nicht gerade dieser Friedenszar die Hand an den gezückten Degen gelegt, schreitet er nicht gerade am entschlossensten und rücksichtslosesten vorwärts, bereit, mit Waffengewalt zu erzwingen, was gutwillig sich seinem Willen nicht beugen will? Aeußerliches und InnerFiches. Und nun die russischen Absichten in Wiesbaden? Die einen munkeln von einer neuen Friedenskonferenz, die anderen von der Rückversicherung Rußlands in der ostasiatischen Affäre, die dritten endlich von Besprechungen in der BalkanFrage. Auch Besprechungen der Balkanfrage hätten nur äußerLichen Wert am Ende tut Rußland da unten doch, was es will. Ein Werben um unsere Freundschaft in ostasiatischen Fragen aber wäre so voll von Selbstsucht, daß unsere Staatsmänner äußerste Vorsicht brauchen müssen, soll anders nicht Das Mabinett an der Neiva allzu leichten Vorteil erjagen auf Deutschlands Kosten. Schließlich ist es aber doch wohl nur ein Stück zu großen Pessimismus, wenn man so spintisiert. Manderlei Enttäuschungen, die man durch Aeußerlichkeiten erlitt, führten eben naturgemäß zu starker Skepsis.
Um Aeußerlichkeiten geht auch der Kampf in Ungarn, Ser noch immer nicht seinen Abschluß fand. Der Partikularismus ist lediglich eine Frucht von Aeußerlichkeiten, und ſeine Bustoüchse sind ihre Folgen. Man stellt das Ganze nicht mehr über das Einz lne, das Bindende nicht mehr über das Trennende; man flebt am äußeren Schein und opfert verBlendet den tiesinnerlichen Kern. Tisza wird viel zu kämpfen haben. Schon bei seinem Entree begrüßten ihn die Obtruktionisten mit Beschimpfung und Lärm. Ein rein äußerliches Moment, die Unterbrechung der Apponyi- Debatte, gab den greifbaren Anlaß dazu. Es ist immer dasselbe.
Und drunten auf dem Balkan, wo man um AeußerlichTeiten den Tumult begann, schleppt man sich weiter von Stunde zu Stunde. Die Ablehnung der Reformnote Rußlands und Desterreich- Ungarns durch die Türkei ist reine Heußerlichkeit. Man hätte sie ruhig annehmen können, denn in Wahrheit wird die Reformierung Mazedoniens doch nur in den Bahnen wandeln, die man im Yildiz- Kiosk für die richtigen hält. Dasselbe gilt für Ostasien, wo der Scheintampf um die Mandschurei und um Paragraphen von papiernen Verträgen nur die nackte Wahrheit verdecken soll, die selbstsüchtig efle Züge trägt. Und der neu entbrannte Bürgerkrieg auf dem Isthmus von Panama, der schon zur Separierung einer Provinz führte? Mißtrauisch schweift das Auge nach Washington und Paris.„ Wenn man erst die neuen Männer der neuen Regierung fennt, wird die Anerkennung der neuen Republik von seiten Frankreichs und der Vereinigten Staaten sicherlich erfolgen." Was sagt dieses berfchleierte Zugeständnis nicht alles für die, welche gewohnt sind, die Dinge der Welt ohne Illusionen zu schauen. Mundus vult decipi, ergo decipiatur. Auf den äußeren Shein kommt es an in unseren Tagen. Innerlichkeit und Wahrhaftigkeit im Staatengetriebe sind modernen Waffen gewichen, von denen man sagt, daß sie zur diplomatischen Kunst gehören. Das ist ein tief beschämendes Zeugnis für die Oberflächlichkeit unserer Zeit.
Ein Blutbad in Deutsch- Afrika?
Aufregende Meldungen von einer Niedermezelung aller Deutschen in Warmbad( Deutsch- Südweſtafrika) durch die aufständischen Bondel zwartsSwttentotten werden in der britischen Presse verbreitet. Wie wir schon meldeten, war es zwischen einer Horde au frührerischer Bondelzwarts und einer Abteilung der deutschen Schußtruppe zu einem Gefecht gekommen, bei dem auf deutscher Seite der Leutnant Jobst und zwei Mann fielen. A daraufhin Gouverneur v. Leutwein Verstärkungen nach
Warmbad schickte, sollen die Bondel zwarts noch vor dem Eintreffen dieser Truppen die Ortschaft und das Fort Warmbad angegriffen, in Brand gesteckt und alle Deutschen niedergemacht haben. Die in Warmbad weilenden Engländer dagegen sollen am Leben geblieben, jedoch von den Hottentotten gefangen genommen worden sein.
So berichtet angeblich auf Grund authentischer Informationen der Kapstädter Korrespondent des allerdings sehr lügenhaften Londoner Sensationsblattes Daily Mail". Er will weiter erfahren haben, daß die deutschen Verstärkungstruppen, die von Norden her auf Warmbad marschierten, unterwegs von den Bondelzwarts in ein scharfes Gefecht verwickelt worden seien, dessen Ausgang noch nicht bekannt war. Der deutsche Gouverneur v. Leutwein, den das Berliner Kolonialamt zu telegraphischer Berichterstattung aufforderte, hat zurückdepeschiert, er wisse noch nichts Näheres über die Vorgänge, nur der Tod der drei Deutschen von der Kolonne Jobst sei ihm bekannt geworden, und daraufhin habe er sofort Verstärkungen mit vier Geschützen nach Warmbad gesandt.
Angesichts der Tatsache, daß der deutsche Gouverneur von der Mezelei noch nichts weiß, wird man wohl annehmen dürfen, daß die englische Meldung in der Hauptsache, also was die Einäscherung Warmbads und die Niedermezelung der deutschen Einwohner angeht, ein Phantasiegebilde ist. Es ist nicht anzunehmen, daß der Kapstädter Korrespondent eines britischen Blattes eher etwas Authentisches über die Vorgänge erfahren sollte, als der deutsche Gouverneur. Da angeblich alle Deutschen tot und die übrigen Weißen gefangen sind, kann der Kapstädter Reporter seine Wissenschaft nur aus Negermund haben. Und die Neger fügen bekanntlich, daß sich die Balfen biegen.
Die britische Darstellung leidet auch an der weiteren Unwahrscheinlichkeit, daß sie sagt, keinem Engländer sei ein Haar gekrümmt worden. Die Bondel zwarts werden kaum in der Lage sein, einen Briten von einem Deutschen zu unterscheiden, zumal da die meisten Deutschen auch englisch sprechen. Und selbst wenn sie sie hätten unterscheiden können: Wenn die Niggermordlust einmal entflammt ist, schont sie keines Weißen, ob er nun Engländer oder Franzose oder sonst etwas sei. Offenbar soll die Meldung von der Unversehrtheit der Engländer nur dazu dienen, dem englischen Jingopublikum die Freude an dieser angeblichen deutschen Schlappe nicht zu trüben. Auch klingt sehr unwahrscheinlich, was in der britischen Meldung als Grund des Aufstandes gesagt wird: Angeblich soll die Hinrichtung eines Hottentottenhäuptlings dieser Grund sein. Demgegenüber ist festzustellen, daß an deutschen amtlichen Stellen von einer solchen nicht das Geringste bekannt ist.
Man wird also gut tun, diese englischen Meldungen einstweilen mit großen Zweifeln aufzunehmen. Hoffentlich erhalten wir bald nähere Nachrichten über den Vorfall von amtlicher deutscher Seite, und hoffentlich bringen diese Nachrichten nicht nur die Widerlegung der englischen Meldung, sondern auch die Mitteilung, daß an den Bondelzwarts die Ermordung des Leutnants Jobst und der beiden anderen Deutschen aufs nachdrücklichste geahndet worden ist.
Die Politik.
Von dem Resultate der Wiesbadener Entrevue verspricht man sich in Petersburg und Wien außerordentlich viel. Ein offiziöses Blatt an der Donau betont mit besonderem Nachdruck, daß es einen tiefen Eindruck auf die Pforte machen müsse, wenn gerade Deutschland rückhaltlos der Mürzsteger Note zustimme. Kein anderes Wort falle in Konstantinopel schwerer in die Wagschale als das des deutschen Kaisers, der ein ehrlicher Freund des Sultans wäre. Nach der Antwortnote der Pforte, die tiefste Entrüstung hervorgerufen habe, sei ernster Rat in Konstantinopel dringend von Nöten.
Neuerdings wird mit Bestimmtheit versichert, daß der 1. Dezember für die Einberufung des Reichstags erst in zweiter Linie in Frage komme. Zunächst sei der 24. Nobember als Tag der Eröffnung in Aussicht genommen. † Wann die neuen Handelsverträge in den Reichstag gelangen, ist noch immer nicht sicher. Man gibt sich allerdings an zuständiger Stelle der Hoffnung hin, daß es gelingen werde, die Handelsverträge noch in der ersten Tagung der neuen Legislaturperiode dem Reichstag zu unterbreiten, berkennt aber nicht, daß der Termin sich in etwas verzögern kann, weil man die Absicht hat, möglichst viele Verträge auf einmal zu präsentieren, ein Verfahren, wie es auch im Auslande für zweckmäßig erachtet wird.
Wie nachträglich bekannt wird, fand am 28. Oktober in Berlin im preußischen Abgeordnetenhause eine Beratung aller deutschen nationalen Verbände behuss gemeinsamen Vorgehens in den Angelegenheiten der Ostmark statt. Hätte es damals nicht geheißen, es ginge gegen die Sozialdemofra ie, würde man annehmen können, die Beratungen deutschnationaler Männer, die erst in Halle getagt hatten und später noch in Berlin verhandeln sollten, ständen hiermit in Zusammenhang.
Die Beratungen über die Einführung einer Schlachtviehversicherung haben zu keinem praktischen Ergebnis ae
führt. Die süddeutschen Regierungen verhielten sich ablehnend, und auch die norddeutschen Regierungen konnten untereinander zu keiner Verständigung gelangen.
Im bayerischen Landtag erhoben bei Beratung des Militäretats die Abgeordneten Keidel( Sozd.) und Schädler ( 3tr.) heftige Klagen über die fortgesetzten Soldatenmißhandlungen und verlangen die Vorlage einer Statistik der einzelnen Fälle seit 1893. Abgeordneter Schädler erklärte, patriotische Männer seien angesichts der Veräußerlichung in der Armee, der fortgesetzten Aenderungen und Häufung von Zierraten in Sorge um den inneren Ernst. Er klagt ferner über den Lurus und die Erklusivität in der Armee. Mit Hinweis auf Beyerleins Roman Jena oder Sedan" spricht Abg. Schädler die Hoffnung aus, daß unser Weg nicht nach Jena führe.
Das ungarische Abgeordneten hans fühlte sich nachträglich nun doch veranlaßt, dem scheidenden Grafen Apponyi ein anerkennendes Wort zu sagen. Ja, man fügte sogar hinzu, das Haus erwarte, die Beratungen würden auch fünftighin vom Präsidium in gleichem Giste wie vom Grafen Apponyi geleitet werden. Wenn das nicht blutige Fronie sein soll, müßte man sich eigentlich fragen, warum man dann fortgesetzt gegen die Geschäftsleitung des Grafen Apponyi demonstriert hat.
Der gute Sultan von Marokko soll seiner dringenden Geldsorgen nun also doch enthoben werden. Es heißt wenigstens, daß die Verhandlungen zwischen Lansdowne und Delcassé über ein Darlehn von zwei Millionen Mark einen günstigen Verlauf nehmen.
Die Chinesen sind doch, naive Leute. Jetzt haben sie dem russischen Gesandten ihre Verwunderung darüber ausgedrückt, daß Mukden abermals besezt worden ist. Natürlich konnte es nicht fehlen, daß Herr Lessar darauf seinerseits erwiderte, er sci erstaunt, daß man sich darüber wundere, zumal sich doch China geweigert habe, auf die russischen Forderungen einzugehen. Gleichzeitig stellt Nußland die Forderung auf, einen russischen Residenten in Mukden ernennen zu dürfen, der dem Tartarengeneral beigegeben werden und diesem in allen Angelegenheiten seinen Rat erteilen solle. Das nennt man doch noch konsequente Politik.
Die kolumbische Regierung scheint den Kampf gegen die rebellierende Provi.z Panama als nuklos zu betrachten und sich mit der Tatsache der Unabhängigkeitserklärung Panamas abfinden zu wollen. So ist wenigstens die Nachricht zu deuten, daß der kolumbische General Tovar sich mit den gesamten in Colon befindlichen Regierungstruppen, 463 Mann, zu Schiff nach Cartagena begeben und den Isthmus, d. h. den Staat Panama, in den Händen der Rebellen gelassen hat. Angesichts der Haltung der Vereinigten Staaten in dem Konflikt ist eine solche Entschließung der kolumbischen Regierung wohl begreiflich. Nicht nur, daß die Panamabevölkerung auf eine mittelbare, wenn nicht auf eine unmittelbare Unterſtüßung der amerikanischen Streitmacht rechnen kann: Amerika ist auch drauf und dran, das Vorgehen der Rebellen offiziell gutzuheißen, indem die Washingtoner Regierung sich bereit zeigt, die Unabhängigfeit Panamas gutzuheißen. Präsident Roosevelt hat obenein beschlossen, die Frage der Anerkennung der Unabhängigkeit Panamas dem Kongreß anheimzugeben. Das bedeutet die Gewißheit der Anerkennung.
Hof und Gesellschaft.
*** Der Kaiser ist von Wolfsgarten wieder im Neuen Palais bei Potsdam eingetroffen. Er wurde auf der Station Wildpark von der Kaiserin empfangen. Wie noch aus Darmstadt gemeldet wird, verabschiedeten sich auf Station Egelsbach Zar und Kaiser von einander aufs herzlichste. Auch pom Grafen Lambsdorff verabschiedete sich Kaiser Wilhelm in sehr herzlicher Weise. Die Verabschiedung des Grafen Lambsdorff vom Reichskanzler Grafen Bülow trug gleichfalls sehr freundschaftlichen Charakter.
Heer und flotte.
Der Garnisonzahnarzt. Die Bedeutung, die die Heeres= verwaltung der Zahnpflege im Heere beimißt, wird durch jolgende Weldung aus Stettin erläutert. Danach ist der durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Zahnpflege betannte Stettiner Zahnarzt Lührse soeben zum Garnisonzahnarzt von Stettin ernannt worden.
Der Uebungsplan unserer Schlachtflotte hat eine durchgreifende Abänderung erfahren. Die Uebungen zur Ausbildung der neu eingeschifften Mannschaften im Winter sind fast vollständig auf die heimischen Gewässer eingeschränkt; die eine Sommerübungsreise ins Ausland fällt fort. Für diese Festsetzungen sind nicht nur strategische, sondern auch finanzielle Gründe bestimmend gewesen. Es liegt auf der Hand, daß die Verproviantierung und die Bekohlung der Schiffe im Auslande ganz erheblich größere Kosten erfordern als im Inlande. Die Ausbildung der neuen Mannschaften ist in den heimischen Gewässern in derselben Zeit und mit demselben Erfolge ausführbar wie in außerdeutschen, zumal die Entscheidung im Ernstfalle in den benachbarten Ge


