Berlin, 23. Nov. Ueber das Befinden des Kaisers meldet der„Reichsanzeiger“ amtlich, der Kaiser leide seit einigen Tagen an einem leichten Erkältungszustand und Kehlkopfskatarrh und sei daher genöthigt, das Zimmer zu hüten.
Berlin. Hier war am Freitag das Ge— rücht verbreitet, daß Fürst Bismarck vom Schlage getroffen worden sei. Nach den von der„Voss. Ztg.“ eingezogenen Erkundigungen entbehrte das Gerücht jedes thatsächlichen Untergrundes. Die Wiener„Presse“ ließ sich vorgestern aus Berlin telegraphiren, Fürst Bismarck sei nicht unerheb— lich erkrankt und bemerkt dazu:„Ob ihn sein altes neuralgisches Leiden wieder heimgesucht hat oder ob es sich um eine Krankheit anderer Art handelt, wird nicht beigefügt. Daß die Ereignisse in Friedrichsruhe heute mehr wie je alle Welt in Spannung halten, versteht sich von selbst.“
Ausland.
Oesterreich-Ungarn. Wien, 22. Nov. Die Enquete-Commission für die Verwaltungs— reform begann gestern ihre Berathungen. Tisza erklärte: Das Aufgeben des Systems der Be— amtenwahl müsse wohl erwogen werden; die Verwaltungsausschuͤsse sollen nicht aufgehoben werden; dieselben bedürfen nur betreffs ihrer Zusammensetzung und ihres Wirkungskreises einer Modification. Sennyey trat für Ernenn— ung der Beamten ein.
— Der Kaiser genehmigte die aus Gesund— heitsrücksichten erbetene Versetzung des Statt— halters von Kärnthen, Grafen eb roc utercho, in den Ruhestand und ernannte den seitherigen Ministerialrath im Ministerium des Innern, Schmidt v. Zabierow, zum Landespräsidenten von Kärnthen.
Frankreich. Paris, 22. Nov. Deputirten— kammer. Das Gesetz über die Reform des Richterstandes wird im Ganzen angenommen. — Senat. Der Gesetzentwurf betreffend den Secundärunterricht für Mädchen, wird ange— nommen.— 23. Nov. Die Kammer der Depu— tirten berieth heute über den Enquete-Entwurf bezüglich der Affaire Cissey. Fast alle Bona— partisten sprechen sich für die Nothwendigkeit der Enquete aus. Kriegsminister General Farre sagt: die Regierung fand die von den Journalen angeführten Thatsachen gegen Cissey nicht aus— reichend; sie will sich aber einer parlamentarischen Enquete, welche keinem anderweitigen Verfahren päjudieire, nicht widersetzen. Der Antrag von Leon Renault, 40 Millionen für die Durch— stechung des Simplon zu votiren, findet die Unterstützung von 120 Unterschriften. Man versichert, auch die Schweiz und Italien hätten eine Subvention zugesagt.
Großbritannien. London, 23. Nov. Gestern kam es in Ballina(Irland) zu Ruhe— störungen. Die Polizei suchte ein Mitglied der Landliga zu verhaften, welches an eine Ansamm— lung von Landleuten aufreizende Reden hielt. Letztere widersetzten sich der Verhaftung; bei dem Zusammenstoß kam es zum Blutvergießen und mehrere Polizei-Agenten wurden verwundet. Endlich griff die Polizei mit Säbeln die Volks— massen an und setzte die Verhaftung durch— Samstag geht abermals ein Regiment nach Irland ab.
Dublin, 22. Nov. Einem gestern von der Landliga veranstalteten Meeting in Lillamore wohnten 15,000 Personen bei; es wurden sehr heftige Reden gegen Grundbesitzer und Regier— ung gehalten.
Türkei. Constantinopel, 22. Nov. Der Sultan ließ gestern durch einen Adjutanten dem deutschen Botschafter mittheilen, daß Derwisch Pascha die Mazurabrücke besetzte und heute die Mazurahöhen besetzen wird. Die Occupation Duleignos sei bevorstehend. Eine Depesche Derwisch Paschas zeigt der Pforte an, er werde heute mit 4 Batatllonen in Duleigno einrücken. — Heute Abend ist Conferenz der Botschafter der Machte.— Niza Pascha ist zum Mitgliede der- Militärreformcommission ernannt.
Rußland. Petersburg, 22. Nov. Der Großfürst-Thronfolger mit seiner Familie ist heute hierher zurückgekehrt.
Aus Stadt und Land.
S. Friedberg, 23. Nov. In der gestern statt⸗ gehabten öffentlichen Sitzung des Gemeinderathes wurde beschlossen, daß die Fischerei im städtischen Weiher dem— nächst öffentlich verpachtet werden soll. Der durch die Generalversammlung der Kranken-Unterstützungskasse vor⸗ genommenen Abänderung der Statuten wurde die Ge— nehmigung ertheilt. Die Frage ob der am 1. December stattfindende Markt wegen der auf denselben Tag fallen— den allgemeinen Volkszählung nicht ausfallen oder ver— legt werden solle, wurde dahin entschieden, daß eine Aenderung nicht eintreten, vielmehr der Markt am 1. Dee. gehalten werden soll. Der Voranschlag der Realschule für 1881/82 wurde der Finanzeommission zur Prüfung überwiesen. Auf eine vom Großherzoglichen Ministerium ergangne Genehmigung der Eröffnung einer neuen Straße nächst des Fauerbacher Thores, wonach jedoch dem Stadt— vorstand zur Erwägung anheim gegeben wird eine Ab— änderung in der Richtung der projektirten Straßenanlage eintreten zu lassen, wird beschlossen, daß die Sache noch— mals geprüft und in nächster Sitzung des Gemeinderathes Vorlage gemacht werden soll.
Allerlei.
Essen, 17. Nov. Auch unsere Gegend scheint jetzt von einem Schandbuben unsicher gemacht zu werden. Nachdem schon vor einer Woche in der Nähe der Zeche Sälzer ein Angriff auf ein junges Mädchen gemacht worden war, wurde gestern Abend in der Nähe der Krupp'schen Privatschule ein Mädchen von einem Kerl angegriffen und zu Boden geworfen. Zum Glück wurde er durch zufällig des Weges kommende Leute sofort ver— jagt. Ein ähnlicher Fall soll sich gestern mit einem Dienstmädchen in der Lindenallee ereignet haben.
Saarbrücken. In St. Johann ist sämmtlichen Wirthen eine polizeiliche Verfügung zugestellt worden, wodurch das Verabreichen irgend welcher Getränke an solche Personen, die schon angetrunken sind, bei Strafe verboten wird.
Halle, 22. Nov. Auf der Halle-Sorau-Gubener Bahn bei der Station Klitzschmar(unweit Delitzsch) hat die Entgleisung eines Güterzuges stattgefunden, bei welcher der Locomotivführer getödtet wurde.
Stettin, 20. Nov. Ein Brudermord erregt hier gegenwärtig allgemeines Entsetzen. Die beiden Brüder, Klempnergeselle Th. Moltz und Schriftgießer Carl Moltz, sien am 3. d. Mts. in der mütterlichen Behausung nach des Tages Last und Hitze bei einem bescheidenen Abendbrod. Es wird der Vorschlag gemacht, etwas dazu zu trinken — der eine Bruder schlägt Cognac, der andere Kümmel vor. Jeder der Beiden tritt für sein Lieblingsgetränk ein, es kommt zu heftigen Worten— ein Aufwallen des Jähzorns packt Carl Moltz, er ergreift das vor ihm liegende scharfe Tischmesser und stößt es dem Bruder in die Brust, der mit einem Aufschrei blutüberströmt zu— sammenbricht. Das unglückliche Opfer eines kindischen Zwistes ist gestern Mittag im hiesigen Krankenhause ver— schieden— der Brudermöͤrder ist verhaftet.
Agram, 22. Nov. Samstag Nacht und gestern er— folgten wiederum locale Erderschütterungen.
Im Hause zu Hause.
Für das junge Mädchen ist das künftige Heim, in welchem es einstmals als Herrin regieren soll und zu regieren wünscht, noch ein Luftschloß, ein Traumgebilde der Phantasie, das heute hier und morgen dort aufgebaut wird; aber selten beschäftigt sich die Träumende mit dem, was die Frau diesem Hause, gleichviel ob es ein Palais in der Residenz, ein Landhaus, eine idollische Hütte oder eine Werkstätte der schweren Arbeit, zu leisten habe. Neben dem Verlangen nach Selbstständigkeit, dominirt der Wunsch, an der Seite eines geliebten Gatten selber glücklich zu sein. Aber das Haus zu einem Tempel des Glückes zu machen, fordert mehr als blos den guten Willen, das freudige Selbstvertrauen. Einer jungen Frau, welcher ihr künftiges Wirth— schaftsleben nur wie ein wildes Chaos vorschwebt, und die mit unsicheren Schritten die Räume betritt, die durch sie belebt werden sollen, die unklare Anordnungen trifft, unreife Vorschriften gibt, gleicht einer Blinden, welche schwankenden Fußes hin- und hertappt und schließlich in tausend Verlegenheiten geräth, die erste beste hilfreiche Hand ergreift. Wie viel angenehmer und ruhiger ist ein sicheres Schreiten über die Schwelle der ersten eigenen Wohnung, wenn ein klares Bild von Allem, was der neue Haus— halt fordert, durch die mütterliche Erziehung der Tochter gegeben ist, wenn diese die praktisch— ästhetische Vorschule im elterlichen Hause durch— gemacht und, wo solche nicht ausreichte, alle Gelegenheit benutzte, um sich für ihre künftige
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Hausführung vorzubereiten. Viele Töchter müͤssen sich ja außerdem, ohne die Mutter als Führerin zur Seite zu haben, auf eigene Hand einschulen und selbst unterrichten. Welch' ein reizendes Bild von einem den Hausstand führenden und die jüngeren Geschwister bemutternden Mädchen gibt Goethe in seiner Lotte, und wie zierlich zeichnet er seine Lili als Schützerin der Haus— thiere, der Blumen und überhaupt des sorgenden poetischen Lebens im Hause. Welcher ledige junge Mann fühlte sich nicht gleich dem großen Dichter angezogen von solch' idealem weiblichen Walten? So die kernhafte fürsorgende„Doro— thea“, die gerade durch ihr hausmütterliches Benehmen den biedern, rechtschaffenen Hermann, der den eiteln Putznärrinnen entfloh, für sich einzunehmen weiß, welch' edles Vorbild für die einstige Hausfrau! Welches junge Mädchen fragt sich nun aber wohl beim Uebergang in die neue Thätigkeit: in wie weit bin ich den Anforder— ungen gewachsen, die jetzt an mich herantreten? Die junge Königin, die den Thron besteigt, ist für dieses hohe Amt vorgebildet, durch die beiden Erzieher eingeweiht in die Pflichten des Herscher— amtes; auch die junge Regentin des Hauses soll das Szepter nicht mit unsicherer Hand ergreifen. Nachdem die Hochzeit gefeiert, der Myrthenkranz mit der Haube vertauscht ist und die vielen Liebesgaben zum Schmucke des neuen Hauswesens aufgestellt und eingereiht sind, wird das Haus— kleid angelegt und der erste Schritt in Küche und Keller gethan. Der Glanz der Neuheit funkelt hier in allen Ecken. Aber mit scharfem Blick wird die junge, für ihr Wirken vorgebildete Hausfrau erkennen, welche Gegenstände etwa hier die eutbehrlichen sind und welche noch fehlen. Die ordnende Hand scheidet das Ueber— flüssige bald aus, und die kluge Wirthin bestellt das Nöthige, woran die Spender nicht gedacht. Sie tauscht den goldblinkenden Messingmörser in einen von Steingut um, schafft das Kupfer— geschirr möglichst bei Seite und waͤhlt die ent— sprechendsten Aufbewahrungsgefäße; denn es ist wichtig, zunächst das Trink- und Kochwasser nicht in metallenen, sondern in irdenen Gefäßen zu bewahren, um es frisch und der Gesundbeit zuträglich zu erhalten, das Salz dagegen in hölzerne Behälter mit Deckel zu schüͤtten. Ein rascher Blick prüft die Einrichtung des Koch— ofens, und mit Zufriedenheit wird wahrgenommen, daß er an der einen Seite mit glasirten bunten Kacheln versehen, wodurch die Wärme in dem Ofen festgehalten, die Hitze in der Küche selbst gemäßigt und der Aufenthalt angenehmer wird. Auch ein kleiner Kamin zum offenen Heerdfeuer für das Kaffeebrennen, Rostspießbraten ꝛc. be— friedigt das Auge. Ein Thermometer, der beim Kochen seine wahrsagenden Dienste bei verstän— diger Benutzung leistet, fehlt neben den Feuer— behältern nicht. Die Wanduhr mit ihrem Taktschlage ist der zweite unentbehr⸗ liche Rathgeber und die Waage das dritte bestimmende Maaßobjekt. Pünkt— lichkeit und Akkuratesse gehoren ja ebenso zu den Tugenden einer Hausfrau wie Sparsam⸗ keit und richtiges Eintheilen. Nicht nur das Berechnen von Einnahme und Ausgabe im Haus— halte, auch das der Zeit, der Warme, der Luft, des Lichtes, kurz aller der Faktoren, welche in das Gebiet der Ersparniß und der Verschwend— ung hineinwirken, ist wichtig. Was als Rauch unnütz zum Schornstein hinausfliegt, ist Ver— schwendung. Der überheizte Herd, eine ange— brannte Suppe, eine übergelaufene Milch ꝛc. gehören sämmtlich in diese Rubrik. Zur rechten Zeit begonnen, zur rechten Zeit fertig, sagt die Uhr, denn beim Kochen und Braten kommt es nicht selten auf die Minute an, abgestandene Gerichte sind wie verwelkte Blumen, und die Geduldsproben vor dem Essen bringen nicht nur Unmuth, sondern auch Wirrnisse in das ganze Geschäftsleben des Hauses. Halte Maaß! spricht die Waage— nicht zu viel des Guten hier, nicht zu wenig dort. Honig mit Zucker bringt Eckel statt Genuß—; schützt
ausserdem vor Uebervortheilung und Betrug.
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