Ausgabe 
20.9.1890
 
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Deutsches Reich.

Darmstadt. Der Domaͤnenrath Klietsch in Zwingenberg wurde auf Nachsuchen, unter Anerkennung seiner Dienste in den Ruhestand versetzt, der Hülfsgerichtsschreiber Lind in Lorsch zum Gerichtsschreiber in Ulrichstein, der Gerichts schreiber Pfeiffer in Ulrichstein zum Gerichtsschreiber in Höchst, der Gerichtsschreiber Knieriem iu Herb stein zum Gerichtsschreiber in Alsfeld, der Hülfs gerichtsschreiber Bühner in Gießen zum Gerichts schreiber in Herbstein, der Ministerialkalkulator Kissel zum Salinenrentmeister in Bad-Nauheim ernannt und demselben zugleich die Nebenestlle eines Rendanten bei dem Salzsteueramt daselbst übertragen.

Die zweite Kammer wird voraussichtlich im November einberufen werden. Nach Vor nahme der Wahl des Präsidiums sowie der ein zelnen Ausschüsse werden zunächst die letzteren ihre Arbeiten beginnen. Das Plenum der Kammer dürfte erst im Januar oder Februar zu einer längeren Sitzungsperiode, in welcher das Budget berathen wird, zusammentreten.

Berlin, 18. Sept. Der Kaiser wird mit Familie in den ersten Tagen des October vom Neuen Palais zu Potsdam nach dem königlichen Schlosse in Berlin übersiedeln. Die Kaiserin ist gestern Abend mittelst Sonderzuges auf der Wildparkstation eingetroffen. Die Prinzessin Friedrich Leopold und die Herzogin von Con naught fuhren mit demselben Zug bis Potsdam.

DerReichsanzeiger meldet: Sofort nach dem Erscheinen desTimes-Artikels vom 15. d., demzufolge der stellvertretende Reichs- commissär in Ostafrika durch eine Proclamation den Sklavenhandel für erlaubt erklärt und unter amtlicher Mitwirkung eine öffentliche Sklaven Auction in Bagamoyo stattgefunden haben soll, forderte das Auswärtige Amt einen telegraphischen Bericht des gedachten Beamten über das Sach verhältniß ein. In einem heute eingegangenen Telegramm berichtet der Beamte aus Sansibar, daß er eine solche Proclamation nicht erlassen habe, daß wahrscheinlich der Unfug eines Arabers der Nachricht der englischen Blätter zu Grunde liege; die Untersuchung werde sofort eingeleitet werden.

Dieser Tage fand eine große öffentliche socialdemokratische Volksversammlung dahier statt und verhandelte über die Frage des Massen austritts aus der Landeskirche. DieNat. ⸗Lib. Corr. bemerkt darüber:Im Ziel der Ver kündigung des vollkommenen Atheismus sind die Soctaldemokraten einig, aber über die taktische Zweckmäßigkeit herrschen noch Meinungsverschie denheiten. Die klügeren und gemäßigteren Führer wissen recht wohl, daß es auch unter ihren Anhängern sehr viele gibt, denen man nicht durch Enthüllung der letzten Ziele vor den Kopf stoßen darf. Es könnten doch viele scheu werden, wenn man sie geradezu auf die Gottesleugnung verpflichtete. Der äußerste und unverhüllteste Radicalismus ist das sicherste Mittel, in allen besseren Elementen das Nachdenken und die Wiederkehr zur Besonnenheit zu befördern. Von diesem Gesichtspunkt aus kann es uns nur recht sein, wenn die Socialdemokratie über ihr Ver häliniß zu jeder Religion offen Farbe bekennt.

Rohnstock, 17. Sept. Der König von Sachsen ist um Uhr in Schloß Börnchen bei Rohnstock eingetroffen. Kaiser Franz Josef ist um Uhr hier eingetroffen; derselbe wurde vom Kaiser Wilhelm am Bahnhofe erwartet. Die Monarchen umarmten und küßten sich wie derholt. Reichskanzler v. Caprivi und Graf Kalnoky begrüßten sich ebenfalls äußerst herzlich. Nachdem die Eh srenkompagnie abgeschritten worden war, fuhren die Majestäten nach dem Schlosse. Am Eingange von Rohnstock war eine Ehren pforte errichtet, an welcher Ehrenjungfrauen die Majestäten erwarteten. Am Schlosse wurden dieselben von der Gräfin Hochberg empfangen und begrüßt. Nach 6 Uhr machte der König von Sachsen dem Kaiser von Oesterreich einen Besuch, welcher noch vor dem Diner vom Kaiser Franz Josef auf Schloß Börnchen erwiedert

wurde. Beide Monarchen kehrten gemeinsam hierher zurück. Um 7 Uhr fand Tafel statt. Nach Schluß derselben bestiegen die Mafestäten den Schloßthurm, um die erleuchteten Höhen zu betrachten. Rohnstock war illuminirt. 18. Sept. Kaiser Franz Josef und Kaiser Wilhelm begaben sich heute Morgen um Uhr zu Pferde nach dem Manöverfelde bei Striegau. Der König von Sachsen erschien um 8 Uhr ebenfalls zu Pferde. Reichskanzler v. Caprivi und Graf Kalnoky verblieben während des Vormittags in Hansdorf. Der Kaiser und seine Gäste wohnten der heutigen Uebung bei Spitzberg nördlich von Striegau bei. Anwesend waren ferner die Prinzen Albrecht von Preußen, Ludwig von Bayern und Georg von Sachsen. Das 6. Armeecorps hatte Spitzberg und dessen Umgebung stark befestigt, verhielt sich anfangs defensiv und unterhielt ein langanhaltendes Artillerie-Feuer, während das 5. Armeecorps von Jauer und Lüssen vorging. Als das letztere Corps in den Bereich des Ge wehrfeuers kam, entwickelte sich ein lebhaftes Infanterie-Gefecht. General Lewinsky ging zur Offensive über. Der Kaiser unterbrach hier um 12 Uhr die Uebung zu einer kurzen Er theilung von Befehlen, sodann wurden die Manöver fortgesetzt. Nach dem Angriff des 6. Armeecorps auf den Höhenzug zwischen Haͤß licht und Fehebeutel erfolgte das allmähliche kriegsmäßige Abbrechen des Gefechts und die Aufstellung der Vorposten. Die Truppen be zogen hierauf das Biwak. Nach dem Manöver kehrten Kaiser Franz Josef und der König von Sachsen nach ihren Absteigequartieren zurück. Kaiser Wilhelm traf um Uhr hier ein. Alsdann fand im Parke des Schlosses eine Jagd statt, woran sich das Dejeuner in einem Zelte anschloß. Gegen 5 Uhr unternahmen beide Kaiser eine Fahrt nach Schloß Börnchen zum Besuche des Königs von Sachsen. Abends fand im Schlosse Diner statt.

Straßburg. Kürzlich überschritten zwei hundert französische Soldaten des an der deut schen Grenze manöverirenden 148. Regimentes die letztere und begaben sich in das Kilo meter entfernte Dorf Aumeß, um Getränke und Tabak zu kaufen. Der Aufforderung der Gen darmen und Grenzbeamten, das Dorf zu ver lassen, leisteten sie indessen sofort Folge.

Ausland.

Oesterreich-Ungarn. Wien. Für die hiesige Perlmutter-Drechsler-Industrie hat die amerikanische Me. Kinley-Bill bereits eine heftige Krise herbeigeführt. 10,000 Arbeiter erhielten heute ihre Kündigung zum 1. October und viele Etablissements reducirten die Arbeitszeit schon jetzt auf vier bis sechs Stunden täglich.

Schweiz. Belinzona, 18. Sept. Der eid⸗ genössische Commissär wies heute das an ihn gestellte Begehren Respinis und der anderen Staatsräthe auf Uebernahme der Regierung für so lange ab, bis der Bundesrath eine Entschei dung getroffen habe.

Großbritannien. Dublin, 18. Sept. Die Deputirten W. O'Brien und Dillon wurden heute verhaftet und unter starker militärischer Eskorte nach Tipperary abgeführt. Verhafts befehle wurden gleichzeitig gegen die Deputirten Patrick O'Brien, Cheehy, Condon und den Priester Humphreys erlassen. O'Brien und Dillon sind angeklagt wegen Aufhetzung der Pächter gegen die Pachtzahlung.

Southampton, 18. Sept. Die letzten Mili tärabtheilungen sind abgezogen, nur ein Kanonen⸗ boot ist bei den Docks zurückgeblieben.

Belgien. Mons, 17. Sept. Die Arbeiter des Steinkohlenbergwerkes Saint Julien in Brac⸗ quegnies(Borinage) haben den Ausstand erklärt. Man befürchtet ein rapides Umsichgreifen des Streiks. Gerade von diesem Bergwerk ging im Jahre 1887 der allgemeine Streik im Bori⸗ nage aus.

Portugal. Lissabon, 17. Sept. Meldung vonReuters Bureau. Das Cabinet hat demis sionirt; Abren wurde mit der Bildung eines

neuen Cabinets betraut. Die Lage in Portugal ist sehr ernst. Die Majorität der Kammer en

klärte sich gegen die Convention mit England,

Afrika. Sansibar, 18. Sept. Emin Pasch! hißte in Tabora die deutsche Flagge und setzt, seinen Marsch nach Usukuma fort.

Australien. Melbourne, 17. Sept. Natz einer Meldung derTimes von hier ist du Schifferstreik so gut wie gescheitert. Zahlreich, nichtunionistische Officiere, Seeleute und Werst arbeiter stehen zur Verfügung und machen den Zusammenbruch des Ausstandes unvermeidlich,

Sidney, 17. Sept. Der Arbeitercongreß willigte ein, den Befehl an die Schafscheerer zun Arbeitseinstellung aufheben, sich agressiver Schritte während 48 Stunden enthalten und den Erfolg der Intervention des Maires von Sidney ab⸗ warten zu wollen.

Aus Stadt und Land.

Friedberg. Auf das am Geburtstage S. K. g. des Großherzogs abgesandte Telegramm der Festgäste in. Hötel Trapp ist folgende Antwort eingelaufen:Krelz⸗ rath Braden Friedberg. Seine Königliche Hoheit der Großherzog lassen für die Glückwünsche der Festversamm⸗ lung im Hötel Trapp bestens danken. Im Allerhöͤchsten Auftrage: Rothe, Ministerialrath.

R. Schchwalheim. Das in diesem Blatte für den. 15. angekündigte Wetterauer Missionsfest dahter hat einen schönen und erhebenden Verlauf gehabt. Die Ge⸗ meinde hatte sich zu demselben ganz besonders festlich ge⸗ rüstet. Die Straßen waren mit Bäumen und Gulrlanden geschmückt; aus den Häusern hing reicher Flaggenschmuck⸗ und auf jedem Antlitz leuchtete die Freude, das Missions⸗ fest im eigenen Orte feiern zu können. Die Gemeinde hatte den Tag zum Feiertag gemacht, alle werktägliche Arbeit ruhte. Es fanden zwei Gottes dienste statt, sowie noch eine Nachfeier auf dem schönen Schwalheimer Brunnen. Es predigte des Morgens in der Kirche: Pfarrer Walz von Grüningen, worauf der Vorsitzende des Vereins, Pfarrer Walz von Bad⸗Nauheim, den Rechenschaftsbericht vortrug, aus dem hervorging, daß das Interesse und die Beiträge für die Heidenmission in unserem Kreise in stetigem Wachsen sind. Des Nachmittags predigte Schulinspektor Pfarrer Höser von Dornholzhausen bei Homburg und dann Missionär Thumm von Frankfurt a. M. Bei der Nachfeter auf dem Brunnen sprachen noch Pfarrer Walz von Bad⸗Nauheim über die ostafrikanische Mission und Missionär Thumm das Schlußwort. Es dunkelte schon, als der Gesangverein, der, von Lehrer Ruppel geleitet, wesentlich zur Erhöhung des Festes beigetragen, das Nun danket alle Gott fang, und die überaus zahlreiche Festversammlung auseinander ging. Es wurde ihr an diesem Tage eine reiche, aber auch eine gute Speise ge⸗ boten. Alle Redner, deren schöne und erhebende Worte wir hier nicht weiter ausführen können, sprachen aus warmem für die heilige Sache der evangelischen Mission begeisterten Herzen und fanden deshalb auch das Herz der Festgemeinde. Dafür war ein Zeugniß, daß sie mit nicht ermüdender Aufmerksamkeit und Andacht den Reden horchte, daß kein einziger Mißton das schön' Fest störte und daß vie Missionscollekte, welche der Baseler Mission zugewiesen wurde, 95 Mark betrug. 92

Ober-Mörlen, 18. Sept. Das siebenjährige Töchterchen des Müllers B. schüttete auf das im Aus⸗ gehen begriffene Feuer Petroleum. Sofort brannte das⸗ selbe und ergriff die Kleider des Kindes. Das Kind lief zum Hause hinaus und warf sich in den Bach, sodaß das Feuer ausging. Dennoch ist das Kind seinen Brand⸗ wunden nach schweren Leiden erlegen.

Allerlei.

Frankfurt, 17. Sept. Vor dem hiesigen Haupt⸗ bahnhof hat sich am gestrigen Abend ein gräßliches Un, glück zugetragen. Der Schutzmann Wex aus Darmstadt hatte einen Transport nach Kassel ausgeführt und kehrte von da mit dem um 8 Uhr 27 Minuten hier ein; laufenden Schnellzug zurück. Kurz vor Einlaufen des Zugs in den Hauptbahnhof hat Wex, der vermuthlich noch den um 8 Uhr 40 Minuten nach Darmstadt gehenden Zug erreichen wollte, die Thüre seines Coupss geöffnet und ist entweder beim Herabspringen oder Herabfallen von dem Laufbrett erfaßt und unter die Räder des Wagens geworfen worden. Der Unglückliche, über den die hinteren Wagen weggingen, wurde vollständig zermalmt aufgefunden. Die Stücke des Leichnams wurden buch⸗ stäblich zusammengelesen und zunächst in das Zimmer der Bahnhofs Sanktätswache, von da aus auf den Sachsen⸗ häuser Friedhof verbracht.

Mannheim, 18. Sept. Heute Vormittag 11 Uhr fand in der Concordienkirche die erste öffentliche Haupt⸗ versammlung des Deutschen Gustav⸗Adolf⸗Vereins statt, welche sehr zahlreich besucht war und von dem Präsidenten Fricke⸗Leipzig geleitet wurde. Die Versammlung ertheilte die große Lebesgabe(17,840 M.) der bayerlschen Ge⸗ meinde Forchheim. Als nächster Versammlungsort wurde Görlitz gewählt.

Berlin. Bezüglich der Einführung einer einheitlichen Zeitrechnung für das Reich sind die Verhandlungen unter den verbündeten Regierungen abgeschlossen. Die Ange legenheit ist zur Beschlußfassung reif und es darf mit Sicherheit angenommen werden, daß schon in der Herbst sesston des Reichstages eine Gesetzesvorlage eingebracht

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