Ausgabe 
23.7.1902 Zweites Blatt
 
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Woche die eine ihren Geburtstag feierte, mußte er Uhr und Kette versetzen, um ihr eine Aufmerksamkeit zu er weisen. Als dann auch die 40 Mk., die er vom Pfand­leiher erhalten hatte, aufgebraucht waren, flagte er vor­gestern seinem Wirt: Nun habe ich kein Liebchen mehr auf dieser Welt und auch kein Geld mehr. Uhr und Kette sind auch weg. Was soll ich nun noch länger hier? Am andern Morgen fand ihn der Wirt, der ihm den Koffee bringen wollte, als Leiche wieder; er hatte sich an einem Kleiderhaken erhängt.

* Politik in der Kinderstube. In Leipzig erscheint ein Der Hauslehrer, Wochenschrift für den geistigen Verkehr mit Kindern" betiteltes Blatt, das sich felt samer Weise auch mit Politik beschäftigt. Die soeben erschienene Nummer 24/25 enthält neben einem stack politisch gefärbten Artikel über den König von Sachsen auch einen Die Polengefahr" betitelten Aufsatz, in dem regelrechte Scharfmacherei betrieben wird. In welcher Weise dieses geschieht, erhellt u. A. aus dem classischen Sage: Laß polnische Kinder gern mitspielen, nur nicht soviel, daß mehr Polen als Deutsche beim Spiel sind!" Das hat noch gefehlt, daß so etwas im geistigen Verkehr mit Kindern" getrieben wird. Solche Kinder­freunde sind falsche Freunde. Politik verdirbt den Er­wachsenen den Charakter, um wie viel leichter den Kindern.

* Eine interessante Streitfrage, die durch die Ein­führung der 45 tägigen Rückfahrkarten besondere Bedeutung erlangt hat, ist vor einiger Zeit von der Bahnbehörde ent­schieden worden. Es handelt sich um die Frage, ob für ein Kind, das zwar vor Antritt der Fahrt noch nicht zehn Jahre alt war, dieses Alter aber erreicht, ehe die Rückfahrt be­gonnen worden ist, das Fahrgeld für Kinder oder für Er­wachsene entrichtet werden muß. In dem vorliegenden Falle war dem Vater des betreffenden Kindes von der Heimats­station ein Kinderbillet verabfolgt worden. Auf der Rück­fahrt das Kind war inzwischen zehn Jahre alt geworden

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ergaben sich Schwierigkeiten, und der Vater des Kindes wurde zur Nachzahlung veranlaßt. Auf eine später an die Eisenbahndirektion gerichtete Reklamation, die auch dem Ministerium vorgelegen hat, wurde ihm das nachverlangte Geld zurückerstattet mit dem Bemerken, daß für die Beurteilung des Alters den Tag des Fahrtantritts in Betracht komme. An dieser Bestimmung der Verkehrsordnung si bei Ein­führung der Rückfahrkarten mit 45tägiger Daner nichts ge= ändert worden.

* Der Storch hinter den Coulissen. Aus einem eigen­artigen Anlasse mußte am Samstag eine Vorstellung in Berlin abgebrochen werden. In einem Etablisse­ment des Nordens feierte ein Vergnügungsverein sein Stiftungsfest. Natürlich durfte dabei auch die obligate Theateraufführung nicht fehlen. Eine der Hauptrollen ag, da man ein anderes dazu geeignetes Vereinsmitglied nicht fand, in den Händen der talentirten Gattin des Plempnermeisters W. Die Dame hatte sich zwar anfangs Dagegen gesträubt, weil sie in längerer Zeit den Besuch es Storches zu erwarten habe, allein man wußte ihr Jedenken derartig zu zerstreuen, daß sie sich zur Mit­pirkung bereit erklärte. Am Samstag- Abend wurde Frau W. während der Festvorstellung von einem Un­ohlsein befallen, so daß der Vorhang niedergehen ußte. Dreiviertel Stunden nach dem Fallen des Vor­anges hatte ein Knäblein das Licht der Welt erblickt. as freudige Ereignis trat um so unerwarteter ein, Is der junge Erdenbürger fahrplanmäßig erst zwei

Jugendkest.

Die für das diesjährige Jugendfest vorgesehenen sieben sirtschaftspläße im Philosophenwald nebst einem an einen onditor abzugebenden Platz für Verabreichung von Kaffee id Gebäck sollen auf dem Wege der Submission vergeben erden.

Bedingungen und Angebotsformulare fönnen im Knaben­ulhause an der Nordanlage, Zimmer Nc. 2, am 25. und 1. Juli, vormittags von 10 bis 11 Uhr, in Empfang ge= mmen und der daselbst aufliegende Plan eingesehen werden, selbst auch die Angebote abzugeben sind.

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Angebote nach dem 26. Juli bleiben unberücksichtigt. Gießen, den 22. Juli 1902.

Der Fest- Ausschuß:

Mecum,

Bürgermeister.

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Monate später hätte erscheinen dürfen. Frau W. wurde| mittels Droschke nach einer Klinik gebracht. Ihr Zu­stand ist sehr besorgniserregend. Die behandelnden Aerzte sind der Ueberzeugung, daß die Aufregungen des Spiels und der damit verbundene Toilettenzwang das Vorkommniß verschuldet haben.

Ein Automobil vom Bliz zertrümmert

* Budapest, 21. Juli. Der preußische Ingenieur Robert Hilbert unternahm mit seinem Kollegen Adolf Buschwitz eine Automobilfahrt. Während derselben wurden sie von einem heftigen Gewitter überrascht. Der Blizz schlug in das Auto­mobil ein, dessen Benzin- Reservoir im nächsten Moment explodirte. Buschwitz wurde auf der Stelle getödtet, Hilbert erlitt lebensgefährliche Verlegungen.

* Die prüde Dame. Eine der ersten Jugendblüte entwachsene ledige Dame, die von der englischen Presse sehr ungalanter Weise alte Jungfer" genannt wird, nahm ihren Sommeraufenthalt in dem bekannten Seebade Yarmouth. Vor einigen Tage führte sie nun bei den Stadtvätern Klage, daß ein Herr gerade ihrem Fenster gegenüber um fünf Uhr Morgens sein Seebad genommen habe. Der Stadtrat schrieb dem betreffenden Herrn, und dieser entschuldigte sich damit, daß er geglaubt habe, zu so früher Stunde unbeanstandet sein Bad in der verpönten Zone nehmen zu können. Er werde aber fünftig eine( engl.) Meile weiter baden, um feinen Anstoß zu erregen. So that er auch. Am Sonn­abend erhielt aber der Stadtrat zu seiner Ueberraschung eine neue Beschwerde seitens der prüden Dame, in der es hieß: Der Mann, über den ich mich beklagt habe, badet jetzt schon um vier Uhr Morgens eine Meile oberhalb der Stadt, wo ich ihn aber immer noch ganz deutlich mit einem Fernrohr seben fann." Die Dame ist nun schwer beleidigt, da ihr empfohlen wurde, entweder eine Stunde länger der Ruhe zu pflegen oder aber ihr Fernrohr nach einer anderen Himmelsrichtung hinzuwenden.

ein, auf welchem sich 12 Arbeiter befanden. 9 wurden * Paris, 21. Juli. In Nieul stürzte ein Gerüst tötlich, 3 leichter verletzt.

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geteilt: Zwei Polizisten verfolgten am Freitag einen Folgender Spitzbubenstreich wird aus Paris mit­Taschendieb, den sie am Omnibusbureau der Rue Drouot ertappt hatten. Es war ein flinker Bursche, der mitten in der Rue Rochechouart plötzlich vor den Augen der beiden Beamten verschwand. Diese sagten sich, er müsse in einem der Häuser sich versteckt haben, und stellten sich daher auf die Lauer. Der Bursche war inzwischen in eine Badeanstalt getreten und erfrischte sich in der fühlen Flut. Er fürchtete indeß mit Recht, daß die fühlen Flut. Er fürchtete indeß mit Recht, daß die Polizisten ihm noch immer auflauerten. Er mußte sich also unkenntlich machen, um sich fortschleichen zu können. Er drang nun in die Kabine cines anderen Badenden, zog dessen elegante Sommerkleidung an und ging stolz und ruhig an den beiden Polizisten vorüber, die in ihm den zerlumpten Dieb nicht wieder erkannten. Als aber einige Minuten später der Besitzer der eleganten Kleidung das Bad verlassen wollte, geriet er in furchtbaren Zorn, als er statt seiner Kleidung die schmutzige Hülle des Taschendiebs in seiner Kabine aufgehängt fand. Der Besitzer dr Badeanstalt bot ihm Ersatz für die gestohlene Kleidung an, bat ihn aber, um Aufsehen zu vermeiden, die Lumpen des Taschendiebes anzuziehen, um sich ent­fernen zu können. Dem Aermsten blieb schließlich auch nichts anderes übrig. Kaum war er aber auf der­Straße, als die Beamten, die ihn für den Taschendieb hielten, ihn beim Stragen faßten und auf die Wache

Pflichtfeuerwehr.

Donnerstag den 24. Juli d. J., abends 8.30 Uhr im Turmhause am Brand:

führten. Hier klärte sich natürlich der Sachverhalt bald auf. Den Taschendieb hat man aber noch nicht be­kommen.

hier ungeheuren Schaden angerichtet. Die Weinberge * Constantine, 21. Juli. Die Heuschrecken haben und große Strecken Ackerland sind vernichtet. Moderne Schlachthaustechnik. In welcher außer­ordentlichen Weise die Technik in den Schlachthäusern Chicagos ausgebildet ist, davon giebt folgende Schil­derung eines englischen Blattes einen Begriff. Auf den Chicagoer Viehhöfen werden von mehreren der ersten Firmen 5000 bis 6000 Mann in den Schlacht­häusern beschäftigt. Ein großer Teil der Arbeit wird durch Maschinen geleistet und die Arbeitseinteilung ist äußerst entwickelt. Zwanzig Mann werden gebraucht, um einen Ochsen zu schlachten, und fast ebensoviel sind bei einem Schaf oder Schwein beschäftigt. Jeder voll­führt seine Arbeit halb mechanisch. Das Niederwerfen, Bluten, Abziehen und Zerlegen eines Ochsen dauert nur 39 Minuten, für ein Schaf werden 30 bis 34 Minuten gebraucht. Einige Firmen tödten und richten Schweine. Die Schweine werden jetzt mechanisch durch her in einer Stunde 300 Ochsen und 700 Schafe oder Douche gekühlt. Wenn sie quikend den Todesraum betreten, gehen sie unter einem großen Rade mit herab­hängenden Ketten vorbei. Ein untenstehender Mann ergreift einen Huf, befestigt eine Kette, und das Rad zieht das Tier hoch und bringt es zu einem Haken mit schrägen Riegeln. Die Schwerkraft trägt das Tier zu einem Mann, der seine Gurgel schlitt; in jenem Augenblick drückt es einen elektrischen Knopf, der den Tod im Komptoir registriert. Durch sein Eigengewicht kommt es in ein heißes Bad, eine sich umdrehende Schaufel wirft es wieder hinaus, und es geht zu einer wunderbaren Schabmaschine. Auf dem Schlächtern vorbei, die es föpfen, spalten usw. Die Querholz fommt das Schwein nacheinander bei sechs getrennten Seiten kommen auf verschiedenen Wagen weiterem Zerlegen auftauchen. Die Rinder werden in ins Kühlhaus, aus dem sie einige Stunden später zu Hürden niedergeworfen, dann auf Riegel gehängt, von wo sie zu zwölf Abteilungen gelangen, in denen sie gespalten, gereinigt, zerlegt und gekühlt werden. Ein Mann schneidet den ganzen Tag nur Köpfe ab, ein anderer schneidet nur Zungen heraus, einer schneidet Hufe ab, ein anderer die Haut. Jeder Teil wird sorg­sorgfältig gesammelt und gebraucht; der Gewinn von den letzteren beträgt im Laufe eines Jahres eine be­deutende Summe.

Hochschulnachrichten.

Das Prorektorat der Universität Jena geht am 1. Okt. Prof. Dr. A. Schulze über. Als Lettor der fran­von Gh. Hofrat Prof. Dr. Göz auf Oberlandgerichte rat zösischen Sprache ist zum nächsten Semester Herr Leon berufen worden. Desdonits, Licencié des lettres, aus Versailles hierher

Gestorbene.

Am 21. Juli: Karl Ludwig Strauch, 45 Jahre 6 Monate alt, Eisenbahn- Betriebssekretär dahier.

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Gießen, am 18. Juli 1902.

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