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Nr. 210.
Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mr. 150.
Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Mittwoch, den 10. September 1902.
Gießener
11. Jahrgang.
Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3082.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Drud und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
Ueber die Beerdigung Virchows
wird uns mitgeteilt:
Davor
Berlin, 9. Sept. Im Rathause fand heute Vormittag die Trauerfeier für Rudolf Virchow statt. Die Leiche des Tahingeschiedenen ruhte auf einem schwarz verhüllten Katafalt inmitten eines Lorbeer- und Palmenhaines. hielten Studenten in vollem Wichs mit gezücktem Schläger die Ehrenwacht. Als einer der ersten Trauergäste war der greise Mommsen erschienen. Ferner waren anwesend Minister Dr. Studt, Frhr. von Rheinbaben, Geheimer Rat Conrad als Vertreter des Reichskanzlers, Staatssekretär Richthofen, Geh. Regierungsrat Freund als Vertreter des Ministers des Innern. Von Parlamentariern bemerfte man die Abgg. Richter Barth, Schrader, Munckel u. A. Die Mitglieder des Berliner Magistrats und die Stadtverordneten erschienen in Amtstracht. Ein überaus zahlreiches Publikum füllte den Saal und die Gallerie. Um 11 Uhr erschien die Wittwe Virchows am Arme ihres Sohnes Prof. Hans Virchow gefolgt von den anderen Familien- Mitgliedern. Der Domchor leitete die Feier mit dem Gesang:" Das Leben welft wie Gras" ein. Hierauf ergriff Prediger Dr. Kirms das Wort zu einem tief empfundenen Nachruf, der dem Wirken
und Schaffen Virchows als Mensch, Gelehrter und Politiker galt. Hierauf nahm Geheimrat Professor Waldeyer das Wort im Namen der Akademie der Wissenschaften, der Unis versität Berlin und der medizinischen Fakultät. Er führte etwa aus: Rudolf Virchow ist tot, was er aber als Vor.
arbeiter der Wissenschaft geleistet hat, das stirbt nicht, das bleibt für die Ewigkeit. Seine Arbeit von nahezu 60 Jahren bedeutet nichts Geringeres, als die Erhöhung der Wissenschaft. Abgeordneter Träger feierte sodann Virchow als den Gelehrten und Politiker, dem die Wissenschaft nicht Selbstzweck gewesen sei, der thatkräftig mitarbeitete an der Hebung des öffentlichen Wohles, der als Gelehrter ebenso wie als Bürger seinem Vaterlande gedient habe. Nun trat Oberbürgermeister Kirschner an das Rednerpult zu Häupten des Sarges und sprach mit tiefer innerer Erregung seinen Nachruf. Rudolf Virchow, der bahnbrechende Forscher und Lehrer gehöre der gesamten und gebildeten Menschheit.
Der große Tote hat aber auch zu einer Zeit, wo er bereits längst als Fürst der Wissenschaft und der ganzen gebildeten Welt anerkannt und gefeiert war, ganz im Geiste der Städteordnung es nicht verschmäht, mit jeinen Mitbürgern deren tägliche Sorgen zu teilen und mit bem schlichten und einfachen Manne in Reih und Glied für bas Wohl des Gemeinwesens zu arbeiten. Nach der Rede des Oberbürgermeisters traten die anderen Gäste an die
In eigener Sache Richter.
Roman von 2. Haidheim. ( Nachdruck verboten.)
( Fortsetzung.)
Frohberg hat Maria ihren Ring zurückgeschickt;- er könne o beschimpft weder allein, noch mit ihr weiterleben; doch werde er fämpfen bis zur Hoffnungslosigkeit."
Burkard! Burkard! Noch nie hatte Joseph Ebern so sehr gefühlt, wie er ihn liebte und hochachtete.
Er mußte einen Moment allein sein.- Ein Entschluß rang fia, in ihm empor ein furchtbarer Kampf. Ohne Ent schuldigung, ganz nur unter dem Druck des unerbittlichen 3wanges war er fortgegangen, bald darauf kam er ruhiger und entschlossen zurück und in dieser furzen Bause hatte Sordegni dem alten Freunde Josephs sehr furz, aber flar den Sachverhalt mitgeteilt. Wollen die Herren mir zu einer kurzen Mitteilung_folgen?" sagte er sich zu ihnen wendend, die zwar den leichten Ton wohl hörten, sein todernstes Gesicht damit aber nicht in Einklang bringen konnten. Was war das? Was wollte er?-
Sie standen indes beide auf und folgten ihm in das ebenso große zweite Gemach, welches mit der Kammer die drei Räume der eleganten Wohnung bildete.- Joseph Eberns Schritt war fest und entschlossen.
Ganz überrascht fahen sie über diesen vielen kostbaren Simmerschmuck hin, mit dem der junge Aristokrat sich umgeben hatte aber schnell vergaßen sie das alles über ihn selber, in dessen Antlig kein Tropfen Blut war.
-
Er hatte zwei Lehnstühle hingeschoben und lud sie ein Blak zu nehmen, so sonberbar ernst und verändert und so schnell in jeder Bewegung, so bestimmt, wie ein Mann, der sich jezt nicht mehr darein reden läßt.
" Ich habe Ihnen in dieser Sache Mitteilungen zu machen, meine Herren, Ihnen, mein väterlicher, teurer, alter Freund und Ihnen Herr Sordegni, der Sie ein solcher für Maria von Wazlaw Nein, nein erschrecken Sie nicht mein Herz hat nichts mit der Sache zu schaffen, Herr Sorbegni-."
-
• Er stockte eine glühende Nöte schoß über das fahle Gesicht. Seine Brust ging feuchend auf und ab.
ein Duell?"
„ Ich brauchte Zeugen-", stieß er heraus. Grenzenlos erstaunt starrten sie ihn an. Sief Beugen für Jezt hatte er sich wieder gefab
Familie Virchows heran und sprachen insbesondere der Witwe innigste Teilnahme aus. Dann wurde der Sarg zu den in der Königstraße haltenden Leichenwagen gebracht. Ein nach Tausenden zählendes Publikum faßte den Fahrdamm ein. Der Zug bewegte sich durch ununterbrochenes Menschenspalier nach dem Matthäikirchhofe. Im Leichenzuge befanden sich etwa 50 Banner und Fahnen von studentischen, politischen und anderen Vereinen und Abordnungen. Unter den Klängen von Trauermärschen bewegte sich der Zug nach dem Kirchhofe, wo die feierliche Beisetzung erfolgte.
Politische Nachrichten.
Kaiser Wilhelm hat dem englischen Kriegsminister Brodricks das Großkreuz des Roten Adlerordens, dem General Kelly Kenny und dem General French den Roten Adlerorden 1. Klasse, dem General Hamilton den Kronenorden 1. Klasse, Oberst Slater den Roten Adlerorden 2. Klasse verliehen. Da Roberts schon den Schwarzen Adlerorden besitzt, machte ihm der Kaiser ein Präsent als Andenken an den Besuch.
Laut einer beim Hamburger haitianischen Konfulate eingegangenen Benachrichtigung des haitianischen Gesandten in Berlin dekretierte die provisorische Regierung infolge der Unruhen auf Haiti die Schließung der Häfen Gonaives, Saint Marc und Port de Pair für fremde Schiffe. Der Präsidenten der provisorischen Regierung Boisrond Gesandte macht hiervon im Auftrage des Canal Mitteilung. Insolgedessen werden für die genannten drei Häfen vorläufig feine Fakturen, Manifeste und andere Dokumente mehr gezeichnet.
Wien, 9. Sept. Der Narodny Listi zufolge werden fünftige Woche zwischen Körber und den Vertretern aller Parteien aus Böhmen und Mähren tschechischdeutsche Verständigungs- Sonferenzen beginnen. Regierung habe bereits ein Programm mit Vorschlägen zur Lösung der deutsch- böhmischen Frage ausgearbeitet.
Die
Paris. 9. September. Nach einer Privatmeldung aus Port of Spain ist die Stadt La Guayra, deren Garnison zu der Revolutions: Partei überging, von den Insurgenten hart bedrängt. Die Stadt Higuerote ist von der Regierung aufgegeben wordeo. Präsident Castro ist unterwegs nach Garracas, das im
" Die tönnte ich für ein Duell unter meinen Bekannten zu Dußenden finden! für den heutigen Fall würden sie sich mir versagen!" begann er, ihre Gedanken beantwortend von neuem.
" Lassen Sie mich einen Moment; Sie erinnerr sich, Brucheisen, an meine unglückselig liebeleere Kindheit! Ohne jede Erziehung wuchs ich auf Sie waren furze Zeit mein väterlicher Freund Gott lohne es Ihnen!- Genug!- Man sagte mir eines Tages nach wild durchjubelten kurzen Jahren, ich sei ein Bettler! Das fümmerte mich nicht; mein Großvater war der immens reiche Standesherr Graf Ebern, von ihm erbte ich Geld genug, wenn er starb. Da entdeckte mir mein Banfier, mein Vater ser von dem ſeinigen um meiner Mutter willen enterbt und ich somit auch. In der größten Angst reiste ich zu ihm, der mich nie hatte sehen, sich nie um mich fümmern wollen;- ich tam in seiner Todesstunde an.- Er lebte noch, ich flehte ihn an um Hülfe, um Rettung, er hatte nur Hohn für mich und schnöde Worte und starb vor meinen Augen durch meine Heftigkeit. Es kamen Leute- sein anderer Enfel ich war verloren! Rettungslos verloren, denn arbeiten hatte ich nicht gelernt und zu betteln schämte ich mich der richtige verlorene Sohn. Sie waren gut zu mir, die Männer, besonders dieser andere Enfel, Burkard Frohberg, der mich wie einen willkommenen Verwandten mit sich führte, als man die Leiche verließ.
In mir aber tobte die Hölle! Der reiche, reiche Mann, mein Großvater, hatte mich enterbt, verstoßen, ehe er mich je gesehen. Aller Haß, aller Wahnsinn der Angst und Wut rasten in meiner Seele; sie ließen mich zu ihm zurückgehen- ich hatte gesehen, er trug Geld auf der Brust und unter dem Vorwand zu beten, bestahl ich den Toten- nicht meinen Großvater! nur den Mann, der mich, der ihm nie ein Leid gethan, der ich sein Fleisch und Blut war, ins Glend stieß!-- Als ich es verüt fam schnell genug die Erkenntnis aber ich war zu feig die Sünde zu gestehen- da vor der Hand niemand den Verlust bemerfte und auf mich nie ein Verdacht fiel niemals. Ich wollte in der Neue das Geld nie benußen- ich hatte nichts und darbte und lebte als armer Verwandter. Das hält man aber nicht lange aus.- Der Krieg kam- ich bezahlte meine Schulden davon, der Reſt ging im Kriege drauf und dann, als der Alte meines Namens nicht einmal in seinem Testament Erwähnung gethan, da triumphierte ich, daß ich ihn um ein paar Tausend überlistet hatte."
Er sprach immer schneller- eiliger zu Ende zu kommen. Von der Großmut Burfards lebe ich, seit er Klaino erbie. als ein freier forgenloser Mann; er ist mir ein Bruder-
ganzen Umkreise auf zwei Kilometer von Insurgenten umlagert wird.
H. Haftung der Gemeinden für Unfälle der Feuerwehrleute.
Das Reichsgericht hat über die Frage, ob und wieweit die Gemeinde für Unfälle, die den Mitgliedern der Pflichtfeuerwehr bei Ausübung ihrer Thätigkeit zustoßen, in einem Spezialfalle eine bemerkenswerte Entscheidung erlassen. In einer Gemeinde verunglückten zwei Bürger bei einer Uebung der Pflichtfeuerwehr, indem eine Leiter umstürzte, auf die sie als Steiger zum Zweck des Wassergebens mit einem Schlauch geschickt worden waren. Der Umsturz der Leiter war durch das Versehen eines Feuerwehrmannes herbeigeführt, der von seiner Sprigenmannschaft den nicht genügend verlängerten Schlauch füllen ließ, sodaß dieser, schräg herunter hängend, infolge seiner Schwere die Leiter umreißen mußte. Die beiden Verlegten, von denen der eine einen schweren Kieferbruch und in der Folge eine Nervenerkrankung davontrug, beanspruchten Entschädigung durch Klage. Das Landgericht erklärte ihren Anspruch für berechtigt, da die Mitglieder der Pflichtfeuerwehr zwar keinen besonderen Dienstvertrag mit der Stadt abgeschlossen hätten, aber doch in einem Dienstverhältnis zu ihr ständen und der den Unfall verschuldende Oberfeuerwehrmann als Vertreter der Stadt zu betrachten sei, die demnach für die Folgen seiner Fahrlässigkeit hafte. Das Oberlandesgericht verwarf dieses Urteil, weil die Pflichtfeuerwehr eine vom Staat bezw. der Polizei öffentlich geregelte Einrichtung sei, nicht aber das Feuerlöschwesen als ein Zweig der städtischen Verwaltung anzusehen sei. Auf die eingelegte Revision erkannte indeß das Reichsgericht, daß die Feuerwehr eine städtische Einrichtung sei, wenn auch ein Dienstverhältnis der Teilnehmer gegenüber der Stadt nicht bestehe. Es sei aber die Haftung der Korporationen für die Handlungen ihrer Organe nicht auf Vertragsverhältnisse beschränkt. Zu der Beurteilung der Frage, ob der Oberfeuerwehrman bei Ausübung des Wasserfüllens ein Willensorgan der Gemeinde gewesen sei, müsse vom Oberlandes gericht auf Grund weiterer Erhebungen entschieden werden. Hierauf ist schließlich die Gemeinde rechtskräftig zum Schadenersag verurteilt worden.
Giessener Cagesneuigkeiten.
** Der Großherzog hat am 6. September den von dem Grafen von Schlik genannt bon Görk auf die zweite evangelische Pfarrstelle zu Schlitz,
wesen, mehr als einen Bruder liebe ich ihn - die Beweise-."
-
und hier bitte
Joseph! Graf Ebern!"- stöhnte Sordegni, indes der alte Brucheisen ganz getnickt in seinem Stuhle hing, das alte Geficht naß von Thränen.
Joseph Ebern war mit festen Schritten in das Nebenzimmer Nein, fie dachten zurückgetreten, fie dachten an den Schreibtisch. nichts in ihrem Entsezen fie waren verftummt.
Da-! Ein Knall! Ein dumpfer Fall-. Vor dem offenen Kaften der auf dem Seitentischchen stand, lag Graf Jofeph Ebern. Ein dünnes Rauchwölfchen zog durch das Zimmer, als sie aus der sekundenlangen Erstarrung des Schreckens hineinstürzten.
Blizschnell hatte er sich die tödliche Kugel mitten ins Herz gejagt; um den weichen Mund lag heute eine starte, ftolae Energie. Noch war er warm und rot, wie lebend.
War es denn möglich? War das, was er erzählt, Wahrheit? nicht etwa das Truggebilde der Phantasie?- Bitte bier ber Beweis!" hatte er gerufen.
Sache.
Bekenntnis und Gericht. Auch er ein Nichter in eigener
Wie gelähmt vor Bestürzung blieben sie zunächst ganz unthätig und sprachlos, aber eine Minute später schon nahten fich schnelle Schritte:" Ist hier der Schuß-?"
Der fleine Junge, der die Thür so ungeftüm aufriß, fab den Stubenherrn seiner Mutter an der Erde, das Bistol in seiner Hand blinken dieser schon erstarrenden Hand- und schrie gellend auf:„ Hier, Mutter, hier!"- Schreiend ſtürate bie Wirtin herzu
heit.
Und jetzt wurde das schreckliche erft für fie alle zur WahrWie es gekommen? Mein Gott, wie war es denn möglich. er war ja ganz gewesen wie immer?
Ein Zufall? Ein Unglück? Und in ihrem Beisein-? Da war schon die Polizei! Gräßlich! Nun sollten fie aus hier tani ja fagen. Sie wußten ja nichts! O, doch, doch alles auf die Wahrheit an ein Berleumdeter war zu retten,
-
ein Unschuldiger mußte gerechtfertigt werden darum war der da der Unglückliche ja gestorben!
Aber nicht hier nicht der Polizei! Die beiden alten Herren verlangten ihre Aussage vor dem zustehenden Bezirks Fichter zu machen.
( Fortsetzung im zweiten Blatt.)


