Ausgabe 
8.12.1852
 
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2 a x e und Butzbach Dezember.

ntelligenz-Blatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, die Kreiſe Kiedberg, Vilbel und Nidd

im Beſonderen.

N 96.

Mittwoch den 8. Dezember

1852.

Die Schweſtern.

Eine Memoiren⸗Novelle. (Fortſetzung.)

Ich weiß, daß mein Schutzengel mir die Gedanken eingegeben, welche jetzt in meine Seele kamen, als ich den Brief las und darüber nachdachte; denn ich hatte im Ge⸗ bete gefleht, daß der allgütige Hirte mich als ſein Schaf leiten möge, da ich nur einfältiges, ſchwaches Kind ſei. Ich entſchied mich für zweierlei Gabrielens Brief mei⸗ nem Vater zu zeigen, denn mein Gewiſſen ſagte mir ganz entſchieden, daß Verheimlichung unrecht ſei, und ihn nie mals zu verlaſſen, weil die Zeit kommen könnte, wo er vielleicht meiner Pflege bedürfen oder dieſelbe ihm doch lieb ſein würde. Ich fühlte mich ganz glücklich, als ich auf den Knieen dieſen Entſchluß gefaßt hatte, und ſchrieb in dieſem Sinne an Gabriele. Ich weiß nicht, ob mein Vater bemerkte, was ich ſagte, er nahm wenigſtens keine Notiz davon, denn er war halb ſchlafend, halb rauchend; ich ließ daher den Brief an ſeiner Seite liegen, wie ich auch nachmals immer gethan, denn ich hörte häufig von meiner geliebten Schweſter? und ach! es war hart, ihren Bitten, daß ich zu ihr kommen möge, zu widerſtehen es ſei um meinetwillen ſowohl wie um ihretwillen ge ſchehen, daß ſie einen ſo verwegenen Schritt gethan; jetzt habe ſie eine freundliche Heimath für mich, und ich weiſe ſie zurück. Die Zurückweiſung war hart; aber Gott war mit mir, ſonſt haͤtte ich niemals Kraft über mich ſelbſt gefunden, in meiner Pflicht zu beharren und mich ſelbſt zu verleugnen. Als Gabriele alle Gründe und Bitten vergeblich ſah, gab ſie den Ausbrüchen der Angſt nach, welche mich faſt überwältigten; dochwenn ich ſchwach war, ſo war ich ſtark) ich ergriff meine köſtliche Bibel, und ſchrieb an Gabriele, ich dürfe meinen Vater nicht verlaſſen.

Es erſchienen nun Geſchenke von Büchern und allen Arten ſchöner und nützlicher Sachen, um mir zum behag⸗ lichen Leben oder zur Ausbildung zu dienen. Gabriele ſchrieb mir, ſie wohne in einem niedlichen Häuschen in der Nähe des Herrenhauſes und Herr Erminſtoun habe ſeinem Sohn vergebene Erſterer war ein Wittwer, und hatte fünf Töchter aus erſter Ehe, Gabrielens Gemahl war

5) 2. Kor. 12, 10.

das einzige Kind von der zweiten Frau: die Miſſes Er⸗ minſtoun blühten ſämmtlich im geſegneten Jungfernſtande und waren überall in der ganzen Gegend bekannt als die ſtolzen Miſſes Erminſtoun. Dieſe Damen waren große, hagere Mädchen und galten bei den Leuten für äußerſt prunkhafte Frauenzimmer; ſie trugen hohe Fe⸗ derbüſche und helle Farben, fuhren in prunkenden Equi⸗ pagen, oder gingen Sonntags zur Kirche mit einem Diener, welcher ihrem feierlichen und majeſtätiſchen Gange zum Bethauſe auf dem Fuße folgen und dieſenarmen Sünderinnen ihre reich verzierten Gebetbücher nachtragen mußte.

Wie ſchmachtete ich, von Gabrielen zu hören, daß ſie glücklich ſei und von ihren neuen Verbindungen werth ge halten; daß ſie aber auch in gewiſſem Maaße gedemüthigt ſei betreten über den verwegenen Schritt, den ſie ge than. Ich zitterte, ein zartes Mädchen, wie ich war, wenn ich mir dachte, daß Gottes Zorn auf ihr theures Haupt fallen und ihren Empörungsſinn züchtigen könnte. Sechs Monate nach Gabrielens Abreiſe ſtarb unſer Vater, nachdem er nur wenige Tage ernſtlich gelitten. Sterbend ergriff er meine Hand und murmelte:Gutes Kind! und dieſe köſtlichen Worte fielen wie ein Segen auf meine Seele; und ich weiß, er horchte auf die Gebete, welche mir Gott in's Herz und auf die Lippen legte für ſeine ſcheidende Seele. Ich trauerte um den Todten, weil er mein Vater und ich ſein Kind war.

(Fortſetzung folgt.)

Monatsbericht der Blinden-Anſtalt zu Friedberg.

Im Monat November gingen zu Gunſten obiger Anſtalt 439 fl. 6 kr. ein); die Ausgabe betrug 427 fl. 30 kr. Da wir für die laufenden Ausgaben nur 280 fl. bedurften, ſo konnten wir die Mehreinnahme zur Abtragung unſerer Schulden verwenden. 3 Aktien verkauften wir nach Dahlsheim in Rheinheſſen und Friedberg. Noch ſind 89 Stück zu verwerthen. An Naturalien aller Art gingen aus Ober⸗ und Niederroßbach, ſowie Friedberg ſchöne Gaben ein. Herz⸗ lichen Dank allen Gebern im Namen ſämmtlicher Zöglinge der Anſtalt.

Friedberg den 1. Dezember 1852.

J. P. Schäfer, Vorſteher.

) 100 fl. haben Ihre Königliche Hoheit unſere hochverehrteſte Landesmutter die Großherzogin allergnadigſt geſchenkt und 100 fl. hat uns eine blinde Dame aus Riga in Rußland geſandt.

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