Ausgabe 
30.8.1877
 
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dauert nun schon den fünften Tag mit gleicher Hartnäckigkeit fort. Die Russen haben mehrere lebhafte Angriffe zurückgeschlagen und behaupten ihre Stellungen. Heute fand General Doroschinsky den Heldentod, nachdem er während der drei ersten Tage die Vertheidigung des Passes geleitet hatte. General Radetzky behauptet die Position; der Paß ist als gerettet zu betrachten, falls nicht Suleiman Pascha eine seiner Colonnen durch einen anderen Paß schieben kann. Gestern betrug unser Verlust 30 Offiziere, 400 Soldaten todt und verwundet. Der Kampf dauerte von 9 Uhr Morgens bis 10 Uhr Abends. In der Nacht erneuerten die Türken den Kampf mit frischen Truppen.

26. Aug. Trotzdem eine Depesche Su⸗ leiman Pascha's anzeigt, er habe zwei Hauptforts des Schipka⸗Passes genommen und in einer weiteren Depesche aus Adrianopel behauptet, er habe auch ein drittes Fort genommen und bereits Gabrowa angegriffen, so haben den letzten Nachrichten aus dem Hauptquartier zufolge die Russen von ihren Positionen im Schipka⸗Paß auch nicht einen Zoll breit aufgegeben; somit sind, so weit aus den bis jetzt vorliegenden Informationen zu ersehen ist, die Depeschen aus Constantinopel über die Ein- nahme mehrerer Befestigungen am Schipka Paß durch die Türken absolut unbegründet. Im An fang war der Paß nur von 3000 Russen ver- theidigt; jetzt beträgt die Zahl der Vertheidiger 13,000, die türkische Macht dagegen angeblich 50,000. Am Donnerstag wurde der Paß für die russische Armee so gut als verloren betrachtet, aber Freitag kamen rechtzeitig Verstärkungen an und die Türken wurden aus der eroberten Position

vertrieben. General Dragomiroff ist am Knie verwundet. 27. Aug. Officiell. Seit gestern Mittag

und heute unterhielten die Türken nur ein schwaches Feuer gegen den Schipka⸗Paß. Unsere Braven behaupten alle Positionen. Die Türken setzten sich auf den benachbarten Bergen fest und lösen einander fortwährend im Kampfe ab. Sie bringen Wasser, Proviant, Patronen und Gebirgs-Geschütze auf Lastthieren heran, und zwingen, wo letztere nicht passiren können, Bulgaren zum Schleppen. Nach einer imRussischen Invaliden veröffentlichten kaiserlichen Verordnung sollen den beiden Festungs⸗Infanterie-Regimentern Dünaburg und Robruisk sechs Bataillone entnommen und in Reserve⸗Bataillone transformirt werden; aus zwölf Reserve-Infanterie⸗Bataillonen soll die erste Reserve Infanterie⸗Division gebildet werden.

27. Aug. Vom asiatischen Kriegsschauplatze meldet General Loris-Melikoff, er habe, von Mukthar Pascha angegriffen, denselben mit ungeheuren Ver- lusten zurückgeworfen. Ein großes türkisches Panzerschiff wurde von dem russischen Kriegsdampfer Constantin vor Suchum⸗Kaleh durch Torpedos in die Luft gesprengt. Immer neue Verstärk⸗ ungen für die Russen kommen in Alexandropol an. Auch in Eriwan sind 12,000 Mann mit 48 Geschützen zur Verstärkung des Generals Tergukassoff eingetroffen.Golos meldet in einer Depesche aus Kueruekdara vom 26.: Gestern machten die Türken einen Umgehungs⸗Versuch, der aber erfolglos blieb. Kisiltapa und Baschkaduklar blieben in türkischen Händen. Die russischen Truppen kehrten nach Kueruekdara zurück. Gestern früh traf der Ober-Commandirende hier ein.

27. Aug. DerPresse wird aus Tiflis gemeldet: Laut Bericht des General Alkasoff, welcher den Kodor⸗ Fluß überschritten hat, räumten die Türken die befestigte Position bei Draud und zogen sich nach Kellasuri zurück. Die Anführer des Restes der aufständischen Abchasen erklärten sich bereit, die Waffen zu strecken.

Aus Stadt und Land.

Friedberg, 29. August. Gestern Abend trafen Ministerialrath Knorr und Oberkonsistorialrath Linß hier ein, um Visitation in der prolestantischen Religionslehre und den damit verwandten Fächern im Schullehrerseminar zu halten.

Kleestabt, 28. Aug. Gestern geriethen hier zwei Leule in heftigen Streit, der damit endigte, daß der Eine todtgestochen wurde, der Andere aber schwere Wunden da⸗ von trug, welchen er erliegen dürfte.

Allerlei.

Harzburg, 26. Aug. theiligung die feierliche Enthüllung der Canossa-Säule flat. Um halb 3 Uhr Nachmittags bewegte sich der Fest⸗ zug unter Choralmusik und Gesang auf das Plateau des Burgberges. Die vom Director Kostendyk gehaltene Er⸗ oͤffnungsrede endete mit Ausbringung eines Hochs auf den Kaiser und den Herzog von Braunschweig. Hierauf ging unter großem Jubel der Act der Enthüllung vor sich, dem eine Rede des Professoes Floto aus Jena mit einem ge⸗ schichtlichen Ueberblick über die Entwicklung von 1077 bis 1877 folgte; am Schluß ließ Redner den Fürsten Bis⸗ marck hoch leben. Um 5 Uhr Nachmittags versammelten sich die Theilnehmer zu einem Festmahle.

Bauernfang.

Unsere Brüder auf dem Lande müssen schlechter⸗ dings gewonnen werden! So lautet einer der neuesten Tagesbefehle aus dem socialdemokratischen Hauptquartiere, nachdem schon vor Jahren eine der Excellenzen vom großen Generalstabe dieser Partei nicht eine Excellenz, die sich im Schweigen sonderlich hervorgethan hätte ver lautbart:ohne die Bauern lassen sich Revolutionen wohl machen, nicht aber ihre Früchte sicher stellen. Der Hintergedanke dabei ist erkennbar genug der: haben wir nur erst unter den Bauern einigen Anhang, so werden unsere Ideen sich allmählich auch schon weiter Bahn brechen bis in's Heer, Linie und Landwehr, und dann nun, dann wollen swir doch sehen, wo die Reaction bleibt. Zuweilen, wenn nämlich das Bedürfniß, dem Gegnereinen Klaps zu geben, sebr brennend wird, drängt sich wohl auch jener Hintergedanke vorlaut in die Feder. So z. B. imVorwärts vom 13. Mai, als es galt, dieSoc. Corr. einerDoppeldenunciation zu bezichtigen und ein zärtlicher Blick geworfen ward aufunsere Brüder in der Armee.Im Schweiße eures Angesichts esset ihr armen Thoren euer karges

Brod. Folget uns, wir führen euch ins Paradies, 5 i 0 es zurück. Zuvor aber genießet Früchte vom Baume

Heule fand bei lebbafter Be⸗

reich erwiesen. Die Blaltläuse starben vollständig ab, ohne daß die Pflanzen beschädigt wurden. Die Kosten des Apparates belaufen sich auf circa 25 Mark. Das land⸗ wirthschaftliche Institur zu Halle läßt solche Apparate gegen⸗ wärtig anfertigen und nimmt Bestellungen darauf an. Die Fütterung mit Körnerfrüchten, nament⸗ lich mit Hinter- oder sogenannten Abraumfrucht verdient eine andere Behandlung als sie gewöhnlich üblich ist. Dieselbe wird nämlich zum größten Theile roh verfüttert. Nun ist es aber bekannt, daß diese Hinterfrucht vermöge ihrer harten Hülle noch weniger leicht zu verdauen ist, als

ausgesiebten Unkrautsämereien, die meist un verdaut durch den thierischen Körper gehen und so in den Dünger gelangen. Weil abet die Verfütterung dieser Hinterfrucht meist im Winter geschieht, also in einer Zeit, in welcher der Zersetzungsproceß des Düngers wegen mangelnder Wärme höͤchst unvollkommen ist, so gelangen diese Unkraut⸗ sämereien zum größten Theile in keimfähigem Zustande auf den Acker, woher es sich denn erklärt, daß die Kar- toffeln⸗ und Rübenfelder, die, wie früher erwähnt, zumeist im Frühjahre gedüngt werden, ganz außerordentlich zur Verunkrautung geneigt sind. Aus diesen Gründen ist es zu empfehlen, die zur Verfülterung kommende Frucht vor⸗ her schroten zu lassen oder in der eigenen Wirthschaft zu schroten. Das letztere Verfahren ist um so mehr zu empfehlen, da gegenwärtig kleinere Schrotmühlen gebaut werden, die bei einem Preise von 16 bis 20 Thaler eine anerkennenswerthe Leistungsfähigkeit haben. Arsenhaltige rothe Tapeten⸗Farbe. Kaum hat man es dahin gebracht, daß die grünen Arsenikfarben weniger gebraucht werden, so taucht auch schon wieder anderes arsenhaltiges Farbenmaterial auf. Es find dies sogenannte rothe Lackfarben rothe Pflanzenfarbstoffe auf Kreide, Thonerde u. s. w. fixirt, wie sie namentlich zu Tape ien verwendet werden und früher allgemein mit der BezeichnungWiener Lack in den Handel kamen. Diese Lackfarben erhalten durch Zusatz von Arsenik einen lebhafteren, seuerigeren Ton und dies der Grund der Ver⸗ wendung. Eine solche sogar als arsenfrei bezeichnete Waare gelangte zur Untersuchung und ergab bei 2 Prüfungen einen Gehalt von 1.96 Proc. und 2,49 Proc. arseniger Säure. Es ist wohl genügend oft erwiesen worden, wie gesundheitsschädlich arsenhaltige Tapeten gewirkt haben, so daß auch über diese Fabrikate unbedingt das Verdam⸗

mungsurtheil gesprochen werden muß.

Mehlfälscher. Gemäß Mittheilung des Präsidenten landwirihschaftlichen Vereins für Rheinpreußen werden von der Firma Heeremans& Comp. in Rotterdam den

der Erkenntniß, unserer Erkenntniß! Man glaubt Mühlenbesitzern der Rheinprovinz unter der Bezeichnung in der That die Stimme des biedern Meisterz0genamd Kunstmeel of Kunstwit(sog. Kunstmehl oder

Reinecke zu hören, der von Bruderliebe überfließt. Keinem Zweifel unterliegt es, daß es der uner⸗ müdlich thätigen Partei, zwar nicht heute oder geliefert werden soll.

Kunstweiß) zwei Proben einer weißen mehlförmigen Sub⸗ stanz zugesendet, welche bei Abnabme von mindestens 1000 K. zum Preise von 8,50 resp. 7,50 M. per 100 K. Nach Untersuchung der landwirth⸗

morgen, wohl aber allmählich mit einer guten schafllichen Versuchsstation in Bonn ist dieses Kunstmehl

Anzahl Bauernburschen gelingen kann, mit einzelnen sogar schon gelungen ist, ihren Windhafer aus-

nichts anderes als Gyps. Die Verwendung desselben seiiens der Müller und Bäcker würde letztere mit dem Strafgesetz in Conflikt bringen. denn nach einem Erkennt⸗

zustreuen und communistische Gelüste zu wecken. niß des Obertribunals vom 15. Dezember 1875 ist selbst

Eine neue Mahnung an

alle auf dem Lande das Feilhalten von Eßwaaren, die, wenn auch nicht gesund⸗

lebenden Lehrer, Geistliche ꝛc., sich selbst mit den heitsgefährlich oder schädlich, doch zum menschlichen Genusse

Grundzügen der Volkswirthschaftslehre bekannt zu

ungeeignet sind, als Betrug zu bestrafen, wenn es wissent⸗

lich geschieht und als Uebertretung nach§. 367 Nr. 7

machen, um auch in diesem Gebiete ihren Mann des Slrafgesetzbuchs, wenn es nicht wissentlich geschieht.

stehen zu können, wenn es nöthig wird. Landwirthschaftliches und Gewerbliches.

Ein Landschaftsgäriner, der in verschiedenen Staaten Amerika's ansässig war und alljährlich den Colorado⸗ käfer in größerer oder geringerer Anzahl auf seinen Karloffelfeldern zu bekämpfen hatte, empfiehlt zur Vertilgung desselben, nachdem sich alle anderen Mittel nicht bewährt hatten, folgende Methode, die er als eine radikale Hülfe bei sich erprobt habe. Man nehme 10 Pfund an der Luft gelöschten Kalk und mische denselben mit 1 Pfund Pariser Grün(arsenikessigsaures Kupferoxyd), welches in keiner Weise nachtheilig oder schädlich für die Kartoffeln ist, wohl durcheinander, 14 Pfund Mischungsmasse auf den Morgen Land. Dann mache man einen kleinen Kasten, 10 Zoll lang, 8 Zoll breit, 6 Zoll tief; stait des hölzernen Bodens nagele man Beuteltuch, wie es die Weizenmüller gebrauchen, stramm und wohlbefestigt darunter; eine schmale Latte, Fuß lang, wird als Handhabe zum Schütteln des Kästchens in der Mitte mit dem breiteren Ende darüber genagelt. Morgens von 59 Uhr oder auch länger, so lange der Thau auf den Kartoffelblättern haftet, hat das Bekalken der Kartoffelstauden zu geschehen. Kinder von 812 Jahren können es leicht vollbringen, indem sie den Kasten mit ½ Luer Mischung füllen und durch langsames Schütteln die Pflanze bestäuben. Der Erfolg sosl ein ganz unzweifelhafter sein und wäre es nur der Nachlässigkeit der einzelnen Karloffelpflanzer zuzu⸗ schreiben, wenn ihre Felder von dem Käfer verwüstet wür⸗ den. Professor Dr. Kühn in Halle bestätigt, daß in Amerika das arsenuikessigsaure Kupferoxyd als das sicherste Mittel gegen die Weilerverbreitung des gefürchteten Feindes sich erwiesen habe, häll jedoch die Anwendung selbst in einer Mischung mit Mehl oder Gyps für die mit dem Ausstreuen Beschäftigten nicht ohne Gefahr und empfiehlt deßhalb eine Mischung mit Wasser. Zur Besprengung der Pflanzen mit dieser Mischung hat man in Amerika einen eigenen Apparat construirt, der den NamenLiquid Atomizer fübri. Dr. Kühn hat den Apparat auf die Vertheilungsfähigkeit probirt und spricht sich über dessen Leistungen befriedigt aus. Bei Anwendung von Tavaks- absud hat der Apparat auch gegen Blatiläuse sich ersolg

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Verhütung von Kesselsteinbildung. Nach dem Vorschlage von Betis soll man den Gehalt des Speisewassers an Carbonaten ermitteln und dann so viel Salzsäure hinzusetzen, als erforderlich ist, dieselbe in Chloride zu verwandeln. Derselbe behauptet, daß bei Gegenwart von Sulfaten sich die Chloriden der aus diesen entstehenden Ablagerung beimengen und dieselbe brüchig machen.

Störung der Grasnarbe durch unzeitiges Beweiden. Wer das Landleben in Wiesenbau treibenden Gegenden kennt, der weiß es, daß der Landwirth im Herbste so lange als äußerst thunlich zögert, bevor er seine Heu⸗ vorräthe in Angriff nimmt. Da werden die Abfälle von den Kraut- und Rübenernten mit dem Raubfutter gemischt sorgsam zur Versütterung gebracht; allein sie reichen nicht aus, und weil den Wiesengrund noch frisches Grün be kleidet, so muß das Vieh zur Weide getrieben werden. Wer dagegen kämpft, der kann es mit der Mehrzahl arg verderben, denn die Zahl derer, die es erkennt, daß durch das Spätweiden die Wiesen zwar nicht in einem Jahre, aber doch allmählich verdorben werden, ist kleiner als man glauben sollte. Wer scharf beobachtet, der kann sich über⸗ zeugen, daß überall da, wo das Vieh in die bereits durch Herbstregen erweichse Wiesenkrumme eingetreten hat, die besseren Gräser in wenigen Jahren verschwinden und stalt ihrer Riedgräser zum Vorschein kommen und zum Vor⸗ schein kommen müssen, weil die in den sogenannten Vieh⸗ ihauen sich ansammelnde Feuchtigkeit sich schwer verzieht und daher versäuernd auf den Boden einwirken muß⸗ Wir kennen eine Menge von Wiesen, deren vormals schöner und guter Grasbestand durch unzeiigemäßes Be weiden erheblich Noih gelitten hat.

Handel und Verkehr.

Friedberg, 29. Aug. Wochenmarkt. Butter kostete per Pfund M. 1.5060. Eier 1 Stick 6 Pi.

Frredberg, 29. Aug. Waizen M. 22.. Korn M. 17.50. Gerste M. 16.50. Hajer M. 18.. Alle Preise berstehen sich auf 100 Kilo= 200 Zollpfund.

Frankfurt, 27. Aug. Der heutige Viehmarkt war zimlich gut befahren. Angetrieben waren: 460 Ochsen, 140 Kühe und Rinder, 220 Kälber und 300 Hämmel,

die Frucht besserer Qualität; überdies enthält sie auch die

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