Ausgabe 
8.7.1902 Zweites Blatt
 
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Nr. 155.

Zweites Blatt.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mr. 1.50.

Gratisbellagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obft- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Dienstag, den 8. Juli 1902.

Gießener

11. Jahrgang.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen, wie ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032. sinu med Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lofalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Der bayerische Universitäts- Conflikt.

Bufällig hat es sich in Bayern zugetragen und der Cultusminister, der es heraufbeschworen hat, heißt v. Land­mann; es hätte aber ebenso gut in Preußen geschehen fönnen und der Minister hätte den Namen des Besten unter Allen tragen können, die dort seit einem Menschen after den Posten des Cultusministers bekleidet haben.

Als König Ernst August von Hannover die Göttinger Sieben aus ihrem Amte vertrieben hatte, sagte er in seiner jovialen Weise, Professoren und Tänzerinnen fönne man jeder Zeit bekommen Er brauchte noch ein drittes Wort,

das wir nicht wiederholen wollen und durch das er an­deutet, daß er die Professoren einer Klasse von weiblichen Personen gleichstellte, der man selbst eine anständige Tänzerin nicht gleichstellen würde. Es will uns scheinen, daß es heute nister gebt, die über die Würde eines Professors nicht viel anders denfen, als dri Bt in Gott ruhende König Er st August.

Herr v. Landmann ist übel mit dem Senat der Uni­vesität Würzburg umgegange, intem er üb.r dessen Ein­si ht und Charakterfestigkeit fic) in wegweisendem Tone äußerte. Aber bei der ersten Nachricht von diesem Ereignis mußten wir uns die Frage vorlegen, ob denn Herr v. Goßler besser mit der medizinischen Fakultät der Universität Berlin umgegangen ist, damals als er Herrn Schwenninger eine Pro­feffur gab und ihm die Leitung einer Klinit anvertraute. Und doch ist Herr v. Goßler unter den fünf Cultusministern, die Preußen seit der Entlassung Falt's gehabt hat, ohne Zweifel Derjenige gewesen, der den lebhaftesten Sinn für die Würde der Wissenschaft gehabt hat.

Herr Schwenninger war von einem bayerischen Gerichts­hofe rechtsfräftig verurteilt worden wegen eines Vergehens, das unter die lex Heinze fällt. Er hatte eine Gefängnis­strafe verbüßt; er fonnte aus jedem Orte ausgewiesen werden, in dem er nicht Heimatsberechtigung erworben hatte. Hätten die Aerztekammern und ärztlichen Ehrengerichte in ihrer heutigen Organisation schon bestanden, so hätte es nicht ausbleiben können, daß ihm die Approbation entzogen wurde. Und trotzdem wurde er zum Professor berufen. Die Männer der Wissenschaft waren damals der Ansicht, daß Herr Schwenninger fein Verdienst in die Wagschale werfen fönne. Wenn wir uns nicht sehr irren, hat die wissen­schaftliche Wertschäßung des Herrn Schwenninger feine Fortschritte gemacht. Das zeigt, daß die Männer der Wissenschaft, die damals der Berufung des Mannes sich widersetten, im Rechte gewesen waren.

Aber Herr v. Goßler erklärte, das Verdienst, das sich Herr Schwenninger um die Gesundheit des Fürsten Bismarck erworben, sei so groß, daß man alle gegen ihn erhobenen Bedenken vergessen müsse. Als die medizinische Fakultät über das persönliche Verhalten, das ihre Mitglieder gegen Herrn Schwenninger beobachten würden, einen Beschluß ge= faßt hatte, machte Herr v. Goßler fraft eines Aufsichts­verbots einen Strich durch diesen Beschluß und erklärte ihn für ungültig. Es war ein harter Tag für die Würde der Wissenschaft. Seitdem hat es nicht an Ereignissen gefehlt, die zeigen, daß bei den Regierungen der Respekt, den sie früher vor den Universitäten gehabt hatten, im Schwinden ist. Wir erinnern an den schroffen Eingriff in die Honorar­verhältnisse der Professoren, den Herr v. Miquel ver­schuldet hat.

Was Herr v. Landmann über die Bedeutung von Pro­fessorenbeschlüssen geäußert hat, war allerdings das Stärkste, was geboten werden kann. Es erfüllt uns mit Genug­thuung, daß der Senat von Würzburg sich mannhaft zur Wehr gesezt hat, daß das Professorenkollegium ihm beige sprungen ist, und daß die Professoren der beiden anderen bayerischen Universitäten auf seine Seite getreten sind. Es handelt sich nicht um eine Frage der Etiquette, der äußeren Höflichkeit; es handelt sich um die Würde der Wissenschaft, wenn die Professoren von einem Manne, der ihnen als Kollege beigegeben werden soll, sagen, er sei dazu untauglich. Wir hoffen, daß die bayerischen Professoren in der Vertret­ung ihrer Wünsche Erfolg haben.

Die Würzburger Universitätsangelegen heit zieht weitere Kreise in der akademischen Welt. Neun­undzwanzig ordentliche Professoren in Würzburg haben das Verhalten des Senats in einer Adresse gebilligt und nur acht fünf Theologen und drei Philosophen haben ihre Unterschrift verweigert. Auch in Erlangen und München rührt es sich die liberalen Professoren dieser Hoch­schulen sollen entschlossen sein, sich mit den Würzburger Collegen solidarisch zu erklären. Sollte es dazu kommen, so würde das bayerische Gelehrtenthum der Universitäten in seiner großen Mehrheit gegen den Unterrichtsminister v. Landmann im Felde stehen.

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der Erwerbs- und Wirtschaftsgenossen­Aus Heffen und Nachbargebieten. schaften der Provinzen Starkenburg und Ober­m. Hungen, 7. Juli. Der Ortsvorstand von hessen. Der Bericht über das abgelaufene Geschäfts­Hungen beabsichtigt mit dem am 15. September jahr stellt fest, daß dem Lehrer Gitenmüller in Mör­stattfindenden Prämiirungsmarkte Fasel- felden, der als Delegierter zum allgemeinen Genoffen­schau) eine Verlosung von Vieh und landschaftstag in Baden- Baden gewählt war, von seiner wirtschaftlichen Geräten zu verbinden. Die vorgesetzten Behörde der Urlaub verweigert wurde, nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Ver- während in gleichem Falle bei den Raifeissenkassen feine losung wurde vom Ministerium des Innern unter der Schwierigkeiten wegen Urlaubserteilung gemacht werden. Der Verband wird, wenn sich der Fall wiederholen Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 5000 Lose, zu 1 Mark das Stück, ausgegeben werden dürfen und sollte, beim Schulministerium vorstellig werden. mindestens 60 p3t. des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu ver­wenden sind. Zugleich ist der Vertrieb der Lose in der Provinz Oberhessen gestattet worden.

dt. Bad Nauheim Am 5. Juli fand hier die feierliche Eröffnung des neu erbauten Inhalatorium& statt.

Bensheim. 7. Juli. Gestern nachmittag wurde bei günstigster Witterung das Einweihungsfest des von der Sektion Bensheim des Odenwald klubs auf dem Hems berg errichteten Bismarck­turmes festlich begangen.

Königstein, 4. Juli. Einen unerbetenen Gast erhielt gestern Nachmittag das Lesezimmer des Kurvereins, indem das Pferd eines Handelsmanns durch das Fenster eindrang und alle Scheiben in Trümmer legte.

A Frankfurt a. M., 7. Juli. Auf dem hiesigen Haupt­bahnhofe gab's heute morgen fröhliche Gesichter. Der Verein für Ferienkolonieen entsandte seine Schüßlinge in die frische freie Natur. Es gingen ab: nach Hofheim 39, Königstein 50, Seelheim a. B. 30, Ober- Ramstadt 60, Friedberg 24 und Gelnhausen 124 Kinder. Außerdem wurden noch vom Ostbahnhof aus zahlreiche Kinder nach mehreren Orten im Odenwald gesandt.

Frankfurt, 7. Juli. In der vergangenen Nacht famen zwei junge Leute, ein Zivilist und ein Soldat vom 81. Inf. Reg., in der Hafenstraße mit einander in Streit, der dahin ausartete, daß der Soldat sein Seitengewehr zog und seinem Gegner damit einen derartigen Hieb über den Kopf verseßte, daß er blutüberströmt zusammenbrach. Der Schwerverleßte verstarb auf dem Transport nach dem Krankenhause.

Frankfurt a. M., 8. Juli. Die Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Deutschland wurde gestern vormittag durch Maybaum- Berlin im Saal der Loge Starl dahier eröffnet. Anwesend find 60 bis 70 Vertreter. Der Vorsitz wurde Dr. Horovit­Frankfurt übertragen. Aus dem Kassenbericht ergibt sich, daß der Verband gegenwärtig 153 Mitglieder zählt. Guttmann- Breslau spricht über Die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart." Das Judentum dauert fort, so schloß der Redner unter stürmischem Beifall, weil es seine Weltmission noch nicht beendet hat.

Aber es erhebt nicht den Anspruch, die allein seligmachende Religion zu sein; wir haben nur den Wunsch, daß man uns ruhig und ungestört des Weges ziehen lasse. Rosenack- Bremen referiert über Die Be­kämpfung des Mädchenhandels", so schreibt die Frks. 3tg.", und schlägt folgende Leitsäße vor: 1. Der Rabbinerverband würdigt die Bestrebungen zur Be­kämpfung des Mädchenhandels und spricht namentlich seine Befriedigung darüber aus, daß die Komitees in London und Hamburg mit Ernst und Energie Alles aufbieten, um dem Mädchenhandel wirksam ent­gegenzutreten. 2. Der Rabbinerverband unterstützt diese Bestrebungen zunächst dadurch, daß seine Mitglieder die freundschaftlichen Warnungen an allein reisende Frauen und Mädchen zahlreich unterschreiben. 3. Der Rabbinerverband beschließt, ein dringliches Schreiben zunächst an die galizischen und russischen Ra b- biner zu richten, worin sie nochmals, wie in einem ähnlichen, bereits früher ergangenen Aufruf, auf die große Gefahr aufmerksam gemacht und zur wirksamen Bekämpfung derselben aufgefordert werden. Eventuell sollen zunächst die galizischen Rabbiner in diesem Schreiben aufgefordert werden, zu diesem Zwecke eine Rabbin er­konferenz in Galizien einzuberufen, die dann unsererseits beschickt werden soll.

Vom Kahlgrund, 7. Juli. Die Obstaussichten sind sehr schlecht. Kirschen-, Nuß-, Aepfel-, Birn- und Zwetschen­bäume haben infolge der starken Maifröste feinen Frucht ansah. Auch mit dem Wein steht es schlecht. Man ver­eht es ſchlect spricht sich einen Drittel Herbst.

Altheim, 6. Juli. Herrn Pfarrer Gustav Fey wurde der Charakter als Kirchenrat verliehen.

Dieburg, 5. Juli. Heute tagte hier der Verband

Alzey, 5. Juli. Die Ehefrau des Dreschmaschinenbe­sizers Isselhardt ließ sich gestern Abend durch den letzten Zug von Worms überfahren. Der Kopf war vom Rumpfe getrennt. Inst

Vermischtes.

n. Geilenkirchen. Seit Dienstag Abend wird unfer Gendarm Mauset vermißt, der ausgegangen war, um in der Hochhaide auf Wilderer zu fahnden. Alle Versuche, eine Spur des Gendarmen aufzufinden, sind vergeblich ge­weser, man nimmt daher an, daß er wie sein Vorgänger Schmidt vor etwa 21/2 Jahren von Wilddieben er= schossen worden ist. In der Gegend des Dorfes, nac dem Mauset seine Schritte geleuft hatte, find am Dienstag Abend spät drei Schüsse gehört worden, sie wurden aber nicht weiter beachtet, da dort häufig gewildert wird. Die Mörder sind bis jetzt nicht entdeckt worden.

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* Straßburg, 5. Juli. Ländlich- sittlich! Dieses Wort hat wieder eine sonderbare Illustration durch ein kani­balisches Verbrechen. Die Witwe Lambour hatte am Sonn­tag während der Gemeinderatswahl fleißig dem in der Wirtschaft L. verzapften Freibier zugesprochen. Von vier Burschen begleitet, begab sich abends die Frau in bezechtem Zustande nach ihrer Wohnung zurück. Die vier Kerle, welche die Frau in unmenschlicher Weise mißbrauchten, steckten ihr schließlich einen Lappen in den Mund, um sie am Schreien zu verhindern. Es traten infolge dessen Er­stickungsnöte und hierauf ein Lungenschlag ein, welcher dem Leben der Frau ein Ende sezte. Um die Spuren ihrer That zu verwischen und um den Anschein zu erwecken, als habe Frau Lambour in der Trunkenheit ihren Tod selber verschuldet, steckten die Unmenschen die Kleidung ihres Opfers in Brand. Die Thäter, welche geständig sind, wurden verhaftet.

Stettin, 1. Juli. Eine Gesund beteanstalt ist hier aufgehoben worden. Seit Jahresfrist wirkte" hier ein Prediger Peters. Der Warnungen aus ärzt­lichen wie aus theologischen Streisen ungeachtet hatte Peters einen großen Zulauf aus den verschiedensten Kreisen der Bevölkerung, und auch aus der Umgegend, ja selbst aus weiter Entfernung famen Krante, um sich von Peters und seinen Gehilfen und Gehilfinnen gesund beten zu lassen. Ob die Leute nun mit inneren Strank­heiten oder äußeren behaftet waren Nervenkranken wie Hautfranken, Epileptischen wie Augenfranfen oder Rheumatischen versprach der Wundermann Heilung binnen wenigen Tagen. Honorar wurde nicht bean­sprucht, freilich freiwillige Spenden von häufig recht hohem Werte wurden nicht zurückgewiesen. Die Kranken aller Art speisten in einem gemeinsamen Saale, und gemeinsam wurde auch gebetet. Wenn ihnen Prediger Peters nach Tagen oder Wochen oder auch Monaten dann versicherrte; Sie sind jetzt gesund", so waren sie häufig selbst davon überzeugt und trugen das Wunder ihrer Heilung" in alle Welt. Die Polizei beobachtete das Treiben in der Peters'schen Heilanstalt längere Zeit hindurch, bis sie jetzt die Schließung verfügen fonnte. Wie die Neue Stettiner Tageszeitung" mit­teilt, wurden die Kranken der Behandlung des Peters entzogen und Heilanstalten übergeben, wo sie hoffent lich unter sachgemäßer Pflege ihrer wirklichen Heilung entgegengehen.

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Wien, 7. Juli. Auf dem Semmering hat sich ein unbekannter wahrscheinlich aus Deutschland stammender ele­gant gekleideter 50jähriger Mann erschossen. Auf dem Hemd­fragen ist die Firma Leopold Gallinger Hoflieferant einge­druckt.

* London, 7. Juli. Der Luftschiffer Spencer unternahm gestern in Begleitung seiner gjährigen Nichte einen Aufstieg mit seinem neuen lenkbaren Luftschiff. Der Versuch gelang vollständig.

Grundsäglich wichtig. Bei den Berliner Gerichten schwebt gegenwärtig ein Prozeß, dessen Aus­gang man in Gastwirtskreisen mit beträchtlicher Spann­