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Nr. 190. 3Zweites Blatt.
Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mt. 1.50.
Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Montag, den 18. August 1902.
Gießener
2si11. Jahrgang.
Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
Politische Nachrichten.
nach Brunsbüttel zu gehen.
Gutem Vernehmen nach wird der Kaiser den großen strategischen Fluß- Manövern der Flotte vor der Elbemündung mit Gefolge beiwohnen. Aus diesem Anlaß hat die Staiser- Yacht„ Hohenzollern" Befehl erhalten, Der Kaiser trifft am 14. September in Hamburg ein, um sich an Bord des Kanonenbootes„ Sleipner" nach Brunsbüttel einzuSchiffen. Dort" besteigt der Kaiser die„ Hohenzollern" Die Manöver finden in der Zeit vom 15. bis 18. September statt.
und begiebt sich zur Flotte.
Beim Einzuge des Königs von Italien am 28. August in Berlin wird die Geleit- Eskadron vom Garde- Kürassier- Regiment gestellt. Auf dem Wege vom Botsdamer Bahnhofe zum Brandenburger Thor werden die Krieger- Vereine und Innungen, vom Brandenburger Thor bis zum Zeughause die Truppen der Garnison von Berlin Spalier bilden. Die Nagelung, welche am 28. August in der Ruhmeshalle des Jeughauses stattfindet, wird an 41 Fahnen und Standarten vollzogen werden. Nach der Weihe findet ein Vorbeimarsch der Truppen vor den beiden Monarchen im Lustgarten statt.
Die Stichwahl im Reichstagswahlkreise Kulmbach- Forchheim findet am 22. August statt. Für die Stichwahl proklamiert die sozialdemokratische Partei Stimmenthaltung.
Der preußische Kultusminister hat mit Rück sicht auf die Gesichtspunkte, die in den Lehrplänen und Lehraufgaben für die höheren Unterrichtsanstalten von 1901 und in den mit ihnen zusammenhängenden Anordnungen zur Geltung gelangt sind, auch die Bestimmungen über die Prüfung sog. Extraneer behufs Nachweises der Reise für die Prima einer Vollanstalt vom 11. November 1892 den jezigen Verhältnissen entsprechend abgeändert. Diese wesentlichen Bestimmungen der schriftlichen und mündlichen Prüfung find folgende: Bur schriftlichen Prüfung gehören bei allen Anstalten ein deutscher Aufsatz und die Bearbeitung von drei aus dem Lehrgebiete der Obersekunda entnommenen mathematischen Aufgaben, ferner a) bei den Gymnasien eine Uebersetzung aus dem Griechischen in das Deutsche nebst grammatischer Erklärung einzelner zu diesem Zweck bezeichneter Formen und Säße des griechischen Tertes, b) bei den Realgymnasien: eine Uebersetzung aus dem
In eigener Sache Richter.
Roman von L. Haidheim. ( Nachdruck verboten.)
( Fortsetzung.)
Er schrieb in diesem Sinne an Burkard, daß er nicht daran dente Maria noch ferner zu ängstigen, bat ihn für dieselbe zu forgen wie er selbst es thun würde und ihr zu danken für den guten Willen, mit dem ihre persönliche Zuneigung leider nicht Schritt gehalten habe.
Die Erzherzogin und ihre Oberhofmeisterin hatten keine Worte für die ihnen angethane Beleidigung. Für fie war Maria von Wazlam nie gewesen;- es gab gar kein Erinnern an fieausgelöscht war fie- fortgewischt nicht eine Silbe wurde an fie verschwendet.
Und so beladen mit dem nie wieder gutzumachenden, Affront", den Maria ihrer unglücklichen Mutter" angethan, beladen mit ber Ungnade der Erzherzogin, der wortlosen entrüsteten Verachtung ber Oberhofmeisterin, betrogen um Marias glänzende Zukunft und um alle goldenen Träume ihres mütterlichen Ehrgeizes So fam Frau von Wazlaw zurück nach Krapolno und der einzige erbärmliche kleine Trost, den sie hatte, war der, daß Gorzberg die ganze persönliche Ausstattung Marias sowie allen Schmud, den er ihr geschenft, an Burkard schicken ließ mit der Bitte, allen diesen Dingen die einzige Verwendung zu geben, die für ihn feine Verlegung brächte.
Nicht Maria wurde frank, aber ihre Mutter. Und als diefelbe faum im Stande war sich zu erheben, reiste sie von Strapolno ab, sich weder um die Tochter noch die kleineren Kinder kümmernd, einfach völlig vernichtet und sich nur darnach sehnend, sich bei ihrer Schwester, welche Aebtissin des Klosters Mariaheil war, zu berbergen. Der Arzt riet dringend ihr den Willen zu lassen und so hatten sich Mutter und Tochter, innerlich miteinander zerfallen, getrennt.
Die Geschichte machte ein um so größeres Aufsehen, als die Bersönlichkeit Gorzbergs eine der geachtesten beim Wiener Hofe wie im Königreich Böhmen war.
Nur plöblich ausbrechender Wahnsinn der jungen Braut chien eine annehmbare Erklärung und man kolporfierte mit Bebagen den Ausspruch berühmter Aerzte, daß es versteckte Nervenfieber gäbe, weiche sich in derartiger Weise äußerten, einen normalen Verlauf nähmen und dann geheilt würden.
Natürlich, nur so konnte es sein! Armes Kind! Auf alle Sälle würde man ihr nicht erlauben können zu heiraten.
Lateinischen in das Deutsche und je eine Uebersetzung aus dem Deutschen in das Französische und Englische: c) bei den Oberrealschulen: je eine Uebersetzung aus dem Deutschen in das Französische und Englische. Die mündliche Prüfung erstreckt sich bei allen Anstalten auf die Geschichte, Mathematik, Physik und Erdkunde, ferner a) bei den Gymnasien: auf Lateinisch, Griechisch und Französisch oder Englisch; b) bei den Realgymnasien: auf Lateinisch, Französisch und Englisch; c) bei den Oberrealschulen auf Französisch, Englisch und Chemie. Befreiungen von der mündlichen Prüfung finden nicht statt. Die Prüfung darf nur einmal wiederholt werden.
Auf Martinique wüten jetzt, nachdem der Mont Belée seine verwüstende Kraft vorläufig erschöpft zu haben scheint, heftige Kämpfe zwischen den Einwohnern. Weiße, Mulatten und Neger befehden Einwohnern. Weiße, Mulatten und Neger befehden sich grimmig. Einem Artikel des nach der Insel entsandten Berichterstatters des„ Echo de Paris" entnehmen wir über die einschlägigen Verhältnisse folgende Angaben:" Die Bevölkerung von La Martinique läßt sich sehr einfach in zwei Klassen einteilen, in Weiße und Farbige. Die Weißen, deren Ziffer jetzt auf 5000 zu sammengeschmolzen ist, besißen noch immer fast den gesamten Grund und Boden der Insel, sind dagegen in der Regierung und Verwaltung sehr unbedeutend vertreten. Die Farbigen aus Mulatten und Negern bestehend, bilden die ungeheure Mehrheit mit 160,000 Seelen. Die Mulatten, gebildete, intelligente und ehr geizige Leute, nehmen fast alle Beamtenposten ein und haben auch die meisten städtischen und Gemeindeämter inne. Sie leiten die Neger, obgleich diese, wie man behauptet, ihnen nicht über den Weg trauen. Die Weißen sehnen sich nach der Hegemonie zurück, die ihnen entgangen ist, und die Mulatten setzen ihre gesamte Kraft daran, sie zu behaupten. Daraus ergiebt sich ein unaufhörlicher Kampf, der besonders auf politischem Gebiet wütet. Jede Gelegenheit wird für diesen Kampf ausgenügt. Die Katastrophe selbst hat die Bande noch mehr gelockert, statt sie zu festigen. Die bei der Katastrophe zu Grunde gegangenen Weißen bildeten die Handels-, Industrie- und Intelligenzelite der Insel. Die arg zusammengeschmolzenen Ueberlebenden suchen mit der Wut der Verzweiflung dem Andrange der Farbigen Widerstand zu leisten. Eine andere Gefahr verschlimmert noch den derzeitigen Zustand auf der Insel, nämlich der, daß an ein Wiederaufnehmen der Arbeiten fürs Erste nicht zu denken ist. Die Schwarzen,
Das war die milde offizielle Darstellung.
Was sonst durch den Klatsch verbreitet wurde, entzog sich durch seine Vielseitigkeit der Kontrolle.
Maria erfuhr nichts davon.
Wie groß ihre Aufregung und all die Qual dieser legten Monate gewesen, ließ sich ermessen an dem moralischen Busammenbruch und der tiefen körperlichen Abspannung, die sie überfam.
Das sonst so blühend gesunde Mädchen war plößlich er schreckend bleich geworden, weinte viel, suchte die Einsamkeit und man glaubte hinter der weißen Stirn das intensive Arbeiten der Gedanken zu sehen.
Der schlichte, stille Hauslehrer wurde der des scharfen und folgerichtigen Denfens so ungewohnten in dieser Zeit ein ungeahnter Helfer und Berater; mit ihm besprach sie alle die innere Unflarheit, er war fast schon ein Geistlicher. Sonst hatte sie niemand. Welche Konfusion fand der brave Doktor Gürtler aufzuräumen in dem feinen blonden Köpfchen! Welche nüchterne Verstandesschärfe und welchen verborgenen und jezt erst zu Tage tretenden Reichtum an edlen Instinkten fand er, alles so ungeschult, so durchwachsen von dem Unkraut, dessen Samen der Wind von der Straße dazwischen wehte und die unzufriedene Mutter ausgestreut hatte.
Frau Cäcilie fonnte und mochte nicht mehr in Strapolno bleiben, Lischas ruhig- glücklicher Brautstand sollte nicht gestört werden durch alle diese peinlichen Erörterungen. Sie fonnten auch beide nicht fort, denn die Verhältnisse im Lande gestalteten sich immer ernster; das Volk begann sich sehr beunruhigt zu fühlen, durch die Aushebungen wurde viel Unzuträgliches hervorgerufen und die stete heimliche Parteiung trieb die ohnehin täglich neuerregte Unzufriedenbeit auf die Spize, die Truppenbewegungen mehrten sich.
Und doch war es kaum zu fassen, niemand mochte im Ernst daran glauben, daß es zum Kriege kommen würde, da war er schon da in seiner ganzen Schwere.
Die Schacht von Langensalza geschlagen, das Königreich Sachsen occupiert, der General Herwarth von Bittenfeld nach Böhmen einrückend.
Was hieß denn das? Wo blieb denn die österreichische Armee? Diese Armee, von der die Wiener Beitungen erſt geſtern und vorgestern triumphierend gemeldet, daß sie in raschestem Siegeslauf Sachsen befreien und in Berlin einrückend, dort die Friedensbedingungen dem übermütigen Preußen diftieren würde, sowie daß ein tiefdurchdachter Kriegsplan in Wien beschlossen sei.
die bekanntlich mit einigen Pfennigen täglich durchfommen, weigern sich nämlich, irgend etwas zu schaffen, da sie mit dem täglichen Franc, den sie in Fort- deFrance als Bewohner der von der Katastrophe betroffenen Gegenden aus den Regierungs- und Hülfsfonds erhalten, reichlich auskommen. Außerdem erhalten sie Nahrung und Wohnung. In dieser Hinsicht wird ein außerordentlicher Mißbrauch getrieben, der für die Zukunft der Insel verhängnisvoll wird, besonders für die Fabriken und Plantagen im Nordwesten, die den Hauptreichtum von La Martinique bildeten."
Bremen, 16. Auguft. Der Senat legte der Bürgerschaft das Projekt des St an albaues zwischen Ober- und Unterweser vor und fordert einstweilen 3 650 000 Mt. zum Grunderwerb. Die Gesamtkosten werden auf 15% Millionen veranschlagt.
Aus Heffen und Nachbargebieten.
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Frankfurt a. M. Oberst Schiel wird in einer bon der Ortsgruppe Frankfurt a. M. des Deutschen Burenhilfsbundes veranstalteten öffentlichen Versamm lung, die Montag, den 25. August stattfinden soll, einen Vortrag halten.
** Offenbach, 15. Aug. Alles schon dagewesen! Wir lesen in der Offenbacher Zeitung":" Daß das Automobil feine Erfindung neuen Datums ist, ersehen wir aus einer Notiz im Offenbacher Intelligenzblatt", welches vor 40 Jahren, am 22. Aug. 1862, Folgendes schrieb:„ Der in der Dick- und Kirschten'schen Wagenfabrik wirkende Berkführer Herr St. ist eben mit der Ausführung einer Dampfmaschine in kleinster Form beschäftigt. Sie ist so klein, daß sie nur den Platz, welchen der Kutscher bedarf, einnimmt. Diese Maschine hat sich bereits bei einem Versuche, eine schwere Chaise mittelst derselben in Bewegung zu sehen, vollständig bewährt." Jedenfalls hat sich dieses Automobil in Bezug auf Harmlosigkeit sehr vorteilhaft vor dem modernen Schrecken der Landstraße unterschieden."
"
* Heidelberg. Am vorlegten Sonntag tagte hier eine Konferenz von Vertretern der südwestdeutschen Vereine für Feuerbestattung". Aus einer Reihe minder wichtiger Verhandlungspunkte sei erwähnt, daß die badischen und hessischen Vereine eine Petition an die zuständigen Ministerien planen, um Erleichterungen für die Cremation nach dem Vorgang Hamburgs zu erreichen. Als Ort des nächsten Verbandstages soll Stuttgart in erster und Heilbronn in zweiter Linie vorgeschlagen werden.
Burkard Frohberg war plöslich der Mittelpunkt, das Haupt der patriotischen Bewegung seiner Gegend geworden. Mit bleichem Schrecken wurde man in diesem und jedem anderen Teil der Bebölferung inne, es war nichts für den Krieg vorbereitet wie es sollte, es fehlte an allem, oder man hatte das nötigste nach falscher Richtung dirigiert. Die sofortige Folge war die Verwirrung, der peinlichste Mangel; widersprechende Befehle wurden gegeben, Unordnung herrschte plößlich überall, nur der hingebendste Opfermut, selbstlosestes Eintreten für die Sache des Vaterlandes und eine eiserne Energie vermochte jest noch das notwendigste zu erreichen und auch das nur mit Opfern.
Burkard von Frohberg tam noch faum vom Pferde. Heute früh war er in Strapolno, um mit Mutter und Schwester, die herübergekommen waren ihn zu treffen, die in jeder Minute ernster werdende Sachlage zu besprechen.
Sein fleiner Befiz lag den Durchmärschen weniger ausgesezt hinter Wald versteckt, schlimmer, weit schlimmer stand es um Krapolno und Klaino.
Er sah ganz abgehegt und ermüdet aus, gab auch zu es zu fein, aber wie hätte er an ein Ausruhen denken sollen? Boten waren mit entfesten Mienen gekommen. Die Preußen seien hier eingerüdt, dort gesehen; reitende Boten langten von weit entfernten Gütern an, die Standesgenossen gaben sich untereinander Nachrichten, aber ach, jede derselben war eine Schreckenspoſt.
Jest sollten sie schon in Münchengräs ſein; andere Meldungen nannten Hühnerwasser. Wie eine Sturmflut wälzte sich die feindliche Armee daher und nirgends verlautete es von Desterreichern, die sich ihnen entgegenwarfen? Jezt, wo Stunden ent scheidend wurden!
" Bleibet hier, ich möchte Guch spät abends selbst heim bringen und Euch Maria, die Kinder und Herrn Gürtler schiden: fie sind hier so unbeschüßt! Ich kann nicht zu Hause bleiben!" hatte Burkard gesagt.
Dann riet er den Frauen alles für den Empfang von Militär zu rüsten; mochten es nun Freunde oder Feinde sein, es galt sie zu verpflegen und ihren guten Willen rege zu halten. Aber der Mittag verging und weder Freund noch Feind hatte sich sehen lassen.
Frau Cäcilie, als Soldatenfrau, trúg unterdes alles alte Leinen zusammen; die Mägde, sauber und gewaschen, mußten antreten und Binden schneiden oder nähen, Charpie zupfen. Stopfpfühle machen und sie selbst mit Maria und Lischa ging unter ihnen umher, gut zuredend, lobend und tadelnd, dazwischen mit dem Lehrer und Pfarrer des Dorfes redend, daß dort ähnliche Thätigkeit entwickelt würde.
( Fortsetzung folgt).


