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— 30. Mai. Die Darmst. Zeitung meldet officiell von heute: S. K. H. der Großherzog hat am 28. Mai den Wirklichen Geheimerath, Staatsminister und Minister des Innern und der Justiz Dr. Freiherrn v. Starck auf sein Nach— suchen und mit dankbarer Anerkennung seiner treuen und ausgezeichneten Dienstführung mit Wirkung vom 1. Juni d. J. an in den Ruhe— stand versetzt. Ferner hat der Großherzog am 28. Mai den Geheimen Staatsrath im Ministe— rium des Innern und der Justiz, Finger, zum Präsidenten dieses Ministeriums mit Wirkung vom 1. Juni d. J. an ernannt, auch denselben beauftragt, vom 1. Juni d. J. an bis auf Wei⸗ teres die mit dem Amte des Staatsministers und die mit dem Vorsitze im Staatsministerium verbundenen Geschäfte wahrzunehmen. Die Darmst. Zeitung bemerkt officiös hierzu:„Wie aus der amtlichen Mittheilung zu ersehen, haben S. K. H. der Großherzog nunmehr das Gesuch des Staatsministers Freiherrn v. Starck um Versetzung in den Ruhestand zu genehmigen ge— ruht. Dieses war, wie bekannt, am 2. Mai gestellt und am 24. erneuert worden, weil der Minister in einer wichtigen Sache mit seinem Rath nicht durchzudringen vermocht hatte. Der zur Uebernahme der Geschäfte designirte Geheime Staatsrath Finger bürgt uns durch seine Per— sönlichkeit dafür, daß dieselben in dem Geist wie seither fortgeführt werden.“ Durch diese Er— klärung stebt die vielangefochtene Handlungs— weise des Freiherrn v. Starck vollständig ge— rechtfertigt da. Als definitiver Nachfolger Starcks wird jetzt Bundesrathsbevollmächtigter Dr. Neid⸗ hardt bezeichnet.
Postpersonalnachrichten. Angestellt ist der Postpractikant Georgi in Offenbach als Post⸗ sekretär. Freiwillig ausgeschieden ist der Post verwalter Hoock in Viernbeim. Gestorben sind der Postexpeditor Geyger in Assenheim und der Postamtsassistent Schneider in Bad-Nauheim.
— Die Abreise der Prinzessin Elisabeth nach St. Petersburg, wo ihre Vermählung mit dem Großfürsten Sergius am 15. d. Mts. stattfin— den wird, ist auf den 5. Juni festgesetzt. Der Großherzog wird natürlich seine Tochter nach Petersburg begleiten und werden auch Prinz und Prinzessin Ludwig von Battenberg, welche gegenwärtig ihren Landsitz Sennicotts bei Ports— mouth bewohnen, der Hochzeit in der russischen Hauptstadt beiwohnen. Im Gefolge des Groß— herzogs werden sich befinden Hofmarschall v. Wester— weller, Flügeladjutant Oberst v. Herff und Ober— stallmeister v. Nordeck zur Rabenau.
— Der Wiederzusammentritt der Kammer wird am 10. Juni erfolgen.
Berlin, 30. Mai. Der Kaiser begab sich heute Vormittag in bestem Wohlsein mit mili tärischem Gefolge nach Potsdam und nahm dort die Parade der Potsdamer Garnison im Lust— garten ab. Von den Fenstern des Stadtschlosses sahen die Großherzogin von Baden, die Kron— prinzessin mit ihren Töchtern, die Prinzessin Wilhelm mit ihren Söhnen und die Erb— prinzessin von Meiningen der Parade zu. Der Kronprinz führte das erste Garderegiment, Prinz Wilhelm dessen erstes Bataillon vorbei.
— 2. Juni. Der Kaiser begab sich heute mittelst Extrazuges nach dem Neuen Palais bei Potsdam, nahm daselbst nach Begrüßung der kronprinzlichen Familie und der übrigen dort anwesenden Fuͤrstlichkeiten an der Feier des Stiftungsfestes des Lehr-Jufanterie-Ba— taillons und demnächst an dem Diner im Grotten— saale des neuen Palais Theil.
— Dem Bundesrathe ist ein Gesetzentwurf zugegangen betreffs Abänderung des Zolltarifs, welcher den Zollsatz für Spitzen und Stickereien auf 350, für zugerichtete Schmuckfedern auf 900, für Branntwein, Arac, Rum, Franzbranntwein und versetzte Branntweine in Faͤssern und Flaschen auf 90 M. per 100 Kilogramm erhoht. Ferner Ultramarin mit 15 M., gestickte und Spitzen— kleider mit 1200, künstliche Blumen und Be— standtheile solcher mit 900, Stickerei(Pos. 22h des Tarifs) mit 150, Zwirnspitzen mit 800,
zweiten
Schaumweine in Flaschen eingehend mit 80, andere Weine in Flaschen mit 48, gebrannten Cacao mit 45, Cacaomasse, gemahlenen Cacao, Chocolade und Chocoladesurrogate mit 70, Spitzen, Blonden und Stickereien ganz oder theilweise aus Seide(Pos. 30e des Tarifs) mit 800 M. für 100 Kilogramm, Uhrengehäuse und Taschenuhren mit 50 Pf. bis 3 M. per Stück belegt.
— Der Bundesrath hat den Gesetzentwurf über den Feingehalt von Gold- und Silber— waaren in der vom Reichstag beschlossenen Fass— ung angenommen.
Schillingsfürst, 31. Mai. Der Botschafter Fürst Hohenlohe mit Familie ist hier eingetroffen.
Ausland.
Oesterreich-Ungarn. Wien, 31. Mai. Der Fürst von Bulgarien ist heute nach Sofia abgereist.
— Die„Wiener Ztg.“ meldet: Ein kaiser— liches Patent vom 29. Mai löst die Landtage von Nieder- und Ober-Oesterreich, Salzburg, Steiermark, Kärnten, Bukowina, Mähren, Schlesien und Vorarlberg auf und ordnet Neu— wahlen an.
Klausenburg, 3. Juni. Anläßlich tumultu— arischer Vorgänge wurden gestern 5 Personen, darunter ein Mitarbeiter des Journals„Ellen— zek“ verhaftet, außerdem 3 Studenten wegen Aufreizung in Anklagezustand versetzt, jedoch auf freiem Fuße belassen.
Dänemark. Kopenhagen. Die Zustimm— ung des Reichstags zum spanischen Handelsver— trage wurde nicht erzielt.
— 31. März. Der Reichstag wurde heute geschlossen. Der König ist Nachmittags zum Gebrauch einer Badekur nach Wiesbaden ab— gereist. Die Führung der Regierungsgeschäfte wurde im Namen des Königs dem Kronprinzen übertragen.
Frankreich. Paris, 30. Mai. Der Senat nahm mit 160 gegen 119 Stimmen den Antrag auf Wiederaufhebung des Gesetzes von 1816, welches die Ehescheidung aufhob, an.— Die Kammer der Deputirten verwarf mit 395 gegen 92 Stimmen das Amendement Freppel auf Be— freiung der Seminaristen vom Militärdienst.
— 3. Juni. Wie aus Hüe gemeldet wird, ist der Vertrag mit Hüe im Princip angenommen und soll die Unterzeichnung erfolgen, sobald die Nebenfragen geregelt seien. Das Befinden des Königs von Annam habe sich gebessert.
Großbritannien. London, 30. Mai. Der vorgestern in Dover wegen Verdachts eines gegen den Herzog von Cambridge beabsichtigten Attentats Verhaftete ist wieder in Freiheit ge— setzt worden. Die Untersuchung ergab keinerlei Grund zu gerichtlicher Verfolgung.
— 30, Mai. Heute Abend kurz nach 9 Uhr 2.—— 7 5 fanden in St. James Square, drei von Dynamit herrührende Explosionen statt. Die Fenster des Armynavyclubs, des Carltonclubs und des dem Deputirten Wynn gehörigen Hauses wurden zer— trümmert. Personen sollen nicht verletzt sein. Große Volksmengen versammelten sich am Thatorte in lebhafter Erregung. Um 9½ Uhr Abends er— folgte eine weitere Dynamitexplosion in Scotland— Nard im Hauptpolizeibureau. Mehrere Fenster wurden zertrümmert, einige Personen verletzt.
— 31. Mai. Kurz nach den gestrigen Ex— plosionen wurde eine Tasche mit 17 Packeten Dynamit und Zünder, angelehnt an der Nelson— säule am Trafalgar-Square, aufgefunden und von der Polizei beschlagnahmt.
— 2. Juni. Bei Millstreet in der Graf— schaft Cork ist gestern Abend der Pachter eines kleinen Landgutes in seinem Hause erschossen worden, zwei andere in dem Hause auwesende Personen wurden verwundet. Wie der Meldung hinzugefügt wird, handelt es sich um einen Agrar-Mord, die Moͤrder sollen der sog. Mond— scheinbande angehören.
Spanien. Madrid, 3. Juni. Der König
hat sich nach Aranjuez begeben, um den Manövern und Rennen beizuwohnen
Italien. Rom. Der Moniteur de Rome meldet: Nach dem Besuch des deutschen Kron— prinzen im Vatican habe ein Briefwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und dem Papst statt⸗ gefunden. Das Blatt versichert ferner, Preußen habe die vom Vatican als Candidaten für den erzbischöflichen Stuhl zu Posen aufgestellten Prälaten Prinz Radziwill, Likowski und Cybi— chowski abgelehnt.
Serbien. Nisch, 30. Mai. Behufs Vor⸗ berathung der Steuer-Entwürfe verstärkte sich der Finanzausschuß durch 26 Abgeordnete aus allen Landeskreisen. Die Skupschtina beschloß, die Radicalen Rosa Ninics und Sima Milosevies wegen gröblicher, das Ansehen der Skupschtina verletzender Aeußerungen für die ganze Dauer der Session von den Sitzungen auszuschließen und den Minister des Innern zu ersuchen, gegen beide Abgeordnete auch gerichtlich ein— zuschreiten.
2. Juni. Die Skupschtina hat das Stempelgesetz angenommen.
Griechenland. Athen, 1. Juni. Der König hielt eine Revue über 5000 Mann Truppen ab, welcher eine große Volksmenge beiwohnte. Der König, seine Söhne, der Ministerpräsident Trikupis und die an der Parade theilnehmenden Truppen wurden von der Bevölkerung mit sym⸗ pathischen Zurufen begrüßt. Die Abreise des Königs und seiner Söhne nach Wiesbaden ist auf morgen festgesetzt.
Rußland. Petersburg, 1. Juni. Der Kaiser ist gestern nach der Villa Alexandria übergesiedelt.— Der Kriegsminister General Wannowsky begibt sich mit Urlaub zum Zweck einer Kur in das Ausland; wahrend seiner Ab— wesenheit wird das Kriegsministerium von dem Generallieutenant Obrutscheff geleitet.
Baku, 31. Mai. Fuͤrst Dondukoff-Korsakoff ist gestern von seiner Reise nach Merw hierher zurückgekehrt. Der Zweck dieser Reise war, die Zweckmäßigkeit der von der Regierung beab⸗ sichtigten Maßnahmen zur Einführung der Civil⸗ verwaltung in dem mit Rußland neu vereinigten Turkmenengebiete an Ort und Stelle zu prüfen. Die getroffenen Maßnahmen sind als zweck⸗ entsprechend anerkannt worden.
Egypten. Kairo, 30. März. Nach einer Meldung aus Reuter's Bureau bereitet Nubar Pascha ein Memorandum an die Großmächte vor, welches nachzuweisen sucht, Egypten könne die dermalige Steuerlast nicht länger ertragen, die Grundsteuer übersteige in vielen Fällen den Bruttowerth der Ernte.
— Einer Meldung des Reuterschen Bureaus zufolge erhielten zwei weitere Bataillone der egyptischen Armee Weisung, sich für den Marsch nach Oberegypten bereitzuhalten. Es ist beab⸗ sichtigt, die Garnisonen von Korosko und Wadi— Halfa um je ein Bataillon zu verstärken.
— Ein neuer Mahdi soll nach englischen Blättern in Darfur aufgetaucht sein. Der alte Mahdi, Mohamed Achmed, konnte diese Con⸗ currenz nicht ruhig hinnehmen, er schickte Truppen nach Darfur, um auf den Betrüger zu fahnden, Der neue Mahdi schlug aber die Truppen auf das Haupt, und damit hatte er nach den fatal⸗ istischen Meinungen der Araber seine Mission legitimirt.
— 2. Juni. Eine Depesche des Gouver— neurs von Dongola dementirt die Nachricht vom Falle Berbers. Der Gouverneur habe gerade im Gegentheil die Aufständischen zurückgeschlagen. Auch das Gerücht von der Uebergabe Khartums an die Aufständischen entbehre der Begründung. Vom General Gordon werde der Kampf gegen die Aufständischen mit gutem Erfolg fortgesetzt. In der Provinz Dongola sei bis nach Meraweh hin die Ruhe vollständig hergestellt.
Suakin, 2. Juni. Die Aufständischen haben in der vergangenen Nacht einen allgemeinen Augriff auf Suakin gemacht, sind aber von den
die Stadt umgebenden Forts aus zurückgeschlagen
worden.
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