Intelligenz Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Regierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
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Sonnabend den 22. Mai
1852.
Erinnerungen eines Londoner Polizeibeamten. Die Verfolgung. (Fortſetzung.)
Ich erwachte mit einer ſtimmten Ahnung, nicht allein, daß ich die mir ſelbſt Wrgenommene Zeit geſchla— fen habe, ſondern daß auch Fremde im Zimmer ſeien, und um mich her ſtehen. Ich täͤuſchte mich übrigens in Bei— den; es war Niemand im Zimmer außer mir, und bei ei⸗ nem Blick auf die Uhr bemerkte ich, daß es erſt ein Vier⸗ tel über ſechs war. Ich erhob mich vom Stuhl, ſchürte das Feuer, ging etliche Male im Zimmer auf und nieder, lauſchte eine Weile auf das Heulen des Windes und Praſſeln des Regens, der an Laden und Fenſter ſchlug, ſetzte mich dann wieder und griff nach einer Zeitung, die auf dem Tiſche lag.
Ich hatte ſchon eine Weile geleſen, als die Thuͤre
des Palours aufging und die junge Dame und der alte
Herr hereintraten, die ich ſchon auf der Straße geſehen hatte. Ich ahnte wohl, daß ſie mich mit Bezug auf den Flüchtigen an Bord der„Columbia“ aufſuchten, und nach⸗ dem der ehrwürdige alte Herr ſeine beinahe allzu gekün⸗ ſtelte Entſchuldigung wegen ihres Eindringens preisgege— ben und beide mir gegenuͤber neben dem Kamin Platz ge⸗ nommen, erwartete ich mit ernſter Neugier ihre Anrede. —— Eine peinlich verlegene Pauſe folgte. Die von Weinen gerötheten und geſchwollenen Augen der jungen Frau waren zur Erde geheftet, und ihr ganzes Weſen und Erſcheinung zeigte tiefen Kummer und Entmuthigung. Sie dauerte mich in der Seele, ſo traurig und ſchön ſah ſie aus. Der alte Herr erſchien ängſtlich und ſorgenvoll und ſtierte eine Weile zerſtreut oder gedankenvoll ſtumm in's Feuer. Ich war im Begriff, dieſes peinliche und, wie ich wohl fühlte, nutzloſe Gegenüber dadurch abzubrechen, daß
ich mich ſchnell entfernte, und wollte mich eben erheben, als ein noch ſtärkerer Windſtoß als zuvor, begleitet von
dem Praſſeln ſchwerer Regentropfen an den Fenſtern, mich unſchlüſſig machte, ob ich mich wieder unnoͤthig dem Un. gemach einer ſolchen Nacht ausſetzen ſolle oder nicht; und in dieſem Augenblicke richtete der alte Herr ſeinen Blick in die Höhe und ſchaute mich ernſten, wee gen Blickes an.
„Dieſer Krieg der Elemente,“ er endlich an,— „dieſer wilde Aufruhr der phyſiſchen Natur, Mr. Waters, iſt nur ein Urbild und zwar ein ſehr ſchwaches von den Kämpfen, widerſtrebenden Meinungen, Krämpfen und dem
ſteten Streit und Hader, die in der moraliſchen Welt wüthen!/
Ich nickte zweifelhaft bejahend zu einer Bemerkung, welche mir nicht ſehr zur Sache zu gehören ſchien, die ſeinen Geiſt zumeiſt beſchäftigte, und er fuhr fort:„Es iſt für kurzſichtige Weſen, wie wir Menſchen alle ſind, ſehr ſchwer, ſtets die Führerhand der unvermüdlichen Macht zu verfolgen, welche die verwirrten Begebenheiten dieſes veränderlichen buntgefärbten Lebens zu weiſem, ungeahn— tem Ziele führt. Die Kämpfe des Glaubens mit der wirklichen Erfahrung ſind für die arme Menſchheit hart zu ertragen und halten noch immer unerſchütterlich das unſchätzbare Kleinod niemals wankenden Vertrauens in Den feſt, welcher aller Herzen Kündiger iſt. Ach, lieber Herr! Schuld, die ſich im Strome des Lebens inmitten all ihrer Eitelkeiten brüſtet, und Unſchuld, der die Ketten und Bande drohen, ſind unheimliche Gegenſtände der Be— trachtung für den menſchlichen Geiſt!“
Dieſe ſeltſame Anrede machte mich einigermaßen be— troffen, allein ich ſchwieg mit ſtummem Kopfnicken in der Hoffnung, durch die weiteren Herzens-Ergüſſe des Herrn endlich„des Pudels Kern“ ausfindig zu machen.
„Es läßt ſich nicht länger mehr bezweifeln, Mr. Waters,, fuhr er nach einigen Minuten mehr in ge— ſchäftsmäßigem und vernünftigem Tone fort,„daß die„Co⸗ lumbia“ durch das Unwetter wieder in den Hafen zurück— getrieben werde, und daß der Gatte dieſer armen unglück— lichen Tochter daher dem blinden, nicht der Vernunft Raumgebenden Geſetze in die Klauen fallen wird... Sie ſcheinen erſtaunt... Jenun, ich hätte Ihnen zuvor ſchon ſagen wollen, mein Name iſt Thompſon; und ſein Sie überzeugt, Mr. Waters, wenn der wirkliche Thatbeſtand dieſer unglückſeligen Geſchichte Ihnen zu Ohren kommt, Niemand bitterer als ſie ſelbſt es beklagen werden, daß dieſer Sturm und das plötzliche Umſchlagen des Windes den Verfolgten wieder heimwärts treiben wird, welchen ich und Sie bereits von dieſer unglücklichen, ihm verhäng— nißvollen Küſte entkommen glaubten!“
„Nach Ihrem Namen zu ſchließen, ſind Sie der Va— ter dieſer jungen Frau, ſagte ich,„und da....
„Ja, ihr Vater,“ verſetzte er,„und der Schwieger— vater des Unſchuldigen, den Sie mit ſolch unermüdlichem Eifer und Geſchick verfolgt haben. Aber ich mache Ihnen hieraus keinen Vorwurf, verbeſſerte er ſich ſelbſt,„ich tadle Sie darum nicht. Sie handelten nur nach Ihrer ver—


