Ausgabe 
28.4.1885
 
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* Füne ele.

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Lieutenant à la suite des 1. Großh. Infanterie

beschleunigte Vorlage eines Gesetzentwurf

1885.

Dienstag den 28. April.

Oberhessischer Anzeiger.

Wird hier und in Bad⸗Nauheim Montag, Mittwoch und Freitag Abend ausgegeben.

Kreisblatt für den Kreis Friedberg.

Erscheint dreimal wöchentlich und zwar Dienstag, Donnerstag und Samstag.

Amtlicher Theil. Die Sterblichkeits- und Erkrankungsverhältnisse des Kreises Friedberg im Jahre 1884. (Fortsetzung und Schluß.)

Geringer erscheint die Zahl der Todesfälle durch die sogenannten ansteckenden Krankheiten, 70(102). Es haben Masern, Scharlach und Keuchhusten epidemisch an vielen Orten geherrscht. An Scharlach starben 8, an Masern Niemand, an Keuchhusten 5. An Croup und Diphtherie erlagen 26 Kinder(20); dtese Erkrank ungsform tritt in den letzten Jahren milder bei uns auf(in den 70er Jahren jähr lich durchschnittlich 50 Todesfälle). Ymal war Unterleibstyphus, die hier zu Lande heimische Form von Typhus, 6mal Kindbettfieber und Amal Eitervergiftung Todesursache.

Vergleicht man die diesjährige Sterberate aus sogenannten ansteckenden Krank heiten mit dem Gesammtabsterbeverhältniß, so tritt vielleicht Manchem der Gedanke nahe, daß die Bedeutung dieser Krankheitsgruppe überhaupt nicht groß sei. Dies wäre ein recht gefährlicher Irrthum, denn immerhin ist die Zahl der Todesfälle und noch mehr die der Erkrankungen keineswegs gering. Ueberhaupt aber tritt die ganze Auffassung dieses Gegenstandes in ein durchaus anderes Licht, wenn man fich trennt von der leider so sehr eingebürgerten Meinung, daß dlese ansteckenden Krankheiten, besonders Scharlach, Masern und Keuchhusten unvermeidlich seien und Keinem er spart werden könnten, und dagegen die einzige und durchaus richtige Anschauung annimmt, daß die sogenannten ansteckenden Krankheiten vermieden werden können und vermieden werden sollten.

Ein großer Theil dieser Erkrankunzs- und mit ihnen eine immerhin große Zahl von Todesfällen würde nicht eintreten, wenn die Bevölkerung geneigter wäre allgemeinen sanitätspolizeilichen Maßnahmen(Absperrung und Desinfection u. s. w.) mit größerer Opferbereitwilligkeit und Genauigkeit nachzukommen, und wenn die Ein zelnen sich entschließen könnten, in Verhütung und Vermeidung von Ansteckungen und in Durchführung darauf gerichteter Maßregeln aufmerksamer und gewissenhafter zu sein.

Es ist unglaublich, wie vielfach und einfältig in dieser Richtung gefehlt wird. Da wollen Eltern, von deren Kindern Eines ansteckend erkrankt ist, die anderen nicht

aus der Schule lassen, Geschäftsleute wollen ihr Haus wegen eines darin befind lichen ansteckenden Kranken nicht in geschäftlichen Verruf kommen lassen, Andere

gar halten es für eine Schande eine ansteckend erkrankte Person im Hause zu haben und suchen das Bekanntwerden um jeden Preis zu verhindern. Da wird denn ver heimlicht, oft sogar trotz der dadurch bedingten Entbehrung ärztlicher Hülfe. Das Publikum geht ungewarnt aus und ein; plötzlich entstehen weitere Erkrankungsfälle und Niemand weiß, woher sie kommen.

Niemand, der dies ohne Vorurtheil liest, wird einen Augenblick zweifeln, daß solche Verheimlichungen nichts Anderes sind als tückische Verbrechen gegen die Ge sundheit und das Leben Anderer.

Vielfach wird aber auch gefehlt durch einfache Gedankenlosigkeit, Leichtsinn, Mangel an Umsicht. Dem Unterzeichneten ist es im vorigen Jahre drei Mal be gegnet, daß er Kleidermacherinnen und Nähterinnen in den Krankenstuben Anstecken der arbeitend fand. Auf die Frage, ob sie denn dabei gar kein Bedenken hätten, erwiederten die Betreffenden ganz harmlossie fürchteten sich nicht; daran, daß sie, täglich in anderen Haushaltungen verkehrend, fast nothwendig die Krankheit gleichsam hausirend verschleppen mußten, wurde gar nicht gedacht. Merkwürdigerweise war aber auch den Familien gar Nichts dabei eingefallen; diese Nähterinnen wurden überall unbedenklich aufgenommen Kleider scheinen eben vor Gesundheit zu gehen.

Solcher durchaus vermeidbarer Anlässe zur Uebertragung ansteckender Krank heiten gibt es übrigens noch Viele. Unser ganzer geschäftlicher und gesellschaftlicher Verkehr steckt davon voll. Man denke nur an den Verkehr mit der Wäsche Anstecken der und unzählige derartige Dinge. Nicht oft und bestimmt genug kann es daher gesagt werden: ansteckende Krankheiten können und sollen vermieden werden. Es gibt im Großherzogthum thatsächlich Gemeinden, wohin Scharlach und Masern noch nie gedrungen sind.

Fast unbegreiflich ist die Thatsache, daß 180 Personen unbehandelt ge⸗ storben sind, davon nahezu 100 kleine Kinder, in einem Kreise der 25 ebenso tüchtige als humane Aerzte besitzt.

Tod durch Verunglückung 6mal: 2mal Verschütten in Gräben, 2 Ver brühungen kleiner Kinder, 2mal Ertrinken.

Selbstmorde 11: 5 Ersäufen, 3 Erhängen, 1 Halsschnitt, 2 Vergiftungen.

Wenn nun nach dem Gesagten das Absterbeverhältniß der Kreis bevöl kerung für das Jahr 1884 vergleichsweise als nicht ungünstig bezeichnet werden kann, so ist selbstverständlich dadurch die Frage, ob es viel oder wenig Kranke ge geben hat, ob viel oder wenig Krankheitselend hat ertragen werden müssen, ob die durch Krankheit bedingte wirthschaftliche Schädigung groß oder klein gewesen ist, noch nicht beantwortet. Denn Krankheit ist nicht blos dadurch ein Unglück, daß sie das Leben beendet, sondern auch dadurch, daß sie es verdirbt, daß sie die

Fähigkeit zur Arbeit vermindert oder aufhebt(Zeit ist Geld, ja mehr als Geld!)

und den Lebensgenuß in Entbehrung und Schmerz verwandelt. Es könnte vorkom

men, daß ein Jahrgang sehr wenig Todesfälle, aber sehr viel Krankheitselend brächte Doch ist dies selten und auch im Jahre 1884 nicht der Fall gewesen.

Eline genaue Messung der Zahl und Dauer der stattgehabten Erkrankungen. ist unmöglich. Nach der Meinung der Aerzte ist es jedoch nicht zweifelhaft, daß das Jahr 1884 ungefähr in demselben Grade wie in Hinsicht der Todesfälle günstig genannt werden kann auch hinsichtlich der Zahl der Erkrankungen.

Mit Ausnahme natürlich der ganz chronisch verlaufenden Krankheitsformen, welche sich meist über mehrere Jahrgänge erstrecken, und somit vor Allen mit Aus nahme der Schwindsucht, gilt dies so ziemlich für alle Arten des Erkrankens. So wohl die regelmäßig die Hauptmasse der Erkrankungen bildenden akuten entzündlichen Leiden der Athmungs- und Verdauungsorgane und der(sich zum Theil mit diesen deckenden) sogenannten Erkältungskrankheiten, als auch die ansteckenden(Infeettons) Krankheiten zeigten ein entschieden weniger mächtiges Auftreten als im Vorjahre.

Von Letzteren(den ansteckenden Krankheiten) traten Masern nur gegen Ende des Jahres in größeren Epidemien an einzelnen Orten auf(Ober⸗Erlenbach, Ober⸗ Eschbach). Sie brachten, wenigstens bis zum Schlusse des Berichtsjahres zwar keine Todesfälle, doch viele recht schwere Erkrankungen, wohl auch manche üble Nachwirk ungen(Augenleiden, Serophulose, längeres Siechthum u. s. w.).

Scharlach zeigte sich vereinzelt fast in allen Monaten und Orten, in Form von zum Theil sehr ausgebreiteten Epidemien an 7 Orten des Kreises(besonders Vilbel). Es gibt kaum eine ansteckende Krankheit, auf welche das oben über Ver meidbarkeit und Vermeidungs verpflichtung Gesagte schärfer bezogen werden könnte als auf dieses oft so ungemein gefährliche Leiden.

Es starben daran 8 Kinder; wieviele noch unter belastender Nachwirkung stehen, entzieht sich unserer Kenntniß.

Diphtherie und Croup sind immer noch ein viel zu häufiger schlimmer Gast in unserem Kreise, obwohl sie milder auftraten als in den 70er Jahren. Es gibt wohl keinen Arzt und überhaupt Sachkundigen, der nicht der Meinung wäre, daß gerade bei dieser Erkrankung durch strengste Absperrung der Kranken, sowie durch Destafeetion oder Zerstörung aller der Stoffe und Gegenstände, welche Träger der Ansteckung sein können, ungemein viel Unheil verhütet werden könnte. Ein von dem ärztlichen Kreisverein Friedberg in diesem Sinne ausgearbeiteter Plan zur Be⸗ kämpfung und Verhütung ansteckender Krankheiten liegt eben jetzt der Verwaltungs⸗ behörde zur Genehmigung vor und wird zweifellos viel Segen bringen.

Keuchhusten ist nur vereinzelt vorgekommen, doch hat er 5 Todesfälle ge bracht; die Gefahr dieser Erkrankung, besonders für kleine Kinder, scheint etwas unterschätzt zu werden. 5

Wochenbettfieber erschien in der seit Jahren für uusern Kreis gleich⸗ mäßig gewordenen Häufigkeit(6 Todesfälle gegen 7 im Vorjahre); sie ist ja aller⸗ dings nicht sehr groß, jedoch gegenüber dem heutigen positiven Können der Wissen⸗ schaft besonders traurig hervortretend. Wann wird es, oder wird es überhaupt je möglich werden, den Segen der ärztlichen Wissenschaft für diesen so besonders wich tigen Theil ihres Berufsgebietes voll und überall gemeinnützig zu machen?

Typhus, der sogenannte Unterleibstyphus, kam recht häufig, jedoch fast immer vereinzelt vor. Von großem Interesse waren einige kleine Hausepidemien in Weckesheim und Schwalheim. Mit großer Wahrscheinlichkeit muß angenommen wer den, daß in diesen Fällen der aus den Anfangsstadien dieser Erkrankungen, bevor sie ärztlich gesehen und erkannt waren, sich ergebende Ansteckungsstoff in einer nach her nicht mehr sichtbar zu machenden und zu bekämpfenden Weise in Haus und Um⸗ gebung verbreitet worden war. a 2 125 i 5

Zur Zeit als Cholera drohte, ereigneten sich einige Fälle von sogenannter Cholerine, äußerlich der Cholera ganz ähnlich und um so mehr geeignet einen gewissen Schrecken zu erregen, als sie in Gestalt von sehr concentrirten Hausepide mien(Nieder-Weisel, Vilbel) auftraten, welche wirklich an die Einschleppung eines ächten Cholerakeimes gemahnen konnten. Todesfälle brachten sie nicht, doch mehrere sehr schwere und lang ausgedehnte Erkrankungen. 15

Hätte uns übrigens das schreckliche Schicksal der Einschleppung von ächter Cholera wirklich getroffen, so sind Diejenigen, welche sich eingehender mit dem Zu stande der einzelnen Orte in Bezug auf Reinlichkeit und allgemeine gesundheitliche Anordnungen befaßt haben, keineswegs der Meinung, daß die Choleraerfahrungen von Paris, Toulon, Marseille und Neapel uns gestatteten, diesem Ereignisse mit der Ruhe des guten Gewissens entgegenzugehen. Ueberall dort knüpften sich die größten Verheerungen der Epidemien an die Lokalitäten und Straßen mit dem größten Schmutz. In dieser Beziehung haben aber auch wir uns noch sehr Viel vorzuwerfen,.

Ein anderer Jahresrückblick mag Gelegenheit bleten hiervon zu sprechen.

Großherzogliches Kreis Gesundheitsamt Frledberg. Dr. Lorenz.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 25. April. Heute vormittag Hierauf vertagte sich

[die Revision der Verwaltungsgesetze zu ersuchen.dte Commisston für Nr. 8 bis 20, M. die Kammer bis zum

9 statt der bis⸗ herigen 6 M. vor. Nach längerer Debatte werden die Regierungs Anträge angenommen, ebenso den Regterungs

halb 12 Uhr fand in der Schloßkirche die Feier Dienstag, 28. April, um sodann die Beschlüsse anträgen gemäß beschlossen, gezwirntes Garn aus Jute

der Konfirmation des Erbgroßherzogs statt. Der] der ersten Kammer entgegen zu nehmen. f Reichstag. b f Antrag Grad, den Gewebezoll nach Gewicht festzustellen,, modirten Nähzwirn wird von 36 auf 70 M bt wird zurückgezogen, nachdem Bundescommissär Böttcherf und für Seilerwaaren dem Commissionsantrage gemäß erklärt, die Reglerung könne die nöthigen Ermittelungenf statt des bisherigen Zolles von 6 M. ein solcher für Die zweite Kammer erledigte nicht bis zum Sessionsschluß anstellen. Dle Zollerböhung Seile, Taue und Stricke auf 10 M. und für die übrigen auf Spitzen und alle Stickereien von 250 bis 350 M.] Seilerwaaren auf 24 M. festgesetzt. Für Leinwand, 2 f 5 f wi zne Debatte angenommen, ebenso der Zoll von] Zwillich und Drillich, ungefärbt, unbedruckt, ungebleicht Sinne der Regierungsvorlage und genehmigte 69 55 e. 0 0 63.

den Antrag des Abg. Haas, die Regterung um unbedruckt, ungebleicht) schlaͤgt die Regierung bis Nr. 5] Zoll für Damast wird auf 60 M. erhöht. Bänd 8 betr. englisch einen Zollsatz von 5 statt der bisherigen 3 M., Borten und Strumpfwaaren werden mit 100 M., Zwirn

Kaiser hat den Erbgroßherzog zum Sekonde⸗ Berlin, 24. April. Regiments Nr. 115 ernannt.

24. April. ledig noch gestern das neue Communalwahlgesetz im

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und Manillahanf nach denselben Sätzen zu verzollen, Zolltarif. Der wie einfaches Flachsgarn. Die Zollerhoͤhung für gecom festgesetzt

15 1 0 2 Der Für Leinengarn(ungefärbt, wird durchweg die Reglerungsvorlage angenommen. Der

Bänder,