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Nr. 195.
Zweites Blatt.
Samstag, den 23. August 1902.
Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mr. 1 50.
Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Gießener
11. Jahrgang.
Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3082.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluk Nr, 362.
Nenelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Drud und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
Politische Nachrichten.
- Der Chef des Admiralstabs der Marine, Admiral von Diederichs, ist nunmehr unter Bewilligung seines Abschiedsgesuche mit der gesetzlichen Bension zur Disposition gestellt worden. Zu seinem Nachfolger ist der Biceadmiral Büchsel, Direktor des Reichs
marineamtes ernannt worden.
Assesorismus im Postdienst? Eine Umwälzung in der Beseßung der höheren Stellen im Reichs postdienst soll Staatssekretär Rraette beabsichtigen. Die Tägl. Rundschau" berichtet darüber:
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In den Kreisen der höheren Postbeamten läuft seit einigen Tagen ein schnell verbreitetes Gerücht um, das allgemein größte Bestürzung und Beunruhigung hervorgerufen hat. Der Staatssekretär des Reichspostamts soll auf seinen Dienstreisen bei mehreren Oberpostdirektionen- es werden u. a. Potsdam und Düsseldorf. genannt vor den versammelten höheren Beamten etwa folgendes gesagt haben: Keiner von Ihnen allen, ob Sie nun zur Post oder zur Telegraphie gehören, wird mehr die Stellung eines Postrats erreich. n, sondern Sie kommen nur bis zum Hilfs referenten; nur die besten von Ihnen haben Aussicht auf eine Direttorenstelle. Sie, meine Herren zu den Poft räten gewandt sind ja nun einmal in der Stellung und müssen darin bleiben. Ich werde aber neue Postratsstellen nicht schaffen und die frei werdenden vorläufig durch Hilfsreferenten verwalten lassen. Später werden die Stellen vom Rat einschließlich aufwärts durch Juristen und Ingenieure besetzt!"
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Sollte der Assessorismus im Eisenbahnwesen und in anderen Verwaltungen Herrn Kraette so imponiert haben, daß er das ganze System der höheren Postverwaltung auf den Kopf stellen möchte? Leidet die Postverwaltung jetzt etwa Mangel an tüchtigen höheren Beamten? Die sensationelle Meldung sollte ja bald wie möglich widerrufen werden.
-Der deutsche Gesandte in Peking, Dr. Mumm von Schwarzenstein, soll dem Ostasiatischen Lloyd zufolge, nicht mehr auf seinen Posten nach China zurückkehren.
Leben
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Sechs sozialdemokratische Versammlungen
Versöhnung.
Stizze von Hrch. Ludwig- Lich. ( Weitarbeiter der„ Gießener Neueste Nachrichten"). ( Nachdruck verboten.)
Es war ein trauriges Sterben, draußen im einsamen Bahnwärterhäuschen im Walde. Ein junges rang mit dem Tode und mußte unterliegen. Eine tückische Strankheit nagte unablässig an dem ideal schönen Körper des Jünglings, der schon länger als ein halbes Jahr auf dem Sterbebette lag. Wer hätte das von dem kraftstrogenden jungen Manne, dem Lehrer voll Feuergeistes und Pflichtgefühls, geglaubt, daß er so bald das ihm lieb gewordene Amt verlassen müsse! Ihm selbst hatte es am wehesten gethan und es hatte harte Kämpfe gefoftet, schlaflose, thränenfeuchte Nächte, bis er Ruhe in sich gefunden und sich dem Schicksale gefügt hatte. Sein Freund und Kollege, der Gespiele in seinen Jugendtagen, der Genosse bei der Arbeit in den Jahren des Strebens, hatte ihm geholfen bei dem Durchringen. So, wie sie alljährlich am Sylvesterabend im engen Zimmer nach der Lektüre eines gedanken tiefen Schriftstellers ſich ſelbſt anhielten, so hatte der Gesunde den Kranten mit schonender Milde zu der Einsicht gebracht, daß die Hoffnung für ihn dahin sei. Wie hatte sich sein Inneres dagegen aufgebäumt, er hatte den Freund beleidigt und geschmäht und gleich darauf wieder um Verzeihung gebeten. Zwischen ihnen hatte es nie einen Hehl gegeben, warum sollte jetzt feine Wahrheit zwischen ihnen walten!
Die Einsicht mußte über den Willen siegen und machte dem jungen Manne den Abschied von all den fühuen Plänen und berechtigten Hoffnungen leicht. Dann und wann, in den Tagen des vorübergehenden Wohlbefindens, erstand wohl auch der Wunsch, noch länger zu leben, wieder, um bald durch ärgere Strant heitssymptome wieder ectötet zu werden. Er war stets ein Feind des Halben gewesen; fonnte er nicht wieder ganz genesen, so mochte der Tod immerhin sein Werk thun. Wohl wurde dieser oder jener berühmte Arzt gefragt, doch keiner konnte die gewünschte Antwort
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tagten am Donnerstag Abend in Berlin, um zur Brandenburger Konferenz sowie zu dem Parteitag der deutschen Sozialdemokraten in München Stellung zu nehmen. Den Sozialdemokraten in München Stellung zu nehmen. Den Versammlungen lagen drei Anträge über das Verbot des Busammengehens der Sozialdemokraten mit den Freisinnigen und über die Stellungnahme der sozialdemokratischen Partei zur Alkoholfrage vor. Anträge wurden mit großer Mehrheit abgelehnt, dagegen Die gelangte eine Resolution zur Annahme, daß die Parteipresse fich mehr als zuvor mit der Alkoholfrage beschäftigen und auf die Schädlichkeit des Alkohols hinweisen soll.
Die deutsch- bolländische Postunion soll noch vor Neujahr perfekt werden. Desterreich- Ungarn wird vor Neujahr perfekt werden. Desterreich- Ungarn wird fich der Union anschließen.
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Zum Empfange des Burengenerals Louis Botha, der am Donnerstag Abend 7 Uhr in Brüssel eingetroffen ist, wird gemeldet: Sobald der Zug zum Stillstand gekommen war, stürzte sich eine nach Hunderten zählende Menge zum Eisenbahnwagen und riß den General förmlich zum Wagen heraus. Frauen fielen ihm um den Hals und entlockten ihm Thränen der Rührung. Unter den Rufen: Es leben die Buren" wurde Botha im Triumph zum Bahnhofausgang getragen. Tausende von Personen hatten vor General eine begeisterte Ovation dar. Der General bestieg dem Bahnhof Aufstellung genommen und brachten dem einen Landauer und fuhr zur Wohnung seiner Gattin, wo seiner Kinder brachen alle Anwesende in Thränen aus. ihm ein rührender Empfang zu Teil wurde. Beim Umarmen Botha wird mehrere Tage hier verweilen.
Giessener Cagesneuigkeiten.
vinzialarresthaus Ludwig Röder wurde zum GefangenaufErnennung. Der Gefangenwärter am hiesigen Bro seher an dieser Anstalt ernannt.
** Der Alkohol und die Eisenbahner. Es ist kein Geheimnis, so schreibt die Köln. Btg.", daß der übermäßige Alkoholgenuß, den wir allgemach als unser großes Voltsübel anzusehen und zu bekämpfen beginnen, unter dem niederen Eisenbahnpersonal mehr verbreitet ist, als gerade diesem Berufe gestattet werden kann. Der wechselnde Aufenthalt in
geben. So hatte er sich denn in die Stille des elterlichen Wärterhäuschens zurückgezogen und lag jetzt dort im kleineren der beiden einzigen Zimmerdchen auf dem Krankenlager. Das war eine schöne stille tiefe Einsicht kam ihm in den Zusammenhang der Zeit, in der er nachdenken konnte. Und welch Dinge; Es war im, als ob sein Geist von Tag zu Tag freier würde. Er wurde nicht viel gestört; Wöchentlich einmal kam der Arzt. Was sollte ihm der auch nüßen! Dann und wann kam der Geistliche, der ihn fonfirmict hatte und zu dem er immer mit unendlicher Verehrung aufgeblickt hatte. Mit ihm konnte er sich unterhalten, die Tiefen der menschlichen Erkenntnis durch messen, und doch fühlte er sich schließlich getäuscht, er hatte sich das Urteil des einst so geliebten Seelsorgers unbefangener, seinen Standpunkt erhabener gedacht. mit dem Pfarrer befriedigte ihn nicht mehr und er ließ Das Gespräch ihm durch den Arzt bedeuten, daß ernste Unterhaltungen den Kranken zu sehr angriffen. Ganz wohl fühlte er sich einst so erhaben geglaubt, in schlichter einfältiger sich jetzt, wenn er sich mit seiner Mutter, über die er Weise unterhalten fonnte. die traurigen halb thränenfeuchten Augen hätte ansehen Wenn er nur nicht immer müssen. Schmerzen, die sie geheim um ihren Sohn trug, ahnte Die Mutterliebe that ihm wohl, aber die Zeit war es dann, als der Freund in Ferien zu Hause er und machte sich Kummer darüber.. Eine föstliche war. Täglich fonnten sie zusammen sein. gleiches Fühlen und Empfinden, gleiches Denken: es Hier war gleiches Fühlen und Empfinden, gleiches Denken: es war die Harmonie, die der Kranke haben mußte. Einen sehnte. Schon während der letzten Schuljahre hatte er Wunsch hatte er noch, nach dessen Befriedigung er sich ein Mädchen, eine Schulfameradin, gerne gesehen, hatte ihr alljährlich die ersten Maiblumen mitgebracht und lassen. Auf einem Feste, nach einem Tanze im Freien, sich durch einen Handdruck, einen zärtlichen Blick danfen hatte er ihr den ersten Kuß jugendlicher keuscher Liebe gegeben, dann aber waren sie auseinandergekommen, wie er glaubte, durch seine Schuld. er sein Mädchen noch einmal bei dem Karuſſel getroffen, Am Abend hatte weil sie dort in dem Trubel am unauffälligsten bei
Wind und Wetter, der anstrengende Nachtdienst, vielleicht gefühl bilden Verführungen zu alkoholischer Stärkung, denen auch das hier beständig angespannte Verantwortlichkeitsandere Berufsarten in solchem Grade nicht unterworfen sind. Um so mehr scheint es aber Pflicht der vorgesetzten Behörden zu sein, der einmal vorhandenen Neigung geschickt und doch für bas Vorgehen der bayerischen Staatsbahnverwaltung be nachdrücklich engegenzutreten. Als Muster möchten wir hierschrift zugehen lassen, nach der der Alfoholgenuß während zeichnen. Diese hat fürzlich dem Ministerium eine Dentder Fahrt bezw. während des Dienstes verboten oder wenigstens nommen, die Verabreichung alkoholischer Getränke an Bestart eingeschränkt werden soll. Auch ist in Aussicht gedienstete durch Bahnhofswirte während der Nachtstunden von 11 Uhr nachts bis 8 Uhr früh zu verbieten, Koch gelegenheiten in den Uebernachtungslokalen und Unterkunftsräumen zu schaffen, diese behaglicher einzurichten und Lektüre zur Unterhaltung zu bieten. Diese Lokale sollen zu Erfrischungshülfe der Verwaltung Thee, Kaffee, Sodawasser und Limonade stationen ausgestaltet werden, in denen unter finanzieller Beiverabreicht werden sollen.
Aus Hessen und nachbargebieten.
** Aus dem Rodgan, 20. Aug. Der gestrige Tag glückstag. Gegen Abend überzog zwischen 6 und 7 war für viele unserer Landwirte ein schwerer UnUhr ein furchtbares Gewitter unsere Gegend, das allent schlag, wie er hier in gleicher Stärke noch selten erlebt halben bedeutenden Schaden anrichtete. Ein Hagelwurde, ging nieder. Die Hagelförner zeigten durchweg die Größe kleiner Vogeleier und bedeckten vollständig den Boden. Die Feldfrüchte haben hierunter sehr schwer gelitten. Der Hafer ist stellenweise wie auszerschlagen. Den schwersten Schaden dürften jedoch die gedroschen, auch Dickwurz und Gemüse find start Obstbäume erlitten haben, denn es steht sehr zu befürchten daß die Aepfel, wie vor zwei Jahren, derart zerschlagen sind, daß sie als haltbares Tafelobst nicht verwendet werden können.
letzten Winter in der Schweiz verstorbenen Rentier, ** Grünberg. Ein Sohn hiesiger Stadt, der im frühere Kaufmann, Herr Oehl, hatte wie bekannt,
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einander sein konnten. Hand in Hand, eines glücklich durch die Gegenwart des Sie ftanden nebeneinander, andern, wunschlos, in sich vergnügt. gleichalterige Gesellschaft war zu ihnen gekommen und Eine andere, hatte sie eingeladen, mitzufahren. Ihm war es scheinScherz hatte er dann gesagt: Wenn Du nicht willst, bar gleich recht; sie aber sträubte sich dagegen. Halb aus fahre ich allein. Das hatte sie scheinbar als Ernst aufgenommen und war gegangen. Er schloß sich der anderen Gesellschaft an, nicht aus Luft nach Vergnügen, sondern um die Sache unauffällig zu machen. andern Tage mußte er abreisen, ohne seine Liebste noch einmal gesehen oder gesprochen zu haben. Das Leben hatte ihn dann in seine ernste Schule genommen und ihm nicht viel Zeit gelassen, an seine jähgeendete Liebdie Sehnsucht, die einst Geliebte noch einmal zu sehen. schaft zu denken. Jezt auf dem Krankenlager tam ihm Sein Freund mußte ihm dazu behilflich sein. Gile that not, denn mit dem schwindenden Sommer nahmen die Ende bringen, jede Nacht den letzten Kampf verhüllen. Kräfte des Kranken merklich ab. Jeder Tag konnte das Freund die Ersehnte mit, blühend von Gesundheit, An einem milden Sommerabend brachte dann der glücklich ein schönes Bild einer deutschen Jungfrau. Wie war der Sterbende, als er sie einfriedigung, als sie ihm die Hand reichte. Der Freund eintreten sah, wie leuchtete sein Antlig boller Be war Zeuge des Zusammenseins, in welchem sie beide ihre Thorheit bereuten. Beim Abschied der Jungfrau trat er aus dem Zimmer, als er sich dann verabschiedete, sagte ihm der Stranke strahlend von Glüd:„ Sie hat Stirne, zum Sprechen war er zu matt. Der Freund mich noch einmal gefüßt". Dabei deutete er auf die fonnte sich nicht mehr beherrschen, er beugte sich über Finger vorhin bezeichnet hatte. Dann drückte er ihm den Müden und füßte ihn auf dieselbe Stelle, die sein innig die Hand und sagte:„ Auf Wiedersehen". Der Der Strante nidte faum merklich und wandte sich ab. Regen einem rauhen Winde gefolgt, eilte die Kunde Am anderen Morgen, in der Nacht war ein milder durch die Stadt, der Lehrer Heinrichs ist gestorben.


