Ausgabe 
13.3.1888
 
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Berlin, 9. Maͤrz. Ueber die letzten Stunden des Kaisers bringen die Blatter noch folgende Mittheilungen: Waͤhrend Fürst Bismarck gestern Abend bei dem Kaiser war, hat derselbe, wohl in der Meinung, daß Prinz Wilhelm bei ihm weile, wiederholt das Wort an ihn gerichtet. Unter anderem sagte er:Den Kaiser von Rußland mußt Du nur recht rücksichtsvoll behandeln, das wird nur gut für uns sein. Später dem Fuͤrsten Bismarck die Hand auf die Schulter legend, sagte der Kaiser noch:Das hast Du gut gemacht. Gegen 4 Uhr Morgens ließen manche Erscheinungen das baldige Abscheiden des kaiserlichen Herrn befürchten; der Puls wurde immer schwächer, das Athmen schwerer und das Bewußtsein schwand. Um 4 Uhr wurden auf Veranlassung der Aerzte die Mit glieder der königlichen Familie zusammenberufen, auch die Frau Prinzessin Friedrich Karl erschien; außerdem alle diejenigen Persönlichkeiten, welche am Abend vorher um das Krankenbett ver sammelt waren. Ab und zu schienen von den Lippen des Kaisers unbestimmte Laute zu kom men, dann aber kamen Fieber-Phantasien bei lichten Augenblicken. Er sagte einmal:Ach Gott, mein armer Fritz!, dann sprach er von militärischen Dingen; er sah Truppen anrücken; er nannte einzelne Truppentheile, namentlich Ulanen; es kamen über ihn Erinnerungen aus dem deutsch-französischen Kriege, er nannte die Namen einzelner französischer Heerführer, denen die deutschen Truppen gegenübergestanden haben. Auf die herzliche Mahnung der Großherzogin von Baden, daß er doch ruhig werden möge, antwortete er:Ich habe keine Zeit mehr, ich habe noch viel zu sagen. Gegen Morgen trank er ein Glas Rothwein und strich sich dann mit der Hand den Schnurrbart, wie er gewohnt war. Kurze Zeit vor seinem Hin scheiden fragte er die Großherzogin von Baden: Wo ist die Kaiserin? Die Großherzogin er wiederte:Mama sitzt ja bei Dir. Er machte mit dem Haupte ein Zeichen, daß er die Tochter verstanden habe und neigte mit einer Miene der Zufriedenheit sein Haupt und sagte:Zu Bette gehen. Die Kaiserin saß während dieser Zeit auf ihrem Stuhle zu Füßen des Bettes und hielt die linke Hand des Kaisers in der ihren. Selbst die Schwäche, die sie zeitweise über mannte, konnte sie nicht bewegen, die Hand des sterbenden Gemahles zu lassen. Die Großher jogin mußte sie stützen, aber ihre Hand blieb in der seinen. Die Athemzüge des Kaisers wurden nun immer kürzer. Oberhofprediger Dr. Kögel begann zu beten; alle Anwesenden sanken um das Lager des sterbenden Kaisers auf die Knie. Da noch ein tiefes Aufseufzen der Kaiser hatte geendet. Hand in Hand blieb die Kaiserin mit dem Gemahl vereint bis über den letzten Athemzug hinaus. Prinz Wilhelm stand am Fußende des Bettes, angesichts des dahingeschiedenen Großvaters. Dann näherten sich alle Familienglieder, um von dem geliebten Oberhaupte den letzten Abschied zu nehmen und ihm nochmals die Hand zu küssen. Alle knieten sie vor dem Sterbebette nieder. Darauf winkte Prinz Wilhelm auch die übrigen Anwesenden heran, den Oberstkämmerer, den Oberhofmar schall, die General- und die Flügeladjutanten, die Aerzte, die Leibdienerschaft, den Garderoben Intendanten Engel, die Kammerdiener Krause und Uckermärker, den Garderobier und die Leib jäger, welche ihrem Herrn so lange treu gedient haben und nun den letzten Abschied von diesem so theuren Leben nahmen. Die Aussagen der Personen, welche das Sterbebett umstanden, lauten übereinstimmend dahin, daß dem Kaiser das Nahen des Todes nicht bewußt war. Die Leiche Kaiser Wilhelms wird demnächst nach dem Dome gebracht und dort am Dienstag aufgebahrt werden. Alle Vorkehrungen dazu sind im Dome bereits getroffen. Die Leiche wird in Uebereinsteimmung mit den Wünschen des hochseligen Kaisers, in die Uniform des ersten Garde-Regiments mit umgelegtem Feld

haben die General- und Flügel- Adjutanten in sechsstündiger Ablösung. Wie weiter verlautet, bestimmt der letzte Wille des verewigten Mo narchen seine Beisetzung im Mausoleum zu Charlottenburg. 10. März. Heute Vormittag 11 ½ Uhr fand eine Trauerfeier an der Leiche statt. Die Kaiserin saß in ihrem Stuhl, umgeben von dem Groß⸗ herzog und der Großherzogin von Baden, Kron prinzen Wilhelm und Frau, dem Kronprinzen und der Kronprinzessin von Schweden, dem Prinzen Friedrich Leopold, der Prinzessin Friedrich Karl, dem Prinzen und der Prinzessin Albrecht, den Prinzen Alexander und Georg, dem Groß herzoge von Sachsen, dem Herzog und der Her zogin von Mecklenburg Schwerin, dem Erb⸗ prinzen von Sachsen-Meiningen, dem Prinzen und der Prinzessin Friedrich von Hohenzollern. Heute Nachmittag erfolgte die Vereidigung der Truppen. Das Staatsministerium wird den Kaiser Friedrich auf dessen Befehl Morgen an der Landesgrenze bei Bitterfeld empfangen. Bei der Ankunft in Charlottenburg Morgen Abend findet kein Empfang statt. Mit dem Tode Kaiser Wilhelms ist die preu ßische Königs- und deutsche Kaiserkrone auf den bisherigen Kronprinzen, nunmehrigen Kaiser und König Friedrich, übergegangen. Betreffs des Uebergangs der deutschen Kalserwürde ist keinerlei andere Bestimmung in der Reichsverfassung ent⸗ halten, als daß diese Würde mit der Krone Preußen verbunden ist. Der neue Träger dieser hat nach Art. 54 der preußischen Verfassung in Gegenwart beider Häuser des Landtags das eid liche Geloͤbniß zu leisten:Die Verfassung des Königreichs fest und unverbrüchlich zu halten und in Uebereinstimmung mit derselben und den Ge setzen zu regieren! Indeß braucht dieses Ge löbniß nicht sofort zu erfolgen; es ist namentlich keine Voraussetzung des Beginnes der Ausübung der königlichen und kaiserlichen Rechte. Die Schwierigkeiten, welche sich aus der Krankheit Kaiser Friedrichs ergeben, werden, dessen darf man gewiß sein, durch ihn selbst und durch die Nation unter dem Rathe des Staatsmannes, der an erster Stelle das Deutsche Reich begrün den half, uͤberwunden werden. Das deutsche Volk hat das Vertrauen, das es dem nunmehr regieren den Kaiser entgegenbringt, stets und namentlich während der letzten Monate unablässig bekundet. Kaiser Friedrich wird, auf der Brennerbahn heimkehrend, Sonntag Nacht hier eintreffen und in Charlottenburg residiren. Von dort geht er

tigen Königsschlosse werden bereits alle Vorbe reitungen zur Aufnahme des Kaisers getroffen. Am Samstag trifft der Adjutant des Kaisers, Major v. Lynker, dort ein, um die weiteren An ordnungen im Schlosse zu leiten.

Der Reichs anzeiger veröffentlicht folgendes Bulletin aus San Remo von heute Vormittag 9 Uhr 50 Minuten:Der Kaiser war durch die Trauerkunde auf das Tiefste erschüttert, doch blieb das Allgemeinbesinden gut. Während des ganzen Tages bis zum Abend hat der Kaiser angestrengt gearbeitet. Der Schlaf war gut und erqusckend. Dem Reichskanzler ging fol⸗ gendes Telegramm aus San Remo zu:Im Augenblick tiefster Trauer um den Heimgang des Kaisers und Königs, Meines geliebten Herrn Vaters, spreche ich Ihnen, wie dem Staats ministerium Meinen Dank für die Hingebung und Treue aus, mit welcher Sie alle demselben dienten. Ich rechne auf ihrer Aller Beistand bei der schweren Aufgabe, die Mir wird. Ich reise am 10. März, Morgens, nach Berlin. Friedrich. Der Kaiser und König hat dem Staatsministerium bezüglich der Landestrauer folgenden Erlaß zugehen lassen:Hinsichtlich der bisher üblich gewesenen Landestrauer wollen Wir keine Bestimmung treffen, vielmehr jedem Deut schen überlassen, wie er angesichts des Heim gangs eines solchen Monarchen seiner Betrübniß Ausdruck geben mag, auch die Dauer der Ein schränkung öffentlicher Unterhaltungen für sach

wahrscheinlich später nach Wiesbaden. Im dor⸗

1 Kaiser Friedrich und Kaiserin Victoria sing ü

heute Vormittag 9 Uhr von San Remo abge reist. Das Kaiserpaar ist mit Gefolge un 12 Uhr 40 Min. Mittags in Genua eingetroffen, koͤnig Humbert von Italien erwartete hier diz Herrschaften und bestieg allein den Salonwagehf des Kaisers. Crispi und das Gefolge blieben alf dem Perron. Die Begegnung beider Monarchen war eine überaus rührende, sie umarmten und küßten sich. Der Kaiser wiederholte seinen Dan 1 für die Wünsche der italienischen Kammern und

große mne

des Landes und versicherte den König seiner um 5 1 wandelbaren Freundschaft. Nach einem Zu und! sammensein von 10 Minuten wurden Crispff Pia sowie der deutsche und der englische Consul 3 Mein! gelassen, um dem Kaiser ihre Huldigungen darf Nene zubringen. Das Aussehen des Kaisers ist un schaste Ganzen ein befriedigendes, der Gesichtsausdrulf der 6 ein freundlicher. Um 1 Uhr verließ der Koni und 1 den Waggon. Der Kaiser grüßte am Fenstes Kaiser stehend noch einmal den König, sowie Crispf b und das Gefolge. Um 1 Uhr 3 Min. fuhr del pete Kaiserzug weiter. König Humbert reiste un purückr 1 Uhr 22 Min. nach Rom zurück. wirthse

11. Marz. Der kaiserliche Sonderzuf lud

traf in München Vormittag 8 ½ Uhr ein. Del Sie b Kaiser empfing den Prinz Regenten Luitpold die La Der Zug kommt um he Uhr heute Nacht auf bien dem Westendbahnhof bei Charlottenburg an. Vol zunehr dem Bahnhof ist bis dicht an die Schienen heralf füt ein mit schwarzem Tuch behängter zeltartiges bötde Pavillon errichtet, von welchem aus der Kaises genose nach Verlassen des Salonwagens nach dem Wagel aler! gelaugt, in dem er nach dem Charlottenburge unche Schlosse fährt. Auf Befehl des Kaisers unter Sie! bleibt am Bahnhofe jeder Empfang. Eine Ab wesen theilung Garde du Corps reitet dem Wagei with vorauf, eine zweite Abtheilung folgt. Nach Charf und lottenburg kommt eine Compagnie des zweite runge Garderegiments, um die Wachtposten zu besetzen Regi Das gesammte Staatsministerium ist Nachmit hend tags 2 Uhr mittelst Extrazuges nach Leipzis Juli abgereist. elnem

Der Tod Kaiser Wilhelms hat nach deu Die z bis heute hier aus dem Auslande eingetroffenen auen Nachrichten auch in den außerdeutschen Länder und die schmerzlichsten Gefühle hervorgerufen. Ueberal[ Zeit ist es sei es in den Parlamenten, sei es u Medi der Presse, sei es in privaten Corporationen in Al zu theilnahmsvollen Sympathiekundgebungen ges denke kommen. Selbst von den eutferntesten Well Regie theilen liegen schon Telegramme vor, wonaß als Regierungen und Bevölkerungen trauernd in diesem tiefsten Schmerze des großen Todten gedenken] Aussch Nur die Franzosen zeichnen sich in unvorthellf setzung hafter Weise aus. Ist auch von ihnen selbis der O redend keine Sympathie für den todten Monarch gishri zu erwarten, so darf man doch wenigstens Achtuh 50 A vor der Majestät des Todes fordern. Die Pariss Sunn Morgeublätter vom 9. März hatten irrthümli lichen den Tod des Kaisers als bereits eingetreten 0 ber z genommen und enthalten deshalb zumeist die se Dee z langer Zeit bereit gehaltenen Biographien u ertrage Leitartikel, in denen theilweise die Gemeinhil deri

dus d.

katur ausgeschrien, so daß Graf zu Münster a

mantel gekleidet. Den Ehrendienst bei der Leiche

gemäß erachten will. Friedrich.

der Lage war, als er Nachmittags dem Minish die 0

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