Ausgabe 
18.10.1902 Erstes Blatt
 
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Die Politik.

Der Erbgroßherzog von Baden,

Erbgroßherzog Friedrich von Baden ist seines Am­tes als Kommandeur des achten Armeekorps in Mɔb­lenz enthoben und als Kommandeur des vierzehnten Armeekorps nach seiner künftigen Residenz Karlsruhe ver­segt worden. Bei dem hohen Alter seines Vaters ist es wünschenswert, daß der Tronerbe in dessen unmit­telbarer Umgebung weilt. Der Erbgroßherzog wird das erbprinzliche Palais in der Kriegstraße beziehen, das später der Witwensitz der Landesfürstin werden soll. Am Donnerstag hat sich der Erbgroßherzog von den Behörden in Koblenz bereits verabschiedet, wird aber noch einmal nach seiner seitherigen Residenz zurückkeh ren, um einem ihm zu Ehren zu veranstaltenden Fest­mahl der Bürgerschaft beizuwohnen.

Skandal im englischen Unterhause.

Im englischen Unterhaus veranlaßte der vor fur­zem wegen Aufreizung zu einer Freiheitsstrafe verur­teilte Abgeordnete O'Donnel einen Standal. Der Spre­cher( Präsident) des Hauses wollte ihm nicht das Wort erteilen, O'Donnel sprach aber unter tosendem Lärm dennoch und verließ während seiner Rede, immer spre­chend, den Plazz, um dem Ministerpräsidenten Balfour den Schluß seiner Ansprache ins Gesicht zu schreien; es sah aus, als wolle er ihn tätlich angreifen. Nach der geschehenen Provokation begab er sich wieder auf seinen Plaz zurück. Der Ministerpräsident wahrte seine Ruhe, beantragte aber dann, den Abgeordneten O'Don­nel vorläufig von den Beratungen auszuschließen, was auch mit 341 gegen 51 Stimmen beschlossen wurde.

Der Kabinettswechsel in Serbien.

Troßdem der russische Gesandte in Belgrad dem serbischen Königspaare offiziell mitgeteilt hat, daß die Zarin tatsächlich unwohl ist und daß deshalb der Be­suchsempfang abgelehnt werden mußte, ist dennoch der Kabinettswechsel eingetreten, allerdings nicht, um einer russenfeindlichen Schwenkung der Politik Platz zu machen; das Ministerium Wuitsch ist vielmehr aus Gründen der inneren Politik zurückgetreten. Es wird jetzt ein aus allen Parteien gemischtes Kabinett gebildet werden, das die ungesunden Verhältnisse im Parlament ordnen soll. Kurze politische Nachrichten.

* Der Kaiser ist Donnerstag Abend 10% Uhr auf der Wildparkstation eingetroffen.

* Die Presse ist übereinstimmend auf Grund der gestri­gen Reichstagsverhandlungen der Ansicht, daß zwischen der zweiten und dritten Lesung des Zolltarifs ein kom­promiß zu ſtande kommen wird.

* Durch Verordnung des Prinzregenten von Bayern bom 12. d. Mts., welche das Verordnungsblatt des Kriegs­ministeriums bekannt giebt, werden die neuen Kriegs­artikel für das bayrische Heer eingeführt.

* Der bayrische Bauernbund hat sich von dem Zentrum völlig losgesagt, weil seine Abgeordneten sich nicht für die höheren Getreidezölle binden wollen.

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In Köln wurde eine Versammlung des Gemert­vereins deutscher Frauen polizeilich geschlossen, weil die Vorsitzende über den Sozialreformverein referiert hatte.

* Wie der ,, Neuen Freien Presse" aus Triest ge­meldet wird, wurde soeben das Wappenschild des italienischen Konsulats in Zara mit Unrat beschmußt gefunden; der italienische Konsul erhob Beschwerde beim Statthalter.

* Den macedonischen Aufständischen gehen die Gelder aus.

Die französische Presse erblickt in dem Abg. Jonnart, der die Gruppe der republikanischen Hoch­schutzöllner sprengte, den kommenden Ministerpräsiden­ten, falls das Kabinet Combes gestürzt werden sollte.

* Zu der Reise des Königs von Portugal nach England bemerkt der ,, Mundo"( Die Welt), daß der König von feinem Minister begleitet sei, aber der portugiesische Gesandte in London de Soveral, ein eifriger Anhänger einer Allianz in England, sich in seiner Begleitung be­finde.

* Am Mittwoch durchzog ein Zug südafrikanischer Veteranen die Hauptstraßen Londons. Sie trugen an ih­ren Hüten ein Plakat, worauf zu lesen stand: ,, Wollen Sie, daß Leute, welche mehr als drei Jahre in Süd­afrika für die Ehre Englands gestritten haben, vor Hun­ger sterben oder sich in die Arbeitshäuser aufnehmen Lassen müssen? Wenn nicht, Mitbürger, so helfet uns, Genugtuung zu erlangen!" Während des Umzuges wurde eine Rollefte gehalten.

* Der irische Abgeordnete Mac Hugh wurde in Sligo wegen Bedrohung und Teilnahme an einer Verschwörung zu 2 Monaten Gefängnis und Zwangsarbeit verurteilt.

Seinem Gesuch, ihn gegen Stellung einer Kaution auf freiem Fuß zu belassen, wurde stattgegeben.

* Durch die Nachrichten über Steuerpläne der Regie­rung veranlaßt, richtete die Minenkammer des Rand zu Transvaal ein Schreiben an Lord Milner, in welchem sie erklärt, daß eine starke Heranziehung zu den Kriegs­kosten für die Zukunft Transvaals unheilvoll sein würde. Das Schreiben ersucht die Regierung, ihre Absichten recht­zeitig kund zu geben und spricht sich dahin aus, daß auf alle Fälle fünf Jahre lang keine Zahlung zu den Kriegs­kosten gefordert werden sollte.

* Die Kohlenarbeiter in Amerika haben sich da­hin entschieden, Montag die Arbeit wieder aufzunehmen. * Die Lage auf dem Kriegsschauplab in Vene­zuela ist noch völlig unbestimmt, jedoch glaubt man allgemein, daß Präsident Castro unterliegen wird.

Vermischtes.

*[ Humoristisches aus Aufsatzheften] ihrer Kinder sendet eine Mutter der T. R. Hier einige Proben: ,, Als Hannibal dann glücklich über die Alpen gekommen war, sagte er zu seinen Soldaten: ,, So, Kinder, nun laßt uns singen: Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen!" ,, Als Kolumbus das Land sah, ließ er einen ,, Wenn es reg Kanonenschuß aus dem Mastkorb."

net, fauft man sich einen Regenschirm oder man läßt - ,, Der Apfelbaum schnell einen alten neu beziehen."

bringt als Frucht die Aepsel zur Welt. Man ißt sie immer abends, wenn man zu Bette geht."- ,, Enten schwimmen immer alle auf dem See, den Kopf haben sie unter Wasser, die Beine in der Höh'!"( Es war nämlich den Kindern gesagt worden, sie könnten auch manchmal einen passenden Vers im Aufsaß anbringen.) Dieser poetische Erguß brachte dem Kleinen Schreiber aber eine sogenannte Nachhilfestunde ein. Sie schwächte aber seinen kühnen Mut nicht, denn bald hieß es in einer anderen Beschreibung: Man sagt, daß die Zie­gen sich auch vermehren, denn sie triegen Junge. Der Ziegenbock aber nicht."

*[ Das schlaue Kammerfäßchen.] An der russisch­deutschen Grenze in Wirballen belegten russische Zollbe­amte an die hundert Kartons Chokolade, die sich ein paar russische Aristokratinnen aus Deutschland mitge­bracht hatten, mit Beschlag. Bergebens beteuerten die Damen dem herbeigerufenen Zolloffizier, daß dies ihr Reisebedarf nach Petersburg sei, der Gestrenge wollte hiervon nichts wissen und meinte, so viel Chokolade tönne nicht mehr als Mundvorrat angesehen werden, und hier läge ein Versuch zum Schmuggeln vor, der nur durch hohe Verzollung gesühnt werden könne. Entrüstet erklärten die bedrängten Damen, daß ihnen nie im Le­ben der Gedanke hierzu gekommen sei. Um dem grim­mig dreinblickenden Grenzoffizier von der Güte einen Beweis zu liefern, baten sie ihn, eine Tafel zu kɔsten,

schmunzelnd prüfte dieser dann auch die so außer­ordentlich delikate Ware, als ihm vor Schreck bei einem Blick nach dem Reisekorbe der letzte Bissen beinahe im Halse stecken blieb. Derselbe war nämlich buchstäblich leer, die schlaue Kammerjungfer hatte inzwischen sämt­liche Tafeln an die gesamte Grenzwache und die vie­len Reisezuschauer verteilt- natürlich auch nur zum Kosten. Im Reiseforb war nicht ein Krümchen mehr zu finden und somit für die lachenden Damen die ganze Schmugglergeschichte erledigt.

*[ die freien Schweizer.] Im schönen Samaden, dem politischen Hauptorte des Oberengadins, ist eine Ein­richtung getroffen worden, die man als höchsten Tri­umph der reinen Demokratie bezeichnen darf. Dem ge­messen zur Abstimmung schreitenden Bürger stellt sich im Gemeindesaal ein Ding dar, das zwei Arme zu beiden Seiten ausstreckt. Das Rückgrat dieses Gebildes ist eine innen ausgehöhlte und durch eine Scheidewand in zwei Abteilungen geteilte Säule. An jeder Seite ist ein ebenfalls ausgehöhlter Arm angebracht. Der Bür­ger, der sein Stimmrecht ausüben will, tritt nun an Sen Apparat heran und steckt seinen Arm in eine der seitlichen Röhren, bis die Hand mit dem Stimmzettel die mittlere Röhre erreicht. Hier giebt er dann der Hand, während sie über der die Mittelröhre teilenden Wand schwebt, die entscheidende Wendung, denn rechts be­deutet ja, links nein" rufen ihm die Gemeindebeamten, die die Abstimmung überwachen, zu. Wirft er also sei­nen unbeschriebenen Zettel in die rechte Hälfte der Mit­telsäule, so hat er ja" gesagt, wirft er ihn in die linke, so heißt das" nein". Infolge dieser Einrichtung kann man nie herausbringen, wie der Bürger gestimmt hat; nicht einmal aus der Handschrift kann man Schlüsse ziehen, denn geschrieben wird bei diesem Verfahren nicht. Vorausgesetzt wird freilich, daß der ehrsame Bür­ger wisse, was rechts und links ist.

[ Elektrische Gemüsekultur.] Zwei russische Professɔ­ren, die Herren Spyesknew und Krowkow, haben die Ent­deckung gemacht, daß eine auf einem Felde vergrabene elek­

Frische Batterie fortwährend mit geringen offen den ganz zen Boden elektrisiert, und auf einem in dieser Weise elek­trisierten Felde wachsen Erdäpfel, Rüben, Klee, Gerste, Raps nicht nur schneller als sonst, sondern geben auch eine dreimal stärkere Ernte. In Amerika soll schon vor mehreren Jahren ein Landwirt namens Ramson das Wach­sen des Salats ganz bedeutend beschleunigt haben, indem er seine Gewächshäuser bei Nacht mit mächtigen elektrischen Lampen beleuchtete. Aber die Entdeckung der russischen Gea lehrten ist viel interessanter und läßt sich viel praktischer berwerten.

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[ Ueber die Hinrichtung eines Elephanten] berichtet die Newyorker Staats- Zeitung" unter dem 4. Oktober: Ein lustiges Lied pfeifend, aber schweren Herzens betrat gestern früh der Wärter und Tierbändiger im Zentral- Park, Billy Snyder, das Elephantenhaus, um seinem für einen Elephanten höchst gebildeten alten Freunde ,, Tom" die Henkersmahlzeit zu reichen, 600 Gramm Chankali in zwei Eimern Kleie, an deren Genuß ,, Tom" bereits seit einigen Wochen gewöhnt worden war. Der Elephant fämpfte einen harten Todeskampf. 56 Minuten lang wollte seine Le­benskraft dem Gift nicht weichen. Dann kam der Tod, der gerade eine Stunde nach Verabreichung der ersten Do­sis Gift, 250 Gramm, konstatiert wurde. Die Erekution war notwendig geworden, weil sich Tom" in lezter Zeit als sehr tückisch und gemeingefährlich erwiesen hatte.

[ Ein Neger- Theater.] Die kosmopolitische Stadt ,, par excellence", die Newyork ist, mußte natürlich ihren vielen englischen, deutschen, italienischen, skandinavischen und jiddischen" Bühnen noch eine Neger- Bühne hinzu­fügen und seit einigen Tagen besißt sie wirklich ein Neger- Theater. Eine in Boston zusammengestellte Neger­truppe bringt in einem Newyorker Vorstadttheater mit dem größten Erfolge eine dreiaktige komische Oper unter dem Titel In Dahomeh" zur Aufführung. Alle Mitglieder der Gesellschaft sind Neger und Negerinnen. Der Text der Oper ist eine Arbeit des in den Vereinigten Staaten sehr geschäßten Negerdichters Paul Lawrence Dunbar; die Musik, welcher Negermelodien zu Grunde liegen, ist von

Cook.

Bunte Chronik. Ein Pfahlbautenrest ist beim Bau eines Notkanals in der Kaiser Wilhelmstraße zu Berlin nahe der Burgstraße aufgefunden worden. Es wurden dort einige zwanzig Spißpfähle, die etwa 800 und 1000 Jahre in dem Erdreich gesteckt haben, herausgezogen und eine Anzahl ganzer Baumstämme gefunden.

Zwei Selbstmorde von Offizieren werden aus den Reichslanden gemeldet. In Straßburg hat sich der 60­jährige Oberstabsarzt Dr. Otto Dürr vom Fußartillerie­Regiment Nr. 14 aus unbekannten Gründen erschossen.

Leutnant Richter vom Chevaurlegers- Regiment in Dieuze machte seinem Leben durch Ertränken ein Ende. Die Leiche ist noch nicht gefunden. Das ist in diesem Jahre der vierte Selbstmord in der Garnison Dieuze.

Das Reichsgericht verwarf die Revision des baheri­schen Landtagsabgeordneten Bürgermeisters Lautenschläger in Neukirchen bei Schwandorf und des Schneidermeisters Tretenbach, die vom Landgericht in Amberg am 24. Mai wegen fahrlässiger Tödtung zu drei Monaten bezw. einem Monat Gefängnis verurteilt worden waren, weil sie einen Armenhäusler hatten verhungern lassen. Dagegen wurde der Mitangeklagte Pfarrer Bergler, der zu einer Woche Gefängnis verurteilt worden war, von Strafe und Kosten freigesprochen.

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Bei Creda zwischen Palermo und Catania ist ein Zug entgleift. Bierzehn Personen wurden verlegt.

Die Massenvergiftung in Hamburg. Zu den Massen­erkrankungen an Bord der ,, Patricia" wird aus authen­tischer Quelle folgendes mitgeteilt: Zu dem von den Schauerleuten eingenommenen Mahle wurden etwa 50 bis 60 Dosen Büchsenfleisch benußt. Ob die Erkrankun­gen aber hiervon herrühren, läßt sich nicht sagen. Die Entleerungen sind dem hygienischen Institut überwiesen worden. Epidemie- oder infektionsartig sind die Er­frankungen nicht. Das hygienische Institut hat keine In­fektionsbazillen feststellen können. Die Kranken sind sämtlich außer aller Gefahr.

Ein Professor nachgeprüft. Professor Dr. Lorenz aus Wien, der bekanntlich von dem Millionär Annour mach Chicago berufen wurde, um an dessen Töchterchen eine Hüftgelenksoperation zu vollziehen, hat seine Auf­gabe glücklich vollbracht, wurde aber von den Behörden zur Verantwortung gezogen, da er ohne Licenz seitens des Staates Illinois nicht zur Ausübung des ärztlichen Be­rufes berechtigt sei. Professor Lorenz hat nun nachträg­Lich ein Examen machen müssen, worauf ihm die Be­rechtigung erteilt wurde. Jezt wird der Wiener Arzt von armen Leuten, welche verkrüppelte Kinder besigen, förmlich belagert.

Metzgerei und Wirtschafts- Eröffnung.

Einem verehrlichen Publikum von Giessen und Umgegend zur gefl. Mitteilung, dass ich die von mir am 1. Oktober übernommene

Rind- und Schweine- Metzgerei und Gastwirtschaft

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Hochachtungsvoll

Ludwig Euler,

Metzger und Gastwirt.