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lten; allmählig aber gewoͤhnte ſie ſich daran, und da 4 5 die Aa aft ihre Lebensgeiſter belebte, verbrachte ſie den Reſt der Reiſe in einem ziemlich glücklichen Ge⸗ müthszuſtande. Endlich langten ſie in dem geräumigen Hofe vor dem Schloſſe von Radapol an, der Wohnung einer einſtmal reicher und mächtigen polniſchen Familie, die jetzt halb in Trümmer lag. Offenbar war bei dieſer Verbindung, das ſah auch Anielka ein, auf der einen Seite das Geld, auf der andern der Rang in die Wagſchale ge⸗ legt worden.
Unter anderen Neuerungen im Schloſſe, welche durch die herannahende Heirath veranlaßt worden waren, hatte der Burgherr, Fürſt Pelazia, auch Sänger für die Kapelle kommen laſſen, namentlich einen gewiſſen Signor Giuſti⸗ niani, einen Italiener, als Kapellmeiſter gewonnen. Gleich nach Leon's Ankunft wurde Anielka dieſem vorgeſtellt. Er ließ ſie die Skala ſingen, und that dann den Ausſpruch, daß ſie eine vortreffliche Stimme habe.
Anielka fand bald, daß man ſie in Radapol mit et⸗ was mehr Rückſicht behandelt, als in Olgogrod, obwohl ſie oft unter den Launen ihrer neuen Herrin zu leiden hatte und weniger Zeit zum Leſen gewann. Um ſich hie⸗ für ſchadlos zu halten, widmete ſie ſich mit ganzer Seele dem Geſange, den ſie täglich ein paar Stunden lang trieb. Ihr großes natürliches Talent begann ſich unter der Lei⸗ tung des Italieners immer mehr zu entwickeln. Außer dem Kirchengeſang lehrte er ſie auch Opernmuſik. Bei einer gewiſſen Gelegenheit ſang Anielka eine Arie in einem ſo leidenſchaftlichen und meiſterhaften Style, daß der ent⸗ zückte Giuſtiniani vor Freude die Hände zuſammenſchlug, im Zimmer herumhüpfte und keine Worte finden konnte, um ſie genugſam zu loben. Unaufhörlich rief er:„Prima Donna! Prima Donna!“
Jedoch dieſer Unterricht erlitt bald eine Unterbrechung. Der Hochzeittag der Fürſtin kam heran, und nachher ſollte ſie mit Leon nach Florenz gehen und Anielka Beide be⸗ gleiten. Ach, noch wurzelten Gefühle in ihr, die ſie hoͤchſt elend machten. Sie verachtete ſich ſelbſt um dieſer Schwäche willen; aber dennoch liebte ſie Leon. Die Empfindung war zu tief in ihre Bruſt gepflanzt, um ausgeriſſen wer⸗ den, zu ſtark, um ihr Widerſtand leiſten zu können. Es war die erſte Liebe eines jungen und ſchuldloſen Herzens, die in Stille und Verzweiflung groß gewachſen war.
Anielka ſehnte ſich unbeſchreiblich darnach, wieder einmal Etwas von ihren Adoptiv⸗Eltern zu erfahren. Einmal, da der alte Fürſt ſie hatte ſingen hören, fragte er ſie mit großer Leutſeligkeit nach ihrer Heimath. Sie erwiderte, daß ſie eine Waiſe ſei; man habe ſie denen gewaltſam entriſſen, welche ſo freundlich Elternſtelle bei ihr vertraten. Ihre ungeheuchelte Anhänglichkeit an den alten Bienenzüchter und ſein Weib gefiel dem Fürſt ſo ſehr, daß er erwiderte:„Du biſt ein gutes Kind, Anielka, und morgen will ich Dir erlauben, die Leute zu beſuchen, Du ſollſt ihnen einige Geſchenke mitbringen.“
Ueberwältigt von Dankbarkeit warf ſich Anielka dem Fürſten zu Füßen. Sie träumte die ganze Nacht von dem Glück, das ihrer wartete, und der Freude der armen ver⸗ laſſenen alten Leute; und vermochte, als ſie am folgenden Morgen dahin aufbrach, kaum ihre Ungeduld zu zügeln. Endlich näherte ſie ſich der Hütte; ſie ſah den Wald mit ſeinen mächtigen Bäumen und die blumenbedeckten Wieſen. Da ſprang ſie aus dem Wagen, um dieſe Bäumen und Blumen näher zu ſein; ſie glaubte, ſie alle wiederzuerken⸗ nen. Das Wetter war herrlich. Mit Wolluſt ſog ſie die reine Luft ein, die ihr ſchon die Küſſe und Liebkoſungen ihres alten Vaters entgegen zu bringen ſchien. Ihr
N 5 a N 2 Pflegevater war jetzt gewiß mit, ſeinen Bienen beſchäftig was aber that wohl ſein Weib? a 0 Anielka öffnete die Thüre der Hütte; Alles war ſtih Jun zie und verlaſſen. Der Armſtuhl, in welchem die arme all eaten
Frau zu ſitzen pflegte, lag umgeworfen in einer Ecke 1 ſe die 1 Eine ſchreckliche Ahnung erfaßte Anielka. Langſamel e ſie* f Schrittes trat ſie zu den Bienenkörben; dort gewahrte see Jg fe einen kleinen Knaben, der die Bienen pflegte, währen fegen der Greis daneben auf dem Boden ausgeſtreckt lag. Di N„Nad 0 Sonnenſtrahlen, die auf ſein blaſſes und krankes An euer polnt 5 ſielen, ließen ſeinen elenden Zuſtand erkennen. Aniell t 4 bückte ſich zu ihm nieder und ſprach:„Ich bin's,. beschützen Anielka, Deine Anielka, Vater, die Dich noch immer liebt!“ 0 7 Der Greis erhob den Kopf, ſtarrte ſie mit einen 2 5 geiſterhaften Lächeln an und nahm die Mütze ab. J erin, war, „Und wo iſt meine gute alte Mutter?“ fragt. 170„A es Anielka. aben.“— „Sie iſt todt!“ antwortete der Greis, indem er zu 112„Du rückſank und auf eine wahnwitzige Weiſe zu lachen begann 5 ten.“ Au Anielka weinte. Mit ernſtem Blicke betrachtete h die Hand
die zerüttete Geſtalt, die blaſſen, eingefallenen Wangen, 1 den Schl
die kaum noch ein Lebenszeichen zeigten; ſie glaubte zu iu nichtiger J bemerken, daß er einſchlummern wollte, und da ſie ihn nicht 40 ſe müf ſtören wollte, ging ſie nach dem Wagen, um ihre Ge pon von O ſchenke herbeizuholen. Als ſie zurückkehrte, ergriff ſie ſein 4
Hand. Sie war kalt. Der arme alte Bienenzüchter hat vollendet! Guſt.
Anielka ward faſt bewußtlos nach dem Wagen ge⸗ N
bracht, der raſch mit ihr nach dem Schloſſe zurückkehrte Die am ve Dort lebte ſie wieder ein wenig auf; aber der Gedanke, ach gehalten daß ſie nun ganz allein auf der Welt ſtehe, trieb ſie faſt i der Guſtar zur Verzweiflung. eu höchſt wo
le Fremde, zu
Die Vermählung ihres Herrn und die Reiſe nach i hlung ih H si l ſe erſchienen,
Florenz gingen wie ein Traum an ihr vorüber. Der J fremde Anblick einer fremden Stadt ſtellte zwar allmähligſ ſchuldauſe zu ihren zerrütteten Kopf wieder her, aber nicht ſo ihre Hei luter dem Gel terkeit. Es war ihr, als ob ſie das Elend des Lebens n Vereins in nicht länger mehr ertragen konne; ſie flehte um den Tod. enden und B
„Warum biſt Du ſo unglücklich? fragte ſie Graff dafüllten Kir Leon eines Tages freundlich. ſnungsliedes
Ihm die Urſache ihres Elends auseinander zu ſetzen, und verlas da wäre für ſie in der That der Tod geweſen. huptlied wur
„Ich will Dir ein beſonderes Vergnügen geſtatten, dl ba, fuhr Leon fort.„Eine berühmte Sängerin wird heul 0 5 Leit Abend im Theater auftreten. Du ſollſt ſie hoͤren, und ler 4 9 nachher wirſt Du mir wieder vorſingen, was Du von ih⸗ ein da rer Kunſt behalten haſt.“ iu Vorſitzend
Anielka ging. Hier begann ein neuer Abſchnitt in 1. ihrem Leben. Da ſie mittlerweile ſelbſt Künſtlerin gewor, zicht erſtalt den war, ſo konnte ſie nun darüber ihren Kummer ver—
geſſen und mit ganzer Seele in die Kunſtſchönheiten ein⸗ r gehen, welche ſie zum erſten Mal in dieſer Vollkommen⸗ Bekanntm
heit dargeſtellt hörte. Eine gewaltig erbebende Saite in ihrer Bruſt gab Antwort auf die Töne der Muſik. Wäh⸗ rend der Vorſtellung ward ſie bald blaß und zitterte, und 0 Thränen entſtürzten ihren Augen, bald hätte ſie ſich in Nek einem Anfall der Begeiſterung der Sängerin zu Füßen(365) Auf
ſtürzen mögen.„Prima Donna!“— mit dieſem Namen eh rief das Publikum jene heraus, um ſie mit Beifall zu du n Gagen überſchütten; und war dieß nicht derſelbe Name, den dan Each
Giuſtiniani auch ihr gegeben hatte? Konnte denn ſie nicht 11 in Mile auch eine Prima Donna werden? Welch' ein ruhmreiches 905
Schickſal! Seinen eigenen Empfindungen einer Maſſe von eh, eh entzückten Zuhörern mittheilen zu können, in ihnen einzig Ren, Garten h durch die Macht der Stimme Schmerz, Liebe, Entſetzen zu im.(Das! erwecken. 7 0
licht m


