Ausgabe 
8.9.1885
 
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Abends, die Besetzung der Insel vorbereitete, als ein deutsches Kanonenboot eintraf, Abends um 7 Uhr Mannschaften ausschiffte, die deutsche Flagge aufhißte und die Insel im Namen des Deutschen Reiches besetzte. Angesichts dieser Thatsachen legten die Commandanten der spani⸗ schen Kriegsschiffe Protest ein. Gestern Abend um 10 Uhr wurde auf diese Nachricht hin die deutsche Gesandtschaft angegriffen, die Fenster eingeworfen und das Wappen zerstört. Die Polizei war zu schwach; dieselbe mußte einen gemachten Gefangenen wieder herausgeben. Der Officier, welcher den Gefangenen freiließ, wurde sofort seines Amtes entsetzt. Gegen Morgen war der Tumult vorüber; es wurden nachträg lich verschiedene Personen verhaftet. Der deutsche Gesandte, welcher sich in La Granja aufhielt, ist heute Vormittag hierher zurückgekehrt und wurde bis zum Gesandtschaftshöͤtel von Mit gliedern der Civilbehörden mit starker Escorte begleitet. Volksdemonstrationen fanden nicht statt. Die Minister machten gestern dem König in La Granja die telephonische Mittheilung von den Vorgängen in Bap. Der König wird heute dem Ministerrathe präsidiren. 6. Sept. Gestern Abend fand vor dem königlichen Palaste eine Kundgebung statt unter den Rufen: Es lebe Spanien! Es lebe König Alfons! Die Haltung der an der Manifestation theilnehmen den Menge war eine ruhigere. DieNordd. Allgem. Ztg. sagt: Die Vorgänge in Madrid würden bei deutschen Lesern zweifellos eine ge wisse Erregung, namentlich einen großen Grad von Verwunderung hervorrufen, da der Verlauf der Karolinenfrage bisher kein Moment geboten habe, woraus das zuͤgellose Treiben der Mad rider Tumultuanten erklärbar sei. Dergleichen Vorgänge seien aber nicht nach den ersten Ein drücken zu beurtheilen; es gebe Augenblicke, wo selbst eine kräftige Regierung, wie die preußische, Ausschreitungen wie Brandstiftung, Sachbeschä digung, momentan nicht wurde verhüten können. Hoffentlich werde, wenn nicht auf anderem Wege, doch jedenfalls durch gerichtliche Untersuchung klargestellt, was für Leute es waren und von welchen Impulsen dieselben geleitet, die jedes Mittel ergreifen, um zwischen Deutschland und Spanien Feindschaft zu stiften.

5. Sept. In der Provinz Kadix rotte ten sich gestern circa 300 Socialisten unter dem Befehl des Schmugglers Tuerta zusammen und riefen: Es lebe Zorilla! Nach 6 Stunden waren die Anführer genöthigt, vor der feindlichen Haltung der Bevölkerung zurückzuweichen.

Rußland. Petersburg, 4. Sept. Das Kaiserpaar ist gestern in Peterhof angelangt. Der Kaiser empfing den englischen Botschafter Thornton, welcher sein Abberufungsschreiben überreichte. Auf der Rhede von Kronstadt traf gestern Abend aus Peterhof die VachtAlexan dria unter dem Breitwimpel des Kaisers ein. Die Kaiserstandarte wurde hernach auf der Pacht Dershawa gehißt.

5. Sept. Das Kaiserpaar nebst dem Thronfolger und den übrigen Kindern ist vor gestern Abend nach Dänemark abgedampft.

Egypten. Kairo. DerBosphore Ezyp tien wurde auf Anordnung der französischen Re gierung abermals unterdrückt; derselbe erscheint heute Abend zum letzten Male. Die Maßregel wird der Vorstellung des Vertreters des fran zösischen diplomatischen Agenten zugeschrieben, wonach die Sprache desBosphore den In teressen Frankreichs in Egypten Eintrag thue.

Amerika. New⸗Pork, 4. Sept. Die Ein⸗ stellung chinesischer Arbeiter an Stelle der streikenden Weißen in den Kohlengruben von Rocksprings, Wyoming, veranlaßte blutige Scenen. Mit Gewehren bewaffnete Weiße griffen die Chinesen an, tödteten 15 derselben, brannten 80 Häuser nieder und trieben ca. 500 Chinesen in die Berge, wo sie Noth leiden. Man sendet ihnen Lebensmittel.

Aus Stadt und Land.

ch. Friedberg. Zur Zeit weilen hier Ingenieure behufs Vermessung und Aufnahme der speziellen Vor⸗

arbeiten zur Erbauung einer Eisenbahn von Hungen nach hier, die folgende Richtung nehmen soll: Ab Hungen über Inheiden, Trais-Horloff, nach dem Schwalheimer Grund, auf den Knotenpunkt der Straße Berstadt Nidda, nach und durch Echzell, hinter Gettenau, an Heuchelheim vorbei nach Reichelsheim; von da ab nach dem Melbacher Bergwerk, an Beienheim vorüber nach Dorheim; von hier nach Fauerbach, über die Staatsstraße nach dem Viaduet am Mainzerthorweg und längs dieses Weges an der Maln-Weser-Bahn her, nach dem Haingraben zu, in die Nähe des Groß'schen Gartens, woselbst die Bahn einmünden soll.

P. Helden bergen. Am 5. d. fand dahier die Wahl eines neuen Bürgermeisters statt; sie traf den seit herigen Großh. Beigeordneten Schäfer, der sämmtliche abgegebenen 238 Stimmen auf sich vereinigte; nur 24 Wähler blieben der Wahlurne fern. Dieses Wahlergeb niß gereicht dem Gewählten, wie den Wählern zu großer Ehre. Eine mächtige Tanne ward vor des Gewählten Wohnung aufgepflanzt, Gesangverelne nebst Musik. Corps brachten ihm ihre Ovationen dar. Wir hoffen fest, daß des Gewählten Herzensgüte und sein rechtlicher, religlöser Sinn der ganzen Gemeinde zum Helle gereicht, wie auch, daß ihm sein hoch wichtiges und schwieriges Amt durch freundliches resp. willfähriges Entgegenkommen nach jeder Seite hin erleichtert wird.

Allerlei. Madrid, 5. Sept. Die Cholera ist in rascher Ab⸗ nahme. Gestern kamen in Spanien 2360 Erkrankungen und 775 Todesfälle vor.

Lebensdauer der Bevölkerung.

Die Frage, ob die durchschnittliche Lebens dauer der gegenwärtig in Deutschland lebenden Menschen größer oder kleiner als die früherer Perioden sei, ist von allgemeinem Interesse und

deßhalb auch häufig aufgeworfen, jedoch sehr

verschieden beantwortet worden, je nachdem größeres Gewicht auf die in Folge der modernen Verkehrsverhältnisse, der vermehrten Gewerbs thätigkeit, der Benutzung von Kraftmaschinen und der stärkeren Inanspruchnahme aller geistigen und körperlichen Kräfte bedingte Steigerung der Abnutzung oder auf die besseren Einrichtungen gelegt wird, welche auf Grund der wissenschaft lichen Forschungen und technischen Erfindungen für die Erhaltung bezw. Wiederherstellung der Gesundheit, durch zweckmäßige Ernährung, Be kleidung und Unterbringung, durch sanitäts polizeiliche Maßregeln und erweiterte Thätig keit der Krankenhäuser u. s. w. haben getroffen werden können.

Wo, wie im preußischen Staate, für eine weit zurückreichende Reihe von Jahren brauch bare Nachrichten über die Sterblichkeitsverhält nisse der Bevölkerung vorliegen, kann jene Frage von der Statistik beantwortet werden, und dies ist auch von verschiedenen Seiten, gestützt auf das von amtlicher Seite veröffentlichte Zahlen material, geschehen, wobei letzteres indessen zu weilen nicht ganz sachgemäß verwerthet worden ist.

Zunächst darf nicht außer Betracht gelassen werden, daß die größere oder geringere durch schnittliche Lebensdauer der Menschen zu ver schiedenen Zeiten weder aus den uns überlieferten, jedenfalls sehr lückenhaften Nachrichten über das Vorkommen sehr alter Personen, noch aus den statistischen Zahlenwerthen über das Durch schnittsalter der Gestorbenen oder das Durch schnittsalter der zu einem bestimmten Zeitpunkte gleichzeitig lebenden Personen beurtheilt werden kann. Wenn wir u. A. erfahren, daß Simonides, Sophokles, Xenophon und Diogenes über 90, Kenophanes 91, Epicharmus, Kratinus, Philemon und Thimotheus 97, Isokrates und Zeno 98, Solon, Thales und Pittakus 100, Hippokrates, Demokritos, Alexis und Hieronymus 104, sowie Gorgias gar 108 Jahr alt geworden sind, so können diesen Beispielen alljährlich aus den in die preußischen Sterbe-Register eingetragenen Todesfällen eine beträchtliche Anzahl gegenüber gestellt werden, in denen gleich hohe oder höhere Lebensalter erreicht worden sind.

Unter den während des Jahres 1883 im preußischen Staate Gestorbenen waren z. B. 683 Männer und 1073 Frauen 90 bis 95 Jahre, 124 Männer und 245 Frauen über 95 bis 100 Jahre und 34 Männer nebst 75 Frauen über 100 Jahre alt; von den zuletzt erwähnten waren 9 Männer und 25 Frauen vor 1780 geboren. Die größere Lebensdauer des gegen wärtig lebenden Geschlechts kommt schon in den

wenigen zuletzt mitgetheilten Zahlen zum Aus druck, während sich die höchstbetagten Personen aus den verschiedensten Berufsgruppen recrutiren, ohne daß die verschiedenartige Lebens weise oder der Familienstand einen irgendwie ersichtlichen Einfluß auf die Erreichung jener seltenen Alters grenze ausgeübt hätten.

Das Durchschnittsalter der Gestorbenen läßt sich aus den Sterberegistern berechnen und hat während des Jahrzehntes 186776 im preußi schen Staate durchschnittlich für männliche Per sonen 25,77, für weibliche 27,58 Jahre betragen. Die einzelnen Beobachtungsjahre weisen dabei ziemlich starke Schwankungen nach; doch geben diese letzteren keinen Aufschluß über etwaige Veränderungen in der durchschnittlichen Lebens dauer der Bevölkerung Das Durchschnitts alter der Gestorbenen sinkt nämlich ebensowohl, wenn ungewöhnlich viele Kinder, wie wenn ver hältnißmäßig wenige Personen aus den höheren Altersklassen sterben, also in Jahren, in denen Kinderkrankheiten epidemisch auftreten, wie in den nach Theuerungen und Epidemien folgenden Jahren, in denen eine durch das vorgängige Ausscheiden vieler schwächlichen, kränklichen und alten Personen besonders widerstandsfähige Be völkerung vorhanden ist. Andererseits erhöht sich das Durchschnittsalter der Gestorbenen in Kriegs- und Seuchenjahren.

Auch das Durchschnittsalter der Lebenden, welches sich aus den Ergebnissen der Volkszähl ungen ermitteln läßt und z. B. im preußischen Staate am 1. Dezember 1880 bei männlichen Personen 26,08 und bei weiblichen Personen 26,91 Jahre betragen hat, eignet sich nicht als Unterlage für die Beurtheilung der in der durch schnittlichen Lebensdauer der Menschen vorge kommenen Veränderungen. Wenn z. B. nach Kriegsjahren einige Jahre hindurch mehr Kinder als gewöhnlich geboren worden sind und in Folge günstiger Umstände die Kindersterblichkeit niedrig gewesen ist, so finden sich bei der nächsten Volkszählung mehr Kinder vor und das Durch schnitsalter der Lebenden stellt sich niedriger als früherhin; doch würde die Rechnung dasselb? Ergebniß liefern, wenn durch verheerende Epi demien eine beträchtliche Menge älterer Per sonen fortgerafft worden wäre. Haben dagegen wenige Geburten stattgefunden, oder ist die Kindersterblichkeit höher als gewöhnlich gewesen, so wird des Durchschnittsalter der Lebenden rechnungsmäßig steigen.

Auch das durchschnittliche Alter einer Gene ration eignet sich nicht zur Entscheidung darüber, ob die durchschnittliche Lebensdauer der Bevöl kerung größer geworden ist, als in früherer Zeit. Man berechnet dasselbe als arithmetisches Mittel des Alters beider Eltern zur Zeit der Geburt ihres ersten Kindes, oder aus dem durch schnittlichen Heirathsalter, sofern bekannt ist, wieviel Zeit durchschnittlich zwischen der Ehe schließung und der Geburt des ersten Kindes verstreicht. Schon im klassischen Alterthume wurde das Alter einer Generation richtig auf 33 ½ Jahre angegeben, und auch die neuesten Berechnungen lassen keine nennenswerthe Ab weichung hiervon erkennen; der Mathematiker Fourier hat dasselbe zu 33,3 bestimmt, und die jüngste, für Frankreich angestellte Berechnung hat 33,06 Jahre ergeben.

Dagegen läßt sich aus der allgemeinen Sterbeziffer ein Schluß auf die bezüglich der durchschnittlichen Lebensdauer vorgekommenen Veränderungen ziehen; noch besser aber eignen sich für diesen Zweck die aus Sterbetafeln zu entnehmenden Nachrichten über die mittlere Lebensdauer(Lebenserwartung, vie probable), d. i. die Zeitstrecke, nach deren Verlauf von den eine bestimmte Altersstufe Ueberlebenden nur noch die halbe Anzahl vorhanden sein wird. Aus diesen statistischen Zahlen läßt sich, wie dieStatistische Correspondenz, der wir vor stehende Anführungen entnehmen, versichert, nach weisen, daß sich im preußischen Staate die durch schnittliche Lebensdaner der Bevölkerung gegen wärtig höher stellt als vor 100 Jahren.

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