Ausgabe 
17.3.1877
 
Einzelbild herunterladen

HBeilage.

Deutsches Reich.

Berlin, 13. März. Reichstag.(Forisetzung.) Nachdem sich noch Wehrenpfennig, Hänel, Lieb- mnecht und Staudy an der Debatte über den Fall Kanteckt betbeiligt hatten, wurde dieser Gegenstand fallen gelassen und es folgte die zweite Lesung des Etats. Bei der Position für das Reichs 0 kanzler Amt wurde von Hänel die Organisation

dieses Amtes bemängelt und dem Bedauern über

die Aussichtslosigkeit der Hoffnung auf die Be- . gründung von Reichs⸗Ministerten Ausdruck gegeben. Hierauf erwiederte Fürst Bismarck: er müsse die Behauptung aufrechterhalten, daß Reichs ⸗Ministerien in den Rahmen der jetzigen Reiche Institutionen

rn. nicht passen, und müsse bezweifeln, ob man, wenn sogleich nach Stistung des norddeutschen Bundes

Reiche Ministerien geschassen worden seien, so 819 weit gekommen wäre, wie das jetzt der Fall sei. Man müsse dauernd auf die Empfindungen und Wünsche der übrigen Bundes Staaten Rücksicht 1 nehmen. Die Verfassung zeichne die Babnen vor, uin denen man sich zu bewegen habe; so lauge er 1 Kanzler bleibe, werde er dieselben nicht verlassen. Demnächst machte Lasket geltend, daß es sich nicht um theoretische, sondern um praktische Regierungs- Fragen handele; sei die Organisation der Ver⸗ waltung ohne Verfassungs-Aenderung nicht möglich, f so branche der Kanzler nur ein Wort zu sagen, 1 und die Bundes Regierungen würden ihm sofort zustimmen. Dem gegenüber erwiederte Fürst Bis · maik: Dit Organisation der Verwaltung müsse auch vor sich gehen, ohne daß man das Haus immer mit Verfassungs Fragen füttere. Das Schlimmste sei, daß man sich Vieles anders vor- stelle, als es in Wirklichkeit sei; im Innern der Verwaltung sei viel mehr zu erörtern, als vor dem Reichstage. Auch sei weder ein Minister des Reiches noch Preußens selbsiständig, bei beiden spreche der Kaiser das entscheidende Wort und verweigere nach den Umständen die Unterzeichnung einer Vorlage. Nach Schluß der Debatte wur- den Titel 1, 2 und 3 des Etats bewilligt, danach auch die übrigen Budget- Posten bis Titel 10. Einen Antrag des Abgeordneten v. Behr wegen Bewilligung von 10,000 M. zur Beförderung der Fischzucht wies das Haus an die Budget- Commission. 14. März. In der heutigen Sitzung wurde der Antrag Richter auf die Vor- legung der Nachweisungen über die Restbestände aus der französischen Kriegs-Contribution und der Pauschquantumswirthschaft der Militärverwaltung, sowie über den Gesammibetrag der Cassenbestände an die Budget-Commission verwiesen, nachdem sich der Präsident des Reichskanzler Amts Hofmann zur Vorlegung dieser Nachwessungen bereit erklärt bat. In der hierauf fortgesetzten zweiten Lesung des Etats wünscht der Abg. Dr. Kapp, daß der Reichs- Commissär alljährlich einen Bericht über den Stand der Auswanderungen dem Reichstage vorlegen möge, was zugesagt wird. Abg. Löwe verlangt eine strengere Controle über den Verkauf von Lebensmitteln. Abg. Sombart spricht für die Beschassung von ausreichenden technischen Hülfs⸗ mitteln für Gesundheit- Zwecke. Fürst Biemarck ullärt, die Regserung habe zunächst Maßnahmen gegen die Verfälschung von Lebensmitteln, ins, besondere von Wein und Bier, ins Auge gefaßt und seien bezügliche Erhebungen im Gange. Ferner betont der Reichskanzler die Nothwendigkeit, für das Gesundheits-Amt ein eigenes Laboratorium zu errichten. Der Rest des Etats des Reichs Kanzler- Amte, so wie der Etat des Bundesraths und der Bundestaths-Ausschüsse wird ohne Debatte genehmigt. Der Etat des auswärtigen Amtes wurde ohne wesentliche Debatte, ebenso die Etats des Reichs-Justiz-Amts und des Reichs⸗Eisenbahn⸗ Amte unverändert angenommen. Die Budget-Commisston hat die Schaffung von 105 neuen Hauptleuten genebmigt. 6e ist din Antrag auf Freilassung des Dr. Kantecki ein- gebracht mit Unterstützung aller Parteien des

15

222

HVoerhessischer Anzeiger.

Reichstags; falls derselbe abgelehnt würde, steht die Einbringung eines Noth-Gesetzes bis zur Ein- führung der Justiz-Gesetze bevor.

Der Reichstag wird wahrscheinlich am 24. März vertagt; deßhalb ist die rechtzeitige Feststellung des Etats⸗Gesetzes aufgegeben.

Die Nachricht, daß der Chef der Admi⸗ ralität, General v. Stosch, sein Entlassungsgesuch

eingereicht hat, wird von bestunterrichteter Seitt

bestätigt. Ausland.

Oesterreich⸗Ungarn. Wien, 13. März. Das Abgeordnetenhaus hat die Regierungs-Vor- lagen, betr. den Ankauf der Eisenbahn Braunau: Straßwalchen durch den Staat, und die Gewähr⸗ ung eines Staats Vorschusses von 1 Million an die Prag- Duxer Eisenbahn⸗Gesellschaft gemäß

den Ausschuß-⸗Anträgen angenommen, nachdem der

Handelsminister die Genebmigung befürwortet hatte.

Pest, 13. März. DiePester Corr. ver- öffentlicht den Ausweis der ungarischen Staats- Cassen für das vierte Quartal des Jahres 1876, wonach sich im Vergleich zum Vorjahr die Ein- nahmen um 8 073,776 die Ausgaben um 10,149 fl, und somit das Gesammt-Ecgebniß um 8,084,145 fl. günstiger stellen.

14. März. Im Unterbause erwiederte der Minister-Präsident Tisza auf eine Interpellation

des serbischen Abgeordneten Polit, betreffs der

türkenfreundlichen Demonstrationen und der Haltung der Monarchie in der orientalischen Frage folgender maßen: Durch die Demonstrationen Einzelner könnt die Politik Ungarns und der Gesammt- Monarchie weder gefährdet noch compromittirt werden. Wenn ein Theil der Staatsbürger innerhalb der gesetz- lichen Schranken seine Ansichten aussprechen wolle, so sei ihm dies nicht verwehrt; die äußere Politik aber werde von der Regierung und Legislation, aber nicht von der Univeirsttäts-Jugend gemacht. Daß aber durch jene Demonstrationen die Gefühle der Slaven Ungarns verletzt würden, dafür liege tein Motiv vor. In Ungarn gäbe es keinen solchen Türkenfreund, welcher die Unterdückung der Christen in der Türkei wünschen würde und nicht vielmehr dafüt sei, daß ihr Loos verbessert werde.(All- gemeiner Beifall.)

Frankreich. Paris. Der Ausschuß zur Untersuchung des Militär⸗Zustandes im Jahre 1870 fand, daß 150,000 Mann an der im Budget angegebenen Zahl fehlten. Wahrscheinlich wird eine Anklage der damaligen Kriegsbehörde bean- tragt. Ein bonapartistisches Bankett, an welchem Rouber und Pietri Theil nehmen werden, wird am 16. März, dem 21. Geburtstage des Prinzen Napoleon stattfinden.

Das russische, von England amendirte Project soll auf einer Conferenz zu Paris be- rathen werden. Der streitige Punkt ist die der Pforte zu gewährende Reform-Frist. Rußland erstrebt Zeitgewinn, bis günstigere Witterung eintritt, und hofft auf eine Revolution in Constantinopel⸗

Belgien. Brüssel, 13. März. Die Kammer hat in Folge von Erklärungen des Justiz- Ministers beschlossen, die Angelegenheit Langrand- Dumonceau solle noch vor den nächsten Gerichts- Ferien vor die Geschworenen kommen. Der Fall T' Kind kommt im April zur Verhandlung.

Großbritannien. London. Das britische Cabinet hat die Grundlage des vom Grafen Schuwa⸗ loff überreichten russischen Vorschlags angenommen und nur einige Bedenken gegen die Redaction zweler Sätze derselben geltend gemacht. Man erwartet, daß General Ignatieff den von England gewünschten Aenderungen zustimmen werde. Letzterer hat seinen Aufenthalt in Paris verlängert, um den günstigen Ausgang seiner Sendung abzuwarten.

Italien. Rom, 15. März. In dem heute abgehaltenen Consistortum wurde Seitens des Papfses die Ceremonte der Hut- Verleihung an die 20 neuen Cardinale vorgenommen.

32.

Türkei. Constantinopel. Einem Ge⸗ rücht zufolge beabsichtigt die Regitrung die Frage in Betreff der Friedens- Bedingungen Montenegro's dem großen Rathe oder dem Parlamente zu unter⸗ breiten, da sie selbst die Verantwortung hiefür nicht zu übernehmen gewillt ist.

Vor einigen Tagen waren hier Plakate angeheftet, worin die Zurückberusung Midhat Pascha's gefordert und gegen den Frieden mit Serbien nebst der Abtretung von Altxinaß Ein⸗ sprache erhoben wird.

Der bisherige Commandant von Silistria, Abmet Hamdy Pascha, ist an Stelle von Omer Feizy Pascha(7), welcher abgesetzt ward, zum Polizei-Minister ernannt worden.

14. März. Der Ministerrath hat sich nech beute mit den von Montenegro gestellten Forderungen beschäftigt. Morgen wird vielleicht wiederum eine Conserenz der beiderseitigen Be⸗ 3 statifinden. Dem Vernehmen nach würden die montenegrinischen Unterhändler, falls sich die Pforte definitiv weigern sollle, die Forder⸗ 1 bezüglich der Abtretung von Nicsic, des rechten Moracza- Ufers und eines See- Hasens zu bewilligen, alsbald abreisen, dagegen für den Fall einer nur theilweisen Verwerfung weitere Instructionen von Cettinje einholen. Rumänien. Bukarest. Durch ein im Amtsblatt veröffentlichtes fürstliches Decret wird die Errichtung von zwei neuen Regimentern Artillerie angeordnet.

Griechenland. Athen, 13. März. In der deutigen Sitzung der Deputirten Kammer nahm Minister- Präsident Deligeorgis Beranlassung, die Vertrauensfrage zu stellen, wobei das Ministerium mit 75 gegen 72 Stimmen den Sieg davon trug. 857 Regierung wurde dierbei von den Parteien Zaimis und Trikupis unterstützt, nur die Partei Komundutos stimmte gegen dieselbe. Amerika. New. Nork. Der republi⸗ kanische Gouverneur von Louistana, Packard, hat auf das Entschiedenste erklärt, daß er dem demo- tratischen Gegencandidaten Nicholls den Gouverntur⸗ Posten nicht überlassen werde. Nach hier ein⸗ gelangten Berichten aus Mexico ist Prosirio Diaz von den bei der Republik Mexico beglaubigten Gesandten als Präsident de facto anerkannt worden.

Aus Stadt und Land.

Friedberg. Der Hanauer Anzeiger dringt folgende füt uns Friedderger bocherfreuliche Nachricht, daß seitens des preußischen Handels ministers det unverzügliche Beginn det Arbeiten an dem Bau der Friedderg⸗Hanauer Eisen⸗ dahn, soweit deren Strecke auf preußischem Gediete liegt, angeordnet worden ist.

W. Nendel. Von Seiten der biefigen Kirche ist vor einiger Zeit der Gemeinde eine 16 Centiner schwere Glocke angeschafft worden. Gegossen wurde dieselde vom Glockengießer P. Bach in Windecken dei Hanau. Die Glocke ist zur größten Zuftiedendeit der Baubebörde sowohl als auch der Einwohnerschaft unserer Gemeinde ausgefallen. Allen den Gemeinden aber, welche ebenfalls in die Lage kommen, sich eine Glocke anschaffen zu müssen, konnen wir den Glockengießer Bach nur destens empfehlen. Ehre dem Ehre gebührt! Zum Schlusse sprechen wir aber auch allen den Corporationen, durch deren Mithülse unsete un- demittelle Gemeinde in den Besitz der Glocke gekommen isi, auf diesem Wege unseren innigsten Dank aus.

Darmstad t. Auf der Maldildendoͤbe wurde einge⸗ brochen und dem Vernehmen nach veischiedene dem Groß berzoge gehörige Gegenstände entwendet. Der Died hat auf einem Breite die Worte binterlassen:Das war ein Darmstädier Socialdemokrat!

Darmftadt. Nachdem berelts mehrere Hundert Pferdezüchter und Freunde der Pferdezucht idren Beitritt zu dem neu zu gründenden Landespferdezuchtverein füt das Großherzogthum Hessen erklärt baben, deabdsichtigt das provisorische Bureau dem Vernehmen nach die conftituitende Generalversammlung auf Dienstag den 3. April d. J. (3. Osler feiertag), Vormittags 11 Ur, nach Darmstadt anzuberaumen. Das Unternehmen findet uberall und insbesondere in den pferdezuchttreidenden Gegenden des Landes den lebhastesten Anklang und darf erwartet werden, daß als Resultat der Betatdungen am J. April, ein lebenekräftiger, leistungsfähiger Verein erblühen möge, dessen Bestrebungen für Hebung der Pferdezucht von Be⸗ deutung, wie et auch für die Landwirihschaft üderdaupt von großem Segen werden kann. Cs it etwünscht, daß die noch bei den Vertrauensmännern befindlichen Sud⸗