auf der Durchreise nach Petersburg hier einge— troffen und im Central⸗Hotel abgestiegen.
— 15. August. Die Kaiserin hat gestern früh Schlangenbad verlassen und sich von dort zu Wagen nach Eltville begeben, um von da aus mittelst Extrazuges die Rückreise nach Berlin bezw. Potsdam fortzusetzen.
— Der erste Reichspostdampfer„Oder“ ist dem Fr. J zufolge in Hongkong am 12. Aug., das heißt noch einen Tag vor der fahrplan— mäßig festgesetzten Ankunftszeit, eingetroffen, und setzie am 13. Aug. die Reise nach Shanghai fort. An demselben Tage ging der Dampfer „Stettin“ von Hongkong nach Nokohama ab.— Der dritte Reichs-Postdampfer für die Linie Japan-Australien ist gestern in Bredow bei Stettin vom Stapel gelaufen. Derselbe er— hielt in der Taufe den Namen„Danzig“.
Ausland.
Holland. Haag, 13. Aug. In der zweiten Kammer brachten Borgesius und zehn andere Mitglieder aller Parteien einen Antrag ein, be— treffs Einrichtung einer parlamentarischen Enquete über die Zustände der Arbeiter in den Fabriken und Werkstätten. Der Antrag wurde in die Bureaus der Kammer verwiesen.
Dänemark. Kopenhagen, 13 Aug. In der heutigen Sitzung des Staatsraths wurde ein provisorisches Gesetz beschlossen, welches be— stimmt, daß der faktische Leiter einer Zeitung als verantwortlicher Redacteur genannt werden muß. Insofern dies beobachtet wird, soll die Anonymität der Verfasser nicht aufgehoben wer— den, falls aber ein„Strohmann“ als Redacteur oder Verfasser genannt wird, soll die Zeitung mit tausend bis fünftausend Kronen Geldstrafe belegt werden und der faktische Redakteur oder Verfasser die Verantwortung tragen; alle Ent— schädigungen und Prozeßkosten sowie die Geld— strafen, die der Zeitung zur Last fallen, sollen aus den Einkünften derselben beigetrieben wer— den. Die Verbreitung ausländischer Zeitungen kann durch Verbot bei dem Postamte unter— sagt werden.
Belgien. Brüssel, 14. Aug. Der General Vandersmissen ertheilte den versammelten Com— mandeuren der Truppen Befehle bezüglich der morgigen Arbeiterkundgebung.
15. Aug. Die Nationalfeier begann gestern Abend mit einem großen militärischen Zapfenstreich, welchen eine dicht gedrängte Menschenmenge begleitete. Eine dem Zuge vor— ausgehende Schaar sang die Marseillaise; irgend— welche andere Zwischenfälle kamen nicht vor. Der Zug der Arbeiter, etwa 20,000 Mann, hat sich heute um die Mittagsstunde in Bewegung gesetzt, kommt aber nur mit Mühe vorwärts, da die Straßen mit Meuschenmassen angefüllt sind. An der Spitze des Zuges befindet sich eine Abtheilung Polizei; die im Zuge befind— lichen Musikcorps spielen die Brabangonne und die Marseillaise. Die Bevölkerung empfängt den Zug sympathisch; es werden Kränze und Blumen unter die am Zuge Theilnehmenden geworfen.
Frankreich. Paris, 14. Aug. Heute fand ein Ministerrath statt. Ministerpräsident Freycinet theilte mit, der Papst habe keine end— gültige Entscheidung betreffs der Errichtung einer Gesandtschaft in Peking getroffen. Die Ver— handlungen dauerten noch fort.
Großbritannien. London. Die„Times“ erfährt, das Cabinet habe beschlossen, von der Abhaltung einer Session im Spätherbst abzu— stehen und das Parlament nach Schluß der gegenwärtigen Session bis Ende Januar zu ver— tagen. Das Cabinet ernannte ferner ein Comité zur Berathung der irischen Angelegenheiten.
Rußland. Petersburg, 12. Aug. Das österreichische erzherzogliche Paar ist heute aus Kraßnoje-Sselo via Warschau abgereist. Der Zar, die Zarin und die übrigen Mitglieder der kaiserlichen Familie gaben demselben das Geleite nach dem Bahnhofe.
— 14. Aug. Marquis Tseng gab gestern ein Abschiedsdiner, welchem der Unterstaats—
secretär Vlangali, mehrere höhere Beamte, der englische Botschafter und die Geschäftsträger Deutschlands, Frankreichs und Griechenlands
beiwohnten. Amerika. Washington. Der Staats—
secretär Bayard hat den General Sedgwick nach Mexiko gesandt, um den wahren Thatbestand der Cuttings-Affaire festzustellen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 12. August. Das theologische Facultäts— examen, welches heute zu Ende ging, bestanden 9 Can didaten und zwar 1 mit der Note„sehr gut“, 4 mit der Note„gut“, 4 mit der Note„genügend“.
Alsfeld. Die Lehrer des biesigen Kreises haben in Wetzlar nach der Zeichnung des Kreis baumeisters Kranz zu Ehren des dahier geborenen früheren Seminar- direktors Pr. Curtman eine marmorne Gedenktafel ver— fertigen lassen, die bei der nächsten hiesigen Lehrer— konferenz am Hause des Uhrmachers Weber auf dem Kirchenplatze der Walpurgiskirche gegenüber, befestigt werden wird.
Allerlei.
Ems. Die junge 18jährige Rumänierin, welche, wie erwähnt, in Ems mehrere Diebstähle ausgeführt hatte und in Folge dessen verhaftet und nach Limburg in's Kreisgefängniß abgeführt wurde, ist gegen eine Kaution von 10,090 M. entlassen,„da dieselbe an der Klepto— manie leiden soll.“
Berlin, 13. Aug. Der Doppel Mörder Keller ist gestern in Althofdürr bei Breslau verhaftet worden.
Thorn. Der unter dem Verdacht der Spionage verhaftete sunge Mann ist wieder aus der Haft ent lassen. Wie nach der„Th. O. Ztg.“ die Untersuchung ergeben hat, ist derselbe wirklich ein Graf Thomas Lubienski und in Wien bei der dortigen Universität als Student immatrikulirt. Er war nach Thorn gekommen, bier seine Mutter zu erwarten, um mit derselben einen Kurort aufzusuchen Da die Mutter mehrere Tage aus- blieb, vertrieb er sich die Langeweile, von Ort zu Ort wandernd, mit der Aufnahme von Landschaften.
Aus der Berliner Verbrecherwelt. (Schluß aus Nr. 94.)
Der Taschendieb begeht keinen Einbruch, und der Einbrecher keinen Taschendiebstahl. Ja, beide halten es unter ihrer Wuͤrde, das Gewerbe des anderen zu betreiben, und weisen es weit von sich, wenn ihnen dies nachgesagt werden sollte. Man kann es erleben, daß ein Polizeibeamter, der gegen einen Nachschlüssel— dieb irrthümlich den Verdacht ausspricht, er sei bei einem Ladendiebstahl betheiligt gewesen, fast mitleidig zur Antwort erhält:„Aber, Herr Criminal-Commissär, Sie wissen doch recht gut, was ich treibe, und daß ich mich mit solchen Dingen nicht abgebe“, oder daß, wenn bei einem Diebstahl nicht alles nach den Regeln der Kunst zugegangen ist, ein Beschul— digter seine Theilnehmerschaft geradezu mit Ent— rüstung in Abrede stellt, indem er sagt:„Wäre ich dabei gewesen, dann wäre eine solche Thor— heit nicht begangen worden.“ Wohl das be— deutendste Renommée, wenn auch nicht in der Stadt selber, so doch jedenfalls außerhalb ihrer Grenzen, genießen die Berliner Taschendiebe. Der Taschendieb, Drücker, Torfdrucker(Torf gleich Beutel; drucken gleich ziehen), auch Seifen— sieder genannt, braucht für sein Handwerk stets ein Zusammendrängen von Menschen. Sein Hauptaugenmerk hat er stets auf den Fremden gerichtet, den er mit dem ihm eigenen Kenner— blick sehr wohl von dem Einheimischen zu unter— scheiden weiß. Diesem folgt er und sucht ihm im Gedränge so nahe zu kommen, daß die Körper sich berühren. Nun beginnt er leise an dem Anzuge seines Opfers herumzutasten, um die Stellen ausfindig zu machen, wo Uhr, Geld— beutel, Dosen u. dgl. aufbewahrt werden. Hat er dies festgestellt, und die Tasche ist so be— schaffen, daß man von außen in dieselbe hinein— fahren kann, so ballt er die Hand so zusammen, daß nur Zeigefinger und Mittelfinger lang aus— gestreckt bleiben. Diese spreizt er auseinander, führt sie in diesem Zustande in die Tasche ein, vereinigt sie im Innern derselben derart, daß er den zu entwendenden Gegenstand damit er— faßt, und zieht denselben dann leise hervor. Das nennt man eine Scheere machen. Befindet sich dagegen die Tasche im Innern der Kleidung, so muß zunächst ein Schnitt gemacht werden. Mit einem kleinen spitzen Messer oder einer
findet, das Oberkleid und manipulirt nun durch diesen Schlitz hindurch wie vorhin beschrieben. Für Uhren, welche an massiven Ketten getragen werden, hat er eine kleine Zange, mit der er die Kette kurz vor der Stelle, wo sie in die Weste eingehakt ist, abknipst; alsdann zieht er die Uhr an der Kette mit Leichtigkeit aus der Tasche heraus. Kann er auch so seinen Zweck nicht erreichen, so schreitet er zu einer förmlichen Operation, indem er die ganze Tasche, in der sich das zu stehlende Objekt befindet, abschneidet und mitgehen heißt. Selten geht der Taschen— dieb allein; es sind ihrer meist zwei, oft sogar drei. Der allein gehende Taschendieb ist zu großen Gefahren ausgesetzt. Weit besser ist es, wenn ihm ein Complice zur Seite steht, dem er, unmittelbar nachdem er einen Gegenstand aus der Tasche herausgezogen hat, denselben zu— steckt, damit dieser sich mit ihm entferne, während er selbst davongeht, ihm eine Wand macht, das heißt, den Bestohlenen und das Publikum von ihm abhält.
In ziemlich engem verwandtschaftlichen Ver— hältniß zu der Sorte der Taschendiebe stehen die Ladendiebe, Schottenfeller, deren Gewerbe es ist, in Verkaufsläden in Gegenwart des Ver— käufers Waaren jeglicher Art zu stehlen. Auch sie gehen fast niemals allein; ihre Taktik besteht in Folgendem: Zwei von ihnen betreten einen Laden und lassen sich Waaren zur Auswahl vor— legen. Sie haben an Allem etwas auszusetzen, feilschen unablässig um den Preis und veran— lassen durch ihre Unzufriedenheit den Verkäufer, aus den entlegendsten Ecken des Ladens und von den höchsten Tritten seiner Leiter immer neue Waaren zur Ansicht herbeizuholen. Während namentlich der eine den Kaufmann fortgesetzt beschäftigt, entwendet der andere von den vor— gelegten Waaren so viel er unterbringen kann. Er ist der Schautenpicker, während der erstere Srikener genannt wird. Ist das Manöver aus— geführt, so verlassen in der Regel beide unter dem Vorwande, daß sie nicht gefunden, was sie suchten, den Laden, ohne etwas gekauft zu haben, oder sie kaufen nur eine ganz geringe Kleinig— keit. Die gestohlene Waare hat inzwischen der Schautenpicker unter seinen Kleidern sorgfältig verborgen. Geriebene Ladendiebe haben hierzu ganz besondere Vorkehrungen. Die Männer haben im Futter ihrer Röcke und Ueberzieher Taschen, welche fast die Länge des ganzen Kleidungsstückes einnehmen, während die Frauen, von denen diese Art Diebstahl ganz vorzugs— weise betrieben wird, eine solche Tasche in Ge— stalt eines langen Beutels zwischen die Beine gebunden tragen. Die Diebestasche führt den Namen Fuhre oder Gole. Wer sie trägt, muß eine ganz besondere Geschicklichkeit darin haben, Waaren, selbst von bedeutendem Umfange, wie ganze Stücke Zeug, rasch in ihr verschwinden zu lassen. Genügt hierzu ein einmaliges Um— drehen des Kaufmanns nicht, so begnügt sich der Dieb auch wohl damit, die Waare nur auf die Erde zu werfen, um sie dann, sobald'der Kauf— mann zum zweiten Male den Rücken kehrt, nun— mehr einzustecken. Läßt sich das letztere gar zu schwer bewerkstelligen, so greifen Frauen dazu, einen Ritt zu machen, d. h. sie klemmen die Waare schnell zwischen die Beine, verlassen so den Laden und begeben sich in den nächsten Hansflur, um hier das mühsam Fortgeschleppte fallen zu lassen. Zum Beweise, wie erfinderisch diese Leute in der Ausübung ihres Berufes sind, mag die Thatsache dienen, daß es Diebinnen gegeben hat, welche in folgender Weise ihr Handwerk betrieben. Sie banden sich um den bloßen Leib einen Bindfaden, von welchem wiederum eine andere Anzahl Bindfaden lose bis in die Gegend der Kniee herabhing, wo an ihnen scharfe Haken befestigt waren. Mit dieser Ausrüstung begaben sie sich in die Schuhläden, ließen sich eine große Anzahl der verschiedensten Fußbekleidungen vorlegen, und während sie nun scheinbar anprobirten, hakten sie immer einen
Scheere durchschneidet der Taschendieb an der Stelle, wo das begehrenswerthe Objekt sich be-
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