Ausgabe 
28.1.1854
 
Einzelbild herunterladen

rt

2 ed

achtbrieft

Bindernagel ze.

Felrr' n Sig

ritt N anderer.

und ſiche⸗

t A

tn Au

17

und

Quclla Ortrang

Intelligenz-Vlatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

M. 8.

Sonnabend den 28. Januar

1854.

Der Strandräuber.

Ein Seebild. Von Arnold Tburnepſſen.

Es mögen etwa zehn Jahre her ſein, da wohnte an einer gewiſſen Stelle an der bretagniſchen Küſte eine Bande Wracker oder Strandraäuber, die ſchon ſeit langer Zeit der Schrecken der Seeleute war. Früh und ſpat den unglücklichen Fahrzeugen auflauernd, welche durch die Ungunſt von Wind und Wetter an ihre unwirthliche Küste geſchleudert wurden, kannten dieſe herzloſen Männer kein lieblicheres Wetter als Sturmnächte und gewaltige Fluthen; das Heulen des Orkans war Muſik für ihr Ohr, und der zuckende Glaſt der Blitze war ihnen lieber, als der ſchöͤnſte Maientag oder die freundlichſte Winter ſonne. Wenn der Sturm um die Felſenmauern ihrer Küſte toste, kamen ſie haufenweiſe heraus, vertheilten ſich über die Klippen und Riffe, verſteckten ſich in die Höhlen, welche des Waſſers unbeugſame Gewalt in die Kuͤſten felſen geleckt hatte, und harrten mit innerer Spannung und ſchauriger Gier auf den Aublick irgend eines bedrang ten Schiffes. Ja die Habſucht und die Grauſamkeit und all die wilden Leidenſchaften der Hölle trieben dieſe Un menſchen ſogar dahin, daß ſie ſich ſchlauer künſtlicher Mittel bedienten, um in ſolchen Sturmnächten die Schiffe in den Bereich der verderblichen Klippen und Riffe zu locken, auf welchen ſie ſcheitern mußten. Sie zündeten falſche Signalfeuer an, welche die bedrängten Schiffe für Leuchtthürme halten ſollten, deren Nähe ſie dann in der trügeriſchen Hoffnung auf einen ſichern Ankergrund ſuchten. Dutzende von Fahrzeugen wurden dadurch alljährlich in's Verderben gelockt.

Das Dorfchen Montreaux war beinahe ausſchließ lich von Leuten bewohnt, welche dieſe Strandräuberei ganz gewerbmäßig betrieben. Das Dörfchen beſtand aus einem Haufen armſeliger Hütten, welche beinahe ausſchließlich aus den Trümmern der an der Kuüſte geſcheiterten Fahr zeuge erbaut waren; die Bewohner gaben ſich für Fiſcher aus, die aber ſelten in die See hinaus fuhren, um dieſem mühſamen Gewerbe obzuliegen; ja ſie betrieben es höch ſtens im hohen Sommer oder zu Zeiten, wo anhaltend ſchönes Wetter ihr geheimes, ſchimpfliches Gewerbe nicht ſehr lohnend machte. Es waren im Ganzen etwa dreißig Familien, und ſie betrieben dieſes Gewerbe ſchon ſeit lan ger Zeit, ja es hatte ſich vom Vater auf den Sohn, von den Muttern auf die Töchter fortgeerbt, denn ſogar die Weiber nahmen Antheil an dieſen Werken der Finſterniß. Es war ein ſchauderhaftes Gewerbe, denn mit der Pluͤn⸗

derung verband ſich der Mord, und nur höchſt ſelten kam Einer von der Mannſchaft der geſcheiterten Schiffe mit dem Leben davon. Man fand immer Leichen genug am Strande, aber wenn ſie auch Spuren des gewaltſamen Todes an ſich trugen, den ſie erlitten hatten, ſo war die Schuld davon leicht auf das Meer und die Felſen zu ſchieben.

Das Innere der Hütten des Doͤrfchens zeigte ein buntſcheckiges Ausſehen. Ihre Bewohner waren in alle moglichen Trachten gekleidet, von den eigenthümlichen Ge wändern britiſcher Seeleute und Matroſen bis zu den Turbanen, Shawls und kurzen Röcken der Lascaren, Ma⸗ laien und anderer Volker des fernen Oſtens. Kiſten und Käſten der Hütten bargen eine manichfaltige Beute, be ſtehend in Kiſten mit Branntwein- und Liqueurflaſchen, Mehlfäſſern, Truhen mit Werkzeugen, Haufen von Schin ken und Käſen, ſeltene Waffen, Kompaſſe, Ferngläſer und dergl. mehr und in der Hand der Bewohner ſah man häufig viel Geld, das nicht in Frankreich geprägt worden war. Und dennoch war der Zuſtand der Bewohner von Montreaux nur eine Art glänzenden Elends, denn bei all ihrem unrechtlich erworbenen Reichthum waren ſie ſo ſorg los und unbedacht um die Zukunft, daß ihnen oft das Allernothwendigſte fehlte, ſo wahr iſt es, daß unrecht Gut niemals gedeiht. Ein einziger Monat ſchoͤnen Wetters konnte ſie beinahe bis zum Hungertuche herunterbringen, und ſie mußten dann Hab und Gut um jeden Preis mit großem Nachtheil verkaufen.

Hiervon machte nur ein einziger Mann eine Aus nahme, der kein Eingeborner des Dorfchens war, aber ſchon ſeit einer Reihe von Jahren unter ihnen wohnte. Er nannte ſich Pierre Sandeau und war ein Mann von reiferen Jahren und düſterem verſchloſſenem Weſen, der eine beſſere Bildung verrieth und nicht nur hinſicht lich behutſamer Sparſamkeit, ſondern noch in vielen anderen Stücken eine Ausnahme von den übrigen Fiſchern machte. Sonſt aber that er es ihnen gleich an Habſucht, Grau ſamkeit, Wildheit und Selbſtſucht; nur war er lauernder, vorſichtiger, ſchlauer und behutſamer als die Anderen, da bei weniger ungeſtüm und voll erfinderiſchen Scharfſinns, ſo daß er ſich den Uebrigen durch dieſe Eigenſchaften nicht nur ſtets überlegen zeigte, ſondern auch manchmal in drin genden Augenblicken ſehr nutzbar machte. Dadurch ge wann er Einfluß unter den Fiſchern, und ward gewiſſer maßen der Anführer dieſer Bande von Wrackern. Die Hauptquelle ſeines Einfluſſes war aber ſeine Vorſicht; er hatte ſtets einen Vorrath von Lebensmitteln oder