Ausgabe 
7.8.1902 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt.

Donnerstag, den 7. August 1902.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mt. 1 50.

Gratis beilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenban, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Gießener

11. Jahrgang.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen, wie ganz Oberhessen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pig sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

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Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Zur Ergänzung des Falles Löhning.

Es ist wahr, was die nationalliberale Straßb. Post" in ihrer scharfen Beurteilung des Falles Löhning sagt, daß derselbe im Grunde gar nichts Ueberraschendes biete; sie habe nicht ausgerufen:" Ist so etwas wirklich möglich?", sondern sie habe sich ganz ruhig gesagt: Es ist also noch immer so". Und dann habe sie sich einiger Fälle Löhning erinnert:

Des Falles Löhning", in dem ein außer­gewöhnlich leistungsfähiger und hochbegabter Beamter auch er war zufällig ein Rat zweiter Klasse zur Einreichung seines Abschiedes gezwungen wurde, weil er die Dame geheiratet, die ihm, dem verein­samten Wittwer, das Hauswesen geführt hatte; des " Falles Löhning", in dem ein hoher Offizier Oberst, also auch ein Rat zweiter Klasseverab­schiedet wurde, weil er, ebenfalls ein Wittwer, ein wohlgebildetes, tadelloses und vermögendes Mädchen Heiraten wollte, dessen Eltern ein großes Wollwaren­geschäft besaßen, in dem auch die Tochter mit thätig gewesen war; des" Falles Löhning", in dem ein vielversprechender junger Leutnant, der mit Leib und Seele beim königlichen Dienst war, den Rock des Königs ausziehen mußte, weil er die Tochter der Wittwe eines Universitäts- Bibliothekars, bei der er mehrere Jahre gewohnt hatte, heiraten wollte. Der Regimentskommandeur, ein wohlwollender und dem jungen Leutnant durchaus freundlich gesinnter Mann, erklärte diesem gegenüber ausdrücklich, daß gegen die junge Dame weder der Herkunft noch der Person nach irgend etwas zu erinnern sei, daß aber der Umstand des gewerbsmäßigen Zimmer­" gewerbsmäßigen Zimmer vermietens" seitens der Mutter fie unmöglich mache. Und ist es etwa etwas anderes als ein " Fall Löhning", wenn ein junger Mann, wissen­schaftlicher Hülfslehrer und Doktor der Philosophie, der seiner einjährig- freiwilligen Dienstpflicht mit be sonderem Eifer und von seinen Vorgesezten aner­fanntem Erfolg genügt hat, nicht zum Reserve- Offi­zier für qualifizirt erachtet wird, weil sein Vater Bedell an einem Gymnasium ist? Von zwei Brüdern, Söhnen des Besizers einer bekannten großen Tuch­handlung, die ihrer Militärpflicht als Einjährige in einem und demselben Cavallerie- Regiment genügt hatten, wurde der eine, Referendar, zum Reserve- Offi­zier befördert, der andere, obwohl er dienstlich der tüchtigere war, nicht. Nach Jahren stellte es sich

In eigener Sache Richter.

Roman von L. Haidheim. ( Nachdruck verboten.).

( Fortsetzung.)

Durch die herzlichen Beziehungen, welche auch Frau von Wazlaw zu der früher so oft fühl übersehenen, bescheidenen Cäcilie Frohberg anknüpfte, entspann sich ein täglicher Verkehr der Ver­wandten, der Marias Mutter um so notwendiger wurde, als sie zuerst ihre stolzen Mutterträume von der glänzenden Carriere, dann nach und nach leise aufdämmernde Sorge in das teil­nehmende Herz der Jugendfreundin niederlegen konnte.

Sie war nur mit sich und Maria beschäftigt; ihre jüngeren Kinder interessierten sie taum, für die mochte der Hauslehrer Sorge tragen und die Bonne, welche man nun doch noch gemietet. Marias Stellung- Marias Bufunft eine glänzende Heirat, das war der sich stets wiederholende Ge Marias Chancen für dankengang der Egoistin, die in der Tochter ,, Erfolg" zulezt doch immer nur die eigene Zukunft sah.

Graf Jofeph, welcher, in Krapolno ihr einziger Gesellschafter, alle Tage dasselbe Thema anhören mußte, haßte es um so glühender, als ihm diese herzlose Frau damit jede sanfte und ruhige Stimmung verdarb und ihm unmöglich machte, ein besserer Mensch zu werden.- Und das war doch sein Zweck- sein Biel seit Lischa und er fast täglich ernste und eingehende Unter­haltungen führten über die Nichtigkeiten des Lebens, welches ohne Arbeit und Nugen für andere vergeht.

Während die holde Lischa sich zur Aufgabe gestellt, den ver= irrten Vetter, der für sie eben nicht mehr war als irgend ein anderer Mensch, auf den rechten Weg zurückzuführen, hörte er ihre lieben ernsten Vorstellungen mit dem ehrlichen Dank einer guten und bereuenden Seele an, faßte eine Unmasse der besten Vorsäge und dachte dabei doch fortwährend: Welch rasendes Glück so geliebt zu werden, wie dies süße Geschöpf mich liebt."

Er hätte ja tein Mensch sein müssen, um sich darüber nicht seinerseits täglich tiefer in eine Liebe zu verstricken, die im An­fange nichts war, als geschmeichelte Eitelkeit und die jest, dank Lischas Bemühungen um Vetter Josephs Seelenheil und um feine innere Bertiefung, zu einer Gewalt erstarkte, von welcher er selber so wenig eine Ahnung hatte, wie sie. Dennoch blieb er

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so weit Herr seiner Besonnenheit, daß er sie diese thörichten Gefühle nicht einmal ahnen ließ. Lischa hatte ihn ja von Anfang an so oft genedt mit seinen nie versagenden, nie fehlenden Höflich­teiten, und ihn so oft scherzend gefragt, ob er etwa darin seinen

heraus, daß seine Zurücksetzung mit dem Umstand zusammenhing, daß er im Geschäft seines Vaters thätig war und dort gelegentlich auch beim Verkauf mit angriff. Das war als ungeeignete Stellung" angesehen worden, und so brachte der junge Kaufmann es schließlich nur bis zum Unteroffizier. Ist das kein " Fall Löhning"? Zum Schluß sei noch ein Fall er­wähnt, in dem der Sohn eines reichen und ange­sehenen Kaufmannes, Besitzers vieler Ehrenämter, ein junger Mann von seiner Bildung, stattlicher Er­scheinungung und besten Formen, der mit ungewöhn­lich Eifer als Einjähriger gedient hatte und bei seinen Vorgesetzten ohne Ausnahme sehr wohl gelitten war, mit brennendem Schmerz darauf verzichten mußte, Reserve- Offizier zu werden, weil der Vater Jude war und nicht die ,, Vorsicht gehabt" hatte, wenigstens seine Kinder taufen zu lassen. Ist das nicht auch in seiner Art ein Fall Löhning"?

Am Schluß seines Artikels sagt das Straßburger Blatt: Wenn das nicht Sozialdemokraten züchten heißt, dann wissen wir es nicht."

XV. General- Versammlung des Zentral­verbandes deutscher Kaufleute u. Gewerbe­treibender.

Leipzig, 4. August.

=

Der heutigen Generalversammlung des Rentral­verbandes deutscher Kaufleute und Gewerbetreibender, die unter dem Vorsitz des Präsidenten Hugo Geest Leipzig im Saale des Zoologischen Gartens tagte, wohnten als Ehrengäste eine Anzahl Mitglieder der Leipziger Handelskammer und der Gewerbekammer bei. Auch der Gründer des Verbandes, Senator Schulze Gifthorn, war anwesend. Nach der Erstattung des Geschäftsberichts und Erteilung der Decharge wurde zunächst ein Antrag des Vereins Berliner Kolonialwarenhändler auf Schaffung eines ge­meinschaftlichen Rechtschutzbureaus zur fostenfreien schriftlichen Auskunfts- und Raterteilung an alle Mitglieder des Zentralverbandes beraten. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Ein Antrag des Verbandes Thüringer Staufleute, daß die dem Zentralverband angehörenden Vereine sich verpflichten, alle von ihnen behandelten Fälle des unlauteren Wettbewerbs und decen Bekämpfung zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, wird angenommen und besonders die

Lebensberuf sehe, daß ihr jetzt schon gar nicht auffiel, wie er eigentlich nur für sie hätte leben mögen.

Im Grunde fand sie auch wenig Zeit dazu über diese Ve= weise von Vetter Josephs Verehrung nachzudenken. Frau von Frohberg war in Bezug auf praktische Tüchtigkeit ihres Vaters echte Tochter; wenn sie und Lischa daheim auf dem Gütchen hausten, dann spielten sie nicht die großen Damen, eine Rolle, die übrigens Cäcilie Frohberg nie gepaßt, sondern die sorgsamen Hausfrauen, die mit kleinen Mitteln zu rechnen hatten und wer fonnte es wissen? vielleicht auch immer rechnen mußten. Und jezt, wo der Herr des Hauses nicht mehr wie sonst nach allem sah, weil er fast immer in Slaino, oder sonst wo zu thun hatte, mußte Frau von Frohberg der Tochter mehr Pflichten als früher auferlegen und selbst die des Sohnes übernehmen.

In einer großen schloßartigen Villa hatte die Erzherzogin Isabella für den Winter Wohnung genommen und in einem nach Norden gelegenen Zimmer derselben, stand Maria von Wazlaw am Fenster und schaute tief verſtimmt, ja erbittert vor sich hin auf den entlaubten Wald und die kahlen, halb verschneiten Bergwände in der Nähe, und darüber weg auf die weißen Häupter des Erzgebirges, von wo ein eisiger Nordost herüber wehte.

Dies Leben war ja ärger als Gefangenschaft!" grollte sie in sich hinein. Immer in dies Zimmer hinein geschickt zu werden, wenn Mutter und Tochter Besuche empfingen, mit dem fie offenbar allerlei Geheimes zu reden hatten, in dies öde, fahle Zimmer, in welches weder Sonne noch Mond schien! Und wenn die fürstlichen Damen etwa miteinander allein zu sein wünschten, dann hieß es huldvoll: Liebe Baronesse, nun sollen Sie einmal sich selbst gehören, wir werden Sie benachrichtigen, wenn wir Ihrer wieder bedürfen."

O, wie sie es haßte, so sich selbst überlassen im einsamen Bimmer figen zu müssen; sie war nicht innerlich genug in sich einzufehren, sie hatte sich so fest eingebildet sich amüsieren zu fönnen, in Glanz und Lust dahin zu leben, nichts von dem allem war ihr geworden, dagegen Enttäuschungen über Enttäuschungen. Heute wieder. Graf Kolonis war von Wien zurück mit einem Haufen Neuigkeiten und da schickte man sie fort Und wenn sie noch hätte hinauslaufen können auf die Straße, sich Bewegung zu machen: Karlsbad im Sommer mochte ja reizend sein, im Winter erschien es ihr schrecklich, aber selbst auf den öden Straßen wäre es doch beijer gewesen wie hier in diesem Gefängnis.

Maria dachte noch an den ersten Tag, den sie hier in Karlsbad verlebt! Die Mutter tröstete damals: Das wird

Veröffentlichung in der Kolonialwarenzeitung und in den Mitteilungen des Zentral- Verbandes empfohlen. Ebenso wird der Antrag des Detaillisten- Verbandes für Hessen und Walded: Die Generalversammlung wolle beschließen, den Vorstand zu veranlassen, an das Reichsamt des Innern eine erneute Eingabe zu richten wegen Abänderung des Gesetzes zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes, special des Ausverkaufs­wesens gut geheißen.

Bei den Berichten über die bisher mit dem Rabatt­Sparverein gesammelten Erfahrungen sind die Meinungen sehr geteilt. Aus Berlin, Hannover, Magde­burg lauten die Berichte von den Rabatt- Sparvereinen günstig, die Vertreter Hamburgs erklären sich gegen die Rabatt- Sparvereine, da sie in ihnen ein unreelles Stampfmittel sehen.

Ein entschiedener Antrag wird zurückgezogen und die Berichte lediglich zur Kenntnis genommen.

Es wird dann die Wiederholung der Eingabe an den Reichstag betreffend Aenderung der Reichsgewerbe­ordnung, daß die nächtliche Ruhepause der Angestellten allgemein aus 10 Stunden bemessen werde, beschlossen.

In der Debatte tadelte Kaufmann Franz Vogel­Breslau scharf das Vorgehen des Breslauer Deutsch­nationalen Verbandes der Handlungsgehilfen und der socialdemokratischen Handlungsgehilfen Breslau wegen Einführung des obligatorischen 8 Uhr- Ladenschlusses.

Bei der Beratung des Antrages, daß in Städten über 300 000 Einwohner die Ortspolizeibehörde die Ausnahmetage, an denen die Geschäfte bis Abends 10 Uhr geöffnet sein können, auf 60 erhöhen darf, be­merkt der Referent J. H. Clase n- Hamburg, daß die Zahl der Ausnahmetage mindestens so groß sein muß, daß an sämtlichen Samstagen die Geschäfte bis 10 Uhr offen sind. Die arbeitende Bevölkerung der großen Städte sei auf den Samstag- Abend zur Deckung ihrer Lebensbedürfnisse angewiesen. Auch gegen die Bestrebungen des Deutsch- nationalen Handlungsgehilfen­verbandes, den Sonntagsgeschäftsbetrieb ganz zu be seitigen, sei Front zu machen. Ein entsprechender An­trag wird mit zur Debatte gestellt. Der Antrag auf Erhöhung der Ausnahmetage auf 60 in den großen Städten wird angenommen.

Den Antrag auf Verwerfung jeder Er weiterung der z. 3t. bestehenden Sonn­tagsruhe begründet Kaufmann Louis Körner­Berlin. Die Agitation wegen Einführung der völligen

alles anders, wenn Du Dich eingelebt hast, dies einfache Zimmer ist doch am Ende nur für den allerkleinsten Teil des Tages Dein Aufenthalt! Ach, und wie oft wurde sie hierher geschickt, stundenlang; und dann merkte sie allemal, daß in ihrer Abwesen­heit Dinge verhandelt wurden, höchst wichtige aufregende Dinge, die man vor ihr geheim hielt. Wie es sie kränkte, daß man ihr mißtraute! Es handelte sich um Preußen und um Krieg. Das hatte sie mehr als einmal gemerkt.

Es pochte leise an der Thür.

Sie ging zu öffnen, denn sie hatte sich eingeschlossen, um fich fatt zu weinen, aber der heiße Aerger hatte die Thränen getrodnet.

Baronesse, ein Herr, der- Die Frau Oberhofmeisterin find bei Königlicher Hoheit, ich darf nicht stören!" flüsterte ein Kammerfäßchen.

Ein Herr? Wer ist es- Lois'l? Baron Gorzberg? Oder-?"

,, Ganz ein fremder Herr, Euer Gnaden! Ein wunderschöner Herr, ganz gewaltig!"

Und jest erst fiel es Lois'l ein, dem Hoffräulein die Karte zu bieten, die der so gepriesene Herr ihr gegeben.

Maria las in der offenen Thür stehend und mit einem Jubelschrei, der durch den langen Gang bis die Treppe hinunter fchallte, flog fie über den langen Teppichstreifen lautlos dahin, Die Stufen hinab wie ein Vogel, und hätte Burkard Frohberg ihr die Arme entgegengebreitet, fie wäre ihm ohne Zögern and Herz gesunten, so ungeſtüm war die Freude.

" Burkard! Lieber Vetter! Willkommen! Willkommen!" jubelte sie und hielt seine Hand in ihren beiden, so zärtlich und fest und sah ihn so glückstrahlend an, daß ihm heiß wurde vor unsäglicher Freude und das Blut ihm bis unter das Haar stieg. Lieber, bester Vetter! Welche Freude!"

" Liebe Maria! Liebe Cousine Maria!" stammelten fie beide."

" So warmherzig, so reizend hatte er sie nie gesehen. Er folgte ihr wie ein Trunkener, als sie ihn die Stufen hinan führte nach ihrem Zimmer, in froher Hast, ganz unbefümmert um die Blicke der Diener und um die Geseze der Etikette.

Nun schloß sich die Thür! Sie war allein mit ihm, fie durfte ihrem Herzen endlich Luft machen.

Und da plößlich wurde ihr anders zu Mute! Nein, fie follten es daheim in Krapolno nicht wissen, wie elend sie sich hier fühlte; die ganze Tiefe ihres Elends wollte sie ihm nicht offenbaren.

( Fortseßung folgt.)