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ftellung.

Nr. 52.

Abonnementopreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 fs., in's Saus gebracht 60 Bfg., burch die Beft bezogen viertel fährlich Mr. 1.50.

Bratisbellagen: Oberbeffifche Familienzeitung( täglich) Oberbeffische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Sartenban, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Berttagen nachmittage.

Dienstag, den 3. März 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Insertionsyret: Die einspaltige Vetitzelle für Gießen wh sang Oberbeffen, die Kreise Weylar und Marburg 10 16 font 15 Bfg.: Reklamen die Betitgeile 30 refp. 40 fa

Softzeitungsliste No. 2009.

Nebaltion und Expedition: Gießen Nenenweg 28. Fernsprechanfink R, 368.

Neuelle Nachrichten

ichener Tageblath

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

271. Sigung.

-

Deutfcher Reichstag.

Eigenec Bericht.

-

- Schluß der Postetats- Beratung.. In der letzten Sigung des Seniorenkonvents war man hinsichtlich der Möglichkeit, die Reichstagstagung noch vor den Osterferien oder auch nur den Etat recht­zeitig vor dem 1. April erledigen zu können, sehr we nig zuversichtlich. Der Präsident verwies darauf, daß Sie noch zur Beratung anstehenden Etatteile im vorigen Jahre drei Tage mehr in Anspruch genommen hätten, als bis dahin noch zur Verfügung stehen. Das Tempo, dis aber die Beratung der beiden letzten Tage einschlug, berechtigte zu optimistischeren Erwartungen. Ist es doch gelungen, beim Postetat bereits einen Tag einzusparen. Die Verhandlung am Montag, in der der Poſtetat zu Ende geführt wurde, stellte ich fast ausschließlich als eine Unterhaltung zwischen den Abgeordneten Eickhoff und Lenzmann einerseits und dem Staatssekretär Krätke andererseits dar, der die Anregungen und Wünsche der beiden freisinnigen Redner in seiner knap­pen und klaren Weise beantwortete. Daneben brachte. nur der Zentrumsabgeordnete Cittart wegen einer weiteren Durchführung der Sonntagsruhe, und der so­zialdemokratische Abgeordnete Zubeil wie im Vor­jahre Klagen über die Lage der Postillone auf einigen Berlinern Aemtern zur Sprache. Der Staatssekretär gab die Erklärung ab, daß es wohl noch einige Jahre dauern würde, bis man wieder Anwärter für die höhere Post­farriere werde annehmen können. Zum Schuße der Brief­träger gegen Regenwetter stellte er die allgemeine Ein­führung leichter Lodenräder in Aussicht. Mit Holland wären Verhandlungen wegen Ermäßigung der Fern sprechgebühren gepflogen. Für das nächste Jahr forderte Abg. Singer eine Erhöhung des Anfangsgehaltes der Landbriefträger von 700 auf 800 mt., ohne vom Staats­sekretär Antwort zu erhalten. Damit war der Etat er­ledigt.

Die Politik.

Das Papst- Jubiläum.

Auch der Empfang der Kardinäle hat nun stattgefun­den. Es nahmen daran im ganzen 42 Mitglieder des heiligen Kollegiums teil. Der Empfang erfolgte in der vatikanischen Bibliothet. Der Papst saß am Schreibtisch, um den sich im Halbkreis die Kardinäle gruppierten. ,, Wie­viele Kardinäle heute da sind!" meinte der Papst lächelnd. ,, Es ist, als wäre man im Konklave!" Nach einer Ansprache überreichte der heilige Vater persönlich jedem Kardinal eine Schrift, welche die hervorragendsten Ereignisse wäh­rend seines Pontifitats erwähnt, und ferner ein von ihm verfaßtes Gedicht in lateinischer Sprache enthält. Zum Schluß drückte der Papst seinen Dank aus und wies dabei auf sein hohes Alter und auf sein Lebensende hin, das nicht mehr fern sein könne. Ich bin müde, sehr müde!" sagte er wörtlich, obwohl er verhältnismäßig wohl aus sah. In ihrer Antwort sprachen die Kardinäle aus, daß der Tag ein Tag der Freude sei und daß sie dem Papst noch ein langes Leben wünschten. Nur bat den Papst der Kardinal Oreglia, der Detan des heiligen Kollegiums, sich im Hinblick auf die Krönungsfeier zu schonen. Der Bapst fügte sich dankend diesem Wunsche und zog sich in seine Gemächer zurück. Sein Leibarzt Lapponi sand ihn besser wie in den letzten Tagen und war der Ansicht, daß sich der heilige Vater rasch erholen würde, wenn nicht die Anstrengungen der Jubelfeier wären. So aber bestehen noch immer Besorgnisse.

Am Montag den 2. März vollendete der Papst sein 93. Lebensjahr.

Stille vor dem Sturm.

:| Am Balkan herrscht scheinbar Ruhe. Das Knattern der Gewehre ist unterbrochen, der Schall der Kriegstrom­pete verstummt. Nichts meldet uns der Telegraph von Toten und Verwundeten. Und in den Palästen und Amtsgebäuden von Konstantinopel herrscht eitel Friede und Eintracht. Die offizielle Welt glaubt oder sie tut so, als wenn sie glaube, daß die Gefahr eines Balkan­brandes beschworen und die mazedonische Frage durch die Annahme des Reformprogramms durch die Pforte gelöst sei. Der Sultan beglückwünscht und bedankt die Botschafter und Gesandten, die Diplomaten beglückwün­schen die türkischen Minister und die Minister wiederum beglückwünschen den Sultan. Auch der Exarch, das Ober­haupt der bulgarischen Kirche in Konstantinopel, hat bem österreichisch- ungarischen Botschafter v. Calice seinen Dank ausgesprochen für dessen Bemühungen um das Wohl der Christen in Mazedonien und versprochen, alles mufzubieten, um die Leiter der Bewegung zu beschwich­tigen. Und alle lächeln! Der Sultan lächelt, die Diplo maten lächeln, der Erarch lächelt!

Anders freilich als in den Köpfen der türkischen Größen und der europäischen Diplomatie in Konstan­

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unt aan in den nyen von Beobachtern, die dem Schauplaß der Wirren näher tehen. In den Militär- und Regierungsfreisen von Sa­loniti hält man den Ausbruch der Revolution für un­permeiblich. Die Waffeneinfuhr von Bulgarien nach Ma­zedonien dauert ungeschwächt fort und bulgarische Agi­tatoren bereisen unermüdlich das Land, um den Auf­tand zu predigen. Aber kein Trompetenstoß ertönt, kein Flintenschuß erdröhnt- das ist die Stille vor dem Sturm!

Kurze politische Nachrichten.

* Berlin, 2. März.( Hofbericht.) Der Kai­er hat heute Abend 11 Uhr vom Lehrter Bahnhof aus Die Reise nach Wilhelmshaven angetreten, wo morgen Mittag die Vereidigung der Rekruten der II. Matrosen­Division stattfindet. Am 4. d. M. früh geht der Kaiser nach pelgoland in See; am 7. erfolgt die Rückkehr nach Berlin. Kronprinz Wilhelm und Prinz Eitel Friedrich haben nunmehr die Orientreise angetreten.

* Der Prätendent Bu hamara hält sich mit einer leinen Anzahl seiner Anhänger verborgen. Er ist um­ingelt und der marokkanische Kriegsminister Menebhi ertiärte, er tönne ihn durch Inbrandseßen des Gehölzes, n welches er sich geflüchtet habe, umkommen lassen, er ziehe es aber vor, ihn lebend gefangen zu nehmen.

Huslandsgefahren für deutsche Mädchen.

Wieder geht die Nachricht durch die Presse, daß ein Mädchenhändler steckbrieflich verfolgt wird. Aus diesem Anlaß muß der Warnruf an alle weiblichen Stellensuchen­den wiederholt werden, voreilig Engagements als Er­zieherinnen, Gesellschafterinnen oder dergl. im Auslande anzunehmen. In sehr vielen Fällen haben die ,, Erwählten" ihre Vertrauensseligkeit bitter büßen müssen: Not, Ver­zweiflung und Schmach waren das Los, das sie in der Ferne erwartete.

So wurde neuerdings, woran unser Berliner CB.- Mit­arbeiter erinnert, vor dem dortigen Gericht wieder ein trasses Beispiel für die Gefahren, die schutzlosen deutschen Mädchen im Auslande drohen, zu Tage gefördert. Wegen eines in London begangenen Diebstahls hatte sich ein neun­zehnjähriges Mädchen zu verantworten. Wie sich in der Verhandlung herausstellte, war sie von einer Frau Rosen­baum nach London als Gesellschafterin engagiert worden, mußte sich aber bald überzeugen, daß sie einer gefährlichen Kupplerin in die Hände gefallen war, die sie mit Gewalt zum unsittlichen Lebenswandel anhielt. Durch einen Zu­all machte sie die Bekanntschaft eines angeblichen Baron de Salair, der sie auf ihr Bitten aus den Händen der Rosenbaum befreite, sich schließlich aber selbst als gefähr­icher Zuhälter entpuppte. Er brachte das arme Mädchen bei seiner ,, Schwester" unter, die aber in Wahrheit eine ehemalige Statistin Cora Goter aus Amsterdam war, und un war die ,, Befreite" aus dem Regen in die Traufe ge­tommen. Sie mußte mit dem Erträgnis ihrer Schande dem scheußlichen Paar die Mittel zu einem Lotterleben verschaffen. Endlich bot sich ihr eine Gelegenheit zur Flucht. Sie unterschlug einen Brief von Cora Goler, der inen Check über 15 Pfund Sterling enthielt, und floh nach Deutschland, wo sie jetzt seit einem Jahr als Kassiere­cin sich ehrlich ihren Unterhalt erwarb. Da traf sie wie in Blizz die Anzeige wegen Diebstahls, die Cora Goter Die Stirn gehabt hatte, gegen sie zu erstatten. Die Richter jühlten mit dem schwergeprüften Mädchen, das, als der Staatsanwalt 14 Tage Gefängnis gegen es beantragte, n Zuckungen zu Boden fiel, Mitleid und sprachen 3 frei.

Das Urteil entspricht sicherlich den Grundsäßen der Billigkeit, die im Rechtsbewußtsein des deutschen Volkes von jeher die Herrschaft übten. Aber auch das freispre­hende Urteil kann nichts an der Tatsache ändern, daß diz Londoner schmachvollen Geschehnisse einen Schatten über den ganzen ferneren Lebensweg des bedauernswerten Mäd­hens geworfen haben. Immerhin hat sie sich noch aus dem Pfuhl der Schande und des Elends, in den sie von gewissenlosen Unholden geschleppt war, herausarbeiten und die sichere Straße eines ehrlichen Lebenswandels wieder gewinnen können. Wie viele aber von denen, die in ihrer Ünerfahrenheit ohne andere Schuld, als die zu großer Vertrauensseligkeit, in die gleiche Lage geraten, finden noch soviel moralische und physische Kraft und vor allem so günstige Gelegenheit, dem Banne zu entrinnen, in den sie verstrickt sind? Wie viele gehen fern der Heimat, fern von ihren Lieben, verlassen und rettungslos unter in dem Schlamme des schändlichen Gewerbes, zu dem man sie gezwungen hat?

Das sollten sich alle die Mädchen und Frauen vor­halten, denen jugendliche Phantasie oder lockende Ver­prechungen im Auslande goldene Berge verheißen. Jeder Deutschen, die irgendwo im Auslande eine Stellung an­nehmen will, muß dringend angeraten werden, vorher über die Persönlichkeit ihrer fünftigen Brotherren und vor illem auch über den Leumund der Stellenvermittler ge­naue Erkundigungen einzuziehen. Jede große Auskunftei

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die Engagierte die neue Stellung an, so ist es ihre un­erläßliche Pflicht gegen sich selbst, noch vor der Abreise sich über den Wohnort des nächsten deutschen Konsuls zu unterrichten, um im Falle der Not ihn um Schutz angehen zu können. Das beste Teil freilich hat die er wählt, die nach dem alten Sprichwort handelt: Bleibe im Lande und nähre dich redlich.

84. Sigung.

-

Preussischer Landtag.

Haus der Abgeordneten.

Eigener Bericht.

Das Triersche Schulverbot. Die nationalliberale Fraktion hat an die preußische Regierung eine Auskunftsforderung gerichtet, was sic gegen das Vorgehen des Bischofs Korum in Trier in der Sache der staatlichen und paritätischen höheren Töch­terschule zu tun gedenke. Bekanntlich hat Bischof No­rum denjenigen katholischen Eltern, die ihre Kinder in jene Schule schicken, mit geistlicher Maßregelung gedroht. Die Sache hat Aussehen erregt und groß ist auch die Sensation im preußischen Landtage. Die Tribünen waren lange vor Beginn der Eitzung brechend voll. Der Abg. Hackenberg begründete die Interpellation. Graf Blow sprach sein Bedauern über das Vorkommnis aus, stellte sich aber im übrigen auf den Boden der Tatsache, daß wir in einem konfessionell gemischten Staat leben, daß es also nicht möglich sei, so zu regieren, als ob es nur Evangelische oder Katholiken gebe. Der deut­sche Gesandte im Vatikan habe sich mit dem heiligen Stuhl in Verbindung gesetzt und er hoffe, daß es ge­lingen werde, den Frieden zwischen der Kirche und dem Staate aufrecht zu erhalten. Kultusminister Studt be­tonte daß die Beschwerden des Bischofs Korum zam Teil zwar berechtigt, zum größten Teile aber unberech­tigt seien. Wolle die Kirche einen Kulturkampf, dann könne sie ihn haben.

Der Zentrumsabgeordnete Dietrich bestritt, daß es einen Kampf um die Schule gebe, wohl aber einen Kampf um den Geist der Schule. Abg. Dr. Friedberg. fordert die Regierung auf, ihre starke Stellung gegen das Zentrum endlich einmal gründlich auszunüßen; eine völlig indifferente Haltung aber nehmen die Konserva­tiven ein, in deren Namen Graf Limburg- Stiram eine Erklärung vorliest, daß sie an der paritätischen Schule festhalte, daß sie sich aber in diese Streitfrage nicht einmischen wolle, bis die oberen Instanzen sich schlüssig gemacht hätten. Ganz anderer Meinung aber war der Führer der Freikonservativen Frhr. v. Zedliz und Neukirch, der sich als einen entschiedenen An­hänger der Simultanschule bekannte. Sehr scharf war auch die Aussprache des freisinnigen Abg. Dr. Barth, der die Ansicht vertrat, daß Bischof Korum diesen Streich gegen eine Staatsschule nicht gewagt hätte, wenn er nicht die preußische Regierung für schwach gehalten hätte. Stürmische Kundgebungen entfesselte der Zentrumsabge­ordnete Roeren, als er mit den Behauptungen ope­rierte, Bischof Korum wolle die Parität, und das Zen­trum wolle mit den Andersgläubigen in Frieden leben, es scheue aber auch einen neuen Kulturkampf nicht. In seiner zweiten Rede half sich der Reichskanzler mit einem Bonmot. Hackenberg, meinte er, halte den Trierer Vor­gang für das Wetterleuchten eines neuen Kulturkampfes; er halte ihn für das letzte Wetterleuchten des alten Kul­turkampfes. Seine Regierung schließe sich an keine Bar­tei an; sie stehe bedeutend über den Parteien; sie sei auch aufrichtig bestrebt, den religiösen Frieden aufrecht zu erhalten. Auch Kultusminister Dr. Studt hielt eine zweite Rede, worin er im wesentlichen seine früheren Tarlegungen näher begründete. Der Rest der Diskussion war ohne Belang, so daß die Debatte, die lebhaft begann, mit einer Ebbe abschloß.

Nab und fern.

) Prinzessin Luise von Toskana hat La Metairie ver­lassen und sich nach Lindau begeben. Dort wurde sie bei ihrer Ankunft von ihrer Mutter, der Großherzogin von Tostana, empfangen und hat in der Villa, welche dem Erzherzog Ferdinand gehört, Wohnung genommen. In der Begleitung der Prinzessin befand sich der Schwieger­john des Advokaten Lachenal, Advokat Marc Peter. Die Versöhnung zwischen Mutter und Tochter soll vollständig sein. Das Wiedersehen zwischen beiden konnte nur durch die Zustimmung des Kaisers Franz Josef erfolgen, und hat an allerhöchster Stelle deshalb eine mildere Auffassung der Sachlage plaßgegriffen, weil sich die Prinzessin von Giron endgiltig getrennt hat. Die Prinzessin dürfte in Lindau ihrer Entbindung unter der Obhut der Mutter entgegensehen. Was dann mit ihr geschieht, ob sie auf Schloß Schlackenwörth in Böhmen dauernden Wohnsiz zugewiesen erhält, darüber ist allerdings bisher noch feine Entscheidung getroffen. Giron wurde amtlich das