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gamstag den 8. Mai. 2
54.
Oberhessischer Anzeiger.
Wird hier und in Bad⸗Nauheim Montag, Mittwoch und Freitag Abend ausgegeben.
Kreisblatt für den Kreis Friedberg.
Erscheint dreimal wöchentlich und zwar Dienstag, Donnerstag und Samstag.
Die einspaltige Petitzeile wird bei Annoncen mit 11 Pf. berechnet, bei größerem Tabellen- oder Ziffersatz mit 14 Pf., bei Reclamen mit 22 Pf.; ein Beleg kostet 9 Pf. Annoncen von auswärtigen Einsendern(soweit Letztere nicht Jahresconto bei uns haben), welchen der Betrag nicht beigefügt ist, werden stets per Post nachgenommen.
Amtlicher Theil.
Betreffend: Anweisung für die Polizei- und Gemeindebehörden zur Mitwirkung bei Ausübung der mllitärischen
Controle.
Friedberg den 6. Mai 1886.
Das Großh. Kreisamt Friedberg an die Großh. Bürgermeistereien und die Gendarmerie des Kreises. Auf Ersuchen Großherzoglichen Bezirkscommando's Friedberg sehen wir uns veranlaßt die in rubricirtem Betreffe erlassene Anweisung für die Polizei- und Gemeindebehörden, abgedruckt im Kreisblatt Nr. 130 vom 3. November 1885, zur gewissenhaften Darnachachtung in Er⸗
innerung zu bringen.
Einladung.
J. V.: Dr. Wallau.
Donnerstag den 13. d. Mts. soll seitens des landw. Bezirksvereins Friedberg in der landw. Section Vilbel eine Prämiirung von Jungvieh auf dem Selzerbrunnen stattfinden. Selbstgezogene Thiere, sowohl Rinder wie Farren, von ½ bis 2½ Jahre alt, sind zur Prämlirung
zulässig und müssen spätesteus Morgens 8½ Uhr aufgestellt sein. Kloppenheim den 5. Mai 1886.
Zu recht zahlreicher Betheiligung wird hiermit höflichst eingeladen.
Stahl.
Her Landwirthschaftslehrer Hannemann von Friedberg beabsichtigt Sonntag den 9. l. Mts., Nachmittags 3 Uhr, im Saale des Gast⸗ wirths Engel in Ober-Rosbach einen Vortrag über Obstbau zu halten.
Die Sterblichkeits- und Erkrankungsverhältnisse des Kreises Friedberg im Jahre 1885.
Die Zahl der Todesfälle betrug 1231, also 202 mehr als im Vorjahr(1029); somit starben, bei Annahme einer Einwohnerzahl von 67,000, von je tausend Ver— sonen 18,4; von den Gestorbenen standen 214 im ersten Lebensjahre(im Vorjahre 171), 213 im Alter von 2 bis 15 Jahren(104), die übrigen 804 waren Er— wachsene(757). Sämmtliche Altersklassen zeigen daher eine Zunahme der Sterblich keit, am stärksten jedoch die jugendlichen Personen(427 gegen 335 im Vorjahre).
Verglichen mit 1884 erscheint daher die Sterblichkeit ziemlich hoch. Dieses 1884 r Jahr war jedoch ein gerade günstiges; man muß daher, um zu einem richtigen Urtheile zu gelangen, vertzleichen mit der mittleren Sterblichkeitsziffer aus mehreren
Jahrgänzen. Wir nehmen daher das Mittel aus den Jahrgängen 1880 bis 1885 einschließlich. Nach diesem beträgt:
die Gesammtzahl der Todesfälle 1224,
die Zahl der im 1. Lebensjahr Gestorbenen 211,
die Zahl der im 2.— 15. Lebens jahr Gestorbenen 199,
die Zahl der verstorbenen Erwachsenen SN
Man sieht, daß nur die Zahl der verstorbenen Erwachsenen um ein Geringes hinter jener entsprechenden Mittelzahl zurücksteht(804 gegen 817), während die im jugendlichen Alter Verstorbenen soweit überwiegen, daß schließlich auch die Gesammt zahl die Mittelzahl übertrifft(Kinder im 1. Lebensjahr 214 gegen 21, im 2. bis 15. Lebensjahr Verstorbenen 213 gegen 199, Gesammtzahl 1231 gegen 1224).
Führen wir diesen Vergleich auf einzelne der bedeutenderen Krankheitsformen fort, so ergibt sich ein besonders hoher Ueberschuß des Berichtsjahres 1885 für die Infeettonskrankheiten, die sozenannten ansteckenden Krankheiten(Blattern, Masern, Scharlach, Rose, Diphtherie, Keuchhusten, Typhus, Kindbettsieber, Eiter vergiftung und einige Andere). Das Mittel der Sterbefälle aus diesen Krank heiten beträgt 99, die Zahl aber der in 1885 durch sie herbeigeführten Todesfälle ist 124, also mehr 25.
Ziemlich dem Mittelwerth(184) entsprechend ist die dießjährige Ziffer der Schwindsuchtstodesfälle(182).
Geordnet nach der Zahl der Sterbefälle erscheinen die einzelnen Monate des Jahres in folgender Reihe: März 140, Februar 116, Januar 114, Mat 12, April 109, Juni 102, Juli 95, November 94, September 9, August und December je 89, Oetober 80. Am stärksten bedacht ist somit das erste Jahresviertel(370), ihm folgen das zweite(323), das dritte(275), das vierte(263). Nach Halbjahren überwiegt die Sterbezahl des ersten um 155(693 gegen 538).
Diese Vertheilung auf die einzelnen Zeitabschnitte des Jahres kann im Ganzen als dem gewöhnlichen Verhalten entsprechend bezeichnet werden
Ueber die Betheiligung einzelner bedeutenderer Krankheitsgruppen an der Ge— staltung der Sterbeziffer des Berichtsjahres sind bereits oben einige Winke gegeben.
Die ansteckenden Krankheiten, akuten Infeetionskrankheiten, haben, wie be reits oben erwähnt, im Berichtsjahre relativ viele Todesfälle herbeigeführt(124). Besonders stark betbeiligt waren Masern, in Gestalt starker Epidemien in einer großen Zahl von Orten auftretend(34 Todesfälle); in ganz gleichem Verhältniß wirkte als Todesursache Diphtherttis(ebenfalls 34). Die Zahl der Diphtherltis Sterbefälle war in den früheren Jahrgängen(1874: 80) constant erheblich stärker (1880 noch 61 Fälle), nahm dann bis 1883 auffallend ab(1881: 42, 1882: 32, 1883: 20), von de an aber wieder zu(1884: 26, 1880: 34). Die seit 1880 auf getauchte Hoffnung, daß der frühere bösartige Charakter dieser tücklschen Krankheit sich dauernd mildern werde, ist durch die Erfahrung der beiden letzten Jahrgänge einsgermaßen erschüttert.
Auch der Keuchhusten, epldemieweise vielfach aufgetreten, forderte wieder viele Opfer(21), meist ganz kleine Kinder. Kindern in dem ersten Lebensjahr oder Halbjahr wird diese Krankheit sehr leicht gefährlich, und es ist unbegreiflich, daß ncht mehr Sorgfalt darauf verwendet wird, dieselben vor Ansteckung zu schützen.
Scharlach hat 11 Todesfälle bewirkt. Diese Krankßeit ist im Berichts jahre an keinem Orte des Kreises als Epidemie(massenweise) aufgetreten.
Die gleiche Zahl der Todesfälle ist durch Rose(Rothlauf) bewirkt worden.
An Unterleibstyphus sind 3 Personen gestorben. Epidemien, mit einer kleinen Ausnahme am Jahresschlusse(Büdesheim, jedoch ohne Sterbefall) haben nicht bestanden.
Dem Wochenbettfieber und dem Elterfieber sind je 5 Kranke erlegen
Andere Infeetlonskrankhetten, Blattern, Flecktyphus, Ruhr und Cholera, sind nicht vorgekommen.
Von nichtansteckender Krankhett ist vor Allem als häufige Todesursache dle Schwind sucht zu nennen. Es starben daran 182 VPersonen; dies ist lelder nicht nennenswerth weniger, als wir es zu sehen gewöhnt sind(Mittelzahl 184), immer hin elne für einen wesentlich ländlichen Bevölkerungskreis erstaunlich hohe Sterbe
ziffer(fast jeder 6. Gestorbene), wie man sie sonst nur in großen Städten mit ihrem speeifischen Elend anzutreffen pflegt.
Relativ groß ist die Zahl der durch akut- entzündliche Krankheiten der Athmungsorgane bedingten Todesfälle(159, Mittelzahl 145). Lungen⸗ Entzündung älterer Leute ist dabei wesentlich betheilitt.
Schlagsluß, Kinderdiarrhöen und die große Zabl anderweiter ver⸗ schiedener Krankheiten, welche zu keiner größeren Gesammtgruppe sich vereinigen, sind Todesursache geworden in einem dem gewöhnlichen Vorkommen entsprechenden Verhältaiß.
Todesfälle durch Verunglückung 16, durch Selbstmord 17(13 Mal Erhängen, 1 Mal Ertrinken), durch tödliche Körperverletzung und Mord je 1 Mal.
195 Kranke starben ohne daß ärztliche Hülfe gesucht war.
Wie bereits im Rückblick auf das Jahr 1884 erwähnt wurde, gibt nun die Zahl der Todesfälle und die Art der dieselbe begründenden Krankheiten keineswegs unbevingt ein genaues Bild von der Summe und der Art der in der Bevölkerung innerhalb des betreffenden Zeitraumes startgehabten Erkrankungen.
Die Todesfälle werden genau gezählt, die Zahl der Erkrankungen kann höchstens geschätzt werden.
Der Schluß von einer hohen Sterbeziffer auf eine hobe Erkrankungsziffer hat also nur eine sehr bedingte Berechtigung. Gleichwohl werden wir nicht irren, wenn wir dem Jahre 1885 auch eine das gewöhnliche Mittelmaß entschieden über⸗ schreitende Zahl von Erkrankungen zurechnen
Sehr häufig waren die akuten entzündlichen Erkrankungen der Athmungs⸗ organe, Brochialkartarrhe(sogen. Brust Entzündungen) und besonders die Lungen— Entzündungen. Sie herrschten während des ganzen Jahres und nur die wärmsten Sommermonate, Juli und August, zeigten erhebliche Ermäßigung.
Am meisten jedoch war die Erkrankungszahl bedingt durch das häufige Auf— treten, epidemienweise und mehr vereinzelt, von ansteckenden Krankheiten. Mehrere Epidemien bestanden in 21 Orten des Kreises, solche von Keuchhusten in noch mehreren, Scharlach und Diphtherie, allerdings mehr vereinzelt, fast in allen
Waren schon die durch zahlreiche Todesfälle hinterlassenen Spuren dieser Krankheiten, wie bereits oben gesagt, traurig genug(Masern 34, Diphtherie 34, Keuchhusten 21), so war damit der durch dieselben angerichtete Schaden noch ent— fernt nicht erschöpft. Die Vorstellung von der Summe des durch Krankgeiten be— dingten Elendes erhält eine ganz andere Gestalt und einen ganz anderen Umfang, wenn man neben die Todesfälle auch die Reihe der Leidenstage, der Tage der Hulfslosigkeit und der Arbeitsunfähigkeit der Genesenen stellt.
Nehmen wir ein Beispiel. Die Zahl der Typhustodesfälle betrug nur 3, die Zahl der Typhuserkrankungsfälle jedoch mindestens 60(dabei mit einer einzigen nicht sehr stark auftragenden Ausnahme keine Epidemie). Man rechnet die Durch⸗ schnittsdauer eines Typhus bis zur Wiederkehr der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit durchschnittlich auf 100 Tage. Die 60 Typhus fälle stellen also 6000 Tage vor, innerhalb deren die Befallenen für ihren Lebenszweck völlig nutzlos gelebt, der Er— reichung ihrer Lebensaufgaben sich nicht im Geringsten genähert und ihren Angehörigen mittelbar und unmittelbar große besondere Lasten auferlegt haben. Während der Krankheit entwickelt sich das Kind nicht, lernt der Schüler nicht, arbeitet der Arbeiter nicht; er bedarf vielmehr besonderer Pflegearbeit, Versorgung mit Arznei und Pflegemitteln. Die Rechnung also, vaß jeder Typhuskranke für jeden Krankheitstag einen speelfischen Kostenaufwand von 2 M. 50 Pf. bedingt, wird gewiß nicht an— gegriffen werden können. Die Bevölkerung des Kreises hat also für die 60 Typhuskranken 15000 Mark hingeben massen. Natürlich gilt die gleiche Rechnung für alle übrigen Erkrankungen, die anstecken⸗ den sowohl, als die nichtansteckenden.
Die ganze Summe moralischen Leides, von Kummer und Sorge, die mit so vielen Erkrankungen verknüpft ist, lassen wir absichtlich außer Spiel, des kann nicht geschätzt und in Zahlenwerthen ausgedrückt werden. Wir richten aber an die Be— völkerung unseres Kreises die Frage: ist es denn wirklich unabwendbar nothwendig, eine solche große Krankheitssteuer widerstandslos zu ertragen?
Für jeden Vernünftigen, der keine Wunder von heute auf morgen verlangt, kann guf dem heutigen Standpunkte sicheren Wissens diese Frage unbedingt ver; neint werden, und bei der hohen Achtung, die wir vor dem gesunden Sinne und der Intelligenz unserer Bevölkerung haben, zwelfeln wir nicht daran, daß diese Meinung auch bald die herrschende sein wird. Wir haben die Mittel, die Zahl der Erkrankungen auf elnen gewissen keineswegs zu unter⸗ schätzenden Grad herabzumindern
Die Behörden des Kreises sind wahrlich weit davon entfernt, für hyglenische (durch die Gesundheitslehre geforderte) Zwecke, deren Berechtigung nicht absolut


