Städten unter 10,000 Einwohnern nur mit Zu⸗ stimmung des Provinzialraths versagen kann und schob einen neuen Paragraphen nach dem§ 51 ein, wonach bei Wiederwahlen von Bürgermeistern deren Bestätigung nicht erforderlich ist. Das Ab- geordnetenbaus nahm den Rest der Städte- Ord- nungs-Vorlage mit unwesentlichen Aenderungen nach den Beschlüssen der zweiten Lesung an.
— 31. Mai. In der heutigen Schlußsitzung des Bundesraths, welcher auch der neue Präsident des Reichskanzleramts beiwohnte, dankte der„Post“ zufolge der Staatsminister a. D. Delbrück in be⸗ wegter Sprache für das ihm bewiesene große Ver- trauen. Der bayerische Gesandte, Freih. v. Perglas, antwortete im Namen des Bundesraths, indem er die Hoffnung aussprach, daß Delbrück nicht für immer ins Privatleben zurücktrete. Auch der neue Präsident Hofmann richtete eine Ansprache an die Versammlung.
— Dem„Reichs-Anzeiger“ zufolge hat die gemeinsame übereinstimmende Mittheilung, welche die Vertreter Rußlands, Oesterreichs, Frankreichs, Italiens und Deutschlands auf Grund der Berliner Abmachungen am 30. Mai an die Pforte zu richten beauftragt waren, durch den inzwischen eingetretenen Thronwechsel einen Aufschub erfahren.
— 31. Mai. Der Kaiser hat heute die Er- nennung Hofmanns zum Präsidenten des Reichs- kanzler-Amtes vollzogen; dieser übernimmt morgen die Leitung der Geschäfte.
Dresden. Die zweite Kammer genehmigte die von der Regierung beantragte dreiprocentige Renten— Anleihe bis zur Höhe von 101 Millionen Mark.
Straßburg. Die Nachricht, daß Ober— Präsident v. Möller seine Entlassung nachgesucht habe, wird von der„Straßburger Zeitung“ für aus der Luft gegriffen erklärt.
Ausland.
Oesterreich-Ungarn. Wien. Die „Presse“ bringt von competenter Seite folgende Mittheilung: Das der Donau- Dampsschifffahrts- Gesellschaft gehörige Dampfboot„Radetzky“ wurde am 29. Mai auf der Fahrt zu Berg nach Turnse— verin bei Rahoca gezwungen, 150 Insurgenten bei Kodoslin zu landen. Dieselben schifften sich unbeanstandet in mehreren kleinen Stationen als unbewaffnete Passagiere ein, holten bei Rahora aus ihren Koffern Revolver hervor, und unter Androhung des Todes gegenüber dem Capitän mußte die geringe unbewaffnete Bemannung des Bootes ohne Widerstand die Ausschiffung vollziehen.
Pest, 30. Mai. Die Delegation des Reichs- raths erledigte das Ordinarium des Kriegs-Budgets. Titel 7(Truppen-Körper und allgemeine Truppen— Auslagen) wurde nach dem Antrage Engertb's mit der im vorigen Jahre bewilligten Ziffer (22,082, 729 fl.); Titel 22(Natural Verpflegung) auf Antrag Engerth's unter Einstellung der vom Budget Ausschusse gestrichenen 694,440 fl. mit 16,088,001 fl.; endlich Titel 23(Mannschaflen) unter Ablehnung des Antrags Kellner's, zur Auf— besserung der Mannschafts Kost 1,600,000 fl. einzustellen, angenommen. Die übrigen Titel werden ebenfalls angenommen.
Schweiz Bern, 31. Mai. Die heutige Sitzung des Ausschusses dee Verwaltungsratbes der Gotthardbahn führte zu definitiven Beschlüssen nicht. Weitere Verhandlungen sind bis zur Sitzung des Verwaltungsrathes am 15. Juni verschoben. Es sind, wenn nicht das ganze Netz zur Ausführ— ung kommt, drei Aus wege in Aussicht genommen: erstens Weglassung der nördlichen und südlichen Abzweigung, resp, nur Bau der Stammlinie, zweitens theilweise einspurige Herstellung, drittens Trajetschiff⸗ Verbindung über den Vierwald— städter See.
Großbritannien. London, 30. Mai Officiösen Meldungen zufolge ist das englische Mittelmeer-Geschwader am 26. Mai in der Besika— Bai eingetroffen. Das gegenwärtig kreuzende Canal Geschwader wird am 6. Juni in Vigo erwartet.— Im Unterhause erklärte der Unter— Staatssecretär Bourke auf eine Anfrage Mare's: er halte die Mittheilung der Correspondenz über die orientalische Frage für inopportun. Bourke
Proclamirung Murad's zu dessen Nachfolger. Bourke verliest ein Telegramm aus Salonicht, wonach die Nachricht dort günstig aufgenommen worden sei.
Türkei. Constantinopel. Neueren Nachrichten zufolge, welche der Regierung zu- gingen, ist Dank den, allerdings nicht erwarteten und voraus zusehenden, energischen Maßregeln der Aufstand in Bulgarien vollständig unterdrückt. Die von allen Seiten eingeschlossenen Insurgenten eilen, massenweise sich zu unterwerfen. Die Führer werden vor Gericht gestellt. Man ist augenblick— lich damit beschäftigt, die Bewohner in ihre ver⸗ lassenen Wohnungen zurückzuführen. Papiere und Correspondenzen der Insurgenten befinden sich in den Händen der Regierung, die ehestens nach der allseitig eingeleiteten Untersuchung die Thatsachen feststellen, die Schuldigen bestrafen und die An- slister der Unruhen öffentlich anklagen wird.
— 30. Mai. Der neue Herrscher, Sultan Murad V., wurde als„Kaiser von Gottes Gnaden und durch den Willen der Nation“ proclamirt. Sein abgesetzter Vorgänger wurde mit seiner Familie nach dem alten Serail gebracht. Die Umwälzung vollzog sich unter vollständiger Rube; unter Christen und Muselmännern scheint große Befriedigung zu herrschen. Heute früh hat eine entsprechende Kund⸗ gebung des Volkes stattgefunden. Für heute Abend wird eine Beleuchtung der Stadt vorbereitet, auch sind dreitägige Festlichkeiten in Aussicht genommen. Murad V. hat heute bereits seine Residenz im kaiserlichen Palais genommen. Pariser Nach— richten zufolge steht der Großvezier Mehemed mit Midhat Pascha an der Spitze der Bewegung Der entthronte Sultan wird in seinem Palais bewacht. Der neue Sultan habe folgende drei Punkte angenommen: Die Einführung einer No- tabeln-Versammlung, Abschaffung des Serails und Reducirung der Civilliste des Sultans auf 5 Millionen Piaster.— Dem Vernehmen nach würden in dem neuen türkischen Ministerium Midhat Pascha das Großvezirat, Khalil Scherif Pascha das Auswärtige und Sadyk Pascha die Finanzen übernehmen.
— 31. Mai. Laut einer beim Wiener aus— wärtigen Amt eingelaufenen falschen Meldung wäre Abdul Aziz von den Softas gestern erdrosselt worden. Auch ein Privat⸗Telegramm der Berliner„Post“ meldete, daß diplomatischen Berichten zufolge Sultan Abdul Aziz durch die Softas ermordet worden sei. Große Bewegung herrsche in Constantinopel. Diese Meldungen wurden von Pest aus für un— begründet erklärt, da nach den neuesten Berichten Abdul Aziz noch am Leben ist. Dieselben Berichte melden ferner, daß die Patriarchate der christlichen
Genossenschaften dem neuen Sultan bereits gehul— digt haben. — 1. Juni. Der„Pol. Corr.“ wird tele
graphisch gemeldet, daß die Entthronung des Sultans weder Folge einer Volks- noch Palast- Revolution war, sondern durch eine Minister— Revolution bewerkstelligt wurde; erst, als Abdul Aziz von der Zumuthung, den erschöpften Kriegs- kassen Geld aus seinem Privatschatze vorzusttecken, absolut nichts hören wollte, kündigte der Scheikh— ül⸗Jslam Hairullah Effendi plötzlich dem Sultan in Anwesenheit sämmtlicher Minister an, das Volk sei mit seiner Regierung unzufrieden und demnach sei er entthront. Unmittelbar hierauf ward der Sultan und die Sultanin Valide gewaltsam nach dem Palast Tophana gebracht, wo sich Ersterer gegenwärtig in sicherem Gewahrsam befindet. Der Großvezir richtete an die Vertreter der Türkei im Auslande ein Circulartelegramm, welches auf das Telegramm vom 30. Mai über die Thronbesteig- ung Murads V.„durch die Gnade Gottes und den Willen des Volkes als Kaiser der Türkei“ Bezug nehmend, constatirt, daß das Ereigniß all— seitig im Lande enthusiastisch aufgenommen und dem neuen Monarchen allseitige Sympathie be— zeugt worden sei. In diesem Telegramm wird die unmittelbare Aufstellung eines Reformprogramms angekündigt.
— Der Sturz Abdul Aziz's ändert selbstver⸗
ständlich die Ergebnisse der Berliner Conferenz.
bestätigte die Entthronung des Sultans und die Die Gortschakoff'sche Note wird nicht überreicht
werden. Frankreich soll sich seines Beitritts zu dieser Note für entbunden ansehen und mit Eng⸗ land vereinen, um dem neuen Sultan zu empfeh⸗ len, daß er die ihm angesonnenen Zugeständnisse freiwillig mache. Die beunruhigenden Gerüchte, welche man über die Absichten Rußlands und eine angeblich ganz neue Haltung Englands ver— breitet, scheinen unbegründet. Der türkische Bot schafter hat dem Lord Derby erklärt, daß die Pforte bereit ist, auf den Grundlagen eines Waffenstillstandes zu unterhandeln, daß sie große finanzielle Reformen durchführen und das Deere, durch welches die Verzinsung der Stgatsschuld ein⸗ gestellt wurde, wieder aufheben werde, um mit ihren Gläubigern wegen einer Conversion zu unterhandeln,
Aus Stadt und Land.
Offenbach, 31. Mai. Hart vor der Station Sachsen— bausen entgleiste heute Morgen der Packwagen des um 9 Uhr don hier abgefahrenen Localzuges. Die Passagiere mußten deßhalb außerhalb des Perrons aussteigen und wurde der weitere Verkehr des Vormittags über auf dem zweiten Geleise vermittelt, da das erste nach langer Arbeit erst wieder frei gemacht werden konnte. Ein weiteres Unglück hatte der kleine Unfall nicht zur Folge.
Dieburg. In den meisten Gemeinden haben die Be— theiligten ihre Kirchensteuerzettel größtentheils entweder nicht angenommen oder zerrissen und glaubizn dadurch die Frage in einem für sie günstigen Sinne Lnutschieden zu haben. Doch jetzt schon kommt der hinkende Bote in Ge— stalt des Mahnzettels und trägt wahrlich nicht zur Be⸗ schwichligung der aufgeregten Gemülber bei.
Gimbsheim, 29. Mai. Gestern Nachmittag gegen 3 Uyr ertönte Feuerlärm und im Augenblick stand eine Scheuer in vollen Flammen. Dem energischen Eingreifen gelang es bald Herr des Feuers zu werden, doch konnte nicht verhütet werden, daß drei Scheuern und zwei Wohn⸗ häuser in Asche gelegt wurden.
Allerlei.
Hattersheim, 29. Mai. Heute wurde dahier durch den Polizei⸗Diener von Okeitstel ein 20—30 Jahre alter Bursche verhaftet, welcher des an Kuhlmann bei Würzburg verübten Raubmordes dringend verdächtig ist. Heute in der Frühe kam er von Weilbach und kehrte in verschiedenen Wirth— schaften ein. Bald gab er sich für einen Schneider aus Bayern, bald für einen Weber aus Sachsen aus und verrieth dabei ein arbeitsscheues Wesen, wodurch Verdacht erregt und seine Verhaftung bewirkt wurde.
Speyer, 31. Mai. Bischof Haneberg ist heute Vormittag gestorben.
Passau, 27. Mai. Heute passirte hier bereits das vierte mit 32 Krupp-Kanonen und Lafetten— angeblich für Bukavest— beladene Schleppschiff.
Bad Driburg, 24. Mai. Gegen 10 Uhr heute Morgen erhoben fich in der Mitte der Stadt dichte Rauch⸗ wolken. Schon ½ Stunde später brannten 5 Häuser, und zwar in größeren Entfernungen von einander, indem der trockene Westwind brennendes Stroh über die Stadt trieb. Es war unzweifelhaft, daß ein großer Theil der Stadt verloren sei, da die unter den Pfannen liegenden Strohdocken bei der großen Dürre wie Pulver zündeten. Das Feuer ist durch eine Dampfschneiderei entstanden, bei der mit Kohlen und Holzsägemehl geheizt wird. Um 7 Ubr Abends war der Brand als begränzt zu betrachten; es liegen zwischen 50 und 60 Häuser in Asche.
Jena. Nach einer Notiz der„Jenaischen Ztg.“ ist der Conflict zwischen Offizier-Corps und Studentenschaft, der durch Versetzung zweier Offiziere beigelegt schien, noch nicht zu Ende. Es hat nämlich ein Student eine For⸗ derung von Seiten eines nach Weimar versetzten Offiziers nicht angenommen, weil dieselbe zur Zeit erfolgt war, als die Studentenschaft dem Offizier-Corps erklärt hatte, ihm keine Satis action mehr geben zu wollen, weil dasselbe zur Zeit die Angelegenheit beim Univerfitäts-Gericht anhängig gemacht batte.
Posen, 31. Mai. Die Sprit⸗Fabrik von Potwor owski und Comp. steht seit heute Nacht 2 Uhr in vollen Flammen; trotz angestrengter Thätigkein der Feuerwehr und des Militärs war man bis zum Morgen des Feuers noch nicht Herr geworden.
Quebec, 30. Mai. Eine große Feuersbrunst ist heute hier ausgebrochen. Erst spät Abends war man der Feuersbrunst Herr geworden; gegen 1000 Häuser sind verbrannt, der verursachte Schaden wird auf 1 Million Dollars geschätzt.
Handel und Verkehr.
Frankfurt, 31. Mai. Fruchtbericht. Mehl Nr. 1 M. 43., Nr. 2 M. 39., Nr. 3 M. 35., Nr. 4 M. 31., Nr. 5 M. 25. Roggenmehl%(Berliner Marke) M. 26., do. II.(Berliner Marke) M. 22. Waizenschalen M.— Weizen eff. hies. M. 26— 26.50, bayer M.—, Roggen M. 19.— 19.50, Gerste M. 17-21. Hafer M. 19 19.50, Kohlsamen—. Erbsen M. 21—24. Wicken M. 23— 24. Linsen M. 21—30. Rüböl M. 72. Die Preise verstehen sich sämmtlich per 200 Pfd. Zoll⸗Gewicht— 100 Kilo.
Frankfurt, 31. Mai. Der heutige Heu- und Stroh⸗ markt war gut befahren. Hen kostete per Centner je nach Qual. M. 5.—6. Stroh per Centner M. 55.50.
Butter im Großhandel das Pfund 1. Qual. M. 1.20,
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