Ausgabe 
10.6.1879
 
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7. Juni. Das Kriegsgericht in Sachen desGroßer Kurfürst schloß beute seine Ver⸗ handlungen. Der gefällte, noch schriftlich auszu⸗ arbeitende Urtheilsspruch geht zunächst an das Corpsgericht des Garde-Corps, welches denselben dem Kaiser zur Bestätigung vorlegt.

Anläßlich des zwischen Chili und Bolivia und Peru ausgebrochenen, die deusche Industrie und Handels-Interessen mit schweren Schädigungen bedrohenden Krieges, bringt dieNordd. Allg. Ztg. den amtlichen Consulatsberichten entnommene statistische Notizen, welche eine ungefähre Schätzung der durch den Krieg gefährdeten deutschen Interessen

ermöglichen. München, 5. Juni. Die bier tagende Delegirten- Conferenz der deutschen Gewerbe-

kammern erklärte sich mit allen gegen 2 Stimmen für Einführung der obligatorischen Lehrlingsprüf⸗ ung und Einführung von Arbeitsbüchern für alle Arbeiter, auch solche über 21 Jahre, endlich für Beschränkung der Schankwirthschafts Concession nach dem Gesichtspunkte des Bedürfnisses. Der Hamburger Antrag wegen Beschränkung der all.: gemeinen Wechselfähigkeit wurde abgelehnt.

Ausland.

Frankreich. Paris, 5. Juni. Depu⸗ tirtenkammer. Der Handelsminister bringt einen Gesetzentwurf ein, nach welchem die bestehenden Handelsverträge um sechs Monate verlängert werden.

Die Unruhen in der Provinz Constantine sind unbedeutend. Dieselben beschränken sich auf Streitigkeiten zwischen den beiden Stämmen Uled- daud und Uledbushinan.

Wie versichert wird, hat der Präsident der Republik Blanqui begnadigt.

Belgien. Brüssel, 6. Juni. Das Schul Gesetz ist von der Kammer mit 67 Stimmen gegen 60 und einer Stimmenenthaltung angenommen. Die gesammte Rechte stimmte gegen das Gesetz.

Großbritannien. London, 6. Juni. Der Fürst von Bulgarien ist gestern Abend nach Balmoral gereist, um die Königin zu besuchen.

6. Juni. Jakub Khan beabsichtigt, am 8. d. nach Kabul zurückzukehren. Derselbe sprach dem Vicekönig von Indien Dank für seinen Em- pfang aus und kündigte an, er werde den Vice⸗ könig voraussichtlich gegen Ende Winter besuchen, nachdem er die Angelegenheiten seines Reiches geordnet habe.

7. Juni. DasR. B. erfährt, daß sich die englische und französische Regierung dahin verständigt haben, sich jeder Intervention bezüglich der ägyptischer Verwaltung zu enthalten. Die⸗ selben würden nicht die Ernennung von euro: päischen Ministern oder General-Controleuren ver- langen, sondern ihte früheren Erklärungen aufrecht erhalten, wonach der Khedive für sein Verfahren verantwortlich sei.

Italien. Florenz, 6. Juni. In dem Prozesse wegen des Werfens der Orsinibomben verurtheilte das Schwurgericht ein Individuum zu lebenslänglicher Strasarbeit, zwei zu 20jährigem, vier zu 19jährigem Gefängniß. Zwei Angeklagte wurden freigesprochen.

Serbien. Belgrad. Rußland besteht darauf, daß der Streit um die serbisch bulgarische Grenze bei Kula nicht durch die internationale Commission, sondern durch directe commissionelle Verhandlungen zwischen den Betheiligten ausge tragen werde.

Rußland. Petersburg, 29, Mai. Die Nihilisten haben trotz der 51,000 ibres Amtes waltenden Dworniks am hell⸗-lichten Tage gegen 5 Uhr Nachmittags am 12. d. von der Straße weg den kaiserlichen Liebling und Kammerherrn, Grafen Nikolaus Kosküll, gestohlen. Der gestohlene Graf bekleidete am Hofe eine hervorragende Stellung und war auch geheim in den Bureaux der dritten Abtheilung beschäftigt. Seine Leiche wurde auf- gehenkt an einem Baume vorgefunden. Aus Kiew wird berichtet: Am 21. d. M. sollte ein stebzehnjähriges Mädchen,(eine Unbekannte, weil ie trotz zweihundert Ruthenstreichen, mit denen sie in der Untersuchung regalirt wurde, ihren Namen nicht nennen wollte), gehenkt werden. Das

selbe auf den Hinrichtungsplatz geschleppt hatte und das junge, blühende Geschöpf des Galgens ansichtig wurde, da begann es zu schluchzen und verfiel hierauf in Ohnmacht. Es mußte ein Doctor geholt werden und so wurde die Voll ziehung des Urtheils aufgeschoben, denn man wollte nicht eine Ohnmächtige hängen. Am nächstfolgenden Tage, als das Mädchen die Be- sinnung gewann, erklärte es, daß es Willens sei, dem Gerichte seinen Namen anzugeben. Die Dame wurde deshalb nochmals vernommen, wobei sie die Mittheilung machte, daß sie eine Nichte des russischen Reichskanzlers sei und Natalie Fürstin Gortschakoff heiße. Diese Angabe erregte selbstverständlich das größte Aufsehen und in Folge dessen wurde auch die Vollführung des Urtheils abermals sistirt. Jetzt werden Recherchen angestellt, ob diese An- gabe waht sei oder nicht.

7. Juni. Ein officielles Telegramm aus Livadig meldet: Der Kaiser, die Kaiserin, Groß- fürst Sergei Alexandrowitsch, Großfürstin Alexandra Josefowna und Großfürst Dimitry Constantinowitsch sind gestern Vormittag 11 Uhr auf dem Dampfer Eriklik nach Sebastopol abgereist, um von dort nach Zarskoje Selo weiter zu reisen. Die Königin von Griechenland und der Großfürst Constantin Vater begleiteten das kaiserl. Paar bis Sebastopol, von wo die Königin von Griechenland sich nach Athen begeben, Großfürst Constantin die Häfen des Schwarzen Meeres bereisen wird.

7. Juni. In dem Prozesse gegen Solow- jeff hat der oberste Gerichtshof heute folgendes Urtheil gefällt: Solowjeff ist schuldig, daß er, einer verbrecherischen Genossenschast angehörend, welche bestrebt ist, die in Rußland bestehende Staatsordnung durch Gewaltthätigkeiten zu stürzen, am 16 April in der zehnten Morgenstunde in Petersburg mit Vorbedacht es auf das Leben des Kaises abgesehen und mehrere Revolverschüsse auf den Kaiser abgefeuert hat. Der Gerichtshof hat deßhalb beschlossen Alexander Solowjeff auf Grund der Artikel 241, 249, 17 und 18 des Strafge- setzbuches alle Standes rechte zu entziehen und ihn mittelst Stranges hinzurichten.

Auf Anfrage des Ministers des Innern über den Zustand der voraussichtlichen Ernten in Rußland lauten sämmtliche Telegramme aus den Gouvernements Wilna, Grodno, Shitonia, Kost- roma, Moskau, Plotzk, Pult zwa, Petrokw, Pen sa, Saratow, Smolensk, Samara, Twer, Kurland und Efhland befriedigend.

Aegypten. Alexandrien, 6. Juni. Der englische General- Consul begibt sich heute Abend nach Kairo, um gegen die Fianzdecrete des Khedive vom 22. April Protest zu erheben.

Amerika. Sant-Jago(Chili), 6. Juni. Bolivische Kaperschiffe sind von der bolivischen Re- gierung ermächtigt worden, Kaufmannsgüter wegzu nehmen, selbst wenn dieselben unter neutraler Flagge fahren und nicht einmal als Kriegs Contrebande angesehen werden.

Aus Stadt und Land.

Friedberg, 9. Juni. Gestern seierte das in all⸗ gemeiner Achtung stehende Ehepaar Altmannsperger das seltene Fest der golbenen Hochzeit. Beide Ehegatten sind noch sehr rüstig und hatten die Freude, daß ihr einziges Enkelchen gerade an ihrem Jubeliage confirmirt wurde.

Friedberg. Anläßlich der goldenen Hochzeitsfeier des Kaiserpaares am 11. Juni schmück sich die Stadt mit Fahnen. Morgens 5 Uhr werden alle Glocken geläutet und Böllerschüsse abgeseuert. Von Seiten des Gemeinde⸗ rathes geh eine Adresse an das Jubelpaar ab.

Vilbel, 6. Juni. In der verflossenen Nacht wurde in die hiesige katholische Kirche eingebrochen und dacaus alles Werthvolle entwendet, außerdem auch noch sonstiger Unsug verübt, indem die Hostien auf der Erde verstreut, Fahnen zerschnitten und Mobiliar zertrümmert wurden. Die Thäter sind noch nicht ermittelt.

Groß ⸗Linden, 7. Juni. Bei dem schweren Gewilter am gestrigen Nachmittag schlug der Blitz in einem hiesigen Hause ein. Eine Frau wurde dabei sofort geibdtet, der Ehemann derselben sehr schwer und ein Kind leichter verletzt. Die Familie hatte voriges Jahr das Unglück, daß ihr ein Theil der Horfraithe abbrannte und ist nun wiederum so arg heimgesucht worden.

Offenbach. Eine Familien-Tragödie spielte sich em ersten Pfingsttage hierselbst ab. In der Röderstraße ver⸗

suchte ein Vater seinen geißeskranken Sohn mittelst eines Messers zu erstechen, zum Glück wurde diese Absicht jedoch vereitelt; der Sohn erhielt einen Slich in den Kopf und

Mädchen sieht aber vornehm aus. Als man das-

in den Arm. Wie verlautet, ist gegen den Vater Unter

suchung eingeleitet worden, während der Sohn in eine Irtenanstalt verbracht wurde.

Offenbach. Die Eröffnung unserer Landes⸗Gewerbe⸗ Aus stellung it nunmehr definitiv auf den 2. Juli sesige⸗ setzt, es sind die Vorarbeiten soweit gediehen, daß eine Bewältigung aller Einzelheiten bis zu dem Eröffuungs⸗ termine mit Sicherheit zu erwarten ist und die Aussiell⸗ ung sich gleich am ersten Tage dem Besucher als fix und fertig und, was höher anzuschlagen in, als ein Ganzes präsentiten wird.

Allerlei.

Frankfurt, 7. Inni. Dem männlichen Königs- liger des Zoologischen Gartens wurden heute die zu lang gewordenen und in die Zehenballen eingewachsenen Krallen geschnitten; eine Operation, welche für die dabei beschäfligten Personen sowohl, wie auch für das Thier selbst mit nicht unerheblicher Gefayr verknüpft ist. Nachdem der Tiger entsprechend befestigt worden war, entfernte der Director des Gartens die abnorm gewachsenen Krallen mittelt einer scharfen Zange, was innerhalb weniger Minuten geschehen war.

Berlin, 3. Juni. In der Nähe des Schlosses Babelsberg verzehrtle gestern ein großer Waldbrand 200 Morgen Schonung, ehe es gelang, dem Element Schranken zu setzen. Namentlich wurde auch ein Theil der Um⸗ zäunung des Wildparks zerstört.

Eingesandt.

In den hiesigen Kirchen werden öfters Collecten erboben für den Stadikirchenbau und es fehlt nicht daran, daß die Gemeinde nach dem Gotiesdienste auf diese aufmerksam gemacht wird. Gewiß wird Jedermann, der unsere Ssadt kirche in ihrem heutigen Zustande kennt, diese Collec te für sehr gerechtfertigt erachten. Leider aber erscheint das Er⸗ gebniß derselben nicht immer ein günstiges zu sein, denn man sieht oft gar wenig auf den Tellern, die an den Kirchenausgängen aufgestellt sind, liegen. Wir glauben nun den Grund hiervon weniger in der Theilnahmlofig keit hiesiger Gemeinde für eine solche Collecte suchen zu müssen, als vielmehr darin, daß die Teller, die zur Auf⸗ nahme der Beisteuer bestimmt sind, ohne jegliches äußere Kennzeichen dieses Zweckes direct und gewiß sebr ungünstig, vor die festhängenden Armenbüchsen gestellt sind. Wer mit dem Gebrauch in hiefiger Stadekirche nicht vertraut ist, wie Ortsfremde und neu Zugezogene, wirft dann seine Gabe in die Büchse und läßt den Teller unbeachtet. So konnten wir denn am letzten Sonntag uns selbst über⸗ zeugen, daß auf den meisten Tellern an den Ausgängen der Stadtkirche fast nichts lag, bis auf einen am westlichen Portal, der denn auch ziemlich mit Münzen angefüllt war weil die Mütze des Küstere, die über der dahin zer bängenden Armenbüchse hing, den Einwurf in diese ver⸗ hinderte.

Wir möchten uns deshalb die Bemerkung erlauben, daß es in Zukunft wohl praküscher sein würde, bei der⸗ artigen Collecten, die speziell zum Besten des Stadtkirchen⸗ bau's erhoben werden, dies durch besondere Büchsen mit anhängenden gedruckten Zetteln mit der Aufschrift:

Beisteuer zum Stadikirchenbau

dem Publikum kenntlich zu machen. Wir haben dieses schon in gar vielen Kirchen Deuischlands bemerkt. Frem⸗ den Besuchern der Kirche würde dann ebenfalls hierdurch eine Gelegenheit geboten, etwas zur Wieder herstellung eines so bedeutenden Denkmals der Baukunst beizutragen. Wir sind fest überzeugt, daß durch derartige aufgehängte Tafeln mehr einkommt, als seither. Von Zeit zu Zeit würde man auch wohl die Gemeinde selbst darauf aufmerksam machen müssen.

Möchten diese Zeilen, die nur zum Wohle unserer Stadikirche gesprochen sind, an geeigneter Stelle günstig aufgenommen werden, das gewünschte Resullat wird dann wohl nicht ausbleiben. R. S.

Das Schulwesen in Hessen vor dem Richterstuhl derDeutschen Reichspost. (Fortsetzung.)

III.

Die Kritik derReichspost wird am abfälligsten, wo es sich um die Organisation der Schul⸗ behörden handelt. Namentlich das Institut der Kreisschul-Inspeetoren erfährt eine vollständige Verur⸗ theilung. Entspricht dieses Institut einem Bedürfniß? Ohne Frage. Jeder öffentliche Bedienstete, vom letzten Polizeidiener bis zum obersten Ministerialbeamten, braucht eine Aufsicht, eine eontrolirende Behörde, also der Lehrer auch. Aber war eine Aufsicht nicht auch früher da? Gewiß, durch die Pfarrer! Die Pfarrer haben auch jetzt noch an den meisten Orten die Loealaufsicht und sehr viele haben sich bei der Neugestaltung der Verhältnisse energisch und erfolgreich bethelligt. Aber der Kreisschul⸗ Inspeetor ist nach den neueren Verhältnissen nicht zu entbehren. Sehr viele von den früheren geistlichen In⸗ speetoren sind mit den Dingen, die jetzt in der Volks⸗ schule gelehrt werden, selbst nicht vertraut und ohne das läßt sich doch ein Aufsichtsamt nicht wohl führen. So gut ein Gymnasiallehrer verlangen kann, daß der seine Classe visitirende Schulrath tüchtig Latein und Griechisch versteht, so gut muß der Volksschullehrer verlangen können, daß sein Inspieient alle Lehrgegenstände der Volksschule beherrscht. Und gerade aus den Lehrer⸗ kreisen ist denn auch der Ruf nach einem fachmännischen Inspector am lautesten ertönt. Auch der Staat hat an dem Institut das größte Interesse. Sobald der Staat den Volksschulunterricht selbständig in die Hand nimmt, muß er auch für Organe sorgen, die, bloß von ihm ab⸗ hängig, seine Interessen und die Interessen der Schule

am besten zu vertreten geeignet sind.(Fortsetzung folgt.)

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