Ausgabe 
24.6.1854
 
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jung.

Intelligenz-Blatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

M. 48.

Sonnabend den 24. Juni

1851.

Der Juwelier von Straßburg. Eine Geſchichte. (Fortſetzung.)

Manon war ſiebzehn Jahre alt geworden, als ſich eine Begebenheit zutrug, welche für ihren Vater und ſie von wichtigen Folgen war. Ein bedeutender dringender Auftrag nöthigte Lenoir, einen Gehülfen in ſeine Werk ſtatt aufzunehmen. Er that es nur ſehr ungern, allein die feine und kunſtvolle Arbeit, die er zu liefern über nommen hatte, konnte nicht anders in gehöriger Zeit aus⸗ geführt werden; auch mußte der Auftrag unter ſeinen eigenen Augen ausgeführt werden, und es zog eine ziem⸗ lich bedeutende Strafe nach ſich, wenn er nicht rechtzeitig ausgeführt wurde. Am Gelde aber hing Stephan Lenoir mit ungeheurer Gier und Zähigkeit es war ihm das Liebſte und Theuerſte auf der Welt, und er wußte ſelber noch nicht, wie hoch er es ſchätzte. Er hatte ſich ein hübſches Summchen erſpart, und da er nur wenige wirk⸗ lich koſtbare Ausgaben zu machen hatte, wie die meiſten Menſchen, welche Geld die Fulle haben, ſo mehrte ſich ſein Kapital bei ſeinem Fleiß und ſeiner genügſamen Le⸗ bensweiſe von Tag zu Tage. Das Geld ſelber hatte dadurch einen Werth für ihn bekommen, und ſeine leiden⸗ ſchaftliche Vorliebe für daſſelbe, welche bisher noch keinerlei wahrnehmbare Veränderungen in ſeiner väterlichen Liebe zu ſeiner Tochter zu Stande gebracht hatte, ſchien eher aus dem Wunſche, ſein Kind dereinſt gut verſorgt zu ſehen, entſprungen zu ſein. Wie dem aber nun auch ſey, genug, Stephan fühlte bei dieſem Anlaſſe gar keine Luſt, einen Auftrag abzulehnen, welcher ihm einen hübſchen Gewinn abzuwerfen verſprach, ſondern bekämpfte lieber ſeine frühere Abneigung gegen den Gedanken, einen Frem den in ſein ſtilles Hausweſen aufzunehmen, und ſtellte auf einige Wochen einen Gehülfen ein.

Dieſer Gehülfe war ein junger Landsmann von ihm, welcher zur Erweiterung ſeiner Kunſtfertigkeit ſich auf Reiſen befand. Bertrand Lafont war zwar kein bild⸗ ſchöner junger Mann, aber doch ziemlich hübſch, und wußte durch ſein beſcheidenes verſtändiges Weſen ſtets allmählich die Gunſt und das Vertrauen ſeiner Umgebung ſich zu gewinnen. Mehrere Wochen lang war er? kanon's tägliches Gegenüber bei Tiſche, oder ſah ſich auch wohl zu anderen Tagesſtunden auf einige Zeit allein mit ihr. Die Folge davon war eine gegenſeitige Neigung, welche zwiſchen den Beiden entſtand.

Eines Tags, als Stephan's Abweſenheit ſie uner

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wartet bei Tiſche allein ließ, faßte ſich Bertrand den Muth, Manon beinahe ſeine Liebe zu geſtehen, und fand ſich nicht abgewieſen oder entmuthigt von dem naiven unſchuldigen Gegenſtande derſelben. Es zeigte ſich jedoch keine weitere Gelegenheit mehr zu einer Verſtändigung zwiſchen Beiden, bis beſondere Umſtände eintraten, welche Manon's Aufmerkſamkeit nothgedrungen nach einer andern Seite hinlenken mußten.

Manon entging es nicht, daß ſeit Bertrand's Ein⸗ tritt in den Dienſt ihres Vaters mit dem alten Lenoir eine unverkennbare Veränderung in Benehmen und Stim mung vor ſich gegangen war. Wenn er Morgens auf⸗ ſtand, erſchien er ſo verſtört und aufgeregt, als ob er gar nicht geſchlafen oder eine ganz ſchlechte Nacht verbracht habe. Sein Ausſehen überhaupt war krankhaft und er⸗ ſchöpft, und Abends blieb er Stundenlang im ſtummen Hinbrüten ſitzen, als ob ihm die unangenehmſten Dinge durch den Kopf zögen. Erſt in ſpäter Nacht legte er ſich dann ſchlafen, und Manon wähnte oft, ihn mitten in der Nacht noch herumlaufen zu hören, wann bei ihr der erſte Schlaf ſchon vorüber war. Anfangs ſchrieb ſie dieſe Er ſcheinungen der außergewöhnlichen Anſtrengung und Sorge zu, die auf ſein korperliches Wohlbefinden verſtimmend einwirke, und ſie drang liebevoll in ihn, doch ſeiner Ge⸗ ſundheit beſſer zu pflegen und ſich mehr Ruhe zu gönnen. Solcher gute Rath aber ward von ſeiner Seite immer mürriſch und faſt mit Härte abgewieſen. Dieß mußte ihr um ſo mehr auffallen, als ihr Vater, der ihr ſonſt ſtets mit der größten Zärtlichkeit begegnet war, zum erſten Mal eine ſolche Sprache gegen ſie fuͤhrte, und die ſanfte Manon vergoß darob im Stillen manche Thrane. Ihr Schmerz ward um ſo großer, als ihr Vater von Tag zu Tag immer ſchlimmer wurde. Wenn er das Zimmer ver ließ oder ausgehen mußte, ſo ſah ſie, wie er verſtohlen unruhige und ſogar argwöhniſche Blicke auf Bertrand und ſogar auf ſie ſelber warf. Die Urſache eines ſolchen Be nehmens konnte Manon nicht errathen, oder wenn ſie auch auf irgend einen vermeintlichen Grund verfiel, ſo erſchien er ihr wenigſtens nicht wichtig genug, um ſolche Wirkungen hervorzubringen.

(Fortſetzung folgt.) Miszelle.

Ein alter Mann, der noch in den ſechzigern Vater wurde, betrachtete das neugeborene Söhnchen, um Familien Aehnlichkeiten zu entdecken.Ich finde keine andere Aehn⸗ lichkeit, rief er endlich,als den kahlen Kopf!