Ausgabe 
2.9.1876
 
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einen neuen vierwöchigen Urlaub an. Die Estafette läßt sich aus Ouchy vom 29. telegraphi⸗ ren, Thiers sei ernstlich unwohl. Der Prinz Napoleon hat beseblossen, seine Besitzung Prangins am Genser See zu verkaufen. Die Subhastation ist auf den 1. September angesetzt.

Großbritannien. London, 30. Aug. General Campbell hat der englischen Regierung einen überaus düsteren Bericht über den Zustand der türkischen Armee übersendet. Namentlich herrsche furchtbarer Proviant: Mangel, der geradezu auf lösend wirke.

Türkei. Constantinopel, 30. August. Die Regierung läßt die Zeitungs-Meldungen von einer Niederlage der türkischen Armee vor Alexinatz für erfunden erklären; vielmehr habe hisher die türkische Armee ununterbrochene Erfolge gehabt, die vor Alerinatz errichteten Verschanzungen eine nach der anderen genommen und ein serbisches Geschütz erbeutet. Die serbischen Streitkräfte seien in die sogenannten großen Befestigungen zurückge⸗ worfen, deren sich zu bemächtigen die türkische Armee gegenwärtig Vorbereitungen treffe. Die Diviston unter Ali Saib Pascha habe alle be festigten Stellungen der Serben genommen und erleichtere dadurch die Herstellung der Vereinigung mit der Armee von Nisch.

30. Aug. Djeladin Pascha ist mit sechs Batterien und mehreren Geschützen von Stolae in Trebinje eingetroffen. Verläßlicher Nachricht zu solge haben die Montenegriner Bilek beschossen; zum Entsatze desselben soll Mukhtar Pascha von Trebinje her sich in Marsch sitzen. Nach einer Meldung aus Cattaro wäre bei Podgoritza seit gestern eine Schlacht im Gange.

30. August. Derwisch Pascha ist mit 4 Tabors Mohren, 3 Tabors Aegyptern, 4000 Baschi⸗Bozuks und 3000 Zeybeks in Podgoritza angekommen, so daß gegenwärtig 56 Tabors mit 54 Kanonen in und um Podgoritza vereinigt sind. Von den Kanonen wurden mehrere auf die Kulis zwischen Podgoritza und Spuz vertheilt. Eine Abtheilung Montenegriner drang am 28. August bis in die Nähe von Podgoritza vor und ver brannte 80 Häuser. Am Donnerstag zersprang in Podgocitza eine Kanone, wodurch eine Quantität Munition mit in die Luft flog und 20 Türken getödtet und 40 verwundet wurden. Hierüber irritirt, massacrirten die Türken vor Podgoritza einen Geistlichen und einen Bürger.

31. Aug. DieAgence Havas meldet von heute: In einem Ministerrathe, an welchem die ersten Würdenträger des Reiches theilnahmen, ist Abdul Hamid an Stelle Murad's V. zum Sultan ausgerufen worden. Bestätigung bleibt abzuwarten.

Montenegro. Cettinje. Die amtliche ZeitungGlas-Cernagorza weist jede auswärtige Vermittlung zurück und erklärt: Serbien und Montenegro werden erst die Waffen niederlegen, wenn die slavischen Provinzen vom kürkischen Joche vollständig befreit sind.

30. Aug. Vorliegenden Nachrichten zu folge entschied sich das Gefecht bei Popovo zwischen den Türken und Montenegrinern zum Vortheil der ersteren. Gegenwärtig findet ein neuer blutiger Kampf bei Bilek statt, woran der Senator Vukotie mit 8000 Montenegrinern betheiligt ist. Aus Constantinopel wird gemeldet, der Ministerrath werde heute den Mediations-Vorschlag berathen.

30. August. Sicherem Vernehmen nach suchte Fürst Nikita schon vor vier Tagen die Vermittlung des russischen Cabinets Behufs Ein- leitung von Friedens Unterhandlungen nach.

Serbien. Belgrad, 29. Aug.(Amtliche Meldung.) Nachdem der 27. Aug. ohne Kampf verlaufen war, ließ sich gestern auf der ganzen Linie Alexinatz-Nisch Gewehrfeuer vernehmen, Die Türken griffen unter Benutzung des Wald Terrains Mittags den linken Flügel der Serben an. Der Kampf im Walde dauerte bis 5 Uhr. Die beständig geschlagenen Türken erneuerten ihre Angriffe mit großer Kraft; endlich wurden sie durch einen Bajonnet-Angriff deroutirt und ließen ihre sämmtlichen Todten, auch viel Munition und Waffen auf dem Schlachtfelde zurück. Namentlich

erlitt die Cavalerie der Baschi-Bozuks und Tscher⸗ kessen große Verluste an Menschen und Waffen. Ein Angriff der Türken gegen Klein-Zwornik wurde zurückgeschlagen.

30. August.Reuter's Büreau meldet: Man glaubt hier, daß die Pforte die Vorschläge zu einem Waffenstillstand nicht acceptiren werde. Die Stimmung der Bevölkerung ist andauernd eine kriegerische. Eine Montenegriner-Legion sei in der Bildung begriffen.

30. Aug. Officiell wird gemeldet: Die Türken wurden auf allen Punkten des rechten Morawa Ufers, den Höhen von Prugoratsch, Stanzi, St. Stephan, Nezero geschlagen und, der Gefahr ausgesetzt, daß ihr rechter Flügel umgangen werde, befinden sie sich in voller Flucht, nachdem sie den letzten Angriffen unserer Truppen nicht hatten Stand halten können. Die von ihnen über die Morawa geschlagenen Brücken sind so eben zerstört worden. Die serbischen Truppen verfolgen den Feind und haben bereits die Höhen und Verschanzungen der Türken am rechten Ufer, von denen letztere vollständig, vertrieben sind, besetzt.

Aus Stadt und Land.

Friedberg. Das Wiener Kindertheater bewährt auch bei uns seine in anderen Städten erprobte Anzieh ungskraft. Die meisterhafe eingeübten kleinen Künstler, zumeist Mädchen, von welchen auch Knabenrollen gegeben werden, finden in ihren Friedberger Altersgenossen ein höchst dankbares Publikum, das mit Beisallsspenden nicht kargt. Wenn auch manches Auge die bei der Aufführung von Kindernlärchen sonst übliche reichere decorative Ausstattung vermißt, so entschädigt dafür die einfach natürliche, kind liche Darstellungsweise. Das Ganze geht so exact vor sich, daß unter Berücksichtigung der Verhäftnisse selbst die sirengere Kritik darauf verzichten dürfte, etwas Tadelnswerthes zu enidecken.

Rendel, 29. Aug. Die hiesige Pfarrstelle ist, nachdem dieselbe längere Zei vicarirt worden, durch Pfarrer Fertsch von Grünberg seit dem 1. August wieder deftnitiv besetzt. Was das Urtheil über die Person und Qualification unseres neuen Geistlichen anlangt, so herrscht in unseren Dorse nur eine Stimme, welche heißt: Wir haben einen nach allen Seiten hin recht tüchligen Geist lichen erhalten, möge er uns erhalten bleiben. Die Ge meinde hat deßhalb gewiß allen Grund und Ursache, allen den Fakloren, welche einem solchen Manne unsere Pfarrstelle übertragen, öffentlich Dank zu sprechen. Möge das schöne Verhältniß, welches schon zur Zeit des früheren Geistlichen Landmann zwischen Gemeinde, Kirche und Schule gewaltet, auch in Zukunft nie zerstört werden, damit Herr Pfarter Fertsch jederzeit zum Segen der Ge meinde wirken möge.

Raunhaim, 24. Aug. Ein betrübender Unglücks fall ereignete sich bierselbst gestern gegen Mittag auf der Dampfdreschmaschine. Der 15jährige Sohn eines hiesigen Gutsbesitzers wollte nach Beginn der Arbeit, als die Maschine schon in Thäligkeit gesetzt war, über die Trommel springen; der Knabe muß indeß ausgeglitten sein; er gerieth mit einem Bein in die Maschine, welche das ganze Bein surchibar zerstümmelie. Die Amputation, welche sosort vorgenommen wurde, war jedoch vergebens, indem der Knabe nach Beendigung derselben in Folge des er lütenen Blutverlustes verschied.

Mainz. Die biesige Realschule zählte am Ende des Schuljahres 555 Schüler, darunter 190 auswärtige, wobei sich 11 Ausländer befinden. Die Realschule erster Orönung enthält 242 diejenige zweiter Ordnung 313 Schüler. Der größte Theil der abgehenden Schüler widmet sich dem Handelssach, nachdem er vorher das Zeugniß der wissen schaftlichen Befähigung für den einjährig⸗ freiwilligen Dienst erlangt.

Allerlei.

Rüdesheim. Es ist erfreulich, mittheilen zu können, daß mit den Bauarbeiten zu dem Nationaldenkmal auf dem Niederwald alsbald an Ort und Sszelle begonnen werden wird. Bis jetzt wurde von Profsessor Schilling an den Gußmodellen für alle großen Erzfiguren gearbeitet. Es wird demnach die Zeit nicht mehr ferne sein, in welcher das vaterländische Unternehmen verwirklicht wird.

Erlangen, 30. Aug. Der Tod räumt unter den berühmten Professoren auf; heute Morgen slarb hier Prosessor Rudolph Raumer.

Bad⸗Gastein, 25. Aug. Seit heute früh ist hier ununterbrochener dichter Schneefall. Der Schnee liegt schuhhoch in den Straßen; Bäume sind unter der Schnee last gebrochen. Der Schneefall dauert sort.

Sidney. Von hier wird gemeldet, daß ein britisches Schiff, dieDancing Fly, von den kannibalischen Be wohnern der Salomon-Inseln weggenommen, und die Mannschaft von ihnen aufgefressen wurde. Ein Mann entkam auf eine nahegelegene Insel und setzte den Capitän eines dort befindlichen Schiffes von dem Vorgesallenen in Kenniniß. Derselbe machte sich zur Verfolgung auf und sand dieDaneing Fly im Zustande einer wahren Schlachtbank. Die Mannschaft eines anderen Schiffes ist auf ähnliche Weise zu Grunde gegangen, doch ist darüber noch nichts Näheres bekannt.

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Landwirthschaftliches und Gewerbliches.

Kohlen- und Eisenproduction der Well, Aus einem Berichte von Gruner über die Kohlen- und Eisenindustrie der Welt, welcher die Resultate der Wiener Weltausstellung im Jahre 1873 bespricht, entnehmen wit folgende Zablen: Die gesammte Kohlenproduction wird auf 250 000,000 Tons geschätzt und überwiegt der Werth der jährlich verbrauchten mineralischen Brenustoffe weit den der Erze, welche in demselben Zeitraume gefördert werden. In England betrug der Gesammiwerth der gewonnenen Kohle im Jahre 1871 in runder Summe 92,000,000 Pfd. Sterling, wäbrend der aller übrigen mineralischen Producte einschließlich Seesalz, Thon ꝛc. nicht über 62,000,000 Pfd. Sserling beirug. In Deutschland und Frankreich fand ein ähnliches Verhältniß start. In Bezug auf die englische Koblenproduction ergibt sich im Laufe der Jahre 1831 bis 1871 ein Auwachsen im Verhäliniß von 1 zu 6. Das gegenwärtig geförderte Kohlenquantum pro Arbeiter und Jahr ist ungesähr 229 Tons in England, 220 in Preußen, 159 in Frankreich und 157 in Belgien. Die Production von 250,000,000 Tous im Jahre 1872 vertheilt sich auf die einzelnen Länder wie folgt: Großbritannien 123,000,000; Vereinigte Slaaten 40,000,000; ODeutschland 40,000,000; Frankreich 15,900 000; Belgien 15,600,000; Oesterreich⸗ Ungarn 10,000,000; Spanien 1,000,000; Rußland 800,000; Englische Colonien, China, Cyilt und Japan 3,700,000. Der Werih der Eisenerze übertrifft den aller anderen Erze, mit Ausnahme des Goldes. Im Minimum belrägt dieser Werth 70,0 0,000 Pfd. Sterling oder 2 Pfd. Sterling pro Ton im Jahre 1872. Von den in diesem Jahre gewonnenen 35,000,000 Tons Erzen wurden 14 000,000 auf Gußeisen, 8,500,000 auf Walz- une Schmiedeeisen und 1,000,000 auf Stahl verarbeitet. In den sieben Jahren von 1865 bis 1872 wuchs die Produc non von Eisenerzen im Verhältniß von 9 zu 14, während die Kohlenproducllon nur im Verhältniß von 9 zu 12,5 an⸗ wuchs. Die Stahlproduction hal sich in diesem Zwischen⸗ raume verdreifacht.

Unverbrennliche Schlacken wolle. Die seit Kurzem von der Mannheimer Firma M. Rose u. Cie. in den Haudel gebrachte, in den großen Krupp'schen Eisen⸗ werken durch Einblasang überhitzten Wasserdampfes in die glühende flüssige Hochhofenschlacke erzeugte unverbrennliche Schlackenwolle scheint geeignet zu sein, auch in der Land wirihschaft ihre Bedeutung zu erlangen. Bis jetzt wird die Schlackenwolle zu technischen Zwecken, zur Einhüllung für Dampf⸗ und Luftleitungen, als Stopfmaterial für Isolin⸗ wände, zum Filtriren verschiedener Flüssigkeiten verwendel. Von der Ansicht ausgehend, daß wir in der Schlacke eigentlich auch aufgespeicherte Sonnenwärme vor uns haben, hat Schreiber dieses die ibm von gedachter Firma bereitwillig zur Verfügung gestellien Proben benützt, um mit ver⸗ schiedenen Pflanzensamen Versuche anzustellen, die als voll⸗ kommen gelungen bezeichnet werden dürfen und rafsonelle Landwulhe vielleicht veranlassen, sie im Großen fortzu setzen. Es wäre zu untersuchen, ob die durch den ange deuteten Proceß ausgeschlossene Schlacke sich nicht mit gutem Erfolg als kieselhallige Substanz allein oder mu slicksioff- und phosphorhalligen Mineralien als Düngmittel verwenden ließe. Möglicherweise bietet sich in ihr eine willkommene Waffe gegen die Reblaus und den Colorado Käfer dar. Es kommt kin der Geschichte der Erfindungen nicht selten vor, daß die Wissenschaft in derselben Stunde, in welcher die Menschheit von einem neuen Uebel, einer neuen Gefahr bedroht ist, die Mittel in die Hand giebt, ivnen zu begegnen. Die Schlackenwolle hat die Zahl der Gegenstände, welche lange Zen für unnütz oder gar als

eine Beläsligung erachtet würden, bis sie plötzlich in die

Sphäre des wirtbschaftlichen Kreislaufs gezogen sind, um einen eben so inleressanten, als nützlichen Körper vermehrt; vielleicht ist sie auch in der Landwirihschaft berufen, eine Rolle zu übernehmen.

Mittel gegen den Kesselstein. Protzen theilte in einer Sitzung der Polytechn. Gesellschaft in Berlin mit, daß er Versuche über Verbinderung von Kesselstein durch Einlegen eines Stückes Zink in den Kessel angestellt babe. Während selbst das de Haen'sche Mittel(Kalk und Cblotbaryum) nicht im Stande war, den Kesselstein voll⸗ ständig zu beseitigen, sei der Erfolg bei der Anwendung des Zinks ein überraschender gewesen, indem sich seirdem keine Spur Kesselstein mebr abgesetzt habe. Die Wirkung des Zinks sei auf diese Weise zu erklären, daß dasselbe als elektroposislveres Metall durch den gebildeten galvanischen Strom oxydirt werde, dagegen das Eisen des Kessels vor Oxydation und Zerstörung schütze, und die Mineralbestand⸗ iheile des Wassers sich nicht in Form von Kesselstein auf der intakt gebliebenen Kesselwand ablagerten, sondern als feiner, leicht zu entsernender Schlamm abgeschieden würde.

Handel und Verkehr.

Frankfurt, 30. Aug. Der heutige Heu- und Stroh⸗ markt war in Folge der Nässe schlecht befahren, jeder Wagen hatte ein Paar Centner Wasser. Heu kostete per Ceniner je nach Qualität M. 4.50 5.50. Stroh per Centner M. 4.505.. Butter im Großhandel 1. Qual. das Pfund M. 1.30. 2. Qual. M. 1.20., im Klein⸗ handel 1. Qual. M. 1.40., 2. Qual. M. 1.30. Eier das Hundert M. 5.15. Gurken das Hundert 1. Qual. M. 2.., 2. Qual. M. 1.70.

Mainz, 30. Aug. Producten⸗Markt. Waizen per Nov. 19.80. Roggen per Nov. 15.. Hafer per Nov. 16.. Rüböl per October 35.50.

Das Ernteergebniß aus der Wetterau stellt sich nach Mittheilungen aus den landwirthschaftlichen Kreisen wie folgt: Korn kaum eine halbe Ernte, Weizen dreiviertel, Gerste volle Ernte, Hafer sehr gute Ernte, Kartoffeln

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