Ausgabe 
7.2.1903 Erstes Blatt
 
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Nr. 32.

Erftes Blatt.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel­fährlich Mt. 1.50.

Brattabellagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Beitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Samstag, den 7. Februar 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Jasertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreife Weglar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Vfg.

Bostzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Bowens Zurechtweisung.

V Die arrogante Manier, in der Herr Bowen sich bei den Verhandlungen über die Venezuela Affäre mit den Bertretern der drei Blockademächte gefiel, hat erfreu­icherweise doch noch eine scharfe Zurückweisung seitens Dieser Mächte erfahren. Der englische Botschafter hat na­nens aller drei Mächte bei dem Washingtoner Kabinett gegen Bowens Auftreten scharf protestiert; er erklärte, Bowen habe mit seiner Aeußerung, die Teilnahme Eng­ands an dem Bündnis gegen Venezuela über die un­bedingt nötige Zeit hinaus würde Ueberraschung und Bedauern verursachen, die Grenzen des diplomatisch Zulässigen überschritten. Gleichzeitig forderte der bri­ische Botschafter, Herrn Bowen sollte amtlich erklärt verden, daß die amerikanische Regierung sein Verfah­en nicht billige. Das ist denn auch, wenigstens indirekt, jeschehen: Staatssekretär Hay erklärte, die Union könne Dafür nicht verantwortlich gemacht werden, denn Bowen jei zur Zeit nicht Beamter der Vereinigten Staaten. Im merhin ist er nur auf eine Zeit beurlaubt, und das Washingtoner Kabinett hat die moralische Verpflichtung, ihn unzweideutig in seine Schranken zurückweisen.

Ob die Verhandlungen mit Bowen überhaupt fortge­jetzt werden, ist infolge des Austretens Bowens sehr zweifelhaft geworden. Wie in Washington verlautet, ha­ben die verbündeten Regierungen erklärt, sie wollen mit Bowen nicht weiter verhandeln, sie wollten vielmehr en Streitfall an das Haager Schiedsgericht verweisen, falls ein neuer Versuch, Roosevelt für das Schiedsgericht zu gewinnen, fehlschlage. Bowen sitt troßdem noch aus hohem Pferde, er erklärte einen etwaigen neuen Ver­uch, Roosevelt azu aufzufordern, ohne Erlaubnis Ve­nezuelas für eine Beleidigung; er würde einen solchen Vorschlag ablehnen. Die Sache sieht einstweilen ganz danach aus, als sollen die Verhandlungen in Washing. ton völlig abgebrochen werden. Herr Bowen, der An­walt Venezuelas, wird dann Muße haben, über die Wahr­heit des Sprichworts nachzudenken: Blinder Eifer scha­det nur.

Um Herrn Bowen sein Amt zu verleiden, wird zum Ueberfluß noch eine Geschichte bekannt, die beweist, daß nicht einmal die Leute, für die er sich so ins Zeug gelegt hat, ihm dankbar sind. Nach einer Meldu: 1 aus Caracas unterschrieb die Mehrheit des venezo ischen Kongresses und viele andere Notablen einen Protest gegen die dem Ausländer Bowen von Castro erteilten Voll­machten. Bowens sogenannte Abmachungen seien für Ve­nezuela unverbindlich; der Kongreß könne alles wieder umstoßen. Tanach wären also die ganzen Washingtoner Verhandlungen verlorene Liebesmüh gewesen.

252. Sigung.

Deutscher Reichstag.

gener Bericht.

Reden zum Fenster hinau Dem Reichskanzler wird es dieses schwer, sein Gehalt zu erlangen. Die Erörterungen tehnen sich aber jedenfalls nur deshalb so sehr in die Länge, weil die Abgeordneten durch Reden zum Fenster hinaus als kluge Hausväter für die nächsten Wahlen ihr Haus bestellen wollen. Nur so ist es zu erklären, daß der Abg. Dr. Röside- Kaiserslautern, Mitglied des des der Land­wirte, das Brüsseler Zuckerabkommen standete, das nach seiner Ansicht Deutschland zur Aufhebung bon Ausfuhrvergütungen verpflichtet, England darin aber freie Hand gibt. Außerdem hat er das entgegenkommende Ber­halten des Reichskanzlers gegen Amerika zu tadeln und rügt es, daß in deutschen Verwaltungen ausländische Konserven und kanadisches Getreide verbraucht werde. Ihm enigegnete Staatssekretär Graf Posadomsky, der nachwies, daß die Regierung gegenüber der Landwirt­schaft eine durchaus wohlwollende Haltung einnehme. Jedenfalls war durch den Abg. Dr. Rösicke, der den Reichskanzler wegen seiner Rede im Landwirtschaftsrat: einen Rattenfänger von Hameln genannt hatte, im Rück­blick auf die Zolltarifberatung in die Debatte einge­führt. Es entspann sich des weiteren ein Zwiegespräch zwischen den Abgg. Hug vom Zentrum und ardorff von der Reichspartei über die Frage, ob die Mehrheits­parteien dem Zolltarif im Interesse der Landwirtschaft oder lediglich behuss Niederwerfung der Obstruktion zu­gestimmt haben. Der Abg. Liebermann von Son­nenberg fnüpfte an Rösice's Ausführungen an und erzählte, daß die Marineverwaltung tanadisches Ge­treide kaufe. Im übrigen fand er die Auslandspolitik schwächlich. Der Staatssekretär wies mun nach, daß die Marineverwaltung nur für die im Ausland stationierten Schiffe fremdes Getreide faufe. Ein Mann, der dem Haidas Gruseln beibringen wollte, war Dr. Pachnicke mit einem grau in grau gemalten Bilde von den Ge­fahren der künftigen Vertragsverhandlungen und der Gefahr der ausländischen Tarifvorlagen. In seiner Er­

widerung hielt Graf Bülow dem Bunde der Land­wirte vor, daß sich die Mehrheit des Hauses mehr um die Landwirtschaft verdient gemacht habe, als der Bund, weil sie den Zolltarif zu stande gebracht habe. Die Mit­glieder des Bundes, die gegen den Zolltarif gestimmt haben, hätten sich undanfbar gegen die Mehrheit und ge­gegen die Regierung bewiesen. Ferner wies Graf Bülow darauf hin, daß durch die fortwährenden Erörterungen über die Handelsverträge deren Abschluß unseren Unter­händlern sehr erschwert würde. Zum Schluß verwahrte er sich gegen den Vorwurf, daß er bei den Zolltaris­verhandlungen des Reichstags ,, umgefallen" sei. Dann ver­tagte sich das Haus auf Sonnabend.

Die Politik.

Der Zar und die finischen Intransigenten. Der passive Widerstand, den die Finländer den Russifizierungsbestrebungen entgegenstellen, hat sich auch bei der letzten Heeresaushebung in Finland gezeigt. Nicht weniger als 14 798 Wehrpflichtige sind den Aushebungen jerngeblieben. Dem Zaren hat das natürlich nicht ge­fallen, er hat aber nur eine verhältnismäßig milde Ahn­dung dieses Verhaltens der finischen Protestler für an­gezeigt gehalten. Statt die 15 000 Mann kurzerhand nach träglich in das Heer einzustellen, hat er nur verfügt, daß die im Staatsdienst befindlichen Ausgebliebenen sofort zu verabschieden seien, daß innerhalb 5 Jahren den Aus­gebliebenen kein Reisepaß nach dem Auslande gewährt werde, daß ferner sämtliche Ausgebliebenen in die Land­wehr eingeschrieben werden und daß endlich das Leibgarde Bataillon mit Ausgebliebenen vervollständigt werden soll. Tie Milde der Strafe rührt wohl einmal daher, daß der Zar, der als Großfürst von Finland eidlich ver­pflichtet wäre, den Finländern ihre Nationalität zu wah­ren, einige Scheu hat, sich allzu sehr als Russificator zu zeigen, zum andern daher, weil es schwer halten dürfte, jeden der 15 000 Drückeberger ausfindig zu machen und bei der Fahne zu halten.

Der Attentatsprozeß gegen Rubino,

der am 15. Nɔv. v. J. auf den Wagen des Königs Les­pold von Belgien schoß, hat am Freitag vor dem Brüsseler Schwurgericht begonnen. Beim Verhör erklärte Rubin, er habe das Leben des Königs als eines Vertreters der von ihm bekämpften gegenwärtigen Gesellschaft treffen wollen. Er habe die Absicht gehabt, nach Italien zu gehen, um einen Mordanschlag zu verüben, aber seine Mittel hätten ihm nicht gestattet, sich dorthin zu be­geten. Daß man angesichts dieses anarchistischen Wahn­wizes noch immer nicht rücksichtslose internationale Maß­regeln gegen den Anarchismus getroffen hat, ist eine schier unglaubliche Nachlässigkeit.

Grenzstreitigkeiten in Amerika.

)-( Der Konflikt zwischen Brasilien und Bolivia wegen des streitigen Acregrenzgebiets spißt sich weiter zu. Bra­silien hat neuerdings beschlossen, Acre militärisch zu be­setzen. Sine brasilianische Schiffsdivision ist nach dem Amazonen trom abgegangen. Man sieht jeden Augen­blick dem Ausbruch von Feindseligkeiten entgegen. Auch zwischen der Union und England bestehen wegen einer Regulierung der Grenze des Goldlandes Alaska Mei­nungsverschiedenheiten. Noch vor kurzem hieß es, diese Differenzen sollten durch eine englisch- amerikanische Kom­mission ausgeglichen werden; neuerdings ist dieser Plan aber gescheitert, und die Schlichtung des Handels wird wohl noch längere Zeit die britische und amerikanische Diplomatie in Atem halten.

Kurze volitische Nachrichten.

* Dic Blättermeldung, der Kaiser sei bei einem Be­suche des kranken Generals Mackensen in Danzig be­wogen worden, das ehrengerichtliche Urteil gegen Major a. D. Endell umzustoßen, wird offiziös als unzutreffend bezeichnet.

* Frgend ein amerikanisches Blatt hatte neulich be­hauptet, in Madrid sei auf Befehl der spanischen Behörden die über dem Hotel des tubanischen Gesandten wehende fubanische Flagge herabgenommen worden. Flugs hat das Havaneser Repräsentantenhaus den Präsidenten Pal­ma aufgefordert, den Sachverhalt festzustellen. Und wenn die Sache sich bewahrheitet? Fürchterliche Perspektive!

* Ueber Bu Hamaras Schicksal wird schon wieder eine neue Lesart verbreitet: Danach war er tatsächlich gefangen, die Riatatabylen aber haben ihn unter den Augen des Sultans aus dem Gefängnis befreit und ihm zur Flucht verholfen. Was ist nun Wahrheit?

15. Eigung.

Preussischer Landtag.

Haus der Abgeordneten.

Eigener Bericht

-

Vereinfachung des Landtagswahlrechts. Mit der Weiterberatung des Etats des Ministeriums

des Innern wurde die Beschlußfassung über den Antrag der Abg. Dr. Barth und Dr. Wiemer, betr. Neuein­teilung der Wahlkreise und Einführung der geheimen Ab stimmung, verbunden. In der Debatte, an der sich die Abgg. Nölle( ntl.), Deser( frs. Volksp.) und Dr. Barth ( freis. Verg.) vornehmlich beteiligen, erklärte Minister Frhr. v. Hammerstein u. a.: Die technischen Schwie rigkeiten, welche sich aus der Größe einzelner Wahlkreise und der Zahl ihrer Wahlmänner ergäben, seien ihm sehr wohl bekannt und würden Abstellung finden, ohne natür lich dadurch den Charakter der Wahl zu gefährden. Das Staatsministerium habe einmütig beschlossen, baldigst eine Aenderung des Wahlreglements herbeizuführen, wodurch eine Vereinfachung des ganzen Wahlverfahrens erzielt werden solle. In der Debatte wurde auch über das Reichs tagswahlrecht lang und breit verhandelt. Ein Beschluß wurde über die Anträge noch nicht gefaßt. Die weiter: Erörterung betraf einige politische Beschwerden und ps fizeiliche Mißgriffe, wesentliches brachte sie nicht. Das Haus vertagte sich schließlich auf Sonnabend.

Nab und Fern.

::: Der Fernsprecher in der Wundbehandlung. In Londoner Krankenhäusern wird seit einiger Zeit der Fern­sprecher als Hilfsmittel beim Sondieren von Kugeln oder sonstigen metallischen Gegenständen im menschlichen stör per benutzt. Das Verfahren ist solgendes: Mit einem Fernhörer sind durch Drähte einerseits eine Metallplatte, andererseits eine Sonde verbunden. Die Platte wird an den Körper des Patienten angelegt; zur Herstellung einer innigen Verbindung legt man einen nassen Schwamm oder mit Salzwasser getränktes Fließpapier unter. Ter Arzt nimmt den Fernhörer ans Ohr, der zwed mäßig durch einen Bügel oder eine andere selbsttätige Vorrichtung am Kopfe festgehalten wird. Führt man nun die Sonde in die Wunde ein, so ist der Stromkreis geschlossen. Ein Strom entsteht aber erst, wenn die Sonde den in der Wunde be findlichen metallischen Körper berührt. Sie vibriert dann, und in dem Jernhörer ist ein Sunimen vernehmbar. In London sind Nadeln, Nugeln, Schrotkörner, Bruchstücke von Kupfer und Stahl durch das Verfahren leicht und sicher ermittelt worden.

::: Studentenulf einer Semmelfrau. Tie allen jenensischen Studenten wohlbefannte, jeẞt woh! 60jährige ,, Semmelfrau", die in den Kneipen der verschiedenen Kor porationen ihren Korb mit allerhand Gebäck herumträgt, hat sich durch die übermütige Stimmung, die in der Musen­stadt an der Saale herrscht, auf ihre alten Tage anstecken lassen: Sie hat auf eigene Faust einen Studentenulf' in Szene gesetzt, der aber leicht für sie und andere schwere Gefahren mit sich bringen konnte. Sie bestieg einen eben von seinem Führer verlassenen, leeren Motorwagen der ., Elektrischen", drehte in aller Gemütsruhe den Strom an und freute sich anfangs über alle Maßen, als der Wagen so schnell davonfuhr. Der Motorwagen raste aber die Kaiser Wilhelmstraße hinauf nach der Stadt. In einer engen Quergasse geriet er aus den Schienen, prallte gegen eine Hausecke und stürzte um, die Gasse vollständig ver sperrend. Die Frau, die sich allein auf dem Wagen be fand, kam mit einigen leichten Verlegungen davon. Der Verkehr aber war stundenlang unterbrochen.

* Das Schwesterchen abgeschlachtet. In der mährischen Gemeinde Mortowiz bei Proẞniz ereignete sich ein gräß licher Vorfall. Ein dortiger Bauer schlachtete ein Schwein in Anwesenheit seines dreijährigen Knaben. Bald daraus lief das Kind in die Wohnung, ergriff ein Messer und schlachtete mit den Worten: Ich muß doch sehen, ob die Marie auch so schreit, wie das Schwein" sein in der Das Biege liegendes halbjähriges Schwesterchen ab. Rind war fofort tot.

£ Der Bär beim Friedensrichter. Einen seltenen Gast jah dieser Tage Herr Bleynie, Friedensrichter des zwölf­ten Bezirks von Paris, in seinem Hause. Es war etwa zehn Uhr abends, und Herr Bleynie saß in seinen: Arbeits zimmer und schrieb, als er plößlich ein eigenartiges Krazen vernahm, das von der Tür herzukommen schien. ,, Herein!" rief der Richter. Die Aufforderung blieb jedoch ohne Wir fung. Der späte Besucher schien den Eingang nicht finden zu können, denn er fragte immer weiter. Ungeduldig stand Herr Bleynie von seinem Stuhle auf, um selbst zu öffnen. Man kann sich sein Erstaunen ausmalen, als er sich einem großen braunen Bären gegenübersah! Beim Anblick des Richters richtete sich der Bär langsam auf und schritt majestätisch ins Zimmer, um sich in der Nähe des Ofens niederzulassen. Der Richter holte sofort mehrere Polizisten, die den Versuch machten, den Eindringling zum Verlassen der Wohnung zu bewegen. Der Bär ließ lich aber garnicht stören und blieb ruhig auf seinem Blaze liegen. Schließlich tam ein Polizeibeamter auf den Ge­danken, daß der Bär vom Jahrmarkt der Vorstadt Reuilly entwichen sein könnte. Er eilte sofort dorthin und fand die Marktleute in großer Aufregung: man hatte soeben erst das Verschwinden des Bären entdeckt. Meister Bez wurde dann im Triumph in seine Bude aurückgeführt.