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Intelligenz-Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Begierungsbezirk Friedberg
10 im Beſonderen.
Mittwoch den 14. Januar
1852.
Die dumme Anne. Eine Erzählung aus dem Gebirge von Marie Nathuſius. (Nieritz Volkskalender.)
(Fortſetzung.)
Der Rector ſtand mit ſeiner ganzen Familie vor der Thür, als der kleine Stuhlwagen, auf dem Klaus, die Großmutter und Anne ſaßen, vor die Thür rollte. Von der„dummen Anne“ wie Klaus ſein Töchterchen auch hier zum Spaß genannt, hatten ſich Rectors eine wunder— liche Idee gemacht. Ein Mädchen, daß in den Bergen nur immer die Kühe gehütet, nie in einer Schule gewe— ſen, nie einen gelehrten Rector geſehen, noch viel weniger ſeinen Unterricht genoſſen hatte, und noch viel weniger den einer Frau Rectorin. Dieſe Frau Rectorin hatte ſchon unverheirathete Mädchen in Penſion gehabt, konnte franzöſiſche Worte in ihre Unterhaltung mit einfließen laſſen, konnte die höchſten Triller ſingen und noch jetzt ihre Tochter im Tanzen unterrichten. Ihre ſechszehnjäh— rige Tochter Thekla war ganz das Ebendild der Mutter, lange Locken hingen an dem magern Halſe, das Kompli— ment fing ſie mit der zweiten Poſition an, und geſchnie— gelt und gebügelt war ſie mit Friſuren und Tändelſchür— zen und Manſchetten. Klaus hatte gerade dieſe Familie aufgeſucht, weil er es nicht recht überwinden konnte, daß Anne ſo ganz ohne Bildung aufwachſen ſollte. Er hatte auch geſucht der Großmutter und Annen großen Neſpekt vor den Leuten einzuflößen, die Großmutter aber ließ ſich nicht viel vermahnen, ja ſie warnte ſogar Annen vor der Klugheit der Welt, vor ihrem Lug und Trug und wun— derlichen Faxen. Du gehſt hin, weil der Vater es will und weil Du confirmirt werden mußt, aber ich wünſche, Du kämeſt eben ſo dumm wieder als Du hingehſt. Und ſo laß Dich nicht verderben, habe Gott vor Augen und im Herzen, und ſei getroſt. Uebrigens giebſt Du gut Koſtgeld und brauchſt nicht bange zu ſein.
Als die Frau Rectorin die ſtattliche ernſte Groß—
mutter und die ſchlanke prächtige Anne vor ſich ſah, wäre
ſie beinahe iu ihrem Leben zum erſtenmal verlegen gewor— den. Sie hatte ſich beide ſo ganz anders vorgeſtellt. Seufzend ſah ſie auf ihre verkümmerten Sprößlinge, und doch war es ihr ein Troſt, als Anne treuherzig der Fa— milie der Reihe nach derb die Hand reichend und ihr „Grüß Gott“ ſagend ihre Kinder alle ſo zierlich knixten und dienerten. Die Gäſte wurden nun in die Putzſtube
geführt. Die Großmutter und Anne mußten die Stühle auf dem Fenſtertritt einnehmen, um die Straße zu genie— ßen, und der Rector ſaß mit Klaus auf dem rothen Sopha. Während die Frau Rectorin ſüß mit den Augen blinzelte und der ſtolzen reichen Bauerfrau um den Bart ging, und Thekla derlei Verſuche bei Annen machte, liefen die andern geduckt der Reihe nach unter den Fenſtern hin und her, ſchielten nach den ſonderbaren Gäſten und lachten aus vollem Halſe.
Das ſind aber ungezogene Kinder! ſagte die Groß— mutter ſtrenge. Die Rectorin zog es vor, ihre Nachkom— men bei dieſer Gelegenheit zu verleugnen.
Ganz abſcheuliche Schlingels! ſagte ſie entſchieden. In kleinen Städten iſt's immer ein Auflauf, wenn etwas paſſirt. Dabei ſchleuderte ſie einige Blitze durch die Feu— ſterſcheiben, und es entſtand Ruhe draußen.
Sieh mal, ſagte Thekla zu Annen und reichte ihr eine Vaſe mit gemachten bunten Papierblumen hin,— das ſind Fan und wachſen in meinem Garten.
So? entgegnete Anne treuherzig, die kenne ich nicht, aber ſchön ſind ſie nicht. O du ſollſt mal dort oben meine Blumen ſehen!
Thekla ärgerte ſich, daß ſie der dummen Anne mit nichts imponiren konnte, ſchon bei einigen Verſuchen war ſie ſo abgeblitzt.
Die Frau Rectorin lief jetzt ab und zu, um das Mittagseſſen zu beſorgen, und Thekla mußte mit hin und her laufen. Anne ging während dem neugierig in der Stube hin und her, ſah auch durch ein klein Fenſterchen auf den Hausflur, wo Thekla vor dem Küchen- und Ge— ſchirrſchrank beſchäftigt war. Mit Verwunderung ſah ſie wie Thekla's langes Kleid Treppen und Eſtrich kehrte, und als dieſe herein kam, um das Laken auf den Tiſch zu legen, ſagte ſie nachdenklich: Warum fegſt Du nur mit dem Kleid an der Erde? Sieh mal, ſo viel iſt's länger als mein Rock.— Bei dieſen Worten hob ſie unbefangen Theklas Kleid eine Viertelselle in die Höhe. Erſchrocken fuhr die Frau Rectorin auf die Tochter zu, denn ein wunderbarer Unterrock zeigte ſich aller Augen. Ei, fuhr Aune ſehr verſtändig fort, was würde ich an Deiner Stelle thun? Ich wurde von dem Kleid ein Ende abſchnei— den und auf den Unterrock ſetzen.
Das war der Rectorin zu viel. Liebes Kind, ſagte ſie belehrend, bei uns kann man nicht mit zu kurzen Klei— dern gehen, aber es iſt albern von Thekla, daß ſie den Rock wieder angezogen hat, der ſchon längſt für ein ar⸗


