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Intelli
genz-Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
Mittwoch den 22. März
1854.
Amtlicher Theil. Das Großherzoglich Heſſiſche Kreisamt Friedberg an ſämmtliche Großh. Bürgermeiſter des Kreiſes. Betreffend: Abſchiedsgeſuche von Militärperſonen zum Behufe der Auswanderung.
Das nachſtehend höchſte Ausſchreiben theile ich Ihnen zur alsbaldigen Bekanntmachung hierdurch mit. Ueber die ſtattgehabte Veröffentlichung werden Sie Beſcheinigung in der Regiſtratur niederlegen.
Friedberg am 17. März 1854.
Nülſer. Das Großherzogliche Kriegs-Miniſterium an ſämmtliche Großherzogliche Kreisämter.
Die Geſuche von Soldaten um Beabſchiedung zum Behufe der Auswanderung nach Amerika haben in neuerer Zeit ſo ſehr zugenommen, daß aus dienſtlichen Rückſichten beſchloſſen worden iſt, ſolche Geſuche nur in ganz beſonders dringenden Fällen zu bewilligen.
Damit nun die betreffenden Soldaten keine unnöthige Einrichtungen treffen und ſich keine vergebliche Koſten ver— urſachen, wollen Sie in Ihrem Kreiſe allgemein bekannt machen, daß dermalen kein Soldat mit Beſtimmtheit darauf rechnen kann, den Abſchied, beziehungsweiſe die Stellver— tretungserlaubniß zum Behufe der Auswanderung zu er— halten, er mag mit oder ohne Aeltern auswandern wollen.
Ueber die Befolgung dieſes Auftrags erwarten wir Ihren Bericht.
Darmſtadt den 15. März 1854.
Frhr. von Schäffer-Bernſtein. Beck.
Der Kleiderſchrank.
Humoreske. (Schluß.)
„Du liebe Zeit, was war das für ein großmüthiger edler Herr!“ rief Samuel Benſen.„Die Caroline muß eine recht verſchmitzte Hexe geweſen ſein, und der Kantor war ein glücklicher Mann!“
„Mit nichten; glücklich war er nicht!“ erzählte Bäs— chen Johanna weiter.„Ich meine, ich ſehe ihn noch, wie ſeine Hände zitterten, als er die Papiere zwiſchen den Fingern hielt und Verwünſchungen gegen den Grafen in
den Bart murmelte.—„Bäschen Johanna,“ ſagte er endlich,„komm mit mir hinauf in Carolinchens Stübchen; Du ſollſt ſehen, was ich thue““ Wir gingen hinauf und er oͤffnete den alten Schrank, zog die Schublade mit dem doppelten Boden heraus und ſagte:„Da ſind dreitauſend Thaler in Staatsſchatzſcheinen, womit der elende Graf mir meine Schande bezahlen will. Ich aber werde ſie nicht annehmen und er ſoll ſie auch nicht zurückbekommen, damit er nicht noch andere Väter damit unglücklich mache! Wenn aber die Tochter, die er mir geſtohlen hat, jemals in Noth iſt, ſo weißt Du, wo Du Geld finden kannſt, um ſie zu unterſtützen. Hier ſoll es bei all den anderen Din— gen liegen bleiben, die mich an ſie erinnern und an ihr undankbares Betragen gegen mich. Niemand ſoll es an— rühren, ſo lange ich lebe!“ Damit legte er die Papiere in das verborgene Schubfach, ſchlug es wieder zu, daß es knallte, und gab mir den ſilbernen Haken, mit welchem man die Feder offnet. Seit jener Stunde hat kein Menſch mehr jenes geheime Fach in dem eichenen Schranke ge⸗ offnet, und in dem Fache liegen noch drei Staatsſchatz— ſcheine von je tauſend Thalern mit der bedruckten Seite nach oben, uns keine menſchliche Seele weiß darum als ich!“
„Und ich Narr, ich Thor, habe den Schrank für ein Lumpengeld verkauft?“ rief Benſen und raufte ſich im Haar.„Und wer hat ihn bekommen? ein elendes altes Weib, ein naſeweiſes Bürſchchen? O ich bin ein ruinirter Mann! ich habe dreitauſend Thaler verloren. Der junge Burſche hat mich überliſtet! Ich mißtraute ihm auf den erſten Blick und konnte ihn nicht ausſtehen; aber der Zorn Gottes wird ihn beſtrafen für ſeine Bosheit, Amen!“
„Und warum ward auch die Verſteigerung ſo ſehr beeilt?“ rief Bäschen Johanna.„Es ſind ſchon Jahre her, ſeit mir der Kantor den Haken zu der geheimen Feder gab, aber ich habe ihn ſorgfältig aufbewahrt. Ich horte, daß er krank ſeie; er ſchrieb mir, daß er ſelber fürchte, er habe nicht mehr lange zu leben, und in dem geheimen
Fach der Schublade ſeie noch Alles, wie dazumal. Aber ich lag in den Wochen und konnte nicht hieherkommen,
und mittlerweile iſt der Alte geſtorben und ward begraben, und ſeine Verlaſſenſchaft iſt unter den Hammer gekommen. Der Schrank iſt verkauft und das Geld vielleicht verloren. Gehen Sie nun hin, bieten ſie jede beliebige Summe, aber bringen Sie mir nur den Schrank wieder, dann theilen wir das Geld!“
„Wollen Sie mir Halbpart geben?“ rief Benſen und ſprang in die Höhe;„wo iſt der ſilberne Haken?


