Ausgabe 
25.1.1854
 
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Nun,

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hinaus. In der Küche ſteht der Wirth und holt ſich ein Koͤhlchen auf ſeine Pfeife. Der junge Menſch fragt ihn, ob er die beiden Handelsjuden, die in der Stube ſtritten, kenne?

Gewiß, ſagte der Wirth, und nannte Beide bei ihrem Namen, und auch ihren Wohnort. So klug war der Burſche ſchon, daß er über den Streit mit dem Wirthe lacht und ihm ſagt, es mache ihm ſo viel Freude, die Juden ſtreiten zu hören, der Wirth ſolle ihm den Gefallen thun und ſie noch ein Bißchen hetzen und feſthalten, er habe noch ein paar Burſche aus ſeinem Orte hier, die wolle er ſchnell herrufen, daß ſie den Spaß mit genoſſen.

Der Wirth, der gleich auf ein paar zu verzapfende Schoppen ſpeculirte, lacht herzlich und verſpricht, ſeinen Wunſch zu erfüllen, und geht in die Stube, wo er ſich in den Streit der ihm wohlbekannten Juden miſcht.

Der Burſche aber eilt zum Friedensrichter, der zum Gluck ein Freund des Prokurators war, und ſeiner Zeit auch den Auftrag hatte, überall aufzupaſſen, und erzählt ihm ſchnell, was er gehört.

Vortrefflich! ruft der Friedensrichter. Nun haben wir ſie! Er läßt eiligſt die zwei im Orte ſtationirten Gensd'armen(ſprich: Schandarmen) holen und folgt dem Burſchen ins Wirthshaus, wo wirklich die beiden Juden noch immer hadern. Sie machen große Augen, als der Friedensrichter mit den beiden Polizeiſoldaten eintritt.

Herr Friedensrichter, ſagt der Burſche zu dem Richter, dieſe beiden Juden ſind die, welche Anno 1814 als Koſacken verkleidet in unſer Dorf kamen und unſere Gemeinde um fünfhundert Gulden prellten. Der hier hat noch ſeine Spieß geſellen um zwei Hundert von dem Sündengelde betrogen. Eben haben ſie es ſich hier einander vorgeworfen.

In dieſem Augenblicke warf ſich der, den der Andere Mordche genannt hatte, wie ein Tiger auf dieſen, und würde ihn erdroſſelt haben, wenn nicht die beiden Haltfeſte ihn ergriffen hätten. Siehſte, ſchrie er, du Hund, hoſt uns verrathe und ins Unglück gebracht!

Beide wurden ſogleich geſchloſſen und ins Gefängniß abgeführt. Schon im erſten Verhöre geſtanden ſie Alles ein, und auch der dritte und Mauſchelche wurden arretirt.

Gelt, ich hatte Recht? rief frohlockend der Gevatter. Die Anderen ſchwiegen.

Ja, Ihr hattet Recht, Gevatter, ſagte der Schmied jacob; die Sache ſtellte ſich ſo heraus. Die vier Juden waren bei einander, und der Mordche ſchlug vor, ſich als Koſacken zu verkleiden, Alles, Bärte, Lanzen, Piſtolen, Pferde, Nachts in einen unfern ihres Wohnortes ſich be findenden Hochwald zu bringen und von da aus den Ritt zu machen. Das Mauſchelche ſollte dann ſo zufällig dort ſein, und es ſo machen, wie er es wirklich ausgeführt. Alles wurde mit großer Klugheit vollbracht. Die Bärte kaufte Nordche bei einem verſoffenen Perückenmacher in Trier. Die Lanzen hatten ſie ſelbſt im Hauſe, da das die Bewaff nung des Anno 1814 dort eingerichteten Landſturmes war. Da ſie alle Roßtäuſcher waren, hatten ſie die Pferde ſchnell dei der Hand Die Mutzen und Kleider wurden aus allem Trödel zuſammengeflickt, und die alten Piſtolen überall zuſammengeſchachert.

Als Alles vorhanden war, wurde ordentlich Probe gehalten, und dann das ganze Spitzbubenſtückchen meiſter haft ausgeführt. Ein halbes Jahr ſaßen ſie in Unter ſuchungshaft, und dann ſind ſie vor das Geſchwornenge ticht geſtellt worden, das ſie zur Rückzahlung der füuf hundert Gulden, in alle Koſten und zu zehn Jahren Zuchthausſtrafe verurtheilte.

Das war vollkommen Recht, ſagte der Gevatter.

Seht, ſchloß der Gevatter, hier liegt's wieder klar

vor Euch da, wie Gott es leitet und fuͤgt, daß ſolche Ver⸗ brecher meiſt ihre eigenen Ankläger werden. Er bringt auch das Verborgenſte an den Tag, mag ſich auch das Laſter noch ſo ſehr ins Dunkel hüllen! Es iſt nichts ſo fein geſponnen, es kommt doch endlich an die Sonnen! Die Schrift ſagt: Bei Allem, was du thuſt, bedenke das Ende, ſo wirſt du nimmermehr Unrecht thun!

Ein eigenthümliches Familienfeſt.

Wir entnehmen den intereſſanten Reiſen Friedr. Gerſtäckers folgende anziehende Beſchreibung eines Fa milienfeſtes in Valparaiſo, zu welchem derſelbe eingeführt worden war.Nachdem ich dem gaſtlichen Angebot von Eſſen und Trinken genügt, und meine Papiercigarre an gezündet, fiel mein Blick auf einen Gegenſtand, den ich in dem allgemeinen Lärm und dem vielen Neuen, was ſich mir ringsum bot, bis dahin nicht ſo beachtet hatte. Es war dieß ein etwa ſieben Fuß hohes Geruſt, um das die Muſici herumſaßen und das mit Blumen, Lichtern und Heiligenbildern bedeckt ſchien. Der wunderlichſte Zierrath darauf war aber eine vortrefflich gearbeitete Wachspuppe ein kleines Kind vorſtellend, das in einem ſchneeweißen Kleidchen, mit geſchloſſenen Augen, die zarten bleichen Wangen von einem leichten Roſenſchein überhaucht, und von Blumen umgeben, auf einem kleinen Kinderſtuhl ſaß. So täuſchend war die Puppe gemacht, daß ich das Kind im Anfang fur ein wirkliches hielt, und die Augen nicht abwenden konnte davon, beſonders da gerade darunter eine ſchoͤne, bleiche, junge Frau mit Thränen in den Augen ſtand, die recht gut hätte als deſſen Mutter gelten konnen. Darin hatte ich mich aber geirrt, denn gerade jetzt trat einer der Männer lachend auf ſie zu, ſie zum Tanze ab zuholen, und ſie folgte ihm nicht nur, ſondern war auch in wenigen Augenblicken mit die Fröhlichſte der Schaar.

Aber es mußte ein wirkliches Kind ſein ſo täuſchend konnte kein Künſtler die Formen nachbilden und jetzt verloͤſchte das eine Licht dicht neben ſeinem Köpfchen, und die kleine, ihm zugedrehte Wange verlor dadurch den roſigen Schein. Meine Nachbarn mußten endlich merken, mit welcher Aufmerkſamkeit ich jenes Kind oder jene Figur, was es nun auch ſein mochte, beſchaute, und der mir Nächſte erzählte mir, es ſei das jüngſte Kind jener Frau mit dem bleichen Geſicht, die da ſo froͤh lich tanze, und die ganze Feierlichkeit in der That nur jenes kleinen geſtorbenen Engelchens wegen.

Ich ſchüttelte ungläubig mit dem Kopf, mein Nach bar aber, um mich zu überzeugen, nahm mich beim Arm und führte mich zu dem Geſtell, neben dem ich auf einen Stuhl und Tiſch treten mußte, die kleinen Händchen des Kindes zu berühren. Es war eine Leiche und die Mutter, als ſie ſah, daß ich daran gezweifelt hatte und mich jetzt überzeugt wußte, trat von ihrem Tänzer ab auf

mich zu und lächelte mich an. Sie ſagte mir, das ſei ihr Kind geweſen und jetzt ein Engelchen im Himmel und die Guitarren fielen wild ein ſie mußte zum Tanze

zurück.

Wenn in Chile ein Kind bis zu vier Jahren oder noch jünger ſtirbt, ſo glauben die Leute, daß es direkt zum Himmel eingehe und ein Engelchen werde und die Mutter iſt ſtolzer darauf, als ob ſie es zu kräftigem Alter friſch und fröhlich herangezogen hätte. Die kleine Leiche wird dann ausgeſtellt und lange davor getanzt und getrunken. Die Mutter aber, ſo weh ihr auch immer ums Herz ſein mag, muß lachen und fröhlich ſein und tanzen und ſingen. Sie darf nicht an ſich ſelber denken, es gilt ja das Glück ihres eigenen Blutes.