Ausgabe 
23.12.1884
 
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Ausführung des Altentats auserwählte. In Betreff Küchler's betont der Neichsanwalt, Alles spreche dafür, daß sein eifriges Vestreben gewesen set, die Sache zum Klappen zu bringen. Er sei nicht Theilnehmer, sondern Mitthäter. Holzhauec habe unbedingt gewußt, daß das Verbrechen ausgeführt werden solle, er habe sich aber der Autorität Reinsdorf's unterworfen, auch das Dynamit an Rupsch gegeben. Nupsch's Vertheidiger, Dr. Thomsen, sucht darzuthun, daß die Versicherung des Angeklagten, er habe das Attentat auf dem Niederwald durch Zerschneiden der Zündschnur vereitelt, Glauben verdiene. Der entgegenstehenden Aussage Küchler's dürse kein Werth beigelegt werden. Küchler's Vertheidiger, Dr. Bussenius, führt aus: Küchler sei keinesfalls Mit thäter, sondern habe äußersten Falles nur Beihülse ge leistet. Vertheldiger Dr. Seelig sucht darzuthun, daß der Beweis für die Vetheiligung Holzhauer's in keinerlei Weise erbracht sei. Behauptung stehe gegen Behauptung. Das Vergehen Vachmann's sei kein Mordversuch. Daß Bachmann die Wirkung des Dynamits nicht gekannt, sei glaubhaft. Der Vertheidsger Reinsdorf's, Justizrath Ur. Fenner, betont die Widersprüche zwischen den Aus sagen von Rupsch und Küchler, der Belastungszeuge Palm set höchst verdächtig. Unter solchen Umständen set kes bedenklich, tin Todesurtheil zu fällen, das Reins dorf, der brustkrank sel und voraussichtlich nicht lange mehr zu leben habe, anscheinend wünsche, um sich mit dem Strahlenschein eines politischen Märtyrers zu um geben. Der Vertheidiger vermuthet, daß Reinsdorf mehr sagt, mehr auf sein Conto nimmt, als er gethan. Vieles von den Vekenntnissen Relnsdorf's erscheine nicht glaubwürdig. Der Ober Reichsanwalt Dr. v. Seckendorf hält dagegen die Schuld Reinsdors's, Rupsch's und Küchler's völlig erwiesen: Wohl kaum jemals in der Criminaljustiz sei es dagewesen, daß zwei bei einem Verbrechen Vetheiligte sich beide bloß betheiligt hätten, um ein Verbrechen zu verhüten. Das Attentat sei bis zum letzten Ende vor bereitet gewesen, nur die höhere Hand der Vorsebung habe die Ausführung durch Naßwerden der Zündschnur zuletzt verhindert. Reinsdorf erklärt schließlich, die Wahrheit gesagt zu haben. Als er sich dabel in unge bührlichen Redensarten erging, drohte der Präsident ihm das Wort zu entziehen. Reinsdorf erklärte zuletzt, lieber sterben zu wollen, als ins Zuchthaus zu müssen. Am Schlusse der Plaidoyers beantragte der Oberreichs: anwalt gegen Reinsdoif Todesstrafe und 15 Jahre Zucht⸗ haus, Ehrverlust und Stellung unter Polizet Aufsicht, gegen Rupsch und Küchler Todesstrase und 12 Jahre Zuchthaus, Ebrverlust und Stellung unter Polizei-Aufsicht, gegen Bachmann 12 Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Ehr verlust und Stellung unter Polizei-Aufsicht, gegen Holz hauer 10 Jahre, gegen Söhngen und Rheinbach je 5 Jahre Zuchthaus, gegen Töllner Freisprechung.

Mann zur

Ausland.

Oesterreich-Ungarn. Wien, 19. Dec. Das Herrenhaus nahm die Gesetzentwürfe, be treffend das provisorissche Budget bis Ende März, das Recrutencontingent für 1885, die Verlängerung der Ausnahmegerichte in Dalmatien und die zeitweilige Einstellung der Geschworenen gerichte in Wien und Korneuburg, an. Graf Taaffe vertagte im Auftrage des Kaisers den Reichsrath bis zum 20. Jauuar 1885

Pest, 20. Dec. Im Unterhause beautwortete der Handelsminister die Interpellation Helsy's in Betreff der französischen Zollerhöhung dahin, daß vorlaufig nur eine darauf gerichtete Absicht der franzoͤsischen Regierung bestehe, weshalb kein anderer Schritt als die Einleitung von Verhandlungen geschehen konnte. Auskunft über Details könne nicht ertheilt werden.

Schweiz. Bern. Der Schluß der Session der Bundesversammlung fand am 20. December statt, der Veginn der Frühjahrssession ist auf den 9. März festgesetzt.

20. Dec. Der Nationalrath verschob die geschäftliche Behandlung des Antrages, be treffend die Bemühungen, daß Genua ein Aus gaugspunkt der von Deutschland subventionirten

Dampferlinien werde, als inopportun und präjudicirlich. Frankreich. Paxis, 19. Dee Die

Finanzeommission des Senates hat nach An hören des Justiz- und Cultusministers be schlossen; die von der Kammer vorgenommenen bedeutenden Reductionen Cultusetats zu verwerfen und den Etat gemäß der Forderungen des Ministeriums, welche nicht über das hinaus gehen, was der Geistlichkeit nach dem noch immer zu Recht bestehenden Concordat zukommt, anzunehmen. Wie vorausgesehen wird, dürfte diese Differenz das rechtzeitige Zustandekommen des Budgets verhindern.

19. Dec. Madier de Montjau verlangt die Aufhebung der Botschaft beim Vaticau. Der Autrag wird mit 293 gegen 168 Stimmen

des

verworfen, weil Ferry erklärte, die Aufrecht Ferry

haltung der Botschaft sei vom politischen und religiösen Standpunkte aus nothwendig, sonst müßte man das Concordat aufkündigen und das Protectorat der Katholiken im Orient aufgeben. Ferry erinnert ferner daran, daß die protestan tischen Mächte im Vatican vertreten seien. Nirgends sei eine Vertretung nothwendiger. Der gegenwärtige Papst sei versöhnlicher Ge sinnung. Die Kammer erledigte sodann das Ausgabe-Budget vollständig.

20. Dec. Die Kammer genehmigte das gesammte Budget, ausgenommen das Extra⸗ ordinarium. Die Rechte enthielt sich der Ab stimmung. Mackau erklärte, die Rechte lehne jede Verantwortung für das Budget ab. Das Budget sei Nichts wie das organisirte Deficit.

Die Kammer vertagte sich hierauf bis zum 26. December. Großbritannien. London, 19. Dec.

Nach weiteren Ermittelungen scheint der Inhalt des gestern von der Polizei in Dover beschlag nahmten Koffers nicht Dynamit, sondern Pulver, welches zu Minensprengungen angewandt wird, gewesen zu sein.

Rumbold, Gesandter in Stockholm, wurde zum Gesandten in Athen ernannt.

Italen. Nom. Einer Meldung derAgencia Stefani zufolge ist die Convention in Betreff der Anerkennung der internationalen afrikanischen Gesellschaft Seitens Italiens am 12. ds. unter zeichnet worden.

Rumänien. Otcsowa, 19. Dec. Der ehemalige bosnische Erzpriester Oelagio, welcher seit zwei Jahren in Turnseverin domicilirtz war und eine lebhafte Corresondenz mit den Slavenführern im Auslande führte, wurde von der rumänischen Regierung plötzlich ausgewiesen.

Egypten. Kairo, 20. Dez. Ein Tele⸗ gramm des Reuter'schen Bureaus meldet: Die egyptische Regierung hat den diplomatischen Vertretern Deutschlands und Rußlands heute Nachmittag ihre Antwort auf die Forderung Deutschlands und Rußlands, ein deutsches und ein russisches Mitglied zur egyptischen Schulden casse zu ernennen, zugestellt. Die egyptische Re gierung wird dem Verlangen Deutschlands und Rußlands sehr gern entsprechen, sobald alle die jenigen Mächte, welche das Liquidationsgesetz unter zeichnet haben, ihre Zustunmung erklärt haben.

Australien. Melbourne, 19. Dec. Dem Reuter'schen Bureau wird von hier gemeldet, daß das Gerücht cireulire, auf einzelnen Theilen Neu-Irlands, Neu-Britanniens, der Admiralitäts Juseln und auf einem Theile der Nordküste von Neu-Guinea sei die deutsche Flagge aufgehißt worden.

Aus Stedt und Land.

i. Friedberg. Wie sehr die Neubelebung des Lokalgewerbvereins durch die Mitglieder unterstützt wird und wie sehr dieselben erkennen, daß durch gemeinsames Vorgehen dem Gewerbe nur greifbare Vortbelle erwachsen, zeigen die regelmäßig abgehaltenen Monatsversammlungen des Vereins, an welchen sich in stets wachsender Zahl die Mitglieder betheiligen. In der am 18. d. M. statt; gehabten Versammlung, an welcher sich ea. 30 Hand⸗ werker, Techniker und Großindustrielle betheiligten, brachte der Vorsitzende, nach den auf der Tagesordnung verzeichneten Bekanntmachungen von Vereinsangelegen beiten, einen Artikel über Submissionswesen zur Kenntniß der Anwesenden. Die Diskussion über letzteren Gegen stand war eine rege und an der lebhaften Betheiligung konnte man die Wichtigkeit des Gegenstandes, sowie die noch bestehenden Nach und Vorthelle des jetzigen Verfahrens deutlich ersehen. Zum Schlusse der lange andauernden Besprechung wurde eine Commission zur Formullrung der ausgesprochenen Ansichten gewählt. Einen weiteren wichtigen und Interesse erregenden Gegenstand brachte der Vorsitzende durch Vortrag eines Artikels über den Hausschwamm und die Mittel zur Verhütung desselben zur Sprache. Auch bier fehlte es nicht an reger Be theiligung bei ber Diskussion, sowie vielfacher Mit theilungen über gemachte Erfahrungen durch einzelne Mitglieder. Ferner dienten die verschiedenen aufgelegten neuen Zeitschriften zur Veranschaulichung von neueren Mustern und Bezugsquellen, sowie zur Belehrung über einige neue Materialien in Werkzeugen und deren prak⸗ tische Verwendung.

Allerlei. Friedrichsdorf, 19. Dee. Heute früh 5 Uhr ertönte in dem Garnier'schen Lehr- und Erziehungs institute Feuerlärm, der die Bewohner unserer Stadt in

Glücklicherweise sind

nicht geringe Aufregung versetzte. Sturmes gehegten

die anfänglich wegen des heftigen Befürchtungen nicht eingetroffen, was sowohl dem ener gischen Eingreifen Garnier's selbst und seiner Haus genossen, wie auch den für solche Fälle in dem Institute vorgesehenen vortrefflichen Einrichtungen zu danken ist. Die Pensionäre, welche in Folge des starken Qualms die gewöhnlichen Treppen nicht benutzen konnten, ver⸗ ließen in voller Ordnung auf den eisernen Feuer-Noth⸗ treppen das Lehrgebäude.

Kassel, 18. Dee. Kurierzug ist infolge Bandagenbruchs bel Treysa ent⸗ gleist. Niemand wurde verletzt.

Freiburg i. B. Einen nachabmenswerthen Be schluß hat der Bürgerausschuß mit großer Majorität ge⸗ faßt. Dieser geht dahin, daß ein Betrag von 14, M. bewilligt werde, um brodlose Arbeiter bei der Correction einiger Waldwege beschäftigen zu können. Es werden hier seit einigen Jahren während der Winterzeit solche Arbeiten regelmäßig und stets mit Erfolg zur Linderung der Härten und der Jahreszeit für die beschäftigungs losen Arbeiter vorgenommen.

Wilen. Eine Defraudation bei der Niederöster reichtschen Escompte-Gesellschaft steht im Vordergrunde der Tagesereignisse. Der Disponent der Gesellschaft, Jauner, ein Bruder des ehemaligen Direktors vom a b⸗ gebrannten Ringtheater, hat sich nach Unterschlagung einer Summe von über zwei Million Gulden geflüchtet und auf dem Gottesacker zu Kierling bei Wien erschossen. Seine Verbindung mit einem berüchtigten Speculanten, Heinrich Kuffler, machte ihn zum Verbrecher. Kuffler wurde sofort verhaftet. Eine Durchsuchung seiner Kasse ergab das überraschende Resultat, daß keine Baargelder vorhanden waren. Kuffler hat offenbar seine bevor stehende Verhaftung nicht erst abgewartet und seine Gelder in Sicherheit gebracht.

Toulon, 20. Dez. Von hier wird ein heftiger Sturm gemeldei. Sandbank. Die Mannschaft wurde gerettet. Tele gramme aus Brest und Cherbourg berichten gleichfalls über heftige Stürme. Eine große Anzahl Schiffe flüchtete auf die Rhede. Die telegraphischen Verbindungen sind vielfach gestört. 5

Newyork, 20. Dez. Vorgestern Abend brach in dem Waiseninstitut für Knaben in Brooklyn eine Feuers

brunst aus, die, wie erst jetzt bekannt wird, zahlreichen 13 Todte

Mensch nverlust verursachte. Bis jetzt sind

Der Frankfurt-Verliner Früh⸗

zeme Ein zu dem Geschwader gehöriges Torpedoschiff stieß auf den Felsen und sank auf einer

konstatirt, außerdem werden noch 110 Knaben vermißt.

Man hofft, daß die meisten derselben, wo nicht alle, Unterkunft in der Stadt fanden, jedoch ist über ihren Verbleib bisher noch keine Miltheilung erfolgt.

Gerichtssaal.

Gießen. Schwurgerichtsverhandlung am 18. l. Mts. gegen Jobannes Filges von Vobenhausen bel Nidda, wegen Körperverletzung mit tödtlichem Erfolg. Die Geschworenen bejahten die ihnen vorgelegte Schuldstrafe und wurde der Angeklagte in eine Gefängnißstrafe von Jahr verurtheilt. Schwurgerichtsverhandlung am 19. J. M. gegen Wilhelm Schwarz, Kaufmann von Biebrich, wegen Meineids. Die Geschworenen bejahten die ihnen vorgelegte Schuldfrage und wurde Schwarz

demgemäß in eine Zuchthausstrafe von 3 Jahr, sowie

zur Aberkennung der bürgerlichen Ebrenrechte auf die Dauer von 5 Jahr verurtheilt. Gleichzeitig wurde dem; selben die Befugniß abgesprochen, je wieder als Zeuge oder Sachverständiger eldlich vernommen zu werden.

An den größten Deutschen, betitelt sich ein Ge⸗ dicht, das uns von Bochum aus eingesendet wird, und das wir unseren Lesern nicht vorenthalten dürfen. Dasselbe lautet:

Schick' sie uns heim, die Biedermänner! Schick' sie der deutschen Wählerschaft! Schick' sie doch heim, die Besserkenner, Die ibren letzten Trumpf verpafft! Schick' sie uns nur, wir halten Alles Zum würdigen Empfang bereit: Sie kriegt doch endlich ihren Dalles, Die Demokratenherrlichkeit!

Ein Lumpengeld ward Dir verweigert! Das ist zu viel! Das ist zu stark! Die deutsche Ehre ward versteigert Um ganze zwanzigtausend Mark! Uns flammt die Röthe in den Wangen, Dieweil der blanke Schild zerklafft, Herr Fürst, wir tragen heiß Verlangen! Schick uns die werthe Brüderschaft!

Schick' sie uns doch! Viel Tausend zittern Vor Zorn ob dieses Vackenstreichs. Es bricht hervor gleich Ungewittern Und harrt nur Deines Fingerzeigs. Hörst Du des Undanks Schlange zischen? Ihr Wärter ist ein fader Tropf Bei Gott, sie soll uns nicht entwischen, Uad wir zerstampfen ihr den Kopf!

Schick uns die Vrüderschaft nach Hause, Die solch' ein Mal uns eingebrannt! Und wie ein Donnerwetter brause Der Schlachtruf für das Vaterland. Lass' uns den gist'gen Wurm zertreten, Der an der deutschen Ehre frißt! Wir wollen kämpfen, wollen beten, Daß dieser Viß sein letzter ist.

Wilhelm Hoppstädter.

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