Ausgabe 
15.12.1852
 
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O ſprich doch nicht ſo, theuerſte Schweſter, er⸗ widerte ich;haſt Du nicht einen guten Ehemann? iſt Dir nicht Deine Verirrung gnädig verziehen? biſt Du nicht von Segnungen umgeben? 5

Und abhängig! antwortete ſie bitter.

Aber abhängig von Deinem Manne, wie die Bibel ſagt, daß jedes Weib es ſein ſolle. J f

Und mein Mann iſt gänzlich abhängig von ſeinem Vater, Ruth; er beſitzt weder Fähigkeit noch Geſundheit ſich ſelbſt zu helfen, und iſt ganz in ſeines Vaters Hand gegeben um unſer tägliches Brod. Ich habe nur eine Knechtſchaft mit der andern vertauſcht, und alle meine Hoffnung iſt jetzt auf Dich geſetzt, theuerſte Schweſter, Dir eine Erziehung zu geben Dich unabhängig zu machen von dieſer kalten, harten Welt.

Ei, Gabriele ſagte ich,Du biſt noch nicht ſieben⸗ zehn Jahre alt; es iſt doch wohl noch nicht zu ſpät für Dich, gleichfalls noch Deine Erziehung zu machen?

Zu ſpät, zu ſpät! entgegnete Gabriele traurig. Höre, weiſe Ruth, ich werde bald Mutter ſein, und meinem Kinde, wenn es am Leben bleibt, und Dir will ich mich widmen. Du haſt die Miſſes Erminſtoun geſehen Du haſt ihre Gemeinheit, ihren Dunkel und ihre ab⸗ geſchmackten Anſprüche geſehen; ſie haben mich geneckt mit meiner Unwiſſenheit, und ich will ſie jetzt nicht ab⸗ legen. Das Blut der de Courcys und O'Briens hat mich zu einer Lady gemacht, und alle Schätze Indiens können ſie nicht dazu machen. Nein, Ruth, ich will in Unwiſſen⸗ heit verharren, und doch über ſie erhaben ſein, ſo hoch wie die Wolken über dieſer kläglichen Erde, in angeborner Ueberlegenheit und Geiſteskraft! 1

O Schweſter, verſetzte ich ſchuͤchtern,es iſt nicht gut, ſo hoch von ſich ſelbſt zu denken ſo lehrt die Bibel nicht.

5Ruth! Ruth! rief ſie ungeduldig,ich denke keineswegs hoch von mir ſelbſt, wie Du wohl weißſt. Du weißſt ja am beſten, mit welcher Angſt ich unſere Mängel beklagt habe: anſpruchsvolles Weſen iſt's, was ich ver achte und worüber ich mich hoch erhebe; Talent und Bil⸗ dung, Tugend und Edelſinn iſt's, was ich verehre und was ich anbeten könnte! 5

Aber Theuerſte, wandte ich ein,man kann ja liebreich und gütig ſein, ohne daß man ſo ungeheuer ge ſcheidt iſt./ b 5

Die Damen Erminſtoun ſind nicht liebreich, nicht gütig; erwiderte ſie ſtolz,die Herren Erminſtoun ſind Narren! Ruth, ich habe eine Knechtſchaft mit der andern vertauſcht, und die Sünden des Vaters fallen auf das unſchuldige Kind. Ich habe Hunger, Froſt und Ernied⸗ rigung vertauſcht mit verhaßter Abhängigkeit von gemeinen und verächtlichen Menſchen. Wehe mir! wehe mir! Wenn ich nur Dich retten und Dich unabhängig machen kaun, ſo will ich ſchon mein Loos ertragen.

Meine Erziehung begann, und man nannte mich ein geſcheidtes Kind,, Jedermann war gütig gegen den armen Krüppel, ſelbſt die ſtolzen Miſſes Erminſtoun, welche auf meine ſchöne Schweſter neidiſche und verächtliche Blicke warfen, die ſie mit unausſprechlichem Hohn zurückgab ſtillſchweigend, aber ſicher. O wie inſtändig bat ich Ga⸗ briele, daß ſie es doch verſuchen möge, ihre Liebe zu ge⸗ winnen, ihre Bibel zu leſen und darin zu finden, daß

eine linde Antwort den Zorn ſtillet); aber Gabriele;

war ſtolz wie Lucifer, und mochte nicht leſen von Demuth und Mäßigung. Ich fand einen eifrigen Freund und Lehrer an Herrn Daere, demarmen, frommen Geiſt⸗

) Sprichw. 15, 1.

lichen 360 er war ein Unverſitätsfreund meines Schwagers und einige Jahre älter. Ich gewann die Ueberzeugung, daß Herr Dacre Thomas Erminſtoun's Leben für ſehr unſicher anſah, nach der Art wie er mit ihm über reli⸗ giöſe Gegenſtände ſprach, und nach der ängſtlichen Sorg⸗ falt, die er für ſein Seelenheil an den Tag legte. Herr Dacre pflegte mich ſeineweiſe kleine Freundin/ zu nennen, und wir waren gewohnt, über Stellen in dem Buche zu ſprechen, welches mir das liebſte war. Was hielt ich von ihm? Ei nun, bisweilen wollte ich ihn in meinem Sinne mit einem Apoſtel vergleichen etwa Paulus aufrichtig, gelehrt und begeiſtert, dann aber ſchwebte Paulus wieder meiner Phantaſie als ein ehr⸗ würdiger Mann vor mit Bart und wallendem Gewande, während Herr Dacre ein hübſcher junger Mann war, und außerordentlich ſauber in ſeinem geiſtlichen Amtskleide und in ſeinem ganzen Anzuge überhaupt. Er hatte dunkle Augen mit ernſtem Blick feierlich nach meinem Dafür⸗ halten, aber mit dem ſüßeſten Lächeln von der Welt; und eine der Miſſes Erminſtoun ſchien auch der Meinung: doch ſagten die Leute, der fromme junge Geiſtliche habe ſich der Eheloſigkeit geweiht.

Es war noch ein anderer häufiger Beſucher in Er⸗ minſtoun⸗Hall, der nicht ſelten ſeinen Weg nach Wood End Cottage fand, und dieß war keine geringere Perſon als Lord Treherne, welcher mit fürſtlicher Pracht in Treherne⸗Abbey lebte, und ſeit Kurzem Wittwer geworden war. Dieſer Edelmann war etwa ſechszig Jahre alt, ſtattlich, kalt-und zurückhaltend in ſeinem Benehmen, und nur ſelten zu einem Lächeln zu erwärmen, außer wenn es der Schönheit der Frauen galt, von der er in der That ein enthuſiaſtiſcher Bewunderer war. Die verſtorbene

Lady Treherne hatte ihrem Gemahl keine Kinder geſchenk;

und dieſe getäuſchte Hoffnung wurde von Letzterem bitter empfunden, welcher ſich ſehnlichſt einen Erben für ſeinen uralten Titel und ſeine ungeheuren Beſitzungen wünſchte. Man munkelte ſchon, daß die älteſte Miß Erminſtoun Ausſicht habe, die begünſtigte Dame zu werden, auf die wohl die zweite Wahl Seiner Herrlichkeit fallen könnte: ſie war noch ein ſchönes Frauenzimmer und eben ſo kalt und ſtolz wie Lord Treherne ſelbſt; doch trotz aller ihrer lächelnden und aufmunternden Mienen machte ihr der alte, auf Freiersfüßen gehende Cavalier keinen Antrag. Nein, im Gegentheil zeigte er große Theilnahme für Herrn Dhomas Erminſtoun's abnehmende Geſundheit; er war des armen jungen Mannes Taufzeuge geweſen, und es ſchien nicht unwahrſcheinlich, daß, im Fall Se. Herrlich⸗ keit kinderlos ſtürbe, ſein Pathe ein beneidenswerthes Vermögen erben würde. Seltene Früchte und Blumen langten verſchwenderiſcher Menge aus Treherne-Abbey an; und Mylord zeigte großes Intereſſe an meinen Fortſchritten, während Gabriele ihn mit weit mehr Freiheit behandelte als ſonſt irgend Jemanden, und an ſeinen väterlichen Auf⸗ merkſamkeiten viel Befriedigung und Wohlgefallen zu finden ſchien.

Endlich kam die Zeit, wo Gabriele nun Mutter eines ſo lieblichen Kindleins wurde, wie je eins dieſe Welt des Jammers betreten; und es war ein reizender und rühren⸗ der Anblick, die jugendliche Mutter ihr Töchterlein lieb koſen zu ſehen. Es hat mich oft gewundert, daß ich keine Qnalen der Eiferſucht fühlte, denn der ſchöne Ankömmling theilte im höchſten Grade meiner Schweſter Liebe zu mir ja nahm ſie faſt ganz in Beſchlag: und es lag etwas Furchtbares und Erhabenes in der uͤbertriebenen Abgötterei Gabrielens mit ihrem ſüßen Kinde. Ihr eigenes Selbſt wurde ganz und gar aufgeopfert, und wenn ſie jeden Abend über ihres Säuglings Lager hing, und ſeinen glück⸗

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