Ausgabe 
18.10.1902 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt.

Samstag, den 18. Oftober 1902.

Avonnement preis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., ins Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mt. 1.50.

Gratisbeilegen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhefüsche Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst und Gartenban, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Gießener

11. Jahrgang.

Jujectionsvreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz berbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Ervedition: Gießen, Neuenweg 28. Ferufprechauschluß Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen.

Ein Besuch auf der Grube Friedrich.

Von Hermann Frei.

Mitarbeiter der Gießener Neueste Nachrichten."*) Wenn Jemand eine Reise thut, dann kann er was" erzählen, drum nahm ich meinen Stock und Hut und thät das Reisen wählen." Damit ist die ganze Triebfeder meines Handelns gekennzeichnet, doch nicht so, daß ich diese klassischen Verse als eine Prophezeih­ung auf meine kleine Landpartie aufgefaßt haben wollte. Wie dem auch sei ich floh hinaus ins weite Land", doch hatte ich mir daß teure Buch aus Nostro­dan'us eigner Hand" nicht zum Reisebegleiter erforen aus dem zweifachen Grunde, weil ich erstens nicht im Besize dieses zauberfräftigen Buches bin und weil ich zweitens auch gar nicht im Sinne hatte oder habe, mich der Magie zu ergeben und die Geister in Luft, Wasser und Erde zu meinem Dienste zu zwingen. Mit dem Fliehen aus des Städchens drückender Enge" war es mir aber heiliger& nst, und da ich fürchtete, meine etivas eingerosteten Kommißstiefel würden mich nicht rasch genug aus der Bannweite des zu flehenden Ortes bringen, bestieg ich das Dampfroß. Da es aber nicht gut ist, daß der Mensch allein sei", hatte ich mir für alle im menschlichen Leben möglichen Fälle der Lang­weile für Gesellschafter gesorgt, die es gewünscht hatten, sich meiner ,, Forschungsreise" anzuschließen. Bald waren wir auf der Haltestelle Trais angelangt. Außer zwei Schülern waren wir die beiden einzigen Fahrgäste, die ausstiegen. Wir wurden von einer Dame empfangen, die uns zu Ehren, als Angehörige des hessischen Staates eine weiß- rote Festschleife angelegt hatte. Leider mußten wir erfahren, daß die Frau wohl unsertwegen dort stand, uns aber nur in unserer Eigenschaft als Fahr gast der Oberhessischen Eisenbahn eines Interesses würdigte und daß sich die Festschleife" o Tücke des Schicksals als Dienstabzeichen- entpuppte. Nichtsdesto­weniger wurden ein paar freundliche Worte gewechselt, und nachdem wir uns davon überzeugt hatten, daß wir im engen Wagenabteil unsere Beine nicht bec wechselt hatten, sezten wir dieselbe in Bewegung in der Warschrichtung auf Tiais- Horloff.

Die Herbstsonne meinte es gut, doch die Schatten spendenden Bäume meinten es in ihrer Weise ebenso gut und da die erfrischend fühle Horloff mit ihrem flaren Wasser sich als unser Begleiter aufmachte, war *) Nachdruck nur mit Genehmigung des Verfassers.

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der Weg leidlich zu passieren. Auf sauberen Straßen zwischen kleinen aber reinlich und freundlich anschauenden Häuschen hindurch zogen wir in Trais an der Horloff ein, uns sofort nach dem Wege zur Grube erkundigend. Viele Leute waren nicht zu treffen, war es doch ein Werktag, den wir uns für die Tour ausgewählt hätten, wartete doch die Ernte vieler fleißiger Hände. Schon am Ende des Dorfes nach der Grube hin, merkt man, daß man hier im Zeichen des Bergbaues" steht, denn an Häusern und Wirtschaften sind bergmännische Embleme angebracht. Nachdem wir in einem appetitlich aussehenden Gasthause die ermatteten Lebensgeister durch ein Glas Gertrudis brunnen erquickt hatten, be­gaben wir uns dann mit dem Vorgeschmack eines für unser Leben und Wissen großen Ereignisses auf die Suche nach der Stätte, die durch ihre Produkte, ihre schönen Plakate mit der wundervoll gewachsenen Dame, die am Feuerherd steht und mit der feinbehandschuhten Rechten ein Brikett der Grube Friedrich anpreisend in die Höhe hebt, noch mehr aber durch das furchtbare unglück, daß sich dort vor furzer Zeit ereignet hat, überall bekannt geworden ist Neugier, Wissensdurst, Zuversicht, den gewünschten Einblick in den Betrieb zu erhalten, Zweifel, ob es uns gelingen würde, das waren die seelischen Zustände, die in mir und wohl auch in meinen Begleitern wechselten...

Kaum hatten wir das letzte Haus des Dorfes im Rücken, als wir der Gruben- und Fabrikgebäude an sichtig wurden. In den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen und des Himmels Wolfen schauen hoch hinein".... In welch grauenhafter Weise das Feuer hier gewütet, weiß Jedermann aus den Berichten, die anläßlich des Unglücks die Zeitungen durcheilten. Als Zeuge steht hier ein Eisenbahnwagen, dessen Holzteile gewiß ver­brannt sind, dessen eiserner Unterbau berglüht und durch die Glut verbogen ist, dort liegen verglühte Schienen. Die Maschinen- und Fabrikräume sind Ruinen, in denen sich aber schon wieder neues Leben regt, indem die fleißigen Hände rühriger Bauleute das Abgebrannte er­neuern. Doch wird es noch eine geraume 3 it währen, bis der volle Betrieb wieder aufgenommen werden fann. Die Gunst des Augenblicks" fonnten wir nicht rühmen, denn wir trafen den Direktor des Werkes, der uns allein die Erlaubnis zur Befahrung der Grube geben fonnte, in seiner Geschäftsstube nicht an, da ihn sein Amt im Betriebe zu schaffen gab. So hatten wir denn Muße, ein wenig um die Anlage herumzuschlendern. Hinter denselben bemerkt das Auge überall Boden

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senkungen, Folgen der Unterminierung; zwei ziemlich große Teiche befinden sich in denselben, dicht durch­wachsen von Schilf, belebt von Fischen. Die Gruben­verwaltung hat die gesunkenen Ländereien ankaufen müssen und überläßt sie jetzt, soweit sie noch bebauungs­fähig sind, gegen einen geringen Pacht ihren Arbeitern und Angestellten als Pflanz- und Ackerstücke. Für eine verwöhnte Nase giebt es hinter den Gebäuden gerade feinen Hochgenuß, denn hier liegen die teilweis noch schwelenden Rückstände der Kesselheizung, auch noch glühende Reste des Brikettvorrates. Desto mehr kann sich ein schönheitsdurstiges Auge an den landschaftlichen Reizen der näheren und weiteren Umgebung weiden, hier an den sanft ansteigenden Hügel der Wetterau, dort an den in feinen Dunst gehüllten massigen Er­hebungen des Vogelsberges

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Unser zweiter Besuch im Verwaltungsgebäude war von mehr Erfolg begleitet als der erste. Anstandslos wurden wir an den Steiger gewiesen, der uns in das Innere des Bergwerks führen sollte. Doch erst mußten wir im Maschinenhaus etwas Toilette machen. Nicht etwa, daß diese dem Steiger für den Besuch der Erd­geister schlecht gewesen wäre, sondern aus Rücksicht auf unsere nicht ganz werktäglich gewählten Kleider wurde uns bedeutet, die Hüte und Röcke abzulegen. Dafür erhielten wir denn andere aus dem Vorrate des Steigers, für die es weniger schade war, wenn an ihnen etwas verdorben ging. Jeder von uns erhielt ein Grubenlicht und nach kurzem Warten betraten wir den Fahrstuhl zur Fahrt in die Tiefe. In das ew'ge Dunkel nieder, steigt der Knappe, der Gebieter, einer unterirdischen Welt." Wenn wir auch das Gruben­licht bereit hatten und zur Hälfte Knappenkleider trugen, so war es uns doch keineswegs zu Mute, wie es einem ehrlichen Knaben sein muß, der Reiz des Ungewohnten machte die Pulse etwas rascher schlagen und ein eigen­tümliches Befangensein machte sich in mir geltend, als sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte- war es doch die erste Grubenfahrt in meinem Leben. Bald waren wir auf der Sohle des Bergwerks, 60 Meter unter der Erdoberfläche, angelangt und wurden durch ein herz­liches Glück auf" der dort arbeitenden Bergleute be grüßt. Nachdem uns der Steiger die unterirdischen Pumpwerke gezeigt und ihre Thätigkeit erklärt hatte, führte er uns viele Meter weit durch einen Stollen; auf schlüpfriger Bretterbahn in gebückter Haltung folgten wir ihm zur Stelle, wo die Förderkarren von einem höher gelegenen Stollen ausgefüllt werden.

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