Hand, die ſie ihm nicht entzog, und entwarf ihr nun in
feuriger Rede ein ſolch verführeriſches Bild eines mög⸗
lichen kuͤnftigen Glückes, daß dem Mädchen das Herz bei⸗ nahe überfloß. Der Schall herannahender Schritte und das Geräuſch der Glocke an der Hausthüre unterbrach aber jählings das Zwiegeſpräch, und ſie trennten ſich in einem Grade von Verlegenheit, welchen nur der Inhalt ihrer jüngſten Unterredung erklärlich machte. Stephan erſchrack beinahe, als er Beide ſah. Zum erſten Male ſchien in ihm der Gedanke an die Möglichkeit einer zwi— ſchen den beiden jungen Leutchen entſtehenden Neigung aufzutauchen, und er war an dieſem Abend noch düſtrer und gedankenvoller als ſonſt.
Am andern Morgen begab ſich ein ganz unerwarteter wehmüthiger Auftritt. Stephan ging, wie er gewöhnlich that, nach eingenommenem Frühſtück in ſeine Werkſtatt und verriegelte die Thüre hinter ſich; aber kaum war er drinnen, ſo ſtieß er einen lauten Schreckensruf aus, ſtürzte wieder heraus und ſchrie wie beſeſſen:„Ich bin beſtohlen, ich bin ein Bettler— man hat mich vollends ausge⸗ raubt!“ Dann eilte er auf Bertrand zu, ergriff dieſen beim Kragen und gab ihm auf den Kopf Schuld: er, Bertrand, ſeie es, der ihn beſtohlen habe.
„Vater! lieber Vater!“ rief Manon aufſchreiend und warf ſich dem Vater an den Hals,—„er iſt unſchuldig! er iſt eines Diebſtahls nicht faͤhig!“
Stephan Lenoir wandte ſich zu ſeiner Tochter und ſchüttelte ſie heftig ab.„Schweig', ſchamloſes unnatür— liches Mädchen! Du biſt ſeine Mitſchuldige— ja, ich bin durch mein eigenes Fleiſch und Blut beraubt worden! Aber ich will mein Geld wieder haben, oder, beim Him⸗ mel! Ihr ſollt mir Beide auf dem Schaffot ſterben!“ Stephan's heftiges Reden und lautes Geſchrei hatten die Nachbarſchaft aufmerkſam gemacht und viele Leute unter ſeine Fenſter gelockt. Der Juwelier rief nach der Polizei, und die Menſchen draußen waren ſchadenfroh genug, dieſe herbeizurufen. Inzwiſchen ließ Bertrand ſich zwar von Stephan feſthalten, betheuerte aber zugleich ruhig ſeine Unſchuld, und richtete zugleich einige Worte des Troſtes an die arme Manon, etwa dahin lautend: ihr Vater werde ſeinen Irrthum bald einſehen. Dieſer Anſchein von gegenſeitigem Einverſtändniß diente vielleicht nur dazu, den Groll des alten Lenoir noch mehr zu ſteigern. Als die Polizei kam, erklärte er ſeine Ueberzeugung, daß er mehrere Male durch Bertrand um kleinere Summen be— ſtohlen worden ſei, welcher ihm in der vergangenen Nacht vollends den Reſt ſeiner Erſparniſſe entwendet habe; auch gab er mit einer vor Aufregung und innerm Kampf der Gefühle heiſern Stimme den Argwohn kund, daß ſeine eigene Tochter eine Mitſchuldige dieſes Verbrechers ſeie. Dieſe Anſchuldigung erfüllte alle Zuhörer mit Entſetzen. In Folge der abgeſchiedenen einſamen Lebensweiſe Lenoir's und ſeiner Tochter hatte Manon nur wenige Bekannte; Niemand kannte ihren Charakter genauer, aber ihre Ju— gend und Schönheit, und der wilde Schmerz, welcher ſich in ihren ausdrucksvollen Zuͤgen ausſprach, hätten das kälteſte Herz zu ihren Gunſten bewegen müſſen. Stephan wiederholte aber ſeine Angabe, und die Folge davon war, daß Bertrand und Manon in Verhaft genommen und in's Gefängniß abgefͤhrt wurden.
(Schiuß folgt.)
Guſtav⸗Adolf⸗Stiftung.
Die Guſtav-Adolf-Verſammlung in Kaichen, zu welcher in Nr. 44 d. Bl. eingeladen war, hat unter Feſt⸗ lichkeiten Statt gefunden, welche von einem eigenen Comité in Ausführung gebracht wurden und der öffentlichen Er—
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wähnung in hohem Grade würdig ſind. Die Vorſteher des Vereins wurden von den ſämmtlichen Mitgliedern des Co⸗ mités vor dem Eingang des Ortes empfangen und begrüßt und wie in Proceſſion ſtrömten von allen Seiten die Be— wohner der Nachbardörfer, auch im Kurheſſiſchen, herbei, um der Feſtfeier beizuwohnen. Alle Straßen des Dorfes, bis in die Höfe hinein, waren mit in der vorausgegangenen Nacht erſt geſetzten, alſo noch ganz friſchen Maien und Tannen auf beiden Seiten von 20 zu 20 Schritten ge⸗ ſchmückt und das ohnehin ſo freundliche Dörflein bot den Anblick wie ein Garten. Schon bald nach dem Eingang erhob ſich in der Hauptſtraße eine aus Laubgewinden nach der Angabe des Herrn Bauacceſſiſten Hörle verfertigte Pforte mit der Inſchrift:„Gott mit uns!“ an der Haupt- thüre des Kirchhofs war wieder eine ſolche Pforte mit den Worten:„Eintracht macht ſtark!“ desgleichen an allen Seitenthüren und am Pfarrhauſe. Zuerſt verſammelte man ſich im Rathhauſe und von dort aus bewegte ſich ein ſtets wachſender Feſtzug in die äußerſt geſchmackvoll mit Blumen und Laubgeflechten verzierte Kirche; eine Pforte vor dem Altar zeigte den Spruch:„Habt die Brüder lieb!“ Wäh— rend der Zug ſich in die Kirche bewegte, ſpielte die Inſtru— mentalmuſik die Melodie:„Allein Gott in der Höh'“ und dieſelbe begleitete hiernächſt auch mit der Orgel abwechſelnd die Lieder der Gemeinde:„Ein feſte Burg,“—„Ach bleib' mit deiner Gnade,—„Nun danket Alle Gott!“ Die höchſt erbauliche Feſtpredigt hielt Herr Pfarrer Fertſch über Gal. 6, 10. und den Jahresbericht erſtattete der Schriftführer des Vereins, und Beides geſchah, wie untrüg— liche Zeichen noch an demſelben Tage erkennen ließen, nicht ohne Segen.— Die Collekte ergab 15 fl. 28 ½ kr., welche dem evang. Kirchbaufonds zu Bingen zugewieſen werden ſollen.— Zwölf bis vierzehn Geiſtliche hatten ſich bezw. mit ihren Herren Lehrern, Kirchenvorſtehern, Schulju— gend u. ſ. w. eingefunden und im Gaſthauſe zum Adler fanden Alle, was nach beendigtem Gottesdienſte ihr leib— licher Menſch nöthig hatte. Gegen Abend zogen die Frem— den zu Fuß und zu Wagen meiſtens wieder ab und wenn nicht Manchen auf dem Heimwege das Gewitter überraſchte, ſo wird Jeder nur die allerangenehmſten Feſterinnerungen von Kaichen mit nach Hauſe genommen haben. Die Haupt- ſache aber iſt, daß nach allem menſchlichen Anſchen die Feier in Kaichen der Sache, wie kaum noch eine andere Verſammlung unſeres Wetterauer Zweigvereins, dienlich war und eben dieſer heiligen Sache wünſchen wir zum Schluſſe auch dieſer Mittheilung gedeihliches Wachsthum und dazu Gottes Segen.
Aſſiſen⸗ Verhandlungen für Oberheſſen. III. Quartal.
Die Sitzungen beginnen Montag den 3. Juli, Morgens 10 Uhr. Hauptgeſchworene: Philipp Caſimir Fauerbach II., Landwirih von Ober— wöllſtadt; Wilhelm Spengler, Landwirth von Schwalheim; Johannes Fauſt, Landwirth von Elbenrod; Johann Georg Kammer, Pachter von Bellersheim; Georg Geck, Straußwirth von Melbach; Johannes Dietz IV., Bürgermeiſter von Billertshauſen; Georg Löhning, Oekonom von Altenburg; Konrad Dippel, Landwirth von Liederbach; Konrad Fürth, Ellenwaarenhändler von Friedberg; Adam Metzger, Landwirth von Nonnenroth; Heinrich Dietz, Müller von Friedberg; Martin Schutt, Müller von Schwalheim; Heinrich Zulauf II., Wirth von Eudorf; H. Konrad Schaubach, Straußwirth von Unterflorſtadt; Moritz Hirſch, Ellenwaarenhändler in Gießen; Joh. Georg Haub V., Bürgermeiſter von Niederweiſel; Hartmann Keller, Bürgermeiſter in Mormshauſen; Heinrich Wagner I., Landwirth von Großenlinden; Jacob Ruppel J., Wirth in Nidda; Feiſt Salberg, Ellenwaarenhändler in Vöhl; Wilhelm Staudinger, Landwirth in Thalitter; Hartmann Stoll, Landwirth in
Niederwöllſtadt; Konrad Koſt II., Wirth in Niederwöllſtadt; Konrad
Weppler, Landwirth in Reibertenrod; Friedrich Dietz, Riedmüller in In⸗ haiden; Johann Joſt Burk, Landwirth in Runzhauſen; Karl von Schenk, Kammerherr in Niederofleiden; Amon Seipel III., Speeereikrämer in Eichelſachſen; Georg Grumm II., Bürgermeiſter von Wenings; Dr. Wilhelm Soldan, Gymnaſtallehrer in Gießen.
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