Ausgabe 
1.1.1885
 
Einzelbild herunterladen

lands egyptische Vorschlage zu beantworten, schreibt dieNordd. Allg. Ztg.: die continentalen Mächte hatten an ihren Beziehungen zu einander ein wichtigeres Intresse als an ihren Be⸗ ziehungen zu Egypten. Fuͤr jede sei die Frage viel wichtiger, ob sie mit ihren continentalen Nachbarmächten in Frieden und gutem Einver⸗ nehmen lebe, als was aus Eaypten werde. Die Mächte würden also die egyplische Frage in erster Linie aus dem Gesichtepunkte auffassen, ob sie nicht, wenn sie auf die englischen Vorschläge eingehen, die Beziehungen zu den übeigen Maͤchten verschlechtern oder gar gefährden werden. Nächst England sei Frankreich am meisten bei der egyptischen Frage interessirt. Die deutsche Politik lege einen zu hohen Werth darauf, sich die gute Meinung Englands zu er⸗ halten, um lediglich aus Muthwillen oder persönlichen Verstimmungen ungefällig gegen englische Wünsche zu sein, nur müßten diese Wuͤnsche nicht soweit gehen, daß Deutschland, ohne die eigenen Interessen zu schädigen und lediglich, um den Interessen Englands einen Dienst zu erweisen, seine seit dem Kriege Frank reich gegenüber beobachtete vorsichtige und fried⸗ liebende Politik aufgeben solle.

Hamburg. Nach einer Mittheilung der Post ist der hiesigen Polizeibehörde ein an⸗ onymer Brief zugegangen, in welchem gedroht wird, die Seewarte in die Luft zu sprengen. In Folge dieser Drohung ist das Gebäude in den letzten Tagen durch eine Anzahl Criminal bamter bewacht worden.

Kiel. Man erfäbrt, daß die Corvette Carola am 1. Februar d. J. in Dienst ge⸗ stellt werden wird, um als Ersatz für die Cor vetteAriadne, welche bereits aus dem west afrikanischen Geschwaderverbande ausgeschieden ist, nach der Küste von Westafrika zu gehen. DieAriadne, ein älteres Schiff, 1871 auf der Danziger Werft erbaut, soll in die Heimath zurückkehren, angeblich um einer größeren Re⸗ paratur unterzogen zu werden. DieCarola, eine der schnellsegelndsten Kreuzer unserer Flotte, 1880 zu Stettin erbaut, führt 10 Geschütze und hat ein Deplacement von 2169 Tonnen, ist also beträchtlich größer als dieAriadne, welche nur 1719 Tonnen Raumgehalt hat und nur 8 Geschütze führt.

Bremen. DieWeserzeitung erfährt, daß die Kaufcontracte über die Santa Lucia Bay und das umliegende Gebiet, vom November datirt, bei Lüderitz eingetroffen sind.

Ausland.

Holland. Haag, 30. Dec. Erste Kammer.

Fransen⸗Vandeputte interpellirte die Regierung wegen der Gefangennahme von Holländern durch französische Unterthanen am Congo. Minister Vanderdös erwiederte, daß die französische Re gierung diese Angelegenheit in die Hand genom men und versprochen habe, am Congo Erkun digungen einzuziehen. Belgien. Brüssel. Die portugiesischen Blätter sprechen von einer nahe bevorstehenden und definitiven Besitzergreifung des linken Ufers des Unteren Congo durch Portugal. Dieses Vermittelungsproject, wonach das linke Ufer Portugal und das rechte der Juternationalen afrikanischen Gesellschaft überlassen werden solle, ist bereits in vertraulichen Pourparlers erörtert worden. Die Portugiesen werden wohl wahr scheinlich auf keinen Widerstand stoßen, wenn sie das linke Congoufer besetzen.

Frankreich. Paris. Die Prinzen von Orleans wurden vertraulich gewarnt, daß die Regierung entschlossen sei ernstlich gegen sie einzuschreiten, falls der Eifer der Propaganda ihrer Anhänger nicht gemäßigt würde.

DasJournal officiell meldet die Er⸗ nennung des bisherigen Consuls in Tripolis Feraud, zum Gesandten in Tanger, diejenige Ordega's zum Gesanden in Bukarest. i

Die Kammer genehmigte mit 351 gegen 127 Stimmen den Credit von einer Milliarde

für die Ausgaben des ersten Quartals 1885

eee eee

und nahm das Einnahmebudget debattelos nach den Beschlüssen des Senats an. St. Vallier fragte uber die Ackerbaukrise an, wobei er be⸗ klagt, daß die Commision betreffs der Zoll⸗ erhöhung auf Wiener Getreide mit ihren Arbeiten so langsam vorwärts komme. Er fragte an, ob die Regierung beabsichtige, die von der Com⸗ mission abgeschafften Viezölle aufrecht zu halten. Meline erwiedert, die Regierung werde die Viehzolle aufrecht halten und bei dem Wieder zusammentritt der Kammern verlangen, die Ackerbaufrage auf die Tagesordnung zu setzen. Die Regierung werde alles mögliche thun, um die Lage der Ackerbautreibenden zu verbessern. Der Senat genehmigte mit 192 gegen 3 Stimmen den von der Kammer votirten Credit von einer Milliarde für das erste Quartal 1885. Dauphin legte den Bericht über das Ausgabebudget vor, und wurde hierauf die Session geschlossen.

30. Dec. Officiell. Die französischen Truppen machten einen Vorstoß gegen Tuyenquan. Eine Depesche Brière's vom 28. d. M. be⸗ richtet, daß in der Umgegend von Hongyen mehrere Gefechte mit Seeräubern stattgefunden haben. Die Nachricht, der französische Consul in Tientsin sei angewiesen, mit Patenotre in Shanghai zusammenzukommen, ist unbegründet.

Großbritannien. London, 30. Dec. In der heutigen Sitzung des Geheimraths theilte Osborne mit, daß die Königin der Verlobung der Prinzessin Beatrice mit dem Prinzen Heinrich von Battenberg unter der Bedingung zustimme, daß dieselben in England bei der Königin wohnen.

30. Dec DemDaily Telegraph zu⸗ folge wäre der Befehlshaber des englischen Ge⸗ schwaders in den australischen Gewässern ange⸗ wiesen, die englische Flagge auf den Lussiaden, den Woodlarinseln, der Longinsel und Rookinsel aufzuhissen, im Falle versucht würde, in der Nachbarschaft des australischen Festlandes An nezionen vorzunehmen.

Türkei. Konstantinopel. Die Einnahmen der türkischen Tabakregie-Gesellschaft betrugen in der ersten Hälfte des December 5 Million Piaster.

Italien. Rom, 30. Dez. Mancini hat Unterhandlungeu mit der Berliner Regierung angeknüpft, um zu verhindern, daß für die zu subventionirenden Dampfer-Linien Triest zum Ausgangshafen gewählt würde, und gebeten, Genua zu wählen. Die dortige Generalschiff fahrtsgesellschaft hat gleich der Gotthardbahn⸗ gesellschaft zur Wahrung ihrer bedrohten In⸗ teressen eine Deputation nach Berlin abgesandt.

Serbien. Belgrad. In den hiesigen poli tischen Kreisen würde man das Zustandekommen einer directen Verständigung mit Bulgarien einer Intervention der Mächte vorziehen. Man glaubt auch, daß es dem Fürsten Alexander gelingen werde, diese Verständigung doch herbeizuführen, und daß, wenn die bulgarische Regierung sich den Interventionen des Fürsten widersetzen sollte, dies zu einem Cabinetswechsel führen dürfte.

Griechenland. Athen, 30. Dec. Die Kammer genehmigte in dritter Lesung den deutsch griechischen Handels- und Schifffahrtsvertrag.

Rußland. Petersburg. DerTimes wird von hier telegraphirt:Es ist soeben entdeckt worden, daß 10,000 Rubel in Gold und Silber aus der Staatskasse entwendet worden sind, in Folge dessen die Zahlung der Gehälter sammt licher Beamten des Finanzministeriums bis zum Schluß der eingeleiteten Untersuchung suspendirt wurde. Einer der Beamten soll sich vergiftet haben.

Egypten. Kairo, 30. Dec. Das Reu⸗ ter'sche Bureau meldet: Die egyptische Regier⸗ ung appellirte gegen die Entscheidung des Ge⸗ richtshofes erster Instanz im Prozesse der Staats⸗ schuldenkasse.

Afrika. Durban. Hier eingegangenen Nachrichten von Pretoria zufolge, wird es dort amtlich in Abrede gestellt, daß bewaffnete Boeren sich von Transvaal nach Betschuanaland begeben. Allein der Umstand, daß der Com⸗

*

15

mandanut Cronje nach der Grenze gesandt wurde,

um die Boeren an der Ueberschreitung der Grenze zu verhindern, beläßt wenig Zweifel darüber, daß das Gerücht begründet ist, welches auch durch Privatberichte bestätigt wird.

Aus Stadt und Land.

Friedberg. Wie in früheren Jahren, so auch in diesem, spielt die Dilettantenkapelle in der Neujahrs⸗ nacht um 12 Uhr mehrere passende Stücke vom Rathhause.

8. Friedberg. In letzter Nummer des Anzeigers begegnen wir einer Concertanzeige von Wallenstein, Heß ꝛe. Frledberg scheint in die Reihe der Großstädte eintreten zu wollen, man braucht nicht mehr nach Frankfurt zu fahren, wenn man ausgezeichnete Künstler hören will. Vor kurzem erst hatten wir den Genuß, Dengremont zu hören, und nun zeigen Wallenstein, Heß, Fräulein Kugelmann ein Concert an. Der Besuch des Dengremont'schen Concerts, das an dem denkbar un⸗ günstigsten Tage abgehalten wurde und der trotzdem ein guter zu nennen war, beweist, daß man unserem Publikum nur Gutes zu bieten braucht, um es zur regen Theilnahme zu veranlassen. Ueber Wallenstein's Spiel etwas zu sagen, hieße Eulen nach Athen tragen, seine Leistungen sind überall anerkannt und seln Spiel hier bekannt. Concertmeister Willy Heß zählt zu den be deutendsten Geigern der Gegenwart. Eine unfehlbare Technik verbindet sich mit einem äußerst sympathischen Ton; der Künstler erringt überall einen sensationellen Erfolg. Wir freuen uns durch die belden ausgezeichneten Künstler die Kreuzer-Sonate von Beethoven und das herrliche Schubert'sche Duo zur Ausführung gebracht zu hören. In Fräulein Kugelmann lernen wir eine der jüngsten Aqussittonen des Frankfurter Opernhauses kennen. Zwar ist das Organ der Künstlerin nicht über⸗ mäßig groß, aber höchst sympathisch und in der besten Schule herangebildet. Frl. Kugelmann's Specialttät sind ihre Liedervorträge, von denen sich eine ganze Anzahl auf dem Programm verzeichnet findet. Und so hoffen wir denn, daß das Publikum sich so zahlreich wie möglich einfinden wird, denn nur durch starke Theilnahme des Publikums finden sich Künstler dann auch wieder veran⸗ laßt, hierher zu kommen.

e. Nieder Wöllstadt. Wie frech die Stromer ge⸗ worden, geht aus folgendem Vorfall hervor. In einem Gasthause in der Räbe des Bahnhofes dahier wurde am ersten Feiertage ein Braten von 8 Pfund für das Mittag⸗ essen angerichtet, als die Hausfrau in die Wirthsstube gerufen wurde. In diesem Augenblicke kamen zwei Stromer in die Küche, um sich einen Teller Suppe oder sonst etwas zu erbetteln. Den Braten sehen, denselben anneetiren, in ein daliegendes Papier einwickeln und in den gerade abgehenden Zug einsteigen, war das Werk einer Minute. Etsenbahnbedienstete sahen wohl, daß die Kerle etwas Fettes eingewickelt hatten und sich sehr eilten, hatten aber weiter kein Arg dabet. Zu spät erst stellte sich der Schaden heraus. Zu verwundern ist nur, daß nicht der Telegraph benutzt wurde, um die Bratenräuber auf der nächsten Station abzufangen.

W. Nieder⸗Mörlen. Der hiesige Gesangverein hat seinem tüchtigen Dirigenten Lehrer Kohl dahter in Anbetracht seiner uneigennützigen Bemühungen besonders für die Hebung des Kirchengesanges ein sehr werthvolles Weihnachts geschenk bestehend in einem Regulateur über reicht. Möge diese tüchtige allgemein beltebte Lehrkraft unserer Gemeinde noch lange erhalten bleiben.

Allerlei.

Straßburg, 30. Dez. Heute früh um Uhr fuhr der von Luxemburg kommende Schnellzug auf den innerhalb der Station Schiltigheim haltenden Güterzug. Die Locomotive des Schnellzuges wurde beschädigt und wurden mehrere Kohlenwagen zertrümmert. Personen sind nicht verletzt worden.

Wien. Die in der Defraudationsaffaire der Es⸗ comptegesellschaft verhafteten Kuffler und Amschler wur⸗ den von der Polizei beim Landesgerichte eingeliefert.

Klagenfurt, 29. Dez. In Tarvis und Umgegend fanden Samstag in der Nacht heftige Erderschütterungen statt, insbesondere wurden drei Stöße von großer Stärke wahrgenommen. Die Mauern der Häuser zeigen vielfach Sprünge und Risse.

London, 30. Dez. In den Dorothea-Steinbrüchen in der Nähe von Carnavon hat heute in Folge einge⸗ tretenen Thauwetters ein großer Felsenrutsch stattgefunden. Sieben Mann liegen unter den Steinmassen begraben und keine Hoffnung auf Rettung ist für sie vorhanden, da die Fortschaffung der Steintrümmer mehrere Wochen dauern wird.

Madrid, 29. Dez. Das Erdbeben zerstörte den größten Theil der Stadt Alhama. Die Vorderseite der Kathedrale von Granada hat sich etwas gesenkt. Die Kathedrale in Sevilla und der Giralda sind beschädigt. Von den Einwohnern der Ortschaft Albunuelos(Provinz Granada) sind viele umgekommen. 30. Dez. Montag früh fanden in Torrox(Provinz Malaga) neue sehr heftige Erderschütterungen statt. Viele Häuser erhlelten Risse. Die Matrie wurde besonders stark beschädigt. Im Dorfe Trigliane sind viese Häuser eingestürzt. Die Einwohner fliehen auf das freie Feld.

Eingesandt.

Zu den geplagtesten Leuten gehören unstreitig die Briefträger und Postboten, welche, mag die Witterung noch so ungünstig sein, das ganze Jahr hindurch mit größter Pflschttreue ihrem anstrengenden Berufe obliegen muͤssen. Deshalb wird gewiß Jedermann, namentlich

9

S

8 774⸗10 4

EE