Ausgabe 
30.5.1885
 
Einzelbild herunterladen

0

1885.1

Jamstag den 30. Mai.

J(3.

Oberhessischer Anzeiger.

Wird hier und in Bad-Nauheim Montag, Mittwoch und Freitag Abend ausgegeben.

Kreisblatt für den Kreis Friedberg.

Erscheint dreimal wöchentlich und zwar Dienstag, Donnerstag und Samstag.

An die Großherzoglichen Bürgermeistereien in den Großherzoglichen Districts-Einnehmereien Friedberg und Nieder-Wöllstadt. Wir ersuchen Sie, da Ihren Gemeinden durch die Schelle bekannt machen zu lassen, daß die Berichtigung der Forst- und Feldstrafen für die 2. Periode 1885/86 vom 1. bis 25. Juni dieses Jahres an den Zahltagen Dienstags und Donnerstags ohne Mahnung anher geschehen kann. Großherzogliche Distriets-Einnehmereien Friedberg und Nieder-Wöllstadt.

Friedberg am 1. Juni 1885.

Weigel.

Nieß.

Deutsches Reich.

Gießen, 28. Mai. Der Großherzog traf gestern Nacht nach 12 Uhr hier ein und nahm im Gasthauszum Einhorn Absteigequartier. Gestern Morgen besichtigte derselbe das hiesige Regiment, speiste im Offizierscasino und fuhr Nachmittags 5 Uhr wieder nach Darmstadt.

Berlin, 27. Mai. Die Besserung des Kaisers ist durch das Hinzutreten von Unter leibsbeschwerden verzögert worden, und mußte daher die in Aussicht genommene Ausfahrt bis her unterbleiben.

Der Kaiser hat im Namen des Reiches den Generalconsul Dr. Bieber zum General consul in Kapstadt für Britisch Süd-Afrika und den Oranje Freistaat ernannt.

Sigmaringen, 27. Mai. Das rumä⸗ nische Königspaar mit seinen beiden Neffen, den Prinzen von Hohenzollern, ist hier angekommen. Die Prinzessin Friedrich von Hohenzollern ist zu ihrem schwer erkranken Bruder, dem Fürsten

von Thurn und Taxis, nach Regensburg mittelst

Extrazug abgereist. Ausland.

Oesterreich⸗-Ungarn. Wien, 27. Mai. Die neuen Reichs rathswahlen haben heute mit den Wahlen in den Landgemeinden von Salz burg und Niederösterreich begonnen.

Dänemark. Kopenhagen. Bezüglich des dem Könige von Dänemark angetragenen Schieds richteramtes verlautet authentisch: Anfangs Mai richtete Rußland privatim die Vorfrage an den König, ob er geneigt sei, das Schiedsrichteramt zu übernehmen. Der König antwortete, er sei dazu gewillt, wenn beide Parteien ihn dazu auf⸗ forderten. Seit jener Vorfrage wurde die An gelegenheit jedoch nicht weiter erörtert.

Frankreich. Paris. Die gesammte Pariser Presse spricht ihre Beunruhigung wegen des Aufenthaltes des Ministers Lord Rosebery in Berlin aus, der dort unstreitig gegen Frank⸗ reich gerichtete Unterhandlungen führe, welche dadurch erleichtert würden, daß Freyeinet der deutschen Politik nicht die gleichen Garantien wie Ferry biete. 0

DasJournal officiel veröffentlicht ein Dekret, welches das Pantheon seiner ursprüng lichen Bestimmung wiedergibt, für berühmte Männer als Begräbnißstätte zu dienen, sowie ein Dekret, welches die Beisetzung Victor Hugo's im Pantheon anordnet. Nach den neuerlichen Dispositionen erfolgt die Beisetzung Victor Hugo's voraussichtlich erst am Montaz.

27. Mai. Gerüchte von der Demission des Ministers des Junern Allain Targs, anläßlich der Unruhen auf dem Pere⸗Lachaise, werden dementirt.

Gleichzeitig mit dem Text des Tages be⸗ fehls des Generals Brière de Lisle, welcher den Obersten Herbinger wegen des von diesem Offizier nach der Verwundung des Generals Negrier angeordneten Rückzuges förmlich brand markt, ist hier das Ersuchen des Obersten ein getroffen, vor ein Kriegsgericht gestellt zu wer⸗

den. Herbinger ist Elsässer und galt bisher als ein hervorragend tüchtiger Offizier.

28. Mai. In der Kammer interpellirte Demun über die Decrete betreffs des Pantheons. Die betreffenden Deerete enthielten Uugesetzlich keit und seien ein Sacrilegium. Zu dem Act der Regierung sei ein Gesetz nothwendig ge wesen, die Regierung habe aber eine öffentliche Discussion vermeiden wollen. Minister Goblet bestritt, daß die Deerete ungesetzlich. Die mehr fachen Veränderungen, die bezüglich der Be stimmung des Pantheons stattgefunden, seien stets durch Decrete angeordnet worden, und er protestire gegen den Vorwurf, daß in dem Act der Regierung eine Verletzung des Gewissens liege. Der Minister erinnerte an die Ent weihung der Gräber im Pantheon unter der Restauration und erklärte schließlich, man habe

das Pantheon der Leiche Victor Hugo's wegen,

welcher die Kirche vielleicht die Aufnahme ver schlossen hätte, seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben. Der von Demun gestellte Tadels antrag wird mit 388 gegen 83 Stimmen ab gelehnt, der von Montiau gestellte, die Deerete billigende Antrag mit 338 gegen 90 Stimmen angenommen.

Es verlautet, die Regierung wolle auf Grund der Berichte mehrerer Präfecten die Frage des öffentlichen Gebrauchs von Enblemen generell regeln und einen Gesetzentwurf vorlegen, der die bezüglichen Befugnisse der Regierung genau bestimmt und das Verbot des Gebrauchs aufrührerischer Fahnen auf ganz Frankreich ausdehnt. g

Ein Telegramm aus Shanghai meldet, daß die Friedensunterhandlungen in Tientsin beendet seien.

Großbritannien. Portsmouth. Man glaubt, Admiral Hornby werde während der bevorstehenden Flottenmanöver eines besonderen Geschwaders eine versiegelte Ordre nach dem Ausland erhalten, sich für alle Eventualitäten bereit zu halten.

Italien. Rom, 27. Mai. Der Capitän Ferrari telegraphirte an Maneini, daß ihn der König von Abyssinien ausgezeichnet empfangen und den Wunsch geäußert habe, mit Italien freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten.

28. Mai. Die technische Commission der Sanitätsconferenz verwarf mit 9 gegen 2 Stim men(bei 9 Stimmeuenthaltungen) den Antrag des Delegirten der Vereinigten Staaten, daß jeder Consul befugt sein solle, die Gesundheits verhältnisse der nach seinem Lande abgehenden Schiffe zu verificiren. Dagegen wurde mit 8 gegen 6 Stimmen der Antrag des portugiesischen Delegirten genehmigt, wonach die Consuln be rechtigt sein sollen, der von den Behörden des Landes nach den bestehenden Verträgen vorzu nehmenden sanitären Inspicirung eines solchen Schiffes beizuwohnen. Die Commission votirte ferner die von Proust beantragten Maßnahmen, als: Die Regierung hat für Desinfection der Gegenstände und Beaussichtigung der Personen vor dem Abgang und während der Durchfahrt eines Schiffes zu sorgen. Betreffs der Desin

fection ist eine Subeommission zur Prufung der

speziell für das Rothe Meer zu treffenden Maß nahmen ernannt.

Amerika. New⸗Pork. In Arizona(Vereinigte Staaten) ist ein ernster Indianeraufstand ausge⸗ brochen. Mehrere feindselige Banden plündern und morden in den Grenzansiedelungen. Der Kriegs secretär hat die Militärbehörden in den in Rede stehenden Districten angewiesen, keine Anstreng⸗ ungen zu scheuen, um diesen Ausschreitungen ein Ende zu setzen. 500 Mann Truppen sind nach Arizona und dem westlichen Neu-Mexiko gesandt worden, um die localen Streitkräfte zu verstär ken. Geronimo, der Häuptling der Apachen, ist der Führer der feindseligen Indianer.

Lima, 28. Mai. Die Regierungstruppen errangen über die Truppen Caceres' bei Huancayo einen großen Sieg. Caceres wurde verwundet.

Aus Stadt und Land.

Friedberg, 28. Mai. Heute Mittag erlitt der

Berliner Courirzug eine viertelstündige Verspätung, da ein Wagen wegen Federbruchs ausrangirt werden mußte. Glücklicherweise wurde das Vorkommniß sogleich vom Wagenmeister bemerkt. Ein eigenthümlicher Zufall ist es, daß am heutigen Tage bet noch zwei anderen hier passirenden Zügen Federbrüche eonstatirt wurden. Gießen. Als Geschworene für die Sitzungen des Schwurgerichts im 2. Quartal 1885 wurden ausgeloost: 1) Gerhard, K., Bäcker in Butzbach. 2) Fett, J. VI., Landw. in Dannenrod. 3) Ruhl, P. J. in Herbstein. 4) Heller, K., Kaufm. in Lich. 5) Steffan, Ph. I., Gastw. in Echzell. 6) Heerdt, Fr. in Altenburg. 7) Schneider, J. IV., Landw. in Fauerbach v. d. H. 8) Zinßer, K., Färber in Grünberg. 9) Eiser, H. III. in Unter⸗Widders heim. 10) Schmidt, J. A., Müller in Schotten. 11) Waldeck, K., Kaufm. in Alsfeld. 12) Pommer, IJ, Landw. in Kirch⸗ göns. 13) Görlach, J. G., Landw. in Ober⸗Hörgern. 14) Schaubach, K. W., Landw. in Nieder ⸗Florstadt. 15) Dippel, H. II., Metzger in Hungen. 16) Faber, Ph., Landw. in Dorheim. 17) Berck, H. L. II., Kaufm. in Alsfeld. 18) Wolf, H. VII., Gemeindeeinn. in Effolderbach. 19) Jung, C. F., Landw. in Fretenseen. 20) Küchel, G. W., Gerber in Butzbach. 21) Neuhardt, G. Ph., Pachter in Beienheim. 22) Ströbel, L. in Vilbel. 23) Bausch, H. III., Landw. in Nieder⸗Wöllstadt. 24) Freitag, J. I., Kaufm. in Heuchelheim. 25) Merz, Ph. II., Landw. in Rupperten⸗ rod. 26) Schuchard, J. in Brauerschwend. 27) Kirchner, M. II., Landw. in Homberg a. d. O. 28) Lang, E. H., Fabrik. in Schlitz. 29) Euler, A. II., Landw. in Maar. 30) Wetz, Fr., Müller in Münzenberg. Mainz, 24. Mai. Gestern Abend 9 Uhr wurde ein Schutzmann, der auf seinem Posten am Graben stand, von einem sog. Louis, dessen Dirne er schon mehrfach zur Bestrafung gebracht, toͤdtlich verwundet. Der Möͤr⸗ der, ein ehemaliger Küfer mit Namen Schmeing, schlich sich von hinten herbei und stieß dem abhnungslosen Polt⸗ zisten ein gewöhnliches Brodmesser bis an das Heft 8 em tlef in den Rücken, wobei das Rückgrat verletzt wurde. Der Schutzmann versetzte mit seinem Säbel dem Strolche einen Hieb über den Kopf, brach aber alsbald, vom Blut⸗ verlust erschöpft, auf der Straße zusammen und wurde von Passanten nach dem nahe gelegenen Hospitale ge bracht. Der Attentäter mit dem Messer in der Hand ergriff die Flucht, wurde aber alsbald verfolgt und es gelang dem Soldaten Eckert von der 4. Batterie des 27. Feldartillerte-Regiments, den Flüchtling einzuholen. Derselbe befindet fich in Haft.

Allerlei.

Frankfurt, 27. Mal. Gestern Nachmittag spielte sich bet den Australnegern(Menschenfressern) im zoologt schen Garten eine heitere Seene ab. Der kleine Saal war zum Erdrücken gefüllt; an einem Fenster stand ein behäbiger Odenwälder Bauer mit elnem großen Familten schiem und wartete auf den Anfang der Vorstellung. Dileselbe begann und als die Tätowirten zu ihren Krlegs⸗ spielen übergingen und scheinbar einen Angriff auf das Publikum machten, schrie plößlich der Bauer;Alleweil