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Intelligenz-Blatt
fuͤr die Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
. 49.
Mittwoch den 28. Juni
Regierungsblatt-⸗Auszug.
Nr. 20 vom 9. Juni: 1. Bekanntmachung Gr. Miniſte— riums der Finanzen vom 19. Mai, daß zufolge Allerhöchſter Ent— ſchließung S. K. H. des Großherzogs das ſeitherige Steuercom— miſſariat Herbſtein die Bezeichnung„Steuercommiſſariat Lauter— bach erhalten hat.— II. Ergebniſſe der Verwaltung des allge— meinen katholiſchen Kirchenfonds von 1853.— III. Umlagen zur Beſtreitung der Communalbedürfniſſe israelitiſcher Religionsge— meinden des Kreiſes Vöhl für 1854.— IV. Umlagen zur Beſtrei— tung der Communalbedürfniſſe in den Gemeinden des Kreiſes Bens— heim für 1854.— V. Desgl. im Kreiſe Alzey.— VI. Desgl. im Kr. Mainz.— VII. Desgl. im Kr. Worms.— VIII. Umlagen zur Beſtreitung der Communalbedürfniſſe der isr. Religionsgemeinden des Kr. Oppenheim für 1854 reſp. 1854—56.— IX. Durch Urtheil Gr. Bezirksgerichts Mainz vom 6. Mai 1854 iſt zur Conſtatirung der Abweſenheit des Jacob Fetzer, Sohn von Johann Fetzer 1. und Anna Maria, geb. Pitz, lebend, Ackersleute auf den Sporkenheimer Höfen, Bann Niederingelheim, die im Art. 116 des Civilgeſetzbuches vorgeſchriedene Zeugenvernehmung verordnet worden.— X. Ch a— rakterertheilung. S. K. H. der Großherzog haben am 20. April dem Oberappellations⸗ und Caſſationsgerichtsrathe v. Heſſe den Charakter als Geheime-Rath zu verleihen geruht.— XI. Geſtorben: am 27. April penſ. Schullehrer Küſter zu Dannenrod; 26. Mai Kreisarzt Dr. Forch zu Alzey.
Der Juwelier von Straßburg. Eine Geſchichte.
(Fortſetzung.)
Eines Morgens ſchienen alle Anzeichen der Verſtim— mung und des körperlichen Uebelbefindens bei ihrem Vater bedeutend ſchwerer geworden zu ſein. Er ſchickte Bertrand mit irgend einem Geſchäftsauftrag aus dem Hauſe und rief unmittelbar nach ſeinem Weggehen Manon zu ſich, die ihn in einer großen Aufregung fand.
„Ach Manon,“ hub er an und ergriff ihre Hand, „meine gute liebe Manon, Kind meiner armen Louiſe! könnteſt, wollteſt Du Deinen Vater hintergehen?“
„Nicht für die ganze Welt!“ betheuerte die Tochter, welcher der Anblick des tiefen Seelenſchmerzes ihres Vaters Thränen in die Augen trieb; nicht für die ganze Welt würde ich Dich hintergehen, beſter Vater!“
Der alte Lenoir ſah ſie eine Weile forſchend an, dann erwiderte er:„Nein, ich kann Dir nicht mißtrauen, wenn ich in dieſe unſchuldigen Augen blicke und bedenke, daß ſie ſtets nur mit Liebe und Pflichtgefühl auf mir ge— ruht haben. Und doch ſteigen gleichwohl ſchreckliche Gedan— ken des Argwohns in mir auf, liebes Kind, wenn ich bei Nacht allein bin oder wenn Du mir aus den Augen biſt!“
Das arme Kind ſchmerzte und erſchreckte es nicht wenig, daß ihr Vater ihr auf ſolch unumwundene Weiſe
ſein Mißtrauen in ſie bekannte.„O beſter Vater,“ rief ſie mit überſtrömenden Augen,„was hab' ich Dir gethan, daß Du mir mit dieſem Argwohn begegneſt? Welcher böſe Geiſt gibt Dir dieſe Gedanken ein! Wenn ich mich irgendwie verfehlt habe, ſo ſage es mir, und ſei überzeugt, daß Deine Manon Dir mehr gehorcht als der ganzen Welt, und daß ſie nie etwas thun oder denken könnte und möchte, was ihrem lieben Vater Kummer machte!-
Der alte Lenoir ſchwieg einen Augenblick, und rieb ſich die Stirne, als wollte er einen böſen Gedanken aus ſeinem Sinne vertreiben. Dann küßte er das holde Mäd— chen auf die Stirne und ſagte:„Ich glaube und ver— traue Dir, Manon. Es iſt mir etwas begegnet, was mir Pein und Sorge macht. Geh' nur, liebes Kind, und laß uns nicht mehr daran denken!“
Der Zuſtand der Dinge beſſerte ſich aber in der Folge nicht. Stephan gab nur einige Tage lang ſein verſchloſſenes düſteres Weſen auf, verfiel dann wieder in den vorigen Unmuth und ward täglich verſchloſſener, arg— wöhniſcher, wortkarger, und behandelte Manon mit rauher Strenge und finſtrem Mißtrauen. Das Bewußtſein des ſtillen Liebesverhältniſſes zu Bertrand konnte dem armen Mädchen keinen Schlüſſel zur Erklärung dieſes befrem— denden Benehmens ihres Vaters geben, denn dieſe ſeine Sinnesänderung war in allzu wenigen Wochen vor ſich gegangen. Bertrand wagte endlich, dem Mädchen unumwunden ſeine Liebe zu geſtehen. Eines Tages war nämlich der Alte ausgegangen, und als Bertrand in das Hinterſtübchen hineinblickte, ſah er Manon in Thränen, und verſuchte ſie zu tröſten. Ein Wort gab das andere und führte zu einer Liebeserklärung. Arglos und einfach, wie ſie war, wollte das arme Kind nicht läugnen, daß der junge Freier ihre Neigung ſchon beſaß, eröffnete ihm jedoch, daß ſie ihren Vater niemals verlaſſen werde.
„Wir können ja bei ihm oder wenigſtens in ſeiner Nähe wohnen, Manon!“ tröſtete der Geliebte.
Manon ſeufzte und erwiderte:„Früher hab' ich wohl auch an Das gedacht und von einem ſolchen Zu— ſammenleben getraͤumt; allein jetzt nicht mehr. Auch Du, Bertrand, haſt ja noch anderwärts Freunde und Ver— wandte und eine Heimath!“
Bertrand ſchüttelte den Kopf, blickte ihr tief in die Augen und ſagte:„Mit Nichten, mein ſuͤßes Kind, ich kann fortan keine Heimath oder wenigſtens kein Fleckchen Erde, das ich des Namens Heimath würdigen möchte, mehr anerkennen, wo Du nicht biſt!“ Er erfaßte ihre


