Ausgabe 
5.9.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 206.

Erstes Blatt.

Freitag, den 5. September 1902.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 30 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mt. 150.

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenban, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Gießener

11. Jahrgang.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3082.

Redaktion und Erbedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Drud und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Die Wiedergeburt der deutschen

Genossenschaftsbank.

Am Dienstag, den 2. September ds. Js., fand im Sturhaussale zu Streuznach der 43. Genossenschaftstag des Allgemeinen Verbandes der auf Selbsthilfe be= ruhenden deutschen Erwerbs- und Wirtschafts­genossenschaften. statt. Außer etwa 700 Dele­gierten von Vorschuß- Vereinen, Landwirtschafts- Banken, Volksbanken,

Großeinkaufs- Genossenschaften, Bau­Genossenschaften, Eisenbahn- Bauvereinen und Consum­vereinen aus allen Teilen Deutschlands ist durch Dele­gierte vertreten: die Deutsche Genossenschaftsbank von Soergel, Parrisius& Co., Commanditgesellschaft auf Aftien( Berlin) und die Zentral- Genossenschaft oft­preußischer landwirtschaftlicher Genossenschaften( Inster­burg). Neben dem Anwalt der deutschen Genossenschaften Dr. Crüger: Charlottenburg sah man u. a. den Landschafts- Syndikus Justizrat Geisler- Breslau, Ver­bandsdirektor Oppermann- Magdeburg, Bankdirektor Thorwart Frankfurt, die sozialdemokratischen Reichstags­abgeordneten v. Elm Hamburg und Herbert- Stettin, die bekannte sozialdemokratische Rednerin Frau Steinbach­Hamburg, den Direktor des städtischen statistischen Amts, Königl. Rat Proebst- München und den Abgeordneten Dr. Schneider- Potsdam.

Nach voraufgegangener Erstattung des Geschäfts­berichts durch Dr. Grüger begann nachmittags 5 Uhr unter Vorsitz des Verbandsdirektors Dr. Feldheim- Burg die von Dr. Crüger einberufene Delegierten- Versamm­lung der deutschen Genossenschaften, die Deutsche Ge­nossenschaftsbank betreffend. Als Erster beschäftigt sich Dr. Grüger eingehend mit der aufgeworfenen Frage, weshalb der Rechenschaftsbericht der deutschen Genossen­schaftsbank noch vor dem Genossenschaftstage veröffent­licht worden sei und beantwortet diese Frage dahin, daß gen. Veröffentlichung nötig war, um jedem Vor­wurf, es würden lichtscheuende Manipulationen betrieben, entgegen zu treten. Die allerdings beklagenswerten Vorkommnisse bilden jedenfalls feinen Grund, eine Katastrophe, einen Zusammenbruch zu prophezeien. Als er 1898 dem Aufsichtsrat beitrat, seien die Herren Blell, Dr. Schneider 2c. auch erst verhältnismäßig furze Zeit Mitglieder des Aufsichtsrats gewesen. Trotzdem die Deutsche Genossenschaftsbank, seit mehreren Jahrzehnten bestehend betr. ihrer Organisation nicht ganz der Tendenz des deutschen Genossenschaftswesens entsprach, In eigener suche Richter. Roman von L. Haidheim. ( Nachdruck verboten.)

( Fortsetzung.)

" Das ist er also?" sagte mit gütigem Lächeln die alte Dame, deren Augen so tief melancholisch und doch so zärtlich auf das junge Mädchen blickten, welches, wie eine rechte Tochter, oor ihr niederkniete und ergriffen bat:" Segne Du mich, wer weiß, ob meine Mutter so frohen Anteil an meinem Glücke nimmt."

Herr Sordegni beschäftigte sich ganz besonders mit der wunderbaren Fügung, daß die beiden sich in der Markuskirche treffen mußten. Unser Kind", sagte er in seiner schlichten Weise, weinte sehr, daß das Testament bestimmte, was doch, wie sie fagte, unmöglich" sei; da half fein Zureden, fein Bitten, es wollte nicht heim." Er liebt mich nicht! Soll ich mir das noch einmal, deutlicher als es schon geschah, zeigen lassen?" hat es immer wieder betont. So ließen wir die Kleine gewähren. Was Gott zusammenführen will, das leitet er mit allmächtiger Sand doch selbst und zwingt es auf den Weg, den er bereitet hat!"

Es wurden schöne glückselige Stunden, die Burkard bei den Sordegnis erlebte; sein Herz, ganz durchflutet von unaussprechlicher Dankbarkeit, verstand den Schmerz dieser guten Menschen und erwies ihnen die vollste Sympathie. Sie hatten ihm ja seine Maria gerettet, sie hatten dem unter dem Einfluß der Mutter so fehr irregeleiteten armen Kinde die Möglichkeit gegeben, seine eigene Natur zu entfalten.

" Wie kann ein einziger Tag des Glückes doch einen Menschen fo ganz verändern?" dachte Burkard den kurzen Weg heimgehend| Wie seltsam bringt die Sonne der Liebe in seinem Herzen tausend Keime zur Entfaltung!"

Er war sich selbst fremd und neu in seiner überflutenden Seligkeit. Das, ja das war es, was ihm in seinem lichtlosen Leben gefehlt hatte: Es war die Liebe, die schöne, wonnige Liebe, bie er geben durfte und empfing.

Wohl tam ihm der Gedanke an Lenette auch ießt, aber Seltsam leicht feste er sich in seiner heutigen Stimmung über ihn hinweg. Sie hat tein Recht an mich!" rief eine überzeugende Stimme in ihm und er glaubte diesem Ruf.

Am anderen Morgen, als eben der Kaminheizer bei ihm Feuer gemacht und er sich mit glücklichem Lächeln und ungedul bigem Seufzer überzeugt, daß seine Uhr, die immer zuverlässige! wirklich auch heute treulich ihre Pflicht gethan, daß er aber dem­zufolge noch mindestens zwei Stunden warten mußte, bis er zu Maria gehen konnte, brachte ihm der Kellner eine Depesche. Sie

konnten die neuen Aufsichtsratsmitglieder nicht sofort eine durchgreifende Aenderung treffen. Einerseits konnte von den neuen Aufsichtsratsmitgliedern die Konstituierung einer Untersuchungskommission nur bei fällig aufgenommen werden, andererseits aber mußte der Frage einer eventuellen großen Schädigung der Bank das nötige Gewicht beigelegt werden.

Eine offene Handelsgesellschaft und eine Kommandit­gesellschaft auf Aktien mit persönlich haftenden Gesell­schaftern seien identisch. Durch die nunmehrige Um­gestaltung der Kommanditgesellschaft in eine Aktien­gesellschaft und durch den Umstand, daß aus den per= sönlich haftenden Gesellschaftern Direktoren werden, wird dem Aufsichtsrat eine Stellung geschaffen, die eine ge­naue Revision gestatte. Die eingehende Prüfung aller Conten läßt den Vorwurf der Vertrauensseligkeit gegen die neuen Aufsichtsratsmitglieder vollständig wirkungs­los abprallen, aber wir waren falsch unterrichtet; eine Unterlage zur Prüfung der Rentabilität der Unter­nehmungen fehlte den Aufsichtsratsmitgliedern vor allen Dingen. Allerdings hat sich die Genossenschaftsbank in ihr fernliegende Unternehmungen eingelassen, zu deren Leitung man geeignete Persönlichkeiten überhaupt nicht hatte. Die behauptete Bilanzfälschung sei eine Verleumdung. In der Bilanz vorgekommene Fehler dokumentieren in keiner Weise eine Bilanz­fälschung, also kann von einer solchen auch keine Rede sein. Der bei meinem Eintritt in den Aufsichtsrat schon bestehende Beschluß, das Aktienkapital zu er­höhen, soll durch mich auch unterstützt worden sein. Weiter fragt man nun, welchen Schutz die Aktionäre haben, wenn sie nicht durch den Aufsichtsrat bor Verlusten geschützt werden. Ich antworte: ein sich selbst aus den idealsten Menschen zusammen­sezender Aufsichtsrat kann den Aktionären feinen Schutz bieten. Daß die gegnerische Presse das be­dauerliche Vorkommnis zu gemeinen Angriffen auf die Schulze- Delitzsch'schen Genossenschaften benützt, ist höchst bedauerlich. Das man sofort bei seinem Eintritt in den Aufsichtsrat mit den weitgehendsten Informationen ausgerüstet sein kann, ist doch unmöglich.

Direktor Gmünder- Darmstadt: Dem erst 1898 in den Aufsichtsrat eingetretenen Herrn Anwalt kann ich einen Vorwurf der Pflichtver­segung nicht machen, nur den Herrn Siebert und Weill, die die Statuten der Gesellschaft verletzt haben. Auch dem auf seine Millionen ſizenden Herrn Parrisius

war in den ersten Nachtstunden beim Postamt eingelaufen, dort aber bis jest liegen geblieben und kam von Klaino.

Sein Gutsinspektor, ein ehemaliger Kamerad, telegraphierte ihm: Kommen Sie, wenn möglich, sofort zurück; wunderliches Ereignis in Krapolno; hier eine Frau Mertoni mehrmals nach Ihrer Adresse geforscht."

Diese Lenette! Sicher hatte sie erfahren, daß er in Wien gewesen! Der ganze Inhalt der Depesche konzentrierte sich ihm in dieser Nachricht, daß sie nach ihm suchte. War sie ihm längst läftig gewesen, jezt plöglich haßte er sie und fühlte doch etwas wie Furcht in fich aufsteigen. Wie sollte er sich von ihr be freien?

Was fonnte er thun? Unruhig liefen seine Gedanken hin und her und daß er sie nicht im Frieden auf Maria richten durfte, erfüllte ihn mit einem plößlichen wütenden Haß gegen dieses Weib, das sich erschlichene Rechte auf ihn anmaßte. Und unterdes sah er zehnmal in liebender Ungeduld nach der Uhr.

Er lachte über sich selbst, als ihm plöglich bewußt wurde, daß die Verliebtheit bei ihm dieselben Formen annahm wie bei allen anderen.

Ihm tam ein kleines geheimes Erschrecken: Ich werde mich doch wohl nicht lächerlich ausnehmen?" dachte er und nahm sich vor, ein bißchen Acht auf sich selbst zu haben.

Gerade als er den Hut ergriff um das Hotel zu verlaffen, brachte ihm der Portier eine neue Depesche.

Was hieß denn das? Was gab es denn dort? Erstaunt blickte er auf die Unterschrift. Adelsberg war es, der ihn aufforderte:" Nichts darf Ste halten sofort zurück zu kommen. Werde Ihnen entgegenfahren, bitte um Rendezvous. Bei Ihren Damen alles wohl."

Gott sei Dank! Burkards erstes Gefühl war Angft um die Mutter gewesen.

Was konnte denn da sein? Die Depesche kam von Klaino. Also war Adelsberg dort und doch sicher mit dem Inspektor im Einverständnis." Nichts darf Sie halten-?" Was in aller Welt könnte denn aber wichtiger für ihn sein als seine Liebe, die Nähe der Geliebten?

Nichts darf Sie halten! So ruft nur ein Mensch, der von der Dringlichkeit des Rufs überzeugt ist.

Abreisen? Jezt? Wo zum ersten Mal das Glüd, ein schier unbegreiflich wonnevolles Glück ihm gekommen? Und das sollte er verlassen?

Troß alledem wußte er ganz genau, er mußte reisen und

trifft ein Vorwurf.( Beifall). Die Beanstandung eines Wechsels der Genossenschaftsbank in Höhe von 5000 Mark seitens eines Darmstädter Bankhauses wirft auf das Vorkommnis ein recht trübes Licht, andere Banken Ichließen der Wechselbeanstandung an.

Direktor Vollborn Eisenach schließt sich dem Vorredner im Allgemeinen an und bedauert nur, daß die maßgebende Presse auf falscher Fährte war mit ihren Schlußfolgerungen. Sein Vertrauen zur Genossenschafts­bank ist in feiner Weise erschüttert. In dieser Weise hinter unserer Bank stehend, wird der Schaden bald wieder gut werden.

Direktor Münch Diez kann dem Aufsichtsrat einen Vorwurf nicht ersparen, denn wenn Dr. Crüger sagte: man wußte von schleierhaften Sachen, wie konnte denn da der Aufsichtsrat noch die Ausgabe 113prozentigen Aktien zulassen?

Bankdirektor Thorwart Frankfurt a. M.; Den Vorstand kann man feinen Vorwurf machen, da er das Recht, sich ani ndustrielle Unternehmen zu beteiligen, hat. Nur die optimistische Anschauungsweise verdient Tadel. Nutbringende Unternehmungen hätten die Aktionäre gern mitgenommen; vor Unglück fann Nie­mand. Veranlassung, mißrauisch zu sein, liegt nicht bor. Die Beanstandung des auf 5000 Mt. laufenden Wechsels bei der Darmstädter Bank sei lächerlich. Ein Genossenschafter verlangte in ungestümer Weise seine 464 Mr. betragendes Guthaben.( Heiterkeit). Entgegen jedweder Verleumdung arbeiten die großen Berliner, Frankfurter u. s. w. Banken nach wie vor mit der Ge­nossenschaftsbank, der sicherste Beweis, wie grundlos das angefachte Mißtrauen ist.

Direktor Blell- Berlin bemerkt noch, wenn der Vor­stand nicht auf der Hut gewesen und die frankenden Unter­nehmungen weiter existiert hätten, eine der Leipziger Bank ähnliche Katastrophe zu beklagen gewesen wäre.

Die weiteren Redner sprachen fast alle zu den Genossen­schaftern für Fortbehaltung der Aftien.

Direktor Gmünder Darmstadt beantragt zu be­schließen: Die Versammlung spricht der deutschen Genossenschaftsbant ihr Vertrauen aus und er­klärt, für die Fortentwickelung derselben eintreten zu wollen! Nur der erste Satz gelangt zur Annahme.

-

Mit dem Wunsche, daß das Vertrauen durch die Be sprechung wieder fest wie ehedem werden möge, schloß der Vorsißende die Versammlung.

Maria, Sordegnis stimmten ihm zu. Es handelte sich offenbar um wichtigstes! Sollte Ernst Nepomut etwa in den staubigen Aftenkammern, die er ruhelos durchstöberte, etwas gefunden haben, was Klaino betraf?

Und wie sollte Maria sich betreffs ihrer Verlobung zu ihrer Mutter stellen?

" Schreibe ihr noch nichts, Maria, lasse mich erst sehen, was es bort giebt!" bat Burkard.

Sordegni stimmte ihm nach einigem Ueberlegen zu, obwohl er gegen derartige Verheimlichungen grundsäglich war; nicht so seine Frau; fie meinte, die Mutter habe unter allen Umständen ein Recht auf Benachrichtigung.

Und Burkard fand den Mut nicht, ihnen die volle Wahrheit zu gestehen. Maria dachte garnicht an ein Hindernis von seiner Seite und ihn brachte dasselbe um alle innere Freudigkeit.

*

Die Ereignisse drängten einander.

Bei Frau von Frohberg war Lischas Verlobter zum Besuch gekommen, das letzte Mal vor der Hochzeit, wie er mit jubelndem Bachen betonte.

Er und Lischa waren unaussprechlich glücklich, ihre Zukunfts­aussichten so hell und sonnig, daß das Mutterherz die Freude faum zu fassen vermochte.

Wie hatte sich doch in einem furzen Jahre für fle alle bas Leben erhellt! Aus den kleinen engen Verhältnissen traten fie plöglich in so glänzende, wie Mutter und Tochter folche nie für fich geahnt; Burkards Los erschien ebenso beneibenswert, bie ftolze Alexandra, welche damals als Bettlerin auf den Hof von Strapolno einzog, war heute eine der ersten Damen des Landes, was den Rang und die Stellung des Majoratsherrn betraf; und felbft der arme, übergangene Joseph lebte nach stoloniz Berichten froh wie ein Fisch im Wasser, seit ihm das Geld teine Sorgen mehr machte.

Sie waren eben daran, behaglich dies Thema weiter aus­zuspinnen, als ein Reiter auf den Hof geritten fam, ein Bekannter offenbar, denn er grüßte von weitem nach ihren Fenstern.

" Das fann doch nicht Abelsberg sein?" rief Stoloniz. Doch jezt sahen fie, er war es und er kam bald darauf, von Lischas Bräutigam empfangen, zu ihnen herein.

Sofort aber wußten Mutter und Tochter, daß beide Herren Etwas" hatten, ihre ernsten Mienen verrieten es.

" Sie bringen mir doch keine Unglücksnachricht von meinem Sohne?" rief die arme kleine Frau Abelsberg schon ganz entsegt entgegen.

Er füßte ihr die Hand, dann Lischa. ( Fortsetzung im zweiten Blatt.)