Deutsches Reich.
Darmstadt. Das neue Ministerium fährt fort, sein Programm durch besondere Leitartikel in der„Darmst. Z1g.“ dem Lande gegenüber zu entwickeln. In der Nummer vom 28. d. lesen wir in dieser Beziehung: Die Regierung kann es, wie sich von selbst versteht, nicht Allen recht machen; sie kann nicht zugleich stehen bleiben und fortschreiten, nicht nach rechts und links zu gleicher Zeit sich wenden. Aber sie kann— und sie wird
hoffentlich— den Weg einschlagen, auf welchem
ihr die Zustimmung der großen Mehrzahl des hessischen Volkes gesichert ist. Und dieser Weg ist nicht so schwer zu finden, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Täuschen wir uns nicht sehr, so verlangt das hessische Volk in seiner großen Mehrheit von der Regierung nach außen hin— eine aufrichtig reichsfreundliche Haltung, ein treues Zusammengehen mit Kaiser und Reich, nach innen — ein besonnenes und festes Voranschreiten auf der Bahn der Reform zur Hebung der geistigen, wie der materiellen Kräfte des Landes. Dieser Weg führt mitten hindurch zwischen den streitenden Parteien und den gerade bei uns auf's Aeußerste gesteigerten Gegensätzen. Deshalb werden auf beiden Seiten des Wegs Gruppen stehen bleiben, die nicht mit der Regierung gehen wollen. Rechts die unverbesserlichen Anhänger des Alten, denen jede Neuerung an sich schon ein Gräuel ist; links die radikalen Schreihälse, denen niemals eine Reform genügen kann; rechts und links auch Die, welche dem Staat oder dem Reiche feind sind. An Tadel gegen die Regierung wird es von beiden Seiten her nicht fehlen. Möge sie sich dadurch nicht beirren lassen, möge sie sich im Gegentheil durch solchen Tadel in der Ueberzeugung bestärkt fühlen, daß der von uns bezeichnete Weg der richtige ist. Wie wenig dem Lande damit gedient sein würde, wenn die Regierung sich zu sehr von rechts her zurück halten, oder zu weit nach links hinüber drängen ließe, dafür gibt gerade diejenige Angelegenheit einen deutlichen Beweis, welche dermalen die brennendste politische Frage für das Großherzog thum bildet— wir meinen das neue Wahl- gesetz. Weder durch starres Festhalten am Bestehenden, noch durch ein ungemessenes Hinaus⸗ greifen in's Weite läßt sich diese Frage lösen. Nur ein besonnenes, die extremen Richtungen vermeidendes Vorgehen kann dem Lande das Ge— lingen der Wahlgesetzreform sicher stellen.
— Die Regierung wird geeignete Schritte thun, damit der Stadt Mainz der ihr zustehende sehr werthvolle Häuser⸗ Complex, welchen die Festungsbehörde seit 1816 in factischem Besitz hat, entweder zurückerstattet, oder angemessene Ent- schädigung dafür geleistet werde.
— Die zweite Kammer tritt nach den jetzt getroffenen Bestimmungen in der ersten Hälfte des Monats October zusammen.
— Die„Darmstädter Zeitung“ widerlegt die
Nachricht, daß die hessische Regierung von Reichs- wegen aufgefordert worden sei, den Pfarrer Seib von Umstadt wegen Schmähung der Reichsregie- rung gerichtlich zu belangen. In den letzten Tagen sind eine Anzahl jüngerer Offiziere der Or. Hess. Diviston nach Berlin abgereist, um auf der dortigen Militär⸗ Akademie ihre Studien fortzusetzen.
Berlin. Der Kaiser hat am 25. d. die Beschlüsse des Staatsministeriums in Betreff des Verfahrens gegen den Bischof von Ermeland ge— nehmigt. In Folge dessen hat der Cultusminister ein Schreiben an den Bischof gerichtet, welches den Inhalt der zwischen der Regierung und dem Bischofe gewechselten Schriftstücke recapitulirend, betont, daß die Regierung, obwohl sie das Ent- gegenkommen des Bischofs anerkenne, außer Stande sei, darin die Bürgschaften zu finden, welche sie im Interesse des Staates und dessen Angehörigen zu fordern verpflichtet sei. Der Gegensatz zwischen den staatsrechtlichen Anschauungen des Bischofs und den Grundprincipien des preußischen wie jedes andern Staatswesens bestehe trotz der gebotenen Ausgleichungegelegenheiten ohne die gehoffte Lösung fort. die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß
ans den Mitteln des Staates, dessen Gesetzen der Bischof sich nicht unbedingt unterworfen habe, für den Unterhalt des Bischofs Zahlungen geleistet werden. Diese Zahlungen seien vom Landtage in der Voraussetzung bewilligt, daß die Gesetze und die Verfassung Preußens, auf deren Grund die Bewilligungen erfolgten, von den Empfängern der betreffenden Staats gelder auch immer als für sie gültig und verbindlich anerkannt würden. So⸗ bald diese Voraussetzung aufgehoben ist, wie es durch die amtlichen Erklärungen des Bischofs der Fall war, wird die Berechtigung der Regierung zur Zahlung zweifelhaft. Die Regierung werde daher die betreffende Zahlung bis auf Weiteres einstellen.
— Nach der„Kreuzzeitung“ wird das Werk des großen Generalstabs über den deutsch⸗franzö⸗ sischen Krieg jetzt vom Grafen Wartensleben, dem Verfasser der Geschichte des Feldzugs der Süd⸗ armee redigirt. N
— Die Abendzeitungen vom 28. September melden, der Bischof von Ermeland habe noch vor der Zustellung des Erlasses des Cultusministers dem Schriftwechsel mit Fürst Bismarck weitere Folge gegeben. In der betreffenden Rückantwort an den Reichskanzler habe der Bischof seinen in der Excoiamunicationsfrage eingenommenen Stand- punkt unbedingt festgehalten.
München. Der König hat den Ministerial⸗ rath und Bundes bevollmächtigten Berr zum Finanz— minister ernannt.
Straßburg. Die Bilanz der von der hie: sigen Einwohnerschaft während der Beschießung von 1870 erlittenen Verluste weist die Summe von 48½ Millionen Francs nach, welche unter 10,546 Beschädigte zu vertheilen ist. Bis jetzt sind 18,976,382 Fr. an 4657 Beschädigte aus- gezahlt worden. Nicht eingerechnet in obige Haupt— summe sind die Verluste an öffentlichen Gebäulich⸗ keiten, deren Ersatz erst später an die Reihe kommen soll.
— Am 28. September fand die Legung des Grundsteins der Neubefestigung Straßburgs dem aufgestellten Programm gemäß statt. General v. Fransecki hielt die Festrede.
Ausland.
Frankreich. Thiers empfing den deutschen Botschafter, Grafen von Arnim. Es wurden zwischen Beiden die freundschaftlichsten Versiche⸗ rungen ausgetauscht.
— Man spricht davon, daß Hr. v. Remusat, der Minister des Auswärtigen, demnächst den französischen Vertretern im Ausland durch ein Circular Kenntniß von den vortrefflichen Be— ziehungen der französischen Republik zu den fremden Regierungen geben werde.
— Ein französisches Schiff„l' Algerie“, in den Hafen von Oran gehörig, ist in der Nähe von Gibraltar durch ein spanisches Douanenschiff aufgebracht und mit Gewalt nach Algestras ge— bracht worden, wo man es jetzt trotz der Proteste des Capitäns festhält. Die Ladung des Schiffes besteht in Fischen, englischen Artikeln und Tabak. Man erwartet, daß die französische Regierung rasche Schritte zur Aufklärung dieser Sache unter⸗ nehmen werde.
— Der„Courrier de France“ versichert, Ba⸗ zaine sei so leidend, daß seine Verhöre auf An- ordnung der Aerzte für 14 Tage unterbrochen worden seien.
— Am 24. Sept. sind, wie man aus Nantes meldet, von dort nicht weniger als zweitausend Pilger in drei von der Orleans-Gesellschaft ver⸗ anstalteten Separatzügen nach Notre-Dame de Lourdes abgegangen, und eine wahre Völker- wanderung aus der Bretagne nach dem Süden steht für den 6. October in Aussicht, an welchem Tage bekanntlich die„nationale Wallfahrt“ nach diesem Gnadenorte stattfinden soll. Das Comite für diese Wallfahrt, an dessen Spitze die Ge— mahlin des Marschalls Mac⸗Mahon steht, hat in Lourdes nicht weniger als fünfzigtausend Betten für die erste Woche dieses Monats bereit halten
Die Staatsregierung vermöge nicht weiter lassen, und die Orleans- und Südbahn-Gesellschaft (haben für die Beförderung der frommen Pilger
eigens ein Hülfsmaterial von den andern franz
sischen Bahnen erbeten.
Spanien. In der Deputirtenkammer wurden
Gesetzentwürfe eingebracht, betreffend die Abschaffung der Conscription und Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die Reform des Hypothekenwesens, die Reform des Criminalprozesses, die Einführung der Jury, die Reform der Gesetzgebung über die Geistlichkeit, wonach den Municipalbehörden die
Bezahlung derselben überlassen bleiben soll, endlich
die Abschaffung der Marine⸗Inscription.
O Friedberg. Wie in diesem Blatte bei der An⸗ kündigung der Obstausstellung da hier schon kurz bemerkt wurde, hat das hiesige Schullehrer-Seminar bei der land⸗ wirthschaftlichen Ausstellung in Mainz dieser Tage einen schönen Preis davongetragen. Es ist dies ein silberner Pokal(im Werthe von 50 fl., gestiftet von der Hessischen Ludwigsbahn), welcher einer von den Zöglingen des hie⸗ sigen Schullehrer-Seminars unter Leitung thrers Lehrers der Nafurwissenschaft, Herrn Dr. Heid, veranstalteten Gräsersammlung, als der ausgezeichnetsten unter 4 solcher Sammlungen, nebst einer silbernen Medaille zuerkannt wurde. Es verdient diese Auszeichnung öffentliche Er⸗ wähnung als ein erfreuliches Zeichen der naturwissen⸗ schafllichen Thätigkeit an unserm Schullehrer⸗ Seminar, die der Wirksamkeit des betreffenden Lehrers alle Ehre macht. Bei der großen Bedeutung, welche die Wiesencultur gerade in der Gegenwart für die Landwirihschaft hat, ist es doppelt verdienstlich, Theorie und Praxis, wie es hier geschieht, bei dem Unterricht der künftigen Volksschull hrer mit einander zu verbinden und dieselben eingehend mit den Futtergräsern und ihrem verschiedenen Nahrungswerth bekannt zu machen.
Frankfurt. In den Localnachrichten hiesiger Blätter liest man: Eine Anzahl hiesiger Aepfelweinproducenten bekam im Laufe des Sommers Angst über den Ausfall der Aepfel⸗ ernte und machten deßhalb Reisen nach Franken und kauften das Obst dort unter einem entsprechenden Drauf⸗ geld zu einem hohen Preise an den Bäumen. Die Folge davon war, daß die Preise sehr in die Höhe gingen. Nun stellt sich heraus, daß die Aepfel aus dem Odenwald, dem Freigericht, der Wetterau, an den Thoren Frankfurts billiger stehen als die in Franken, in Folge dessen die Be⸗ treffenden sich enischlossen, hier zu kaufen, stalt von Bayern zu beziehen. Die dortigen Züchter sind jedoch mit diesem Verfahren, obschon ihnen das Draufgeld zugefallen ist, nicht einverstanden und klagen nun auf Bezug der Aepfel, in Folge dessen schon einige felte Processe entstanden sind, andere noch in Aussicht stehen. 5
Frankfurt. Die Bornheimer Gemeindevertretung hat die Frage der Vereinigung mit Frankfurt behandelt und sich im Princip mit greßer Majorität dafür aus ze⸗ sprochen. Wie man hört, hat dieselbe dem Magistrat der
Stadt Frankfurt hiervon Kenniniß gegeben und werden
nun weitere Verhandlungen folgen.
Oppenheim. In der vorigen Woche wurde in der Nähe der Eisenbahnstation Guntersblum eine äußerst ruch⸗ lose That verübt. Eines Abends wurde nämlich eine neue eichene Schwelle, wie solche damals auf der Station zur Herstellung eines neuen Nebengeleises anlangten, von frevel⸗ hafter Hand, eine Strecke von dem Stationsgebäude ent⸗ fernt in der Richtung nach Alsheim hin, derart in das Hauptgeleise quer eingeklemmt, daß ein auf diesem Geleise fahrender Bahnzug sicher hätte enigleisen müssen. Ferner waren an einer anderen Sielle zwischen dem einen Schienen⸗ strang des Hauptgeleises und die nebenan laufende Schiene der Weiche mehrere Steine eingekeilt, ohne Zweifel, um das Verstellen der Weiche zu verhindern. Glücklicher Weise wurde dieses Geleise an jenem Abende von keinem Bahnzuge mehr befahren, und wurde die That noch recht⸗ zeitig entdeckt, so daß für die am nächsten Morgen vor⸗ überfahrenden Züge die Gefahr beseitigt werden konnte. Leider wurde der Thäter bis jetzt nicht entdeckt.
München. Vor einigen Tagen ist dahier eine Volks⸗ küche eröffnet worden. Der Zudrang des Publikums zu dieser Anstalt war ein außerordentlicher, so daß nur die Minderzahl der Eß⸗ und Schaulustigen Gelegenheit fand, in das Haus zu gelangen. Uebrigens war auf 2000 Gäste gerechnet, und zwar nach Pieis⸗Kalegorien von 8 und 10 Kreuzern im Erdgeschosse(wo sich der Gast selbst be⸗ dienen muß) und von 14 und 16 Kreuzern im ersten Stockwerke(wo der Tisch gedeckt ist).
Crefeld. Ein bedauerlicher Unglücksfall ereignete sich zu Anfang der vorigen Woche in einer dahier weilenden Menagerie. Die Tochter des Menagerie-Besitzers begab sich in den Käfig des Bären, um denselben verschiedene Kunsistücke dem Publikum zum Besten geben zu lassen. Petz, welcher zu Späßen nicht besonders aufgelegt zu sein schin, warf das Mädchen zu Boden und versetzte demselben mehrere Bisse oberhalb des Kniees in das Bein. Sofort eilte zuerst die Mutter des Mädchens zur Hülfe herbei, stieg in den Käfig, faßte den Bären an den Ohren und versuchte denselben von seinem Opfer abzuziehen, doch ge⸗ lang es erst, das Mädchen zu befreien, als auch der Va ter herbeigekommen. Während die Mutter mit der Verwun⸗ deten den Käfig verließ, befand sich der Vater Aug in Auge mit dem unheimlichen Burschen allein im Käfig, ohne jedoch von demselben angegriffen zu werden, und so fand er Zeit, sich aus der jedenfalls nicht angenehmen Situation zu entsernen. Das Mädchen ist zwar arg zerfleischt worden, doch sollen die Wunden nicht lebensgefäbrlich sein.


