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Intelligenz-Blatt
4 fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen,
die Kreiſe Kriedberg, Vilbel und Nidda
im Beſonderen.
M 100.
Mittwoch den 22. Dezember
1852.
Das„Intelligenz⸗Blatt für die Provinz Oberheſſen“ erſcheint auch im Jahr 1853, wie bisher jeden Mittwoch und Samſtag. Der Abonnementspreis, welcher ſtets bei der Beſtellung zu entrichten iſt, beträgt, bei der Expedition 1 fl. 12 kr., für ½ Jahr 40 kr.— bei allen zum Fürſtl. Thurn und Taxisſchen Verwaltungsbezirke gehörigen Poſtämtern nach der neueſten Verfügung pr. Jahr Ifl. 30 kr.
und pr. Semeſter 45 kr.
Die ſeitherigen Abonnenten wollen ihr Abonnement zeitig erneuern, damit die Zuſendung keine Unterbrechung erleidet. Durch die ſehr ſtarke Auflage des„Intelligenzblattes“ finden Anzeigen der verſchiedenſten Art die vortheilhafteſte Verbreitung. Die Einrückungsgebühren betragen für die geſpaltene Petitzeile, oder deren Raum 2 kr., die beiden erſten Zeilen zuſammen aber
werden mit 7 kr. und ein Beleg mit 2 kr. berechnet.
Friedberg.
Die Expedition des Intelligenzblattes.
Die Schweſtern. Eine Memoiren ⸗Novelle. (Fortſetzung.)
Lord Treherne kam niemals in eigener Perſon in unſere beſcheidene Wohnung, nur einmal ſeit ihrem Witt— wenſtande hatte er Gabrielen ſeine Aufwartung gemacht; aber die ſeltenſten exotiſchen Gewächſe zierten fortwährend unſer ärmliches Zimmer, und wurden beſtändig aus Tre— herne-Abbey ergänzt und mit des Lords Karte von einem vertrauten Diener überbracht. Er fehlte jetzt niemals in der Kirche, und die Leute bemerkten,„wie fromm Mylord in letzter Zeit geworden ſei.“ Ich war damals noch viel zu jung und unerfahren, um dieſes zarte und feine Be— nehmen Lord Treherne's zu verſtehen und zu ſchätzen. Herr Dacre verſtand es, allein er würde ſich niemals in unſere Privatverhältniſſe eingedrängt haben, außer in ſeiner geiſt— lichen Eigenſchaft, und zu dem Zwecke, mir in den Studien Beiſtand zu leiſten, denen ich nachzugehen ſuchte. Es lag ein Heiligenſchein um dieſen Geiſtlichen, welcher ganz ent— ſchieden jede Annäherung zur Ungebundenheit oder zu nich⸗ tigen Geſprächen verhinderte, in welche Geſellſchaft er auch kommen mochte. Er gab immer den Ton an, und die munteren und ſich hervorthuenden Miſſes Erminſtoun wurden in ſeiner Gegenwart zurückhallend; während Lord Treherne, mit feinem Sinne, nicht nur die äußerliche Ehrfurcht bewies, die Herrn Dacre's heiligem und ehr— würdigem Amte gebührte, ſondern auch die Achtung, welche ſeine perſönlichen Eigenſchaften verdienten.
Ich habe oftmals zurückgeblickt auf die Zeit unmit— telbar nach meines Schwagers Ableben, und mich gewun— dert über unſere Heiterkeit— ja, faſt mögte ich ſagen, Zufriedenheit und Glückſeligkeit: trotz der Angſt und Er— niedrigung, welche, wie ich wußte, Gabriele erdulden mußte, war ihr Lächeln ſtets ſchön und lieblich, und erleuchtete unſer armes Haus mit dem Sonnenſchein des Himmels.
Unſer Kindlein, glaube ich ſagen zu können, war uns Beiden faſt gleich theuer, es hatte zwei Mütter, wie Gabriele E unter der Pflege des kleinen Lieblings, unter dem Le meiner Lektionen und Herrn Dacre's Beſuchen floß die Zeit ſo ziemlich ſchnell dahin.
Jedesmal wenn ein neues Zeichen erſchien, daß Lord Treherne an uns dachte, bemerkte ich einen flüchtigen Aus⸗ druck auf meiner Schweſter Geſicht, den ich mir nicht er— klären konnte: er war gemiſcht aus Triumph und Her— zensangſt, und ſie lief dann jedesmal zu ihrem Kinde und drückte es krampfhaft an ihren Buſen, wobei ſie Worte von ſeltſamem Inhalt flüſterte. Auf Herrn Dacre's aus— drucksvoller und ernſter Miene gewahrte ich gleichfalls vorüberziehende Wolken, als Gabriele ihre enthuſſaſtiſche Bewunderung über die herrlichen Gewächſe des Auslan— des kund gab. Wie dieß zuging, vermochte ich auf keine genügende Weiſe zu erklären, da Herr Dacre, ſo gütig und großherzig, die uneigennützige Zartheit doch nur bil— ligen konnte, welche Lord Treherne durch ſeine Geſchenke an die Vaterloſe und an die Wittwe an den Tag legte. Doch die Uneigennützigkeit von Mylord's Aufmerkſamkeiten war nur eine Idee, von der ich bald zurückkam; denn zwölf Monate nach Herrn Thomas Erminſtoun's Ableben erhielt Gabriele einen Brief aus Treherne-Abbey, welcher mit dem Treherne'ſchen Wappen geſiegelt, und von dem gegenwärtigen Repräſentanten jenes edeln Stammes un— terzeichnet war. Wir ſaßen gerade am Kamin, mit Näh— arbeit beſchäftigt, und ich ſah Gabrielens Hände zittern, als ſie den Brief öffnete, während jener eigenthümliche, erregte Ausdruck von Triumph und Schmerz mehr als einmal ihr Geſicht uͤberflog, als ſie das Sendſchreiben durchlas. Stillſchweigend gab ſie es mir, und mit Er— ſtaunen las ich ſeinen Inhalt— ſolch' ein Gedanke war noch niemals in mein einfältiges Hirn gekommen. Lord Treherne bot Gabrielen ſeine Hand und ſein Herz an, und bedeutete ihr, wenn ſie ſeinem Antrage ein geneigtes Ohr
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