Ausgabe 
14.6.1854
 
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ITntelligenz-Blatt

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* fuͤr die

. Provinz Oberheſſen

55 im Allgemeinen,

ir den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke 12 im Beſonderen.

Mittwoch den 144. Juni

1854.

M 435.

Das Großherzogthum Heſſen nach Geſchichte, Land, Volk, Staat und Oertlichkeit.

Von Dr. Ph. A. F. Walther. (Schluß.) Von eigenthümlichen Gebräuchen und Sitten

finden ſich beſonders in einzelnen Oertern und Diſtricten noch mancherlei vor. In dem Centralpunkte des Hinter

den oft im Freien gehalten; des Abends erleuchtet eine an einem Baum hängende Laterne den Tanzplatz. Bemerkenswerth iſt wie in manchen Orten des Amtes Biedenkopf Ehen geſchloſſen werden! Wenn ein Burſche ein Madchen aus einem andern Orte zu heirathen beab ſichtigt und nicht beſtimmt weiß, ob er Hoffnung hat, er hört zu werden, dann geht er ſpät Abends, nachdem ſich ſchon die meiſten Bewohner zur Ruhe begeben haben, mit einigen ganz vertrauten Perſonen in den Ort ſeiner Aus erwählten, klopft an dem Haus der Eltern an und bittet

1 landes, in Biedenkopf ſelbſt, hat ſich noch einiges erhalten. um Einlaß. Iſt dieſer gewährt, dann antworten die Ein⸗ Im Sommer unternehmen da, meiſt ſtraßenweiſe, zahlreiche getretenen auf die Frage, was ſie in ſo ſpater Zeit noch are Geſellſchaften oft unter feſtlichen Aufzügen Ausflüge auf wünſchten; ſie beabſichtigten eine Magd zu dingen. Die 3 7. i 7 9 7 f N. 2 1. ngbach die nahen Waldbloͤßen, von denen jede ihren beſonderen Eltern verſtehen natürlich den Sinn dieſer Frage. Sind 5 zum Theil ſchönklingenden Namen hat, z. B. Schonſcheit, ſie nun dem Antrage nicht geneigt, ſo erklären ſie:Wenn 3 Kuhleich, Knochendriſch ꝛc. und kehren mit der Nacht unter ihr eine Magd wollt, ſo müßt ihr wo anders ſuchen, 12 Clarinetten- und Paukenſchall in die Stadt zurück, wo die wir konnen unſer Mädchen nicht entbehren! Sind ſie

. freudetrunkene Jugend vor dem Auseinandergehen auf dem aber dem Antrag geneigt, dann werden alle Frauensper 5 Marktplatz erſt noch einen luſtigen Reigen aufführt. Selbſt ſonen im Haus, jeden Alters, vor allen diejenigen, denen 8 noch in der neueſten Zeit wurde auch ein ſ. g. Grenzgang die Nachfrage nicht gilt, mit der Frage vorgeführt: ob . feſtlich gefeiert. Dabei bringt die geſammte Bürgerſchaft die vorgeführte paſſend ſei. Da iſt denn bei der einen

134 nebſt den Beamten mehrere Tage damit zu, die Grenzlinie dieſer, bei der andern jener Makel vorhanden, der ſie

* 2 des Weichbilds der Stadt durch Dick und Dünn zu ver⸗ nicht paſſend erſcheinen läßt. Wenn dann endlich die folgen und unterwegs an beſtimmten Punkten Halt zu rechte an die Reihe gekommen und ſonder Tadel und Fehl

313 machen und neue Grenzſteine einzuſetzen oder die alten befunden worden iſt, dann beginnt die Unterhandlung mit 1 5 aufzugraben, dabei aber natürlich den ermüdeten Gliedern ihr. Sie wird gefragt, ob ſie geneigt ſei, ſich dem N. N. 4 250 ihre entſprechende Genugthuung zu verſchaffn. In zu verdingen und iſt es ihr recht, dann wird der künftige 1 1½2¼ manchen Jahren fällt im Hinterland die Bucheckernerndte Bräutigam herbei gerufen, daß er die Einwilligung ſelbſt 13 ſehr ergiebig aus. Ganze Karavanen ſieht man dann vernehme. Sind dann die weiteren Verhandlungen wegen

6. aus den Gemeinden in den Wald ziehen, mit großen Lein⸗ der Mitgift von den Brautwerbern beendigt, dann werden

13 2 tüchern und Hämmern verſehen, mittelſt deren die Bäume die Ehepacten aufgenommen und die jungen Leute z 1100 2 geklopft und ihrer Bürde entladen werden. In ſolchen Brautleuten erklärt. Ein Handſchlag beſiegelt das neue 1 Tagen haben dann auch die Aermeren gute Tage; mit Verhältniß. Bei der Copulation ſetzt die Braut einen 11 dem Oel der Bucheln werden dann die verſchiedenſten Brautkranz, beſtehend aus ſ. g. gebackenen Roſen ꝛc. auf 5* Speiſen zubereitet. In allen Küchen duften die Kröpfeln, den ſonſt nicht bedeckten Kopf. Das Haar wird am Hin

Eiſenkuchen oder Waffeln und Kropfenkuchen, außer Pfann kuchen die 3 vorzugsweiſe vorkommenden Formen von

terkopf zuſammengebunden, häugt aber ohne geflochten zu ſein über den Rücken herunter.

* Nach der Copulation geht 19 Backwerk, deſſen Hauptbeſtandtheile Kartoffeln und Hafer die Braut vor dem Bräutigam ganz langſam erwartungs 10 mehl ſind. Unter die Hauptbeluſtigungen des Hinter voll her bis an das Haus, welches ihre künftige Woh L länders gehört die Kirchweihe, die im Grunde jährlich einen nung werden ſoll. An der Hausthüre angelangt, tritt ſie

4 Tag, im alten Amt Biedenkopf alle 3 Jahre 3 Tage lang einen Schritt ſeitwaͤrts und der Bräutigam tritt vor, 10 gefeiert wird. Da wird viel Schnaps getrunken und viel geht zuerſt in das Haus und zieht ſeine nunmehrige Frau getanzt. Beim Walzen ſchleifen die Tänzer nicht, ſondern ſcheinbar mit Gewalt in das Haus. Zuweilen wird auch

1 treten mit dem platten Fuße auf, ſo daß dem, der einem an die innere Seite der Hausſchwelle eine Axt oder ein 1* ſolchen Tanze von fern zuſieht, immer von der Taktbe Beſen gelegt, als Schutzmittel gegen Hexereien. Zuweilen,

wegung der Tanzenden ta,

ta, ta entgegenſchallt. Der ganze Tanz iſt ein heftiges

Stampfen. Die Tänze wer

wenn auch nur noch ſehr ſelten, werden die

Hochzeiten mit noch viel mehr Ceremonien vollzogen.

Klipſtein er