Stettin. Wegen eines Leitartikels der „Deutschen Wacht“, die„Sedan- Feier und die Wahlen“, hat die Staatsanwaltschaft zu Anklam den Pastor Quistorp zu Ducherow der Majestäts⸗ Beleidigung und des„Vergehens gegen die öffent liche Ordnung“ angeklagt.
Koblenz, 27. Oct Die Kaiserin Augusta traf gestern Abend per Separatzug von Mainz kommend hier ein. Heute Morgen sind zur Feier der Ankunft der Kaiserin die Rheinbrücken und zahlreiche Gebäude beflaggt.
Ludwigslust, 25. Oct. Kaiser Wilhelm ist heute Abend 8 Uhr hier eingetroffen und auf dem Bahnhofe von der großherzoglichen Familie empfangen worden.
Karlsruhe, 26. Oct. In der Gesang- buch⸗ Angelegenheit beschloß die General: Synode: Der Ober⸗Kirchenrath möge für die nächste Session der Synode den Entwurf eines neuen Gesangbuches vorbereiten und 150 Lieder, welche allen Landes- kirchen gemeinsam, auswählen, und möge ferner den nationalen Gedanken durch ein allgemeines deutsches Gesangbuch fördern helsen.— 27. Oct. Die General⸗Synode hat den Gesetzentwurf über das Einkommen der protestantischen Pfarrer mit den von der Commission beantragten Abänderungen angenommen.— 28. Oct. Die General-Synode beschloß, entgegen den Anträgen mehrerer Diöcesan⸗ Synoden, die bisherige Pfarrerwahl durch die Gemeinde beizubehalten.
Ausland. Oesterreich⸗Ungarn. Der Minister⸗Präsident ordneten⸗Hause die Interpellation Herbst⸗Eichhoff— Hoffer und Genossen dahin, daß die eisleithanische Regierung in sofern auf die innere Politik Ein-
Wien, 27. Oct.
beantwortete im Abge⸗
kannt und dem schwer geschädigten Ansehen der Volksvertretung Genugthuung geworden sei. Der Antrag wurde mit 21 gegen 3 Stimmen abgelehnt.
Pest, 26. Oct. Ein Sechziger⸗Ausschuß der hiesigen Studenten beschloß, gegenüber dem Ge⸗ rüchte von einer beabsichtigten Demonstration gegen den russischen Consul in einer Proclamation zu erklären, daß die Studenten sich dem polizeilichen Verbote unterwerfen und die Abhaltung des Fackel ⸗ zuges auf geeignete Zeit vertagen. In einer Abend Sitzung constituirte sich der Ausschuß als Unterstützungscomite für die türkischen Verwundeten.
Ragusa, 27. Oct. Bei Osoznik wurde, wie amtlich festgestellt ist, durch Baschibozuks die Grenze verletzt.
Frankreich. Paris, 27. Oct. In der Budget-Commission trat der Finanzminister den finanziellen Vorschlägen Gambelta's entgegen; na- mentlich bekämpfte er die Besteuerung der franzö⸗ sischen Rente, welche er als eine rechtswidrige bezeichnete. Der Minister kündigte ferner an, er werde beantragen, die Post- und Telegraphen- Gebühren vom 1. Januar 1877 an zu ermäßigen, glaube aber nicht, daß vor dem Jahre 1878 sich noch andere finanzielle Erleichterungen ermöglichen lassen würden. Sobald es thunlich sei, werde er den Vorschlag machen, die Abgabe von den Eisen⸗ bahnfracht⸗Sendungen von geringer Geschwindig⸗ keit aufzuheben und die Steuer auf Oele, Seifen und Papiere zu ermäßigen. Was die Conversion der Rente betreffe, so sei solche zwar nicht un⸗ möglich, aber in der nächsten Zukunft noch nicht durchführbar, den daraus zu erzielenden Ertrag werde man zu einer beträchtlichen Amortisation verwenden müssen.
Grosibritannien. London, 28. Oct.
fluß genommen habe, als dieselbe auch die inneren Die„France“ will wissen, daß zwischen England
Zustände berührt habe. Zu einer positiveren Ein⸗ flußnahme sei kein Anlaß gewesen, weil das von der eisleithanischen Regierung gebilligte und von der Delegation wiederholt gutgeheißene Programm des Ministers des Aeußern streng eingehalten wor— den sei. Die Politik der Monarchie sei vor Allem
auf die Erhaltung des Friedens gerichtet, wodurch
das Streben nach Eroberung fremden Gebietes von selbst ausgeschlossen sei. Der Minister des Aeußeren wird auch fernerhin im Einverständnisse mit der cisleithanischen Regierung Alles aufbieten, um der Monarchie den Frieden zu erhalten. Aber diese Bestrebungen finden ihre naturgemäße Be- grenzung in der Pflicht, die Sicherheit und die Interessen der Monarchie unter allen Umständen und in jeder Richtung energisch zu wahren. Die Interpellation Fanderlyk's beantwortend, sagt der Ministerpräsident: Die Aufgabe des Ministers des
Aeußern ist es nicht, Politik nach Volksstämmen
zu machen, sondern ausschließlich die Interessen der Gesammt⸗ Monarchie im Auge zu behalten. Die von Beginn der Verwicklung im Orient an ins Auge gefaßen zwei Ziele und zwar die Wahrung des europäischen Friedens und die Verbesserung des Looses der christlichen Bevölkerung auf der Balkan⸗Halbinsel werden auch fernerhin mit Ent- schiedenheit und Consequenz festgehalten werden.
— 27. Oct. Im Abgeordnetenhause wurde heute eine Eingabe von tschechischen Abgeordneten verlesen, wonach dieselben die Theilnahme an den Arbeiten des Reichsrathes ablehnen. Der Präsident erklärte, die tschechischen Abgeordneten seien hier- mit als ausgetreten zu betrachten. Ein Antrag Prazak's, die Zuschrift an einen Ausschuß zu weisen, wurde abgelehnt.
— 28. Oct. Aus Erklärungen, welche die Obmänner des Clubs der Linken und des Fort- schritts des Abgeordnetenhauses in den heutigen Club- Sitzungen abgegeben haben, geht hervor, daß das Ministerium sich gegen jede verletzende Auslegung ihre Antwort auf die Interpellation in der Orientfrage verwahre, und zu diesbezüglicher Erklärung bereit sei.
— 28. Oct. In dem Steuerreform-Ausschusse des Abgeordnetenhauses beantragte Heidelberg die Berathung der zur Verhandlung stehenden Vor⸗ lagen zu vertagen bis das jüngst in Frage ge— stellte Recht der Volksvertretung, die Verausgabung der Steuergelder zu beeinflussen, vollständig aner⸗
und Rußland in Livadia über eine gleichmäßige
Besetzung türkischer Provinzen zur definitiven Lösung der Orientfrage verhandelt werde.
Spanien. Madrid, 27. October. Eine größere Truppenabtheilung ist nach Cuba einge— schifft worden.— Nachrichten aus Hendaye zu⸗ folge haben mehrere, durch die Entdeckung des von Zorilla geleiteten Complottes compromittirte Personen die Grenze überschritten; nach dem Plane der Führer des Complotts sollte gleichzeitig mit dem Aufstande der Armee eine Erhebung der Flotte stattfinden. In Ferrol und Cadix sind neue Verhaftungen angeordnet.
— 28. October. Der König empfing die Ge⸗ sandten Deutschlands und Rußlands.
Italien. Rom. Die„Italie“ meldet: Die russische Regierung hat beschlossen, ein Panzer- Geschwader unter dem Commando des Viee⸗Admirals Boutakow in einem süd⸗italienischen Hafen über⸗ wintern zu lassen. Die ilalienische Regierung hat diesem Vorhaben keinerlei Hinderniß entgegengestellt. Die„Italie“ fügt binzu, die russische Regierung habe einen italienischen Hafen gewählt, um eine ansehnliche Streitmacht concentriren und nöthigen⸗ falls nach dem Ocient dirigiren zu können.
Mailand. Ein Rundschreiben des Ministe⸗ riums an die Präfecten versichert, die Regierung habe weder geheime Eroberungspläne noch würde sie solche unterstützen; die Präfecten werden daher angewiesen, die bestehenden guten Beziehungen zu Oesterreich zu pflegen.
Türkei. Constantinopel, 26. October. Der„Phare du Bosphore“ veröffentlicht die An- sprache des Botschafters Generals Ignatieff bei Ueberreichung seiner Creditive und die Antwort des Sultans. Ignatieff sagte: Der Zar begreife die Schwierigkeit der Lage, und ohne seine Sym- pathien für die Slaven in der Türkei zu verhehlen, wünsche er, die gegenwärtigen Schwierigkeiten mögen geebnet werden, damit der Sultan zur Verbesserung des Looses seiner Unterthanen schreite. Der Sultan erwiederte, er zähle auf die Unter— stützung der Vorsehung in einer neuen Aera des Friedens, die ihm gestatte, sein Volk glücklich zu machen; er hoffe, der Zar werde beitragen, ihm diese Aufgabe zu erleichtern.
— 27. Oct. Nach Privat- Berichten— so meldet die„Agence Havas“— hätte Ignatieff eine sechswöchentliche Dauer des Waffenstillstandes
vorgeschlagen, welche Frist im Falle des Bedürf⸗ nisses zu erneuern wäre; die türkische Regierung habe hierzu noch nicht ihre Zustimmung gegeben.
— Die„N. fr. Pr.“ schreibt:„Wie verlautet, soll Abdul Kerim Pascha den directen Befehl vom Sultan erhalten haben, Deligrad und Alexinatz um jeden Preis zu nehmen, damit die Türken diesen Schlüssel zu Belgrad und Serbien noch vor dem eventuellen Beginn eines großen Krieges in ihre Hände bekommen. Es werden zu diesem Behufe auch türkischer Seits große Vorbereitungen getcoffen; so sind z. B. am 17. d. M. in Sophia 18 Riesen⸗Geschütze, welche für das Bombarde⸗ ment von Alexinatz und Deligrad bestimmt sind, eingetroffen. Zwei weitere Batterien Belagerungs⸗ Geschütze wurden erwartet, und es passirten auch an dem vorbenannten Tage 320 Artilleristen der
ersten Division des Gardecorps Sophia mit der
Bestimmung zur Morawa Armee.
— 27. Oct. Ein gestern gehaltener Minister⸗ rath beschäftigte sich mit dem von Iznatieff über- reichten Vorschlage eines sechswöchentlichen Waffen⸗ stillstandes, welcher eventuell verlängert werden könne. Eine Beschlußfassung ist vermuthlich noch nicht erfolgt, doch scheint die Pforte zur Annahme geneigt zu sein. Eine Vertagung weiterer krie⸗ gerischer Operationen ist wahrscheinlich. Die Ver⸗ treter Oesterreichs, Deutschlands, Rußlands und Italiens sind zur Berathung zusammengetreten. — Ein von auswärtigen Aerzten unterzeichnetes Gutachten erklärt neuerlich, der entthronte Sultan Murad werde seine Geisteskräfte nicht wieder⸗ erlangen.— Die Verhaftung der Herausgeber mehrerer amerikanischen Zeitungen wurde aus An⸗ laß von Beschuldigungen, welche dieselben gegen Behörden von Trapezunt erhoben, verfügt; sie sind nach Trapezunt abgeführt, um daselbst zur Untersuchung gezogen zu werden.
— Trotz aller Ableugnung von serbischer Seite, müssen die türkischen Erfolge vor Alexinatz und Deligrad sehr bedeutend gewesen sein. Man schreibt darüber der Köln. Ztg:„Nach amtlicher Meldung der türkischen Regierung hat im Verlaufe der fortlaufenden Reihe von Gefechten, die in den letzten Tagen vor Alexinatz geliefert worden sind, die türkische Armee eine auf einem sehr hohen Berge von den Serben errichtete Befestigung, die als der Schlüssel zur Brücke von Deligrad be⸗ trachtet wird, und einige andere weniger bedeutende Verschanzungen mit stürmender Hand genommen. Sie hat sich ferner des Fleckens Coumik, der nicht weit von der Deligrader Brücke liegt und wo sich seither das serbische Haupt⸗Quartier befand, so wie des oberhalb Coumik an der von der Deligrader Brücke nach Kruschewatz führenden Straße belegenen großen Dorfes Djimißi be⸗ mächtigt und mehrere an drei Seiten des Berges gelegene Verschanzungen erstürmt. Die Serben, deren Streitkräfte in drei Colonnen getheilt waren, mußten ihre Stellungen aufgeben und die Flucht ergreifen. Von Mitrovitza her drangen serbische Truppen, nachdem sie die Wohnungen der Musel⸗ manen und der Christen in der Ortschaft Manik angezündet hatten, in beträchtlicher Stärke mit mehreren Geschützen bis auf eine Entfernung von 2 ½ Stunden in der Richtung von Chatal vor. Nach vierstündigem heftigen Kampfe wurden die Serben völlig geschlagen und genöthigt, ihre Stellungen zu verlassen und zu fliehen; die bei Boukouloja concentrirten Serben wurden ebenfalls aus ihren Verschanzungen getrieben, hinter denen sie Schutz gesucht hatten. Der Befehlshaber der Diviston von Novi-Bazar bat auch die von den Serben auf der Rückseite der Berge errichteten Verschanzungen eingenommen. Die Serben wur⸗ den nach kurzem Widerstande gezwungen, ihre vorgeschobenen Stellungen zu räumen. Letztere wurden von den türkischen Truppen besetzt.“ Nach Berliner Nachrichten waren die Kämpfe für die Gestaltung der Orient⸗Frage von wahrhaft kritischer Bedeutung; wenigstens zeigt der Umstand daß General Ignatieff, nachdem bereits von Somma⸗ tion und anderen fürchterlichen diplomatischen Drohworten die Rede gewesen, nunmehr die Pro- posttion eines sechswöchentlichen Waffenstillstandes gemacht und gleichzeitig die Verlängerung desselben
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